Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Irankfirrter Sfrnrlitifdirs familiruiilatt.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ' Hedakkt-il mrd chefchäftsstelre: ' . - . Jnsertionspreisr: .> j Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank- SraiMurt 2. m.. - Ae viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. j furt a. M. Mk. 1.— ftei ins HauS. Bei der Post Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße Die Reklamezeile. 100 „ j abonniert im In» und Ausland M. 1,02 (einj schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen:! Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, Vttefou 10507. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: , sonstige Länder M. 2.— ri ... . _ _- , Aerairsgsön: Aals Heis. , Preis naiy ueveremmnir. , - 1 ■ - — . ö Zayrgang. Freirag, den 24. 8cdvat LVV7 (8. Februar 1807). No. 6. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Verband der deutschen Juden contra'; jüdische Volksschule. — Alte Wahrheiten, von Maxime Le Maitre. — Die Wache. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Ein Jomkippur, von Ernst Schwarz. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familiennach. richten. Verband der deutschen Juden contra jüdische Volksschule. Bor einigen Wochen veröffentlichte der Bergan- .der deutschen Juden „Leitsätze zur Ausführung (des neuen Schulunterhaltungsgesetzes", die wir in Nr. 2 wegen ihrer gegen die jüdische Volksschule gerichteten Tendenz entschieden ablehnen mußten. Auch andere jüdische Zeitungen -haben sich unserer Kritik angeschlossen. Der Ver- - band der deutschen Juden erläßt nun dagegen reine Erwiderung, die wir an anderer Stelle zum ^wörtlichen Abdruck bringen. Diese Antikritik beginnt mit statistischen Dar- Leg»ngen über die Zahl der jüdischen Volksschulen umd .Volksschüler, die der preußischen UnterrichtsstatisslU von 1901 entnommen sind. Wollte der Verbaitd damit nur beweisen, daß die Zahl der jüdischen Linder in Preußen (wie die der Juden überhaupt) abnimmt, und daß mehr als die Hälfte aller jüdischen Kinder Schulen besuchen, deren Lehrziel, über das der Volksschule hinans- :geht, so rennt er damit offene Türen ein. Daß die Zahl der jüdischen Geburten fortwährend sinkt, daß .die kleinen Landgemeinden, die Sitze der .„alten Jüdischkeit" in erschreckender Weise abnehmen, daß sich dagegen in den Städten ein an .Zahl immer mehr zunehmendes jüdisches Proletariat anhäuft, sind leider längst bekannte und beklagte traurige Tatsachen. Wir geben also mit ' dem V. d. d. I. zu, daß in Preußen nur 5000 'Kinder öffentliche und 2000 Kinder private jüdische Volksschulen besuchen, daß die Zahl dieser Schüler, soweit Landgemeinden in Betracht kommen, im Sinken begriffen ist, und ein Teil dieser ^Schulen vielleicht nicht mehr lebensfähig ist. Vielleicht! Denn wenn nur die Kostenfrage den Gedanken an eine Auflösung der Schule anskommen lassen sollte, so wäre zu beachten, daß der Unterschied zwischen den Kosten für einen Religionslehrer, und Kultusbeamten, den die Gemeinde gar nicht entbehren kann, und für einen Volksschullehrer für die twisten Gemeinden gar nicht so groß ist. Es werden überdies unter der Herrschaft des neuen Gesetzes auch für jüdische leistungsschwache Gemeinden mehr Unterstützungen .aus Staatsfonds zu erhalten sein; sämtliche Gemeinden in den neuen Provinzen (Hessen-Nassau, Hannover) haben Beiträge der politischen Gemeinden auf Grund § 67 Abs. 3 des Gesetzes von 1847 zu beanspruchen. Die Verteilung der Volksschullasten wird also eine ganz andere werden. Und endlich, wie ist uns denn.— erstrebt denn nicht der V. d. d. I, mft seinen Affilierten «ne Organisation der preußischen Judenheit 'mit dem angeblichen Hauptziel, die kleinen Gemeinden finanziell und dadurch geistig zu stützen? Sollte etwa die Organisation durch Schaffung der Bezirksrabbinate nur den Rabbinern zu Gute kommen, die sich dann in jedem Jahre ein- oder zweimal in „ihren" Genleinden blicken lassen werden? (Manche werden's auch nicht tun.) Und da legt man den Gemeinden nahe, sie sollten ihre Schulen freiwillig auflösen, solange man offiziell die Absichten des für die Auflösung allein maßgebenden Kultusministers nicht kennt. Der V. d. d. I. behauptet allerdings, er habe es beim jeden, einen .Rat auf Auflösung jüdischer Volksschulen zu erteilen: nicht einmal versteckt sei das geschehen. Für den, der die Materie genau kennt, der aber auch die Leitsätze des V. d. d. I. nicht nötig hatte, mag das zutreffen. Aber der Gewaltige einer kleinen Landgemeinde (in der Regel auch ihr größter Steuerzahler), der außer in seiner Tageszeitung vom Schulgesetz überhaupt nichts gelesen hat, erhält da eines Tages die Leitsätze des V. d. d. I. ins Haus geschickt und liest: 1. Auflösung einer bestehenden öffentlichen Volksschule mit vier dazu gehörigen Ratschlägen. 2. Zahlreiche jüdische Kinder in christlichen Volksschulen: 5. Leitsatz: In erster Reihe erstrebe man eine jüdisch-christliche Schule, und nur, >vo dies nicht erreichbar ist, überlege man, 6. ob neben anderen Eventualitäten die Gründung einer öffentlichen jüdischen Volksschule zu beantragen ist. 3. Privatschulen: 7. Leitsatz. Beibehaltung einer jüdischen Privatschule erfordert doppelte Steuerleistung. 8. Ratschläge zur Verminderung dieser Lasten, ivenn man — nicht auflösen will. 9. Ratschläge, ivenn man ja auslöscn will. Muß da ein harmloser Leser nicht auf den Gedanken kommen: In erster Reihe scheint das Gesetz die Auflösung zu fordern? Warum denn, so fragen lvir wiederholt, fehlt ein Absatz 4: M ittel nndWege zur Erhaltung der bestehenden öffentlichen jüdisch enVo lkss ch ulen? Warum fehlt Abs. 5: Errichtung neuer öffentlicher Volksschulen. Absatz 6: Erläuterung des recht schwierigen §67 Abs. 3 des Judengesetzes von 1847?! Wir müssen dabei bleiben, die Leitsätze rufen den von uns gekennzeichneten Eindruck hervor; streiten kann man nur darüber, ob dieser Eindruck beabsichtigt war oder nicht. Wir konstatieren, daß der V. d. d. I. eine derartige Absicht, offen oder versteckt, entschieden ableugnet. Ja, sagt der Verband, die Zahl der jüdische» Volksschüler geht fortwährend zurück. Das ist wahr, Aber — haben wir nicht noch 17 000 jüdische Volksschüler, von welchen allein 12 000 konfessionell christliche Schulen besuchen? Leben die alle zerstreut auf dem platten Lande oder sind sie nicht gerade in ihrer großen Mehrzahl in den mittleren und großen Städten zu suchen, die überhaupt keine jüdischen Volksschulen aufzuweisen . haben? Würden an diesen Plätzen nicht viel mehr jüdische Schüler — besonders in den ersten' 3—4 Schuljahren — überhaupt eine Volksschule besuchen, wenn eine jüdische Schule am Platze tväre? Oder würde dann nicht mancher Vater seinem Minderbegabten Kinde lieber eine abgeschlossene Volksschulbildung angedeihen lassen, anstatt es bis zu seinem 15. oder 16. Lebensjahre durch die unteren und mittleren Klassen einer Realschule zu pressen? Sollten nicht gerade unsere größeren Gemeinden die moralische Pflicht haben, durch Griindung jüdischer Schulen den Kindern unserer östlichen Brüder, die in den letzten Jahren aus ihren Ghettis entronnen sind, den Besuch der öffentlichen christlichen Schulen zu ersparen? Dann wäre ja der V. d. d. I. auch der Sorge um die armen, stellenlosen Lehrer ledig. Nun glaubt der V. d. d. I. Wunder, was er großes getan hat, daß er die Interessen dieser jüdischen Volksschüler (etwa 3/4 der Gesamtzahl!) dadurch gewahrt hat, daß durch seine Tätigkeit die Möglichkeit geschaffen worden ist, einen geordneten Religionsunterricht in die Wege zu testen. Er meint damit die von uns schon früher erwähnte Anstellung jüdischer Lehrkräfte an öffentlichen christlichen Volksschulen zwecks Erteilung des Religionsunterrichts. Daß die Möglichkeit der Griindung paritätischer, jüdisch-christlicher Schulen — an denen die jüdischen Lehrer mst den christlichem gleichberechtigt werden — ein Phantasicgebilde des V. d. d. I. ist, haben wir schon früher nachgewiesen; der Verband hat darauf mit keinem Worte geantwortet. Für den sogenannten Religionsunterricht aber, ohne ein hebräisches Wort, ohne Unterricht im Uebersetzen des Gebetbuchs und des Pentateuch danken wir. Lieber keinen Religionsunterricht als ein bischen biblische Geschichte mit herausgequetschter Moral und sog. systematischen Religionsunterricht. Wir, und mit uns Tausende guter Juden, nicht nur in Frankfurt oder Fulda, wollen von diesem „geordneten" Religionsunterricht nichts wissen, und wir fteuen uns der Offenheit des V. d. d. I., die uns noch zeitig den Ort gezeigt hat, wo wir uns gegen diesen Religionsunterricht zu wehren haben. In seiner so außerordentlichen Sorge ftir die Erteilung des Religionsunterrichts wül es der Verband natürlich ablehnen, zu der Frage der konfessionellen Schule Stellung zu nehmen. Das ist auch völlig überflüssig, denn wer die Tätigkeit des Verbands in der Schulftage verfolgt hat, kennt ja die Herzensmeinung der Lester des P. d. d. I. zur Genüge. Wir meinen aber, daß für einen charaktervollen Juden die Frage entschieden sein müßte. Unsere christlichen Mitbürger mögen darüber streiten, ob gemeinschaftlich christliche oder konfessionell getrennte Schulen die besseren sind; für uns ist die eine wie die andere Schulgattung eine christlichkonfessionelle. Darum müßten am 1. April 1908 überall, wo die nötige Kinderzahl vorhanden ist — und es gibt eine ganze Anzahl solcher Orte — jüdische Volksschulen gegründet werden. Freilich, die in den Gemeindevorständen ebenso