Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 . 4 frankfurter JfraelWcheS KamikirnblaL wie im V. d. d. I. maßgebenden liberalen Justizräte müssen doch ihre demokratischen Grundsätze wenigstens an den Kindern ihrer minderbemittelten „Glaubensgenossen in die Praxis Umsätzen. Sein wahres Gesicht aber zeigt der V. d. d. I. in seiner Antwort auf unseren Vorwurf, daß die jüdischen Lehrer an christlichen Schulen bei der Erteilung des ihnen übertragenen „andcrweiten" Unterrichts gezwungen sind, am Sabbat zu. schreiben. Derselbe Verband, der in seinem „geordneten" Religionsunterricht die Kinder belehren läßt: „Gedenke des Sabbattages, ihn zu „heiligen", derselbe Verband, der bei der bevorstehenden gesetzlichen Neuregelung der gewerblichen Sonntagsruhe beabsichtigt, für die Interessen seiner am Sabbat wirklich ruhenden „Glaubensgenossen einzutreten, dieser selbe Verband sagt kühl bis an's Herz: Ja. in Bezug auf die Möglichkett einer gejetzestreuen Sabbatbeobachtung tzibt's auch eine neologe?) sind wir streng . unparteiisch. (Etwa so wie jener Rabbiner, der predigte: Handelt nach meinen Worten!) Das ist eine Angelegenheit der orthodoxen Kreise. Zunächst sei dem Verband verraten, daß für die Möglichkeit einer gesetzestrcuen Sabbatbeobachtung für die Kinder schon längst ausreichend gesorgt ist, und daß es sich um etwas ganz anders handelt; wir wehren uns gegen den Lehrer, den uns der V. d. d. I. aufzwingen will, der am Samstag zwischen 10 und 11 die zehn Gebote lehrt und zwischen 11 und 12vordenAugen seiner jüdischen Schüler das Einmaleins an dieTafel,schreibt. Und den besten Schutz gegen diesen Lehrer bietet uns d i e öffentliche jüdische Volksschule, oder, wenn diese absolut nicht erreichbar ist, die j ü d i - sche Religio ns schule mit Subvention seitens der politischen Gemeinde nach § 40 Abs. 2 des neuen Gesetzes und eventueller Unterstützung durch den Staat nach Durchführung der Resolution b. . Nach unseren Ausführungen erübrigt sich eine Stellungnahme zu den Behauptungen des V. d. d. I., er vertrete die Gesamtheit der durch das neue Gesetz betroffenen Glaubensgenossen, oder gar, er sei als die berufene Zentralstelle der deutschen Juden dazu bestellt, den bevorstehenden ministeriellen Ausführungsbestimmungen richtunggebend .vorzuarbeiten. Wenn aber der V. d d. I. die zahlreichen an chn gerichteter? Anfragen in dem Geiste beantwortet, in dem seine Leitsätze' abgefaßt find, dann war unsere Mahnung gewiß gerechtfertigt: Ihr kleinen Gemeinden, hütet euch vor den Ratsch lägen falscher Freunde! Denn wir glauben alten beteiligten Kreise» gezeigt zu haben, daß die Auffassung des V. d. d. I. in der Schulfrage nicht diktiert ist von derLiebezu dem überlieferten Judentum, das zu erhalten unsere wichttgste Aufgabe ist, sondern lediglich von einseitigen politischen und religiösen liberal-doktrinären Parteiinteressen. Wenn der V. d. d. I. fortfährt, in dieser Weise das Kapital von Vertrauen zu verschwenden, das ihm bei seiner Gründung entgcgengebracht worden ist, dann wird bei ihm das einlreffen, was er von uns hofft, er wird die wenigen Sympltthieen verlieren, die er in engen Kreisen hier oder dort noch findet. * Alte Wahrheiten. Von Maxime Le Maitre. (Schluß.) Und ich glaube nicht, mich einer Uebertreibung schuldig zu machen, wenn ich behaupte, daß mtt dem Eindringen der Kulturelemente der Umwelt in jüdische Schule und Haus, Familie und Gesellschaft der religiöse und stttliche Gehalt des Judentums immer mehr und mehr geschwächt wird. Ein geistiges Ghetto ohne Ghettomauern ist nicht möglich. Der Kulturstrom des Milieus ist zu stark, der einzelne Jude ist zu schwach, sich diesem Strom zu -widersetzen. U n d a ns dem ergibt sich, daß die Aussichten auf bessere Gestaltung oder gar auf einen Sieg der jüdischen Orthodoxie in der Diaspora nicht besser werden: eher das Gegenteil. Dabei ist nicht außer Acht zu lassen, daß ich nur eine Seite der Frage berührt habe. Den wirtschaftlichen und politischen Moment habe ich hier nicht in den Kreis meiner Betrachtung gezogen. Und das ist heute jedem klar: Die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen in den westlichen Ländern sind nicht so bestellt, daß sie dxr Fortentwicklung des traditionellen Judentums Vorschub leisten. Unter solchen Verhältnissen ist der Optimismus unserer Orthodoxen ein Rätsel; ihr Kampf oder im besten Falle ihr passives Verhalten gegen die Bestrebungen der jungen jüdischen Generation ein verhängnisvoller Irrtum, der sich einst schwer rächen wird. Ihr freudigcsLächeln ist nicht echt, es drückt nicht den Machrbesitz aus. Der Feind ist ihnen auf den Fersen. Der Feind heißt die herrschende Kultur, der Einfluß des Kulturmilieus, dem sie sich nimmermehr entziehen können. Wenn das jüdische Individuum nicht in der Kultur des Judentums wurzelt, sondern in der Kultur seiner Umwelt lebt, können die Bewegungen des Zusammenlebens einzelner Juden nie Massensuggestion, in unserem Falle niemals jüdische Massensuggestion werden, die jüdischen Geist auslöst und jüdische Kraft entfaltet. Und, wenn die Geburt der Massen durch die Versteinerung und Erstarrung des Einzelbewußtseins gehindert wird, versiegt die Kraft der Idee, und sie wird zu einem versteinerten Traum, zu einer bloßen Gestalt, die nicht schafft und nicht schöpft. Das sollten sich unsere einsichtigen Orthodoxen merken. Dannt glaube ich, unseren Orthodoxen eine klare, objektive Antwort gegeben zu haben. Jetzt wende ich mich den Kultur- und Missionsjuden zu. Als vor einigen Jahren Herr Rechtsanwalt Mayer in Hannover die letzten Konsequenzen der assimilatorischen Lehren, gezogen — fielen die Mosse'sche und Vossische über ihn her. In jenen Angriffen gegen den konsequenten Herrn Malier drückte sich das jüdisch Unbewußte, das unter der Schwelle des Bewußtseins schlummernde Solidaritätsgefühl aus. Und ftirwahr: trotz alles assimilatorischen Gefasels können sie des alten Adams nicht los werden. Sie sind. immer bemüht, ihrem alten Adam ein anderes Aussehen zu verleihen. Bald ist cs ein Ltterattirvercin, bald ist cs jüdische Kunst und Archäologie, bald zur Statistik, zur Volkskunde nsw. — Die Liebe zur Gemeinschaft ist eine ummäntelte, aber ihre Existenz ist nicht zu leugnen. Dabei wird noch von einer Mission des Judentums unter den Völker» gequaksalbert. Andere wieder schwätzen von der jüdischen Kultur, die den Gang der Menschheitsgeschichte beeinflußt oder gar bestimmt. Auf die jüdische Mission sind die Einen stolz, mit der jüdischen Kultur prahlen die Andern. Die Einen wissen sich stark in ihrer Mission, fühlen ihre Macht bis auf die Fingerspitzen und freuen sich mit dieser Macht. Was von den Missionsjuden gilt, gilt auch von den sogenannten Kulturjnden. Ist ihr Lachen echt, drückt cs die hinter ihnen stehende Macht aus? Daß die Idee des Missions- und. Kullurjudcntums im besten Falle ein Phantom und ein Wahnwitz, im schlimmsten Falle eine feige Ausrede für Ausreißerci ist, habe ich an derselben Stelle schon mehrmals hervorgehoben. Mit einem völligen Verneinen ist es aber nicht getan: wir wollen einmal versuchen, die Konsequenzen jener „Idee" -bis ans Ende zu führen. Welcher Anblick wird sich da unserem geistigen Auge bieten? „Jüdische Mission" und „jüdische Kultur" setzen eine soziologische Einheit voraus. Wo ist nun diese Einheit? Zwölf Millionen Juden, d. h. die jüdische Einheit, leben in 23 Staaten, in dreiundzwanzig Kulturmilieus, zwölf Millronen Juden. sind LZ.verschxedenen Kultureinflüssen unterworfen. Diese verschiedenen Kulturarten, deren Einflüssen die Juden ausgesetzt sind, sind verschieden und teils ganz entgegengesetzt. Man denke z. B. an die romanische und germanische Kultur, und dann, denke nmn auch an die Untertypen dieser Kulturarten, die durch Bodenbeschaffenheit, Klima, Temperament usw. geschaffen werden. Aus der Summa der Produkte dieser Kultnreinflüsse, welchen die Juden ausgesetzt, setzt sich die jüdische Einheit, die jüdische Kultureinheit zusammen. Welche Kraft wohnt nun dieser Einheit inne? In den westlichen Ländern ist, abgesehen von einem Häuflein charakterfester Orthodoxer, der religiöse Moment erstorben, der nationale Moment halbtot und das Solidaritätsgefühl infolge der scharfen Differenzierung auf allen Gebieten des Kulturlebens geschwächt. Also, wo ist die Einheit, die Trägerin der jüdischen Mission und der jüdischen Kulttlr? Worin äußert sich ihr Wesen, ihre Existenz, ihr Leben? — Man sieht, das Missions- und Kulturgefasel ist eine Flunkerei, ist auf Lügen aufgebaut und verliert sich in Nichts. Cogito, ergo sum! — Dieser cartesianische Satz hat noch von seiner alten Wahrheit nichts eingebüßt. Wir denken, wir fühlen als Juden, als Glieder einer jüdischen Volksindividualität, srgo find >vir da. Die kulturelle Seite des Goluslcbens, ich meine die schädliche Wirkung des Milieus, dem wir uns nicht entziehen können, gibt zu ernsten Besorgnissen Anlaß. Dieser auf uns wirkende Milieueinfluß ist unser erster, gefährlichster und nächster Feind. — Also, wenn wir auf unserer Existenz beharren, worauf wir übrigens soziologischen Gesetzen zufolge beharren müssen, haben wir nur einen Ausweg, uns zu ehrenhaftem nationalen Leben durchzuringen; — wir müssen unser» nächsten Feind überwinden! Das i st nur auf eigenem Boden möglich. In der Diaspora können wir als Volksindividnalität nur ein ehrloses Parasitendasein fristen. _ Die Woche. Jeder Rechtdenkende verabscheut Vergewaltigungen der herrschenden gegen die unterjochten Völker; besonders, wenn diese Vergewaltigungen sich auf das religiöse Gebiet erstrecken. Alle Welt weiß, daß es Juden gibt, die dem Judentuine vollständig entrückt sind und nichts Jüdisches — weder Nationales noch Religiöses — beobachten. Sie kennen es einfach nicht und wollen es nicht kennen; das Judentum ist für sie tot. Und tot ist auch in ihren. Augen die Jndenheit, das jüdische Volk, dessen Leid und Freud sie nicht kennen. Wenn nun ein solch' entjudeter Jude sich entschließt, sein Volk, mit dem er nichts Gemeinschaftliches hat, zu verlassen, um sich einem ändern Volke anznschließen, so ist das begreiflich; macht er doch mit seiner Taufe einen Sprung von einem dezimierten, verhöhnten in ein hochgestelltes, festgefügtes Lager. Also es ist begreiflich, wenn auch lange noch nicht entschuldbar, denn das Verlassen einer gesunkenen Fahne ist charakterlos und ein Abziehen von seinem verschmähten Volke ist nicht anders als Verrat zu brandmarken. Doch was soll man dazu sagen, wenn ein Jude, der sich noch im jüdischen Lager befindet, es fertig bringt, die jüdische Fahne heimlich dem Feinde zu übergeben, ja die letzten Positionen an den Feind zu verraten? Dafür gibts keinen eigentlichen Ausdruck, der solche Handlungsweise richtig bezeichnen kann. Und nun zu dem Helden, der hier festgenagelt werden soll! Es ist Herr S t e r n b e r g, Professor der.klassischen.Philologie und k. k. Landesschulrat zu Galizien. Dieser einzige behördliche Vertreter der Jndenheit Galiziens hat geruht, nach dem letzten Reste der Heiligtümer seines Volkes, ja gradezu nach seiner Seele zu trachten. Er beabsichtigt nämlich, die hebräische Spräche aus den Schulen zu verdammen und an ihre Stelle polnisch zu setzen; es soll fortan „Tesilloh" und Bibel nicht in der heiligen Sprache. der. Juden, sondern jn der: ihm heiligen Spräche der Polen gelehrt werden; so will-es der