Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite 2. herausgerissen"; dann fing unter anderem auch das Christentum an, sich „aus dieser Verderbnis" herouszuarbeiten.») Diese geistige Aufregung - konnte abernur in Europa stattfinden, da hier einzig und allein alle dazu notwendigen natürlichen Bedingungen gegeben sind. Ebenso mußten die Juden, um in die neue Kultur cingcwciht werden zu können, nach Europa wallfahren. Wir sehen also, daß nach Buckle ein Nationalcharakter besonders in einer neuen Umgebung sich bedeutend ändern kann. Dieses bedeutet aber noch bei weitem nicht, daß nach demselben die gänzliche Aufhebung des Nationalcharakters möglich sei. Rasse bildet ja die unterste, tiefliegendste Schicht der Seele, bewährt ihre Jungfräulichkeit noch dann, wenn die oberen Schichten schon längst modifiziert und umgestaltet sind. Läßt sich schon die äußere Natur nur höchst schwierig und äußerst mühsam bekämpfen, so zeigt die Rasse, welche Karl Marx als einen Tell der inneren Natur des Menschen bezeichnet hat/-) eine ungeheure Widerstandskraft gegenüber Zeit und Ort. Allerdings hat die dynamische Richtung der modernen Kultur, die alles Statische in der Menschennatur zu verdrängen droht, auch die Rassenmerkmale nicht unangetastet gelassen. Der große Kampf, den der Neuzeitsmensch mit der Natur und mit der Geschichte führt, gilt auch der innern Menschennatur selbst. Ein neuer Adam, ein Uebcrmensch — wie er schon den Augen Goethe's vorschwebte — ist das Endziel der ganzen neuern Kulturrichtung. Buckle war sich dessen bewußt, daß in der Rassenfrage für uns ein schwer zu lösendes Problem liegt. Er meinte zwar, daß natürliche Unterschiede unter den Menschen, wenn sie auch existieren, doch „wenigstens ganz gewiß nie bewiesen worden" daß ferner die „sogenannten Rasscnunterschiede" sich „als Wirkungen des verschiedenen Klimas, der Nahrung und des Bodens befriedigend ervären" lassen.») Trotzdem entging es ihm nicht, daß wir hier mit einer „Frage -der schwierigsten Art zu tun haben, die mit den verwickelsten Problemen der Physiologie zusammenhängt."») Selbst der sich in Europa vollziehende Ucbergang von der theologischen zu der "rationalistischen Weltausfassung stieß nach Buckle — hier und da — auf unüberwindliche, im Nationalcharakter begründete Hindernisse an. Nicht nur in Spanien, wo die neuzeitliche industrielle Gesellschaft sich überhaupt nicht entwickeln konnte, hat dieser Uebergang nicht stattgefunden, sondern selbst im kapitalistischen und bürgerlich-demokratischen Schottland. Während überall die sozial-politische Emanzipation von der religiösen begleitet zu sein Pflegt, blieb Schottland auch nach seiner politischen Befreiung der alten kirchlichen Gesinnung knechtisch treu.») Machten auch einige der großen Denkdc dieses Landes den Versuch, ihre Volksgenossen von der theoleg ischen Sklaverei zu befreien, so blieb doch derselbe ohne Erfolg, da sie selbst im Kampfe gegen die Theologie die von der Theologie ererbten und ihnen ins Blut nbergegangene deduktive Methode anwandtcn, eine Methode, die dem Volke im großen und ganzen unzugänglich sei.») „In Schottland, im alten Griechenland und im neueren Deutschland waren die intellektuellen Klassen wesenllich deduktiv in ihrer Denkweise und daher nicht imstande, auf den großen Haufen des Volkes einen Einfluß auszuüben."») Jedenfalls sieht man aus dem angefiihrten Beispiel, das die Geschichte Schotllands betrifft, daß Buckle selbst die Hartnäckigkeit des Nationalcharakters und seine Widerstandefihigleit zugegeben und anerkannt hat. Es stünde also in keinem Wider- ») Ibidem. «) Kapital. (Hamburg, 1872, Bd. 1, S, 534.) ,») G. d. C. (I., 1,36, N. 1.) m) Ibidem. ») G d. C. (2, 321). *>) Ibidem (322). ») Ibidem (567). Frankfurter Israelitisches Familienblati. spruch — wie manche seiner Gegner behaupten — zu seiner Geschichtsauffassung, wenn es nachgewiesen wäre, daß im Judentum eine ganze Reihe von nationalen Merkmalen, der Zeit trotzend, sich nicht auslöschcn ließ. Da. zumal Buckle' die Ausbildung des ursprünglichen nationalen Charakters ans die' Hunderte oder auch Tausende von Jahren immer fortdauernder Einflüsse des nationalen Wohnortes reduziert, so wäre es überhaupt leichtsinnig, anzunehnien, daß er jenen als eine leicht vorübergehende Erscheinung betrachtet hätte. Er meinte nur, daß, wenn eine Nation einmal in eine neue Unigcbung geraten sei, sie sich derselben anpassen müsse, alles in ihrem Charakter, was den Kampf ums Dasein mit den neuen Bedingungen absolut unmöglich macht, unterdrücken und überwinden müsse — sonst müßte sic nntcrgehen. (Fortsetzung folgt.) Die Woche. Daß ein mächtiges, brutales Volk ein in seiner Mitte lebendes unterjochtes Volk unterdrückt, ist auch in unsercnr modernen und doch getoalttätigen Zeitalter keine allzu seltene Erscheinung; daß aber ein selbst unterdrücktes Volk ein anderes, in seiner Mitte lebendes Volk noch schlimmer behandelt, als das unterjochende herrschende Volk, gehört zu den .größten Seltenheiten. Die Polakai ist es, die dieses Kunststück fertig bringt! Daß der Unterdrücker den Unterdrückten die Entfaltung seiner besonderen nationalen Werte mit roher Hand verwehrt, gehört zum System der Unterjochung und der Unterdrückung, doch kein Unterdrücker besitzt diese zynische Grausamkeit, von den: unterjochte» Volke die Förderung seiner, des Unterdrückers, nationalen Werte zu verlangen — nur die „Ritter Heines", die Polakai, bringt auch das fertig! Ein Beispiel: Die unterdrückten Polen Rußlands verlangen von der Judenheit Polens, daß sie keine jüdischen Kandidaten zur Dumawahl aufstelle, daß sie vielmehr Polen schlimmster Sorte, ausgesprochene Antisemiten, wähle. „Sie verlangen!" Wollt ihr wissen: Wie? — Auf die allermodernste Weise; Pogrom heißt diese Art, eine Erfindung „Iwan Grosuijs", des — Friedens- Zaren. Nicht umsonst gehören sie zur slavischen Rasse, sie sind des Hooliganenbruders würdig. Und wisset Ihr: Woher dieser nie hagewesene Zarismns der Polakai? —- Der Jude selbst ists, sein Lakaienwescn, des Juden „Ma-Jofis"-Liedchen die Erklärung hierfür. Das Lakaientum, das sich in der „Ma-Josis"-Musik repräsentiert, ist ja bas Hauptmerkmal des polnischen Juden! Auch ein gut Teil der Juden anderer Provinzen und anderer Länder besitzen eine ziemliche Dosis dieses Lakaientums; die Östrogorskis und die Neinachs und die Geigers verstehen auch was von der „Ma-Jofis"-Musik.... allein die erstcrcu haben trotzdein die Priorität, sind sie doch die eigentlichen Urheber dieser Musik und singen Ma-Josis im Original, im Hebräische», während letztere es in U e b e r s e tz u n g — der eine im Russischen, der andere im Französischen, wieder cm anderer im Deutschen usw. — singen. Die Polakai versteht sich, tvie niemand sonst, auf das Lakaientum und weiß es vortrefflich anszunützen. Das Lakaientum istdie Grundsäule, auf die sich die Burg Polens von jeher stützte. Doch das Lakaiengeschlecht ist iin Allssterben, ein stolzes Hasmonäcrgcschlecht ist im Entstehen bcgrijfcn, — und mit dem Schwinden der Grundsäule wird auch die Burg Polens zusammenstürzen. Bedarf cs noch eines Beweises? Polens ersten Sturz kennt ja alle Welt. _ " „Der Zionismus hat sich in einen Palästinismus verwandelt," lautet die Anklage der Territorialisten- Zionisten, wie Jereinias nnd Genossen. Diese Anklage hörten wir nach der Kölner Konferenz des A.-K., diese Anklage hören wir auch jetzt nach der Konferenz zu Helsingfors. Trifft sie zu? — Keineswegs! Einen Palästinismus ohne Zionismus gibts höchstens für diejenigen, die Palästina nur als heilige Grabstätte, als eine bequemere Station für die Auferstehung („Techijas Hameesim") um den langen Weg des „Gilgul-Mechilaus" zu' sparen, betrachten; die- __ Nr. 5. jenigen aber, die in Palästina eine Lebensstätte, eine zukünftige Heimat sehen, haben für einen bloßen Palästinismus wenig übrig. Ja, nicht einmal die „Chauwcwei-Zion" gingen nach Palästina ohne fernere Absichten; was sie taten, geschah nicht ans purer Liebe zum Lande, zur einstmaligen verlorenen Heimat, sondern aus Liebe zum Volke und seiner einst wieder zu gewinnenden Heimat, — und war der Weg, der zum Ziel führte, nicht der richtige, so hat das mit dem Ziele selbst nichts, zu tun. > Also ein Palästinismus im buchstäblichen Sinne existiert nicht, vielmehr nur — als ein n e u geprägtes Schlagwor.t. .... Und was'dann? Wir haben bereits ausgeführt, daß zur Erlangung des Zieles ein doppelter Weg vorhanden ist: Der eine ist von Großem zum Kleinen, zuerst die Erlangung des Charters und alsdann die Urbarmachung des Landes; der zweite, zuerst die allmähliche Erwerbung des- Landes und dann die Erlangung des Charters. Der erste Weg ist ein zweifelhafter, möglich führt er zum Ziele und vielleicht auch nicht, und man kann nicht zu einem unglücklichen Volke komme» und ihm sagen:Warteau feinen Zufall. . . Und noch ein Umstand: Die andern Nationen erobern — ohne auf einen Charter zu warten — inzwischen das Land. — Es blieb also nichts anderes übrig, als den zweiten Weg eiuznschlagen. Der Weg ist langwierig, schwierig und unsicher, so meint Dr. N. N. nnd Professor N. M. Zugegeben, es verlohne sich nicht, — aber wisset für wen? für die Deutschen, für die Engländer, für die Franzosen, deren Heimat Palästina nicht ist und uie gewesc» ist und die eine andere Heimat besitzen. Doch für uns Juden? Herr Dr. Jeremias! haben sie eine andere Heimat für das jüdische Volk außer Palästina? Die etwaige Heimat der „Geographischen Kommission" ist die jüdische Heimat nicht. Und doch muß mit der Eroberung des Landes unserer Väter sehr vorsichtig und planmäßig vorgegangen werden. Die diplomatische Arbeit, die Erlangung pon kleinen Konzessionen. muß Hand in Hand mit" der Eroberung des Landes gehen. Auch ist der Nationalsonds mehr zu schonen. Das ist aber alles, was zu verlangen ist! Und die Gegenwartsarbeit außerhalb Palästinas? i— Die Rückkehr der Judenheit zum Judentum im vollen Sinne des Wortes! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsra^lite Universelle wird uns geschrieben: Der Vorsitzende der D e u t s ch e.n K o n f e r e n z - Gemeinschaft der Alliance Jsraölite Universelle hat soeben die Einladung zu der regelmäßigen I a h r e s - S i tz u n g der Deutschen Konserenz-Gemeinschast auf Dienstag, den 19. Februar ergehen lassen. Dem Wunsche der Mitglieder der Deutschen Konserenz-Gcmeinschaft entsprechend, findet diese Tagung in Franks.urt a. M. statt. Auf der Tagesordnung stehen.' Rechenschafts- und Arbeitsbericht des Präsidiums für das Jahr 1906 und Arbeitsplan für 1907, Bericht der Mitglieder über ihre Bezirke, der weitere Ausbau der Organisation der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, Beschlußfassung über die an die Zentrale nach Paris zu richtenden Anträge, und die Stellung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft zu anderen jüdischen -Organisationen im Jnlande. Außerdem hat das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft beschlossen, den ersten A l - liance-Tag in Berlin stattsinden zu lassen, im Anschluß au die Generalversammlung des Lokal- Komitees Berlin, die' bis zum 1. Juli einzubernsen ist. Nähere Mitteilungen über diesen Alliance-Tag, zu dem alle Vertreter, der deutschen Bezirks- und Lokal-Komitees, einberusen werden und alle Mitglieder der Alliance Zutritt haben, werden rechtzeitig erfolgen. Köln a. Rh. In der Generalversammlung der Adaß-Jeschurun vom 2. Dezember war beschlossen worden, das Eigentum her Adaß-Jefchurun an eine neu zu bild ende s elb st ändige Synagogengemeinde zu übertragen; desgleichen wurde in Aussicht genommen, allen aus der Synagögengemeinbe nicht Ausgetretenen das aktive und passive Wahlrecht innerhalb der neuen Vereinigung zu entziehen. Gegen diesen Beschluß hat eine Reihe Mitglieder der Adaß-Jeschurnn, zum Teil Mitbegründer derselben, darunter auch der gewesene Rabbiner, der ehrwürdige Dr. Plato, folgenden Protest eingelegt: - "