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Neue jüdische Presse · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^xau&fnvtex Ifrnrlitifilirs fiiiiiiliriiklDlI. HedaKtto« ttttb chefchLftsjteM: Frankfurt a. M.. Lleichstraße 2> Lcke vilbelerstraße T-r-fo« 10507. ^aüsigsVev: KalU cheis. 5 Jahrgang. Freitag, de« 17. Schwat 5667 (1. Februar 1907). No. 5. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,5V, sonstige Länder Mk. 2.— Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 ,. Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Nebereinkunst. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Alte und neue Juden, von Dr- F. Frankel, Bern. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Ein Jomkippur, von Emst Schwarz. — K u n st und Literatur. —Wochen-Kalender. — Bunte Chronik — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. — Familiennachrichten. Alte und neue Juden. Eiii Kapitel aus der jüd. Soziologie. _ Von Dr. F. Frankel (Bern). 1. Buckle über die Jndengeschichte. Montesquieu glaubte naiv, „die Freiheit sei für den Geist der europäischen und die Knechtschaft für den Geist der asiatischen Völker geschaffen".^ Saint-Sinion ging »och weiter, er meinte gar, die Bewohner Enropa's seien die Kinder Abels, während Asien und Afrika mit der mörderischen Nachkommenschaft Kain's bevölkert seien.-) Denselben Grundunterschied zwischen dem Charakter der europäischen Völkerschaften unddem der außereuropäischen hat auch Buckle in seinen historische» Untersuchungen dnrchgeführr, wo er nicht wenig Mühe verivendct, um diese Behauptung zu bekräftige». Will man ihm glauben, so habe die Natur selbst zwischen Europa und Außerenropa eine nnüberschreitbare Demarkationslinie gezogen, indem sie alles getan zu haben scheint, um die Entstehung einer .aufgeklärten, freien und friedlichen Bevölkerung dort möglich, hier dagegen unmöglich zu mache». Unter anderem soll auch die historische Entwicklung des jüdischen Volkes die angeführte Ansicht beweisen können. Merkwürdigerweise >var gerade die Geschichte Israels derjenige Punkt, von dem manche Gegner der Bucklc'schen Geschichtsauffassung ausgingen, um dieselbe zu widerlegen. Die einen sagen uns: die Juden haben, obwohl sie ihren ursprünglichen Heimatsort längst verlassen, ihren Nationalcharakter bewahrt — ein Belveis also, daß dir Rasse die Veränderungen des natürlichen Milieus überleben könne und folglich, eine wichtigere Rolle im Leben der Völker spiele, als die Natureinflüsse, von denen Bucklesie Geschichte abzuleiteir sucht. Freilich ist die Charakterologie der Individuen >vie der Nationen noch weit davon entfernt, etwas Bestimmtes und Unbestreitbares über das angedeutete Problem aussagen zu dürfen — weshalb man sowohl inbezug auf dieses Problem, wie auch andere dem verwandten Probleme nicht selten die diametral entgegengesetzten Meinungsäußerungen hören kann. Dennoch muß cs zugegeben werden, daß die angeführte Behauptung wenigstens eine gewisse Dosis von Tatsächlichkeit in sich birgt. Es fragt sich nun: wie verhält sich diese Behauptung zu der von Buckle und nicht nur von ihm allein vertretenen Ge-. x) Lettres persans (p. 322). 3) Lettres d’an habitant de Geneve ä ses contem porains (Genöve, -1802). schichtsauffassung? Heben sie einander gänzlich auf, oder vielleicht nur teilweise? Hier und da wird auch gesagt: Haben vielleicht die heutigen Jnden'hinsichtlich ihres Charakters nur wenig Gemeinschaftliches mit den alten Hebräern, so stellen sie doch jetzt eine gewisse Einheit dar, wenigstens lassen sich viele bedeutende gemeinschaftliche Merkinale bei ihnen aufweisen, trotzdem sie in den verschiedensten Erdstrichen zerstreut sind. Selbst Montesquieu, der die Lehre voiu Einfluß der Natur auf die Geschichte bis auf's äußerste getrieben hat, erkennt an, daß die Juden der verschiedenen Länder untereinander nicht verschieden seien. Er sagt nämlich: „Ueberall, wo Geld ist, sind auch Juden. Was sie hier (d. h. in Frankreich) tun? Genau dasselbe, was in Persien; nichts ist einem Juden in Persien ähnlicher als ein Jude in Europa."3) Man sieht, daß Montesquieu von den Juden nicht ohne Bosheit spricht. Zur Zeit, als er dies in seinen „Lettres persans" nieoerqeschrieben hatte, ivar er noch ganz radikal gestimmt. Er war damals nicht nur entschiedener Republikaner, sondern auch, — und nicht minder ausgesprochen — Feind der auskeimcnden kapitalistischen Gesellschaft mit ihrer Geldjagd. In seinem Troglodytenmärche ii4) wird zwar des Privateigentumsrecht gesetzlich nicht abgeschafft, .existiert aber tatsächlich nicht mehr, dank der ausschließlichen altruistischen Richtung der märchenhaften Gesellschaft. Da zumal die innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft enthaltenen progressiven Tendenzen, welche letzten Endes ebenfalls zur lleberwindung der erstcren führen müssen, zu jener Zeit nicht leicht erraten werden konnten, so war. das feindliche Verhalten Montesquicns zu der genannten Wirtschaftsform überhaupt und zu den Juden, als deren ersten Vertreter in Europa insbesondere naturgemäß und folgerichtig. Stehen doch selbst heutzutage manche kurzsichtige BolkSsrcunde dem Kapitalismus feindselig gegenüber, nicht weil sie höhere soziale Formen wünschen, sondern einzig und allein, weil sie nicht im Stande sind, die historische Bedeutung und die zukünftigen Folgen des Kapitalismus — die nicht nur voll dlpologeten, wie Makanley, Buckle, Spencer, sondern auch von Opponenten, wie Lassale, Marx, Engels, hervorgehoben wurden — begreifen zu können. Dagegen neigendie genannten Volksfreunde mehr oder weniger offen zum Antisemitismus. Von ihrem Standpunkte auch mit Recht. Allerdings ist es leichter, die Konsequenzen aus gewissen Prämissen logisch richtig zu. ziehen, als die logische Richtigkeit der Prämissen selbst zu beweisen — nur vergißt man dies allzuleicht, und so übersieht man, daß hinter dem Logischen das Unlogische steht. Buckle war dagegen ein großer Freund der Handelsvölker und der Handelsklassen; er war auch kein Judenfresser. Freilich erregten die alten Palästinenser Juden in ihm keine besondere Sym- 3) Lettres persans (p. 221). 4) Ibidem (lettres 11—14). pathie; er machte aber zwischen jenen und deren Nachfolgern, den europäischen Inden, einen grundsätzlichen Unterschied. Jene wären, wie alle andern außereuropäischen Völker, ganz und gar von der überwältigenden Umgebung abhängig, und also einer durch dieselbe zügellos gewordenen Phantasie unterivorfen und verknechtet. „So blieb die Doktrin von einem Gott, die den alten Juden gelehrt wurde, völlig wirkungslos. Das Volk, an das sie gerichtet wurde, >var noch nicht aus der ^Barbarei heraus, konnte daher seinen Geist noch nicht zu einem so hohen Gedanken erheben."* 3) Sie konnten also bei „ihrem Deismus" nicht bleiben, und si.len naturgemäß unanchörlich in den Götzendienst, die natürliche Frucht der Unwissenheit, zurück. In unserem Zeitalter dagegen haben sie lange aufgehört, so etwas zu tun?) Die Ursache dieser sich im Volksgeiste vollzogenen Umwandlung liege eigentlich darin, daß die Juden „aus ihren alten Umgebungen heransgerissen" in Europa geraten waren und, „wie alle anderen europäischen Völker", „in der Zivilisation" fortschritten; dadurch wurde auch „die Verehrung der vielen Götter ansgehoben", „und ihr Gemüt allmählich zu dem Gedanken einer großen Ursache erhoben, welchen man in einer früheren Periode vergebens versucht hatte ihnen einzuprägen?) Es wird also der angeiwmmene Unterschied zivischen den zwei Perioden der jüdischen Geschichte, vor und nach dem Exil, durch die liebersiedlung. des Volkes nach Europa erklärt.. Erst hier wurden die Bedingungen gegeben, die notwendig sind, unt den alten „barbarischen Charakter abstreifen" zu können, dann auch neue Kenntnisse zu erwerben, welche mit „ihrem Deismus" sich mehr vertragen: denn es muß immer ein inniger „Zusanimenhang des Glaubens und der Kenntnisse eines Volkes"3) vorhanden sein Es war Buckle's Meinung nicht, daß eine gewisse Acnderung im Charakter einer Nation nur dann eintreten kann, wenn dieselbe ihr natürliches Milieu geändert hat. Die „barbarischen" Völker im mittelalterlichen Europa haben ihre Wohnungsstätten nicht verlassen, und dennoch —~ wie Buckle behauptet — eine ähnliche Evolution wie das jüdische Volk durchgemacht. „Als die christliche Religion unter diese Menschen geriet, fand sie sie unfähig, ihre erhabenen und bewunderungswürdigen Lehren zu fassen."3) Das Christentum wurde durch den europäischen „Aberglauben" verdorben, verlor „seine besten Züge", und „seine ursprüngliche Liebenswürdigkeit" war gänzlich zerstört.'«) Erst später war „der europäische Geist einigermaßen aus seiner Trägheit 3) Geschichte der Zivilisation usw (d. II., I., e) Ibidem. 7) Ibidem (223). 8) Ibidem. 9) Ibidem (224). 10) Ibidem.

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