Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Sir. 4 Frankfurter Israelitisches Familienblati. Seite 8 dreißig'Jahre vorher gefaßten Beschlüsse über den Haufen warf und — man denke! — mich um mein Einverständnis befragte! Nun rede einer von Prinzipien! Wer hätte im Jahre 1872' vorausgesagt, daß Zion, wenn auch nur politisch, »och einmal Trumpf würde, und welcher Vorstand einer großen Gemeinde würde sich heute getrauen, angesichts des Zionismus Zion aus dein Gebetbuche auszuschalten, wenn die Gemeiildc nicht etwa schon lange über ein derartiges kastriertes Gebetbuch verfügt! Ich muß sagen, daß ich unter den Kultusreformern des vorigen Jahrhunderts nur einen kenne, der einen prophetischen Blick hatte, und .den ich, je älter ich werde,, desto mehr verehre. Das ist Mannheimer. Er hat. kein traditionelles Prinzip angetastet und iin gewöhnlichen Siddur nur das „O'winu Malkenu nekäum.'löenenu" gestrichen. Ob er es getan haben Würde, wenn er die russischen Judenverfolg-.uzen erlebt hätte, bezweifle ich, denn es gibt gewiß auch unter den Juden strengster reformistischer Observanz keinen, der nicht sehnlich wünschte, daß alle die russischen Judenhenker der Teufel hole. Mehr sagt jener „Owinu Malkenu" auch nicht. Ihr ergebener Dr. G ü d e m a n n. Berlin. Am Sonntag fand eine Sitzung des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt, inder eine Reihe Fragen, die gegenwärtig weite jüdische Kreise interessieren, zur Verhandlung kamen.. Auf Grund eines Antrages von Herrn Faitlovitsch-Paris, der nach Abessynien gereist war, um die Verhältnisse der dortigen, jüdischen Bevölkerung, der Falaschas zu studieren, wurde Herrn Dr. Nathan ein Dispositionsfonds zur Verfügung gestellt, der dazu dienen soll, eine Unterstützung zu gewähren, um die nötige Verbindung dieser völlig isolierten Juden mit ihren Brüdern in der zivilisierten Welt wieder herzustellen. Herr Prosessor Philippson, der auf besondere Einladung der Sitzung beizuwohnen die Güte hatte, hielt einen außerordentlich fesselnden Vortrag über die Lage der Juden im Orient, speziell in der asiatischen Türkei. Er wies auf die Notwendigkeit hin, die Besserung der vielfach traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung daselbst durch Ausgestaltung des Bildungswesens, Förderung von Fachschulen für Handwerker und technische Berufe- sowie höherer Bildungsinstitute allmählich anzubahnen. Der Hilfsvercin der Deutschen Juden, der entsprechende Bestrebungen befolgt, und in gewissem Umfange in Palästina bcrcits realisiert, sprach Herrn Professor Philippson seinen lebhaftesten Dank für die wertvollen Informationen'und Anregungen aus; und es wurde beschlossen, in der von Herrn Professor Philippson bezeichneten Richtung tätig zu sein. Zur Unterstützung der Jeschiwot in Rußland, die unter der Ungunst der Verhältnisse ganz außerordentlich, zu leiden haben, wurden 10000 Mark bewilligt. Für die durch eine Feuersbrunst heimgesuchte Gemeinde^ der russischen Stadt Krzepitz— über 150 Familien wurden durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen — sind 800 Jk gewährt worden. In der Sitzung wurden alsdann noch die S u b - v e>u t i v n e n für die Schule Reschith' Daath in - Bukarest und die. Haushaltungsschule „Lumina" in Galatz, der der Hilfsverein die Angliederung einer, fünften Klasse ermöglicht hat, erneuert. Berlin. In. Deutschland gibt es 21 jüdische Waisenhäuser mit einem Gesamtvermögen von Jk 10 300 000 und einem Gesamtetat von Jk 830 000. Das größte Vermögen mit Jk 1136000 haben die Baruch Aiicrbach'schen Waisen- und Erziehungs-Anstalten in Berlin, dann kommt mit Jk 1000 000 die Waisenanstalt in Seesen und dann mit Jk 990000 die Waisenanstalt in Fürth. Diesem imponierenden Ausbau des jüd. Waisen- Versorgungswesens steht jedoch der Mangel an anderen, mindestens gleich notwendigen Anstalten gegenüber. Es gibt in Deutschland weder eine jüdische Blindennoch eine jüdische Jdioteu-Anstalt, und die einzige jüdische Taubstummenanstalt in Wcißensee bei Berlin , ist. in ihrer Tätigkeit noch sehr eng begrenzt, da ihre größere Mittel fehlen. Hannover. Das hiesige Landgericht bat die Frage, ob'jüd: Eltern ihre Kinder in der jüdischen Religion unterrichten lassen müssen, bejah t,. nachdem sie vorher: das Schöffengericht verneint .hatte.- Eisenach. Im hiesigen Wahlkreise t-.itt das Centrum sofort für den Antisemiten Sch ack ein: ■ Külberg. Das: jüdische Kurhospital hat. im. abgelaufenenen Jahre, dem 32.- seines Bestehens, 438 Pfleglinge (215 Erwachsene, 223 Kinder) beherbergt, und zwar 292 in Freistellen, 146 gegen Leistung eines kleineren oder größeren Teilesder Selbstkosten.- Die Schreckensgeschehnisse in Rußland warfenihre- Schatten auch auf. das - Kurhospital. In-dem Berichte heißt es darüber: ' . „Zu unseren Pfleglingen gehörte unter anderen auch ein etwa zwölfjähriger russischer Knabe aus Simferopol, dessen-Vater: unter besonders, tragischen Umständen, als. grausames Opfer eines Pogroms gefallen war. Der arme Mann hat nach den Berichten der.russischen'Tageblätter das schwere- Verbrechen begangen;-, mit seltener 'Aufopferung 200 Judenaus den Händen,! der», entmenschten Verfolger zu .retten- und mußte seine edle Tat mit dein eigenen Leben büßen. Der Knabe aber war Zeuge der Ermordung seines Vaters und fiel infolge des schrecklichen Anblicks in eine tiefe Ohnmacht, aus der er stumm erwachte. Eine furchtbare Nervenerschütterung hatte dem Kinde die Sprache geraubt. Nachdem die Kunst der heimischen Aerzte. lange sich vergebens an dem kleinen Patienten versucht hatte, wurde er nach Berlin gebracht, woselbst er unter der Behandlung des Herrn Dr. Liebmann und dem Beistände edler Menschenfreunde langsam wieder genas und seine Sprache wiedersand. Zur Sicherung dieses wunderbaren Heilerfolges, zur Vermeidung eines Rückfalles, ganz besonders aber zur völligen Beseitigung seiner nervösen Ueberreizung und zur Stärkung seiner Widerstandsfähigkeit wurde ihm eine mehrmonatlichc Sol- und Seebadekur verordnet .und seine Ausnahme in unsere Anstalt beantragt, in der er sich drei Monate lang bis zmu Betriebsschluß einer gründlichen Kur unterzog." Von den übrigen Pfleglingen waren 427 aus Preußen (283 aus Berlin), 14 aus dem Königreich Sachsen, je 1 aus Bayern und Hamburg. In der Soolbade-Anstalt des Instituts wurden 8622 Bäder gratis verabfolgt. Die Heilerfolge waren überaus günstige, indem 266 als „geheilt", 166 als „gebessert" und nur 6 „ohne Erfolg" entlassen wurde». Die Gesamt-Einnahmen betrugen 46383 Jk (davon an Kapltal-Zuw.ndunge» 12 200, an Jahr sbnträg n 16587, Zinsen 5770 Jk), die Ausgaben 37 689 Jk Bedauerlicherweise zeigen die Jahres-Beiträgc einen nicht unerheblichen Rückgang, und sei deshalb das Publikum auf die so segensreich wirkende Anstalt aufmerksam gemacht. Zweidrücken. In dem bekannten Streitfälle im Rabbinatsbezirke Zwcibrücken - Pirmasens hat das Staats-Ministerium für Kirche und Schulangelegenheiten eine prinzipiell bedeutsame Entscheidung getroffen. Die Kultusgemeinde Zwcibrücken hat schon vom Jahre 1899 an die Entlassung des von dem Rabbinatsbezirke Zweibrücken angestellten Bezirksrabbiner angestrcbt. Die köuigl. Regierung der Pfalz erklärte sich damals für unzuständig und verwies die Gemeinde auf den ordentlichen Rechtsweg der Zivilgerichte. Das Landgericht Zweibrücken hat aber gleichfalls die Klage wegen Unzulässigkeit des Rechtsweges zurückgewiesen und die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörde betont, wogegen Berufung zum Oberlandesgericht Zweibrückcn eingelegt wurde. Noch vor Entscheidung dieses Gerichtes hat die Geineinde sich an das Staatsministcrium gewendet. Die jetzt erfolgte Entscheidung stellt im wesentlichen folgende Grundsätze auf: Die Regierung kann — selbst gegen den Willen der Gemeinde — jederzeit die von ihr erteilte Bestätigung des 'Rabbiners zurücknehmen. Im vorliegenden Falle wurde es'für statthaft erachtetdaß die beteiligten 16 Gemeinden bezw. deren Mitglieder die Entlassung erklärten. Da die Mehrheit dieser Mitglieder sich aber gegen die Entlassung ausgesprochen hat, so konnte dem Anträge der Gemeinde Zweibrücken eine Folge nicht gegeben werden. Bezüglich des von dieser Gemeinde eingebrachteu Eventualantrages, die Entlassung nur für ihren Teil zu erklären, wurde die Verfügung der königl. Regierung der Pfalz, welche hierzu ihre Zustimmung versagte, aufgehoben, und dieselbe angewiesen, falls die Gemeinde Zweibrücken auf ihrem Anträge bestehe, neuen Beschluß zu fassen. Der Antrag der Gemeinde hat durch die stimmberechtigten Gemeind'emitglieder unter amtlicher Leitung zu erfolgen. Das Staatsministerium hat ausdrücklich betont, daß vor der Zurücknahme der Bestätigung eine Auflösung des Vertragsverhältnisses durch die Zivilgerichte nicht zu erfolgen brauche. Es ist somit im Prinzipe seitens des Ministeriums (also noch nicht seitens der ordentlichen Gerichte) entschieden, daß für ähnliche Falle die Verwaltungsbehörden zuständig sind. - Hohensalza. Der Bau einer neuen Synagoge soll 1907 beginnen. Die Kosten sind auf 150000 Jk angenommen. Die Bauleitung liegt in den Händen des Stadtbaurais Baumgarten? Rußland; Moskau. Auf B'kehl des General-Gouver. neurs ist vom Rektor der Universität und den Direktoren der höheren Lehranstalten ein Verzeichnis d er j ü d i s ch e n S t u d e n t e n b ez w. Schüler ringefordert worden. Für den Falk, daß Unruhen unter den Studenten oder Schülern entstehen, w i l l der General-Gouverneur sämtliche jüdischen Studenten und Schülern auswcisen. Kalksch. H er hat sich eine antisemitische Partei gegründet, die unter demokratischer Flagge segelt und sich nicht nur mit politischer Propaganda begnügt, sondern auch praktische Arbeit leistet. Sie hat ein großes Galanteriewaren-Geschäft eröffnet, das die jüdischen Galanteriewaren-Geschäfte ruinieren soll, siehat zwei kleine Fabriken in Bambusmöbeln ruiniert,, indem sie denselben die Arbeiter für eine von ihr errichtete Fabrik weggenommen hat. Zwei der drei hiesigen Kredit-Institute leihen Juden kein Geld, ja nehmennicht einmal ein Giro von einem Judewan. — Kalisch ist jedoch nicht der erste Platz, wo sich , auf diese Weise der polnische Antisemitismus breit macht. Diese polnische Form des Antisemitismus,- die an die Stelle des Antisemitismus einen Asemitismus setzt, wird schon längst in Galiziendem österreichischen Polen, geübt und hat dort tausende Juden, nachdem sie um ihre Existenz gebracht waren, aus dem Lande getrieben. Starodub (-«ouv. Tschcrnigow) Die hiesige Stadtverwaltung (das Stadthaupt ist zugleich Vize- Präsident der- Filiale des „Verbandes del Russischen Polles", der bei den letzten Wahlen nur durch zwei Stimmen gewählt worden ist!, hat ganz willkürlich aus der alten Wählerliste 20"/« der Wähler, hauptsächlich Juden, gestrichen. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Verein .TikereS B a ch u r i m". Der „Tiferes Bachurim" ist einer jener wenigen Vereine, von denen man sagen kann, daß ihre Tätigkeit von nachhaltigem Einfluß aus ihre Mitglieder ist. Denn der Tiferes Bachurim, dessen Vorstand und tätige Mitglieder, dessen Redner und Debatter junge Leute sind, hat — ohne Phrase — in gar vielen jungen Leuten das Interesse am Judentum wachgehalten und vertieft, und ihm ist es zu verdanken, daß gar manches seiner Mitglieder heute fest und treu und mit lebhaftem Eifer zum gesetzestrcuen Judentum hält. Und wenn nun ein solcher Verein nach Monaten fleißiger Arbeit auch einmal ein Fest feiert, das berufen ist, neue junge Mitglieder in seinen Bannkreis zu ziehen, so ist das nur zu loben, — und so haben wir denn das gestrige Fest bereits gelobt, als wir zu ihm eingeladen wurden. Aber auch, nachdem das Fest jetzt hinter uns liegt, sind wir des Lobes voll. Herr Georg Freudenstein leitete mit Schwung das Präsidium, das sonst von Herrn Hermann Goldschmidt geführt wird. Die Feier wurde eröffnet mit einer Rede des Herrn Hermann Goldschmidt, der ein längerer. interessanter Bortrag des Herrn Leopold Oppenheimer über hebräische Dichtungen folgte. Run wechselten in buntein Durcheinander Klavier- und Gcsangsvortrgge des Herrn Kantor Reumann von der Hermesweg-Synagoge mit Rezitationen, Tischliedern und Tischreden ab. Mit besonderem Beifall wurden die Ansprachen der Herren Rabbi n e r D r. M. H o r o v i tz, des Ehrenpräsidenten, Professor D r. S u l z b a ch und Jacob S. Pose n ausgenommen. Bon den Rezitatoren nennen wir die Herren LeopoldPerlmutter, Manfred Rosenblatt, Lasar Horowitz und Georg F r e u d e n st e i n. Mit humoristischen Couplets traten die Herren Sally Weil und Siegfried Oppenheimer aus. Ms mau sich um 121/i llhr trennte, da hatte ein jeder den Wunsch, mindestens jeden Winter einmal in gleicher Gemütlichkeit und Herzlichkeit zur jrohen Feier den „Tiferes Bachurim" vereint zu sehen. Frankfurt a. M. s.Die Vorschriften unserer Weisen in der Geschichte" lautete das Thema, über das Herr Rabbiner Dr. Boudi- Mainz im Verein Mekor-Chajim letzten Sonntag sprach. Der Redner behandelte die „Tekonaus Chachomim" auf Grund der Forschungen des berühmten Gelehrten Jiszchak Halevi. Unter „Tekonaus Chachomim" versteht man die allgemein gültigen Einrichtnngen, die unsere Weisen geschaffen haben. Die Tekonaus Chachomiin sind uralt, die letzten wurden von Rabbi Jehudo Nesio, dem Enkel von Rabbi Jebndo Hakodausch gegeben. Der Redner zeigte an der Hand zahlreicher Beispiele das Wesen und die Bedeutung der Tekonaus Chachomim, dabei besonders die leichtsinnigen Erklärungen der neolog gesinnten Gelehrten beleuchtend. Prag. Die Gründung eines jüdischen Schulvercins für Böhmen wurde in einer von 90 Delegierten böhmischer Kultusgemeiuden und Prager Korporationen besuchten Versammlung beschlossen. Der Schulvereiu will es sich zur Aufgabe machen, jüdische Studenten durch Stipendien zu veranlassen, daß sie sich dem Lehrerfache widmen. Er will ferner die Pensionen der Lehrer nach Möglichkeit verbessern, notleidende Gemeinden unterstützen und in den reichen Gemeinden Anregung und Beisteuer zur Errichtung jüdischer Schulen geben. Der Verein will sich auf der. breitesten Grundlage aufbauen, er erstrebt, daß jeder böhmische Jude sein Mitglied werde und wird deshalb den Jahresbeitrag nur nckt Kr. 1 sestsetzen. Persouallem Frankfurt a. M. Dem Rechtsanwalt und Notar Justizrat Dr. Geiger wurde der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen. Berlin, 21. Januar. Im hohen Alterff von 85 Jahren verschied heute Frau Pauliue Berliner, die Gattin des wohlbekannten Gelehrten Prosessor Dr. Adolf Berliner. 1 Mit der Verewigten ist eine Frauengestalt heimgegangen, auf die die hiesigen Kreise des gesetzestreuen Judentums mit berechtigtem Stolz Hinblicken durften. An der Seite ihres Gatten, der neben seiner wissenschaftlichen Beschäftigung und seinem Lehramt noch die Zeit findet, den Bedürfnissen der Gemeinde Adaß Jisroel seine beste Kraft zu leihen, fand die Heimgegangene in über 50jähriger treuer Ehegenossenschast reichlich Gelegenheit, ihre Hilfsbereitschaft, die ein hervorstechender Zug ihres reinen Wesens war, zu betätigen. — In den Frauen -Verein der