Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Herr k. f. Landesschulrat, der Wächter des Judentums, haben! .... Doch vielleicht ist der gelehrte Herr Professor nach langem Studium des Hebräischen von der Minderwertigkeit desselben als nationalen, religiösen oder kulturellen Wertes überzeugt worden? Mer dein ist nicht so, denn der Herr Professor der klassischen Philologie kennt die hebräische Sprache nicht, ihre Lettern sind für ihn böhmische Dörfer; er kennt anch die jiidische Religion nicht, er ist auf dein jüdischen Gebiete ein notorischer „Bur", ein zehnfacher „Käufer?" Woher aber diese unerhörte Unverschämtheit? Uns Juden, die wir so zerklüftet sind, darf jeder Tölpel, jeder Ochse Fußtritte versetzen. Die Polakai braucht die Entnationalisierung der jüdischen Massen Galiziens — und so schafft denn der „Ma Jofis"- Jude Sternberg das Hebräische ab. Es ist noch ein weiterer Umstand nicht außer acht zu lassen: Herr Sternberg steht längst init einem Fuße im feindlichen Lager „der Menschen - Liebe", doch ist er aber zu faul oder zu feig, den zweiten Fuß aus dem ihm verhaßten jüdischen Lager dort hinüber zu tun; er möchte in Begleitung größerer Massen diesen letzten Sprung machen, schon der Fröhlichkeit halber — den Titel Professor hat der Herr bereits bekommen und da fehlts am nötigen Ansporn — daher also die Umwandlung der hebräischen „Tenach" ins „Alte Testament", die zweite Hälfte, das „Neue Testament", wird schon von selbst alsbald Nachkommen..." Doch werden manche fragen, wieso es möglich ist, daß die Judenheit ihr teuerstes Gut in den Händen eines- Sternberg's läßt? Zählen doch allein die jüdischen autonomen Gemeinde» 200 an Zahl! Die Lösung ist sehr einfach: Das „Nissim Judentum" einerseits und Ma Jofis-Wesen der galizischen Juden andererseits geben die Erklärung . . . kommen Leute, die noch etwas Rückgrad haben und wollen die Schlafenden ausriitteln, dann wird Lärm geschlagen, man ist „dauchek es Hakeez" . . . Der „Misrachi" ist nicht koscher genug, er hat lauter Nationaljuden zu seinen Verbündeten. Man überläßt alles Herrn Sternberg und Konsorten, denn „lau jonuin welau jischon Schäumer Jisroel" . . . * * * Die Wahlen zum Reichstag sind vorbei. Und die Resultate? Wie unseren Lesern bckanul ist, ging unsere Ansicht dahin, daß die Auslösung des Reichstags in erster Linie einen Ruck nach links bedeutet; die Regierung — meinten wir — will einen liberaleren Kurs einschlagen, nunmehr ivird es sich zeigen, ob Fürst Bülow wirklich getvillt ist, liberaler zu regieren. Wir sagen liberaler, denn um wirklich liberal das Land zu verwalten, fehlt ihm die nötige entschlossene liberale Mehrheit und vielleicht der nötige Mut. ... Er wird im günstigen Falle nur schrittweise vorwärts gehen und so eine Zukunft für ein echt liberales Regime, das vielleicht einem andern Manne zn übernehmen beschieden sein wird, vorbereiten. . . . Allein das ist Zukunftsmusik! Welche sind nun die Lehre», die aus dem Ausgange der Wahlen zu ziehen sind? — Ad 1) daß das Land ein anderes Reginie wünscht, und stünde die Sozialdemokratie an der Seite des bürgerlichen Liberalismus, anstatt den Klerikalismus zu stützen, so wären sicherlich ganz andere Resultate erzielt worden. Ad 2) daß bei einer festen Organisation die freiheitlichen Parteien vieles erreichen können. Ad 3) daß D o g m e n — auch die best gedachten und best gemeinten — jeder politischen Partei gefährlich werden können, besonders aber, wenn diese Parteien von Demagogen und blind wütenden Fanatikern geleitet werden. Die große Niederlage der Sozialdemokraten ist nur auf ihre Dogmen — das Verelenden der Massen, die Proletarisierung der Gesellschaft, der Umsturz des Bestehenden usw. — und auf das Konto Bebels zurückzuführen. Die Sozialdemokratie hat konsequent dem Geiste ihrer Dogmen die liberalen Parteien, die die' jetzige Gesellschaft zu verbessern suchen, -zu zertrümmern und die reaktionärste Partei zu starken gefuchst; bei jeder Zunahme der Reaktion frohlockte sie im Stillen — und so ist es begreiflich, daß sie bei den jetzigen Wahlen in zynischerMeise ganz offen die Liberalen verfolgt und den /Klerikalismus,"'der nur von' der Reaktion"sein Frankfurt« JsraelittsW» FmnüienSlaü. Dasein fristet, gestützt hat. Was wunder, daß alles aufgeklärt Denkende im Bürgertum, das ihr eine Zeitlang aus Opposition zu der reaktionären Leitung des Landes zuneigte, jetzt, da die Regierung eine Neigung zu einer liberalen Mchtung merken ließ, der Sozialdemokratie den Rücken kehrte? Bebel suchte in seiner Frankfurter Rede die Sozinldeniokratie als Märtyrerin, wie die ersten Christen einst, hinzustellen; allein, abgesehen davon, daß man dem Martyrium eines Fanatikers nur wenig Rechnung tragen kann, so hat niemand — als sie selbst — an ihrem Martyrium die Schuld. Verrücktheit verzeiht man niemand, - besonders aber nicht Leuten) die sich als äußerst real gebärden und nur den krassen Materialismus predigen. Die demagogische und verrückte Leitung der deutschen Sozialdemokratie übte einen sehr schlechten Einsluß auf die Sozialisten der ganzen Welt aus, besonders auf die ungeschulten, unparlamentarischen Sozialisten Rußlands, mit denen nichts anzufangen ist und durch deren Verhalten die ganze Freiheitsbewegung vielleicht für Jahrzehnte in Frage gestellt tvurde. Wird die deutsche Sozialdemokratie die nötige Lehre aus dieser Niederlage ziehen? Noch steht Bebel an der Spitze. . . . Aus alXex Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der .Verband der Deutschen Jude n" schreibt: „Die kürzlich versendeten Leitsätze haben in einigen jüdischen Zeitungen unerwarteter Weise eine Reihe von Angriffen erfahren, welche es erforderlich machen zur Erläuterung der dort gemachten Vorschläge einige Worte nachzutragen. Das preußische Schulunterhaltungsgesey soll am 1. April 1908 für die ganze Monarchie mit Ausnahme der Provinzen Posen und Westpreußen in Kraft treten. Nach der preußischen Schulstatistik von 1901 waren in ganz Preußen in öffentlichen Volksschulen 24 022 jüdische Kinder eingeschult. Die Zahl der vollbeschäftigten jüdischeil Lehrkräfte betrug 394. Jüdische öffentliche Volksschulen besuchten 6937 Kinder — 23,9 v/o. Nichtjüdische öffentliche Volksschulen dagegen besuchte» 17 085 — 71,1<>/o. Bon den 6 Millionen Schulkindern in Preußen überhaupt waren nicht ganz 60000 jüdische Kinder. Da diese nur in Höhe von 24 000 in öffentlichen Volksschulen, in Höhe von 2000 in privaten Volksschulen unterrichtet wurden, so ergibt sich, daß weit über die Hälfte der jüdischen Kinder eine über die Volksschule hinausgehende Ausbildung genossen hat. Die amtliche Statistik berechnet die Zahl der über die Volksschule hinaus vorgebildeten Kinder bei den Juden auf 56,29°,'o, bei den Christen ans 7,29 °/o. Von den in jüdischen Schulen unterrichteten jüdischen Kindern kommen auf die Provinz Posen 1704, auf Westpreußen 119. Von den Lehrkräften an jüdischen öffentlichen Volksschulen amtierten 68 in Posen, in Westpreußen 5. Das Gesetz findet also Anwendung auf 224 jüdische Lehrkräfte und 5114 jüdische Volksschüler, welche jüdische Volksschulen besuchen, 95 Lehrkräfte sind an paritätischen Schulen gezählt. Nun ergibt aber die Statistik ferner, daß die Zahl der jüdischen Schulkinder trotz steigender Bevölkerungszahl ständig in der Abnahme begriffen ist. Es wurden gezählt: 1886: 36 420, 1891: 30 386, 1896: 27 015 und 1901: 24 022. Das Sinken dieser Zahl ist nur znm Teil durch den Zugang der Kinder zu höheren Schulen ausgeglichen. Das spätere Heiratsalter und die sinkende Kinderzahl der Inden überhaupt erklärt hauptsächlich diesen Vorgang. Es wenden sich fortdauernd jüdische Gemeinden in kleineren Orten fragend an die Zentralinstitute in Berlin, um Auftlärung darüber zu gewinnen, wie sie sich bei dem Rückgang ihrer jüdischen Schulen, der überall beobachtet wird, zu verhalten haben. Es ist ein anscheinend unaufhaltsamer Vorgang, daß wegen sinkender Frequenz immer mehr jüdische Volksschulen in den kleineren Orten ihrem Untergange entgegengeheir. Das Schulunterhaltungsgesetz, welches eine vollständige Umgestaltung der Volksschulen und voraussichtlich für die nicht lebensfähigen Volksschulen das Ende bedeutet, stellt den um Rat angegangenen Bereinigungen, insbesondere dem Verbände, eine verantwortungsvolle Aufgabe. In den Leitsätzen ist es ausdrücklich vermieden, einen Rat auf Auflösung jüdischer Volksschulen zn erteilen. Die gehässigen Kritiken, welche sich an die Leitsätze anschließen, verschweigen diese Tatsache entweder vollständig, oder suchen es so darzustellen, als ob der Rat zur Auflösung der jüdischen Sck)ulen mindestens versteckt erteilt sei. Das ist absolut falsch; die Auffassung des Verbandes soll lediglich für den Fall mitgeteilt werden, daß die Auflösung der SKule, sei eS mit, sei eS ohne den Willen der Seite S Beteiligten, zur Tatsache wird. In diesem Falle ist es ganz selbstverständlich, daß eine paritätische (jüdisch - christliche) Volksschule noch immer besser ist, als eine rein chrisüiche, in welche bei Auslösung der jüdischen Schule die dort unterrichteten Kinder eingeschult werden müßten. Es erscheint auch für den Lehrer die Stellung an einer jüdisch-christlichen Volksschule noch immer günstiger als die völlige Stellungslosigkeit. Die Leitsätze geben mit diesen Erläuterungen gelesen, nur Richtungsmerkmale, über welche kaum zu streiten ist, und welche in der Vollversammlung des Ausschusses vom 30. Dezember 1906 zu keinerlei Meinungsverschiedenheiten führten. Der Verband der Deutschen Juden hat seine Leitsätze anfstellen müssen für die Gesamtheit der durch das neue Gesetz betroffenen Kreise der Glaubensgenossen. Daß in Ftilda oder Frankfurt a. M. die Verhältnisse anders liegen möge» als in den Orten, aus welchen Ratschläge erbeten wurden, soll in keiner Weise verkannt werden. Der Verband, dem es als besonderes Verbrechen angerechnet wird, daß er in Berlin seinen Sitz hat, kann aber seine nach vielen Orten bestimmten Antworten nicht nach den Verhältnisseil von Fulda und Frankfurt a. M. allein zuschneiden. Wenn es feriler gerügt ivird, daß man die ministeriellen Ausführiingsanordnungen ilicht erst abgeioartet habe, so liegt wohl für einen praktischen Arbeiter die Annahme nicht fern, daß die Meinungsäußerung der berufeuen Zentralstelle der Deutschen Juden in einer für die jüdische» Schulen so wichtigen Frage vor der Entscheidung nicht wohl überhört werden darf, daß aber dem Schweigenden nach Erlaß der Verordnungen mit Recht entgegen gehalten werden würde, er käme mit seinen Wünschen zu spät und hätte sich rechtzeitig melden sollen. Endlich wird in den verschiedenen Preßangrissen vor der jüdisch-christlichen Volksschule gewarnt, weil eine solche weder ben jüdischen Kindern noch den jüdische» Lehrern die Möglichkeit einer gesetzestreuen Sabbatbeobachtung gewährleiste. Der Verband hat sich streng unparteiisch jeder Stellungnahme in dieser Frage enthalten. Sache der orthodoxen Kreise wird es sein, wenn sie eine Beobachtung der Sabbatruhc in jüdisch-christlichen Volksschulen erreichen wollen, wie es in anßerpreußischen deutschen Ländern sich als durchführbar erwiesen hat, ihre Wünsche mit dein gehörigen Nachdruck an berufener Stelle zn vertreten. Der Verband ist darüber erhaben, mit den Vertretern einer kleinen ihn, gehässig gegenüberstehenden Partei darüber zu streiten, ob das wenige, was bei der Schulgesetzgebung im vorigen Jahr erreicht worden ist, dem Verbände oder anderen Einflüssen zu danken sei. Die am Eingang aufgeführten Zahlen zeigen aber, daß % aller jüdischen Volksschulkinder in nichtjüdischen Volksschulen unterrichtet werden. Für die Interessen dieser 3/\ haben unsere Gegner keine Hand gerührt; wenn also für diese große Mehrzahl der Kinder gewisse Möglichkeiten geschaffen worden sind, um mindestens einen geordneten Religionsunterricht in die Wege zu leiten, so kann die dem Verband feindliche Minderheit sich an diesem Ergebnisse ganz gewiß nicht den leisesten Verdienst zuschreiben. Selbst wer die konfessionelle Schule überhaupt und die konfessionell-jüdische Schule im besonderen für die beste Volksbildnngsstätte ansieht, — der Verband als solcher lehnt eine Stellungnahme zn der Frage ab —, wird zugeben müssen, daß sie nur für wenige Orte erreichbar und daß sie es an vielen Orten, wo sie noch besteht, ivegen Mangels an Schülern auf den Anssterbe-Etat gesetzt ist. Das Recht hier die llebergangsschwierigkeiten zu mildern, wird sich der Verband durch keine noch so gehässige und engherzige Kritik nehmen lasse», selbst auf die Gefahr hin, des Verrats an der jüdischen Volksschule beschuldigt zu werden, wie es in der Hitze des Gefechts geschehen sein soll. Eine solche Kampsesweise kann dem, der sie anwendet, leicht noch die wenigen Sympathieen kosten, die er in engen Kreisen hier oder dort etwa noch findet." Als Antwort auf diese Ausführungen verweisen wir auf den Artikel in der heutigen Nummer „Verband der Deutschen Juden contra jüdische Volksschule." Frankfurt a. M., 6. Februar. Bei den gestern vollendeten Reichstagswahlen wurden folgende offizielle Antisemiten gewählt: Bruhn (Arnswalde-Friedberg) — Licbermann v. Sonncuberg -Fritzlar-Homberg-Ziegenhain) — Gräfe (Bautzen) — Zimmermann (Zschoppau-Marienberg) — Stöcker (Siegen) — Dr. Burckhardt (Dillenburg) — Langerseld (Braunschweig-Blankenburg) — Stauffcr (Homburg) — Köhler (Gießen) — Sattmann (Kassel- Melsungen) — Herzog (Rinteln-Hofgeismar) — Werner (Hersfeld-Hünfeld) — Raab (Eschwege-Schmalkalden) — Dr. Böhme (Marburg) — Behrens (Wetzlar- Altenkirchcn) — Göbel (Meißen-Riesa) — Bindewald (Alsfeld-Lanterbach-Schotten) — Schack (Eisenach) — Graf (Weimar-Apolda) — Kölle (Goslar) — Rieseberg (Wanzleben) — v. Damm (Holzminden-Gandersheim). Ein Teil dieser 22 wird sich den konservativen Parteien anschließen, und die anderen werben, wie bisher, als Mittelstandsvereinler, Christlich-Soziale, Deutsch-Soziale, Resorniparteiler usw. figurieren. Die bisherigen Wgeordneten Frölich (Ost- und West-Sternberg), Böckler (Schlochau-Flatow) und Krösell (Phritz-Saatzig) sind nicht wiedergewählt worden.