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Neue jüdische Presse · 1907-01-25 · Heft 4 (25.1.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Adatz Zisrvel Gemeinde, dessen Vorsitzende sie seit seinem 25jährigen Bestehen gewesen, trug sie jene reine und erhabene Aussassung echtjüdischen Gcmiluth Ehesed hinein, die sie im Elternhause, im Hause des Rabbi Salomo Struck in Filehne, von Kindheit an pflegen sah. Mit jeder Faser des Seins hing sie an den Institutionen der Adas; Jisrocl, und noch in den schwersten Stunden des langen Krankenlagers, weilten ihre Gedanken bei der ihr int neuen Gewände so besonders liebgewordenen Ltätte des Gebetes, und ihr ganzes Sehnen war darauf gerichtet, im Gotteshause, in dem sie noch am vergangenen Jom Kippur bis zum letzten Augenblicke mutig ansgeharrt, wieder das Gebet verrichten zu können. Nach fast bevorstehender Genesung hat es das göttliche Geschick anders beschlossen, und mit dem vereinsamten Gatten trauern alle Glieder dcr Adaß Jisroel Gemeinde um die Heimbcrnfcne. Möge dem Hinterbliebenen Greise das Prophetcnwort, welches sich schon immer an ihm erfüllte, als Trost bewähren: „Die Gott lieben, gleichen der in ihrer Siegeskraft ausgehenden Sonne!" Berlin. Im Alter von 73 Jahren verschied der ReichSgerichtsrat a. D. Dr. Jakob Friedrich Bchrend, s. Zt. Rektor der Universität in Greifswald. 1887 wurde Bchrend zum Rcichsgerichtsrat ernannt, ohne vorher jemals ein richterliches Amt besessen zu haben. Stuttgart. Bei den Provorzwablen istr ein dritter Jude, Rechtsanwalt Dr. Elsaß, ein Lohn des verstorbenen Mitgliedes der israelitischen Obcrkirchenbchörde, in den Landtag gewählt worden. Kaufmann Heinrich Hirsch erhielt vom Präsidenten der französischen Republik den Orden der Ehrenlegion. Gaffel. Dem Bankier Sichel wurde der Kronenorden 2. Klasse verliehen. Gnefen. Slal>lo>r rdneler Salo Wresrinsky wurde zum Stadtverordnete „-Vorsteher gewählt. Schönlanke. Geh. .Sanitätsrat Ludwig S a d;_§, ein Veteran aus den Kriegen 1866 und 1870//1 und Inhaber des Eisernen Kreuzes 1. Klasse, wurde anläßlich seines 70. Geburtstages zum Stadtältcstcn ernannt. Posen. Im Alter von 74 Jabren versch'ed Wolfs G u t t m a n n, seit 1892 Vorstandsmitglied der Synagogcngcmeindc. — Kommerzienrat Kantorowicz erhielt den Roten Adlcrorden 4. Klasse. Budapests Die hiesige Cbewra- Kaiicha hat ihr Mitglied General Adolf Ritter von Schweizer, der bei der letzten Sitzung der Chcwra persöickich anwesend ivar, zu ihrem E h r e n m i t - gliede ernannt. Komärom >Ung"rn). Raubmord. E'n Mann erschien in der Greislerci (Lebensmittelgeschäft) der Frau Solomon Fleischmann, schlug die Frau mit einem Beile nieder, und raubte das vorhandene Geld. Ter Mörder ist in der Person eines 32-jährigen Ziminermaniisgescllcn verhaftet worden. Paris. M. Strauß, Dir-klar des Sannätsdienstes im Kriegsministerium, wurde mit dem Range eines Kommandeurs der Ehrenlegion ausgezeichnet. Manchester. In der Si-ung des Stadtrates hielten der Bürgermeister Ratsherr Harrop und der Exbürgermeister Lir Thomas Shann dem. verstorbene» Ratsherrn Henry S a m s o » Gedächtnisreden. New Nork. Zum B u n d e s s e n o t o r ist der Finanzmann S i m o u Guggenhei m in Colorado gewählt worden. Dieser aus einer süddeutschen Familie stammende Multimillionär, der u. a. auch zu den Dircttorcn der „Smelting u. Resining Co." gehört, ist ein dominierender Faktor ans dem Kupfer- und Silbcrmarkt. Guggenhciin will bei seinem Eintritt in den Senat seine finanzielle Laufbahn ausgeben, ebenso will er seine Verbindung mit de» etwa zwanzig Gesellschaften, deren Präsident oder Aussichtsrat er ist, lösen. - New-Pork. In New-Orleans versch'ed plötzlich Frau Leon G o d ch a u x, bekannt durch ihre Wohltätigkeit. Als das neue Touro-Hospital erbaut wurde, gaben Frau Godchaux und deren Kinder 50 000 Dollars für diese Anstalt. — Gleichfalls in New- Orleans verschied — 64 Jahre alt — H e n r y N e w - man, der sich als Freiwilliger in dem amerikanische» Bürgerkriege sehr ausgezeichnet hatte und bei Murfrecstoro gefährlich verwundet worden war. Hongkong. Unser Glaubcnsg, nesse Kcmmandant Malthew Nathan, bisher, Gouverneur von .Hongkong, ist soeben durch Dekret des Königs Eduard von England, zum O b e r st l e u t n a n t befördert worden. 0 leuiUefon. 0 Ein Jomkippur. Von Ernst Schwarz. (Fortsetzung.) Benjamin wechselte die Farbe. „Ich sollte die Fabrik des Herrn Glogau bekommen? — ich wüßte nicht wieso." - Frankfurter Israelitisches Familienblatt. „Ich habe Dir doch gesagt, er hat mir seine Tochter für Dich antragen lassen. Sonntag in der Frühe fährst Du nach D., und abends ist Knaslegen." Der junge Mann wechselte abermals die Farbe, erklärte jedoch mit Bestimmtheit: „Ich fahre Sonntag nicht nach D'. und werde mich nicht mit Fräulein Glogau verloben." „Wa — wa — was? —Du führst nicht nach D.? wenn Dein Vater es Dir befiehlt?" „O, nach D. will ich wohl fahren, wenn Du es wünschest, oder wohin D>l sonst willst, aber mit Fräulein Glogau. werde ich mich nicht verloben." „Und ich sage Dir, Du wirst Dich mit ihr verloben!" schrie Reb Meier. Benjamin schüttelte deir Kopf. „Ich bin Dir bisher immer ein gehorsamer Sohn gewesen, aber zu einer Verlobung mit einem Mädchen, bas ich nicht will, dazu lasse ich mich nicht zivingcn, um keinen Preis!" __ _ . . Betroffen blickte der Baker auf den Sohn. ^Dieses energische Sclbstbewnßtscin hätte er dem sonst so Gesügigen nicht zugetraut, es gefiel ihm sogar, nur dem Vater gegenüber, meinte er, wäre es nicht am Platze. Er schrie daher, daß die Wände dröhnten. „Redet man so init dem Vater?" Benjamin zuckte die Achseln. „Ich glaube doch nicht, das; —" „Was hast Du denn gegen das Mädchen?" fragte der Vater. „Nichts habe ich gegen sie, ich kenne sie ja nicht einmal." „Alsdann fahr' hin und lern' sie kennen, und wenn Du dann sagst, daß sie Dir nicht gefällt, das war' schon 'ne andere Sach'." — „Es wäre nicht recht, wenn ich zu ihr fahren würde, denn ich weis; im voraus, daß ich sie nicht nehmen werde." „Wie kannst Du das wissen, wenn ich sage, daß Du sie nimnrst, so nimmst Du sie." „Du bist inr Irrtum, Vater, in dieser Beziehung gleiche ich Dir, wenn ich sage, das; ich sic nicht nehme, so nehme ich sie nicht." „Frecher Hund!" schrie Reb Meier, „ich hätte wahrhaftige Lust, Dir ein Paar über die Ohren zu hauen." Benjamin blickte ruhig zu ihm hinüber, ohne eine Silbe zu erwidern. Der Vater hob drohend die lange Pfeife gegen ihn, besann sich jedoch eines andern und verließ wütend das Zimmer, di» Türe donnernd in's Schloß werfend. Multer und Sohn sahen einander an, die erstere dankte Gott, daß die unerquickliche Szene zu Ende war; — aber ob sich dieselbe nicht demnächst wiederholen würde? Es wäre das erstemal gewesen, seit sie ihn kannte, daß Reb Meier etwas gelvollt hätte, ohne es dnrchzusctzen. „Benjamin, mein Kind, ich meine, Dil solltest Dir die Sache überlegen. Das; der Vater nicht zugebcn wird, daß Du die Rost heiratest, das weißt Du, also weswegen Ivillst Du nicht das Fräulein Glogau wenigstens kennen lernen?" „Du hast poch selbst gesagt, wir sollten einige Jahre warten, vielleicht ändert der Vater seinen Sinn." „Aber Du hast gesagt. Du weißt gewiß, der Vater lvird seinen Sinn nicht ändern, und mir scheint, darin hast Du recht." „Lasse uns hoffe», liebe Mutter, daß Du recht hast, daß der Vater seinen Sinn ändern wird." „Ach Du lieber Gott, hätte ich. das nur nicht gesagt! — Wie lange willst Du denn darauf warten? Du m u ß t doch heiraten." „So lange Rost ledig ist, warte ich darauf, sollte aber sie nicht so lange warten wollen und einen andern nehme», dann ist inir alles eins, dann heirate ich, welche Ihr Ivollt." Frau Löwi atmete schlver auf, ihr bangte vor der nächsten Zukunft. — Als Reb Jecheskel Altjchnl gegen Ende der Woche im Vorbeigehen sich erlaubte anzufragen, was er dem Herrn Glogau berichten solle, erschrak er über den ungnädigen Empfang, der ihm von Seiten des Herrn Vorstehers zu Teil lvurde. Er hätte andere Sachen im Kopf, hätte noch nicht Zeit gefunden, die Sache in Erwägung zu ziehen, in acht Tagen könne ec wieder einmal ansragen. Nr 4. Reb Jecheskel wiegte bedächtig da? ehrwürdige Haupt. „Das kann ich tun, — gewiß — ich kann in acht Tagen wieder anfragen, warum denn nicht? — Aber mein lieber Herr Löwi, Sie sind doch gewiß ein gescheidter Herr, dem das Sprichwort bekannt sein wird: Besinnt sich der Chochom, besinnt sich der Narr — und mir scheint. Sie werden es mir glauben, daß dem Herrn Glogau verschiedene Partien für seine Tochter angetragen werden. — Ob er. gar so lange wird warten wollen?" — Reb Meier schob die Hanskappe auf seinem Schädel hin und her. Er konnte dem Schalksnarren nicht unrecht geben, aber was sollte er machen mit dem verflitzten Trotzkopf von Sohn? — Aufgeben wollte er die Sache keineswegs, es müßte ja doch mit 'nein Wunder zugehen, wenn es ihm nicht schließlich gelingen würde,. den frechen Jungen zur Raison zu bringen; aber das; sein Sohn sich gegen den Vater so bockbeinig stellte, daß er nicht auf das erste Wort das Mädchen nehmen wollte, das er ihm bestimmt, das durfte kein Mensch erfahren! „Sie mögen recht haben, Herr Altschul, es mag nicht gescheidt sein, die Sache lange hinauszuschieben. — Aber Sie mögen mir's glauben, ich kamt mir im Augenblick nicht Helsen, weiß wahrhaftig nicht, wo mir der Kopf steht. — Aber vielleicht wäre es doch möglich, das; ich Ihnen früher würde Antwort sagen können, danir lasse ich's Sie wissen." Reb Jecheskel empfahl sich mit schwerem Herzen, er hatte gehofft, die Geschichte werde sich so glatt abwickeln; das war nun nicht der Fall. Was mochte dazwischen gekommen sein? Es war zwar bekannt, das; der Roschhakohol viel im Kopfe haben mußte, die ausgedehnten eigenen Geschäfte, die der Kultusgemcinde und aller der verschiedeilen Ehrenämter, die er bekleidete, — aber, daß er noch nicht Zeit gefunden haben sollte, die feine Partie, die er ihm für seinen Sohn vorgeschlagen hatte, in Erwägung zu ziehen, das glaubte er ihm doch nicht. Es war am Rüsttage zum Jom hakipurim, zu». Versöhnungstag. Der Minchagvttesdienst war vorüber, 3icb Meier Löwi hatte sein Geschäft zwar noch nicht geschlossen, hatte sich jedoch bereits in seine Wohnung zurückgezogen, in sein Zimmer, wo er sich auf den morgigen Tag vorbereiten wollte, an dem er beim Minchagottesdienst in der großen Synagoge vorzubeten pflegte. Schon seit einer Reihe von Jahren hatte ihn die Gemeinde damit betraut, die Vorbereitung war daher eigentlich überflüssig, aber er hätte sich ohne diese unsicher gefühlt. Es war doch auch keine Kleinigkeit, an dem heiligsten Tage des Jahres als Vertreter der ganzen Gemeinde die heiligen Gebete zu Gott empor zu senden. Behaglich lehnte er in dem weich gepolsterten Armsessel, eine Tasse dampfenden Mokka vor sich ans dem Tische. Eben wollte er das Machsor, das Buch, das die Festgebete enthält, aufschlagen, als sein Sohn bereits in seiiicr Sabbatkleidung in das Zimmer trat. „Woher? wohin?" fragte 9ieb Meier. „Ich war int Bethamidrasch zu Minchoh, und jetzt muß ich zur Großmutter gehen, sie hat mich eingeladen, bei ihr zu essen. Willst Du mich bensche», Vater?" Er neigte sich, und der Baker legte beide Hände auf sein Haupt und sprach halblaut flüsternd, den üblichen Segen, dann reichte er dem Sohne die Hand. „Und was ich Dir wünsche, Benjamin, das weißt Du. Vorallem eine Esches chajil, wie sie im Siddur steht, versteht, sich mit einer schönen N'dan. — Habe ich Dir schon gesagt, daß heute Vormittag 9keb Jecheskel wieder dagewesen ist? — Mir scheint, es war gar nicht so dumm, das; wir nicht gleich zugegriffen haben, jetzt bietet der Glogau schon neunzigtausend, warten wir noch acht Tage, so wird er sich selbst auf hunderttausend steigern, das ist gar nicht so übel, meinst Du nicht?" ' Benjamin zuckt die Achseln. „Du weißt, wie ich darüber denke, Vater. Wenn Du, nicht zugibst, daß ich das Mädchen heirate, das ich liebe, so heirate ich vorläufig überhaupt nicht." „Siebet man so mit dein Vater?" polterte Sieb Meier; doch sich mäßigend,, fuhr er ruhiger fort: „Das hätte ich, weiß Gott, nicht gedacht, daß Du heute' so reden würdest, — am Erew Jo»ikippur sich versündigen!" (Fortsetzung-folgt.)

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