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Neue jüdische Presse · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Frankfurt a. M. Stiftungen. Die jüngst verstorbene Frau Charlotte Speyer geb. Ster» hinierließ denr „Mädchenstift" in der Rückertstraße Ji 80000, dem „Israel. Frauen-Verein" in der Theobaldstraße Ji 40000 — und einer größeren Anzahl weiterer jüdischer Vereine kleinere und größere Beträge. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Inden hat gcmcinschastlich mit der Groß löge f ii r Deutschland eine besondere Mteilnng seines „Z e n t r a l b u r c a u § f ü r j ii d i s ch e dl n s w ander n » g sa n g e l e g e n h e i t c n" in H a m bürg errichtet. Mit der Erweiterung der Fürsorgetätigkeit für die jüdischen Emigranten,. die infolge der traurigen. Verhältnisse, in Rußland erforderlich geworden war, und mit den neuen Aufgaben, die der Plan einer zweckmäßigen Verteilung der Auswanderer in den Bereinigten Staaten, an den Hilfsvcrein stellt, war die Etablierung eines solchen Bureaus im Haupthafen der jüdischen Auswanderung notwendig geworden. Die Adresse des neuen Bureaus ist: „Zentralbureau für Jüdische Anstvandcrnngsangelegenheiten (Hilfsverein der Deutschen Juden, Großloge für Deutschland) Abteilung Hamburg, Kleine Bäckerstr. 21. Das Bureau untersteht dem Hamburger Lokalkomitcc des Hilfsvereins, das sich ans folgenden Herren zusammensetzt: A. Lcwandowsli 1. Bors., Moritz Marburg 2. .Vors., D. Frischmann, Dr. R. Hinrichsen, Oberrabbiner M. Hirsch, Dr. E. Kalmus, Paul Laskar, Dr. H. C. Plaut, Dr. Hermann Samson. Mit der ehrenamtlichen Geschäftsführung wurde Herr Paul Laskar betraut. Berlin. Die uns soeben -»gegangene No. 67 der „Mitteilungen vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebnnd" berichtet an erster Stelle über den Stand der Vorarbeiten zur Schaffung eines O r g a n is a t i o n s g e s e tz e s für die Synagogengemeindcn Preußens. Der Rosin'sche Entwurf hat, wie bekannt, die Zustimmung der preußischen Gemeinden und ihrer Verbände nicht gefunden. Die ans den Sachverständigen des D. I. G. B. und des Verbandes der deutschen Juden zusammengesetzte, durch Vertreter aus Hannover, Kassel und Wiesbaden also solcher preußischen Landestcile, die dem Gesetze vom 23. Juli 1847 nicht unterworfen sind, verstärkte „Gemischte Kommission" legt ihren Arbeiten den aus dem Boden der altpreußischcn Gcmeindeautonomie stehenden Enttvurf eines ihrer Mitglieder zu Grnnde. Sobald die zweimal im Monat stattfindenden Beratungen abgeschlossen sein werden, wird das .Ergebnis den größeren Gemeinden und den Verbände» zur Prüfung vorgelegt. •, Ein Artikel „Zur Mlvehr" beschäftigt sich mit Gegcnagitaiionen, die den K-, I. G. B. bei seinen Mitgliedern als gefährlich für die Unabhängigkeit seiner Klienten hinstcllen, und wogegen der D. I. G. B.' sich verwahrt. Das G e s a m t a r ch i v der d e n t s ch e n Juden hat mit der organisierten Sammelarbeit begonnen. Cs ist zu hoffen, daß schon in zwei Jahren neben die archivalische Bearbeitung der jetzt noch vielfach in jüdische», staatlichen und städtischen. Besitz befindlichen Archivalien, eine wissenschaftliche Erschließung des Materials durch Editionen treten wird. Um den Uebeln abzuhelfcn, die sich für den einzelnen ans dem Mangel an zureichenden archivalischen und bibliothekarische» Hilfsmitteln ergeben, hat sich das Gesamtarchiv zugleich als allgemeine Ausknnstsstelle sür das Gebiet der Geschichte der Juden in Deutschland konstituiert. Die Beantwortung erfolgt kostenfrei. Das Gesamtarchiv der deutschen Juden befindet sich AV. Lützowstr. 15 Part, und ist täglich, außer Sonnabends, von 8—1 Uhr geösfnct. Der Fonds für die in Beelitz zu begründende „E r z i e h u n g s a n st a 1 t für s ch w a ch s i n n i g e M i >l d e r j ä h r i g e" ist infolge einer Sammlung und der Bewilligung von 3000 Ji aus der Jacob Plaut-Stistung auf 63 600 Ji. angestiegen. Es ist im Interesse der zahlreichen, die Eröffnung der Anstalt herbeischenden Eltern schwachsinniger Kinder dringend zu wünschen und zu hoffen, daß der Restbetrag der auf 100 000 Ji. veranschlagten Biusnmme baldigst zusammenkomme. Ein ausführlicher 'Artikel, der sich mit' der ans die Erfahrungen eines Lustrums zurückblickcnden Arbeiten auf dem Gebiete der F ü r s o r g e - E r z i e h - ung beschäftigt, entwirft Bilder des inneren Anstaltslebcns und gibt teils erfreuliche, teils bedenklich stimmende Ausblicke auf das Schicksal der entlassenen Zöglinge. IN den Artikeln „Kleine Mitteilungen" und „Personalien" werden Auskünfte über den „Verband der Vereine zur Förderung des Handwerks und der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands", über die „Schwarze Liste", das „Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung (Statistisches Jahrbuch für 1007") und über eine „Normal-Friedhofsordnung", sowie über Personalveränderungen in der Verwaltung des D. I. G. B. gemacht. _ Berlin. Gleichzeitig mit der Tagung der „Bereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner" tagte die „Vereinigung der liberalen Rabbin e r D e u t s ch l a n d s". Die Präsenzliste wies 34 Rabbiner und 2 Rabbinatskandidaten auf. Die Sitzung währte nur vier Stunden und hatte ihren Höhepunkt selbstverständlich in einer Resolution, in der wieder einmal das. Unzeitgemäße jüdischer Gesetze Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ausgesprochen wurde. Diesmal galt's den „Priestergcsetzen", und die einmütig gefaßte Resolution lautete: „Seit der Zerstörung des Tempels hat sich die religiöse Entwickelung des Judentums vom Opferwesen losgelöst und kann auch in Zukunft ihr Ziel nicht mehr in der Wiedereinführung eines Opferkultus erblicken. Die mit dem Bestand des Opfertempels zusammenhängenden Priestergesetze haben damit ihre ursprüngliche Bedeutung verloren und können als erschwerend für .die religiöse Präzis nicht mehr in in.Betracht kommen!" l > 1 :;M ' Eine 7 gliederige Kommission wurde beauftragt, der nächsten Mitgliederversammlung Bericht zu erstatten, bezw. ihr Vorschläge zu unterbreiten. — Der Kommentar zu dieser Resolution möge uns erlassen werden. Berlin. Ausgrabungen in Palästina. Professor Sellin, der verdienstvolle Anfänger der neuesten deutschen Ansgrabungen in Palästina, wird nunmehr, nachdem er die Ruinen von Tell cl-Tacannek am Südwestrand der Ebene Jezreel vollständig aufgedeckt hat, im 'nächsten März die Ausgrabung von Jericho beginnen. Berlin. Aus der Grneralveisammlung des Ra bbi ne rv crb a n d cs in Deutschland ist zu erwähnen: Das Referat des Herrn Rabbiner Dr. Jacob-Dortmund „Anteil der Wissenschaft des Judentums an der Emanzipation der Juden" erregte durch seine Tendenz einen Sturm der Entrüstung, da Referent an den Errungenschaften der jüdischen Wissenschaft eine herabsetzende und verletzende Kritik übte und sich sogar zu der Behauptung verflieg, daß cs eine voraussehungslosc Bibelforschung nicht gebe. Nach langer Diskussion einigte man sich auf eine Resolution, die die Mißbilligung der Versammlung ausspricht und von der Erklärung des Referenten, daß ihm eine verletzende Absicht fernlag, Kenntnis nimmt. — Es wurden über die „Orgaiiisativn^- frage", „Bczirksrabbinatc",. „Schächten", „Säbbatheiligung" üsw. Referate gehalten, die zum "Teil sehr instruktiv waren, aber nur wenig neue Anregungen brachten. Karlsruhe. Unsere Großh erzog in bat aus der Jubiläuiiisspendc der Frauen und Jungfrauen des Landes deni Großg. Oberrat der Israeliten für das in Bad Dürrhcinr zu errichtende Hospiz für i s r. Kinder und minderbemittelte Erwachsene die Summe von 8000 Ji. zugewiesen und dabei ihrem Interesse an der baldigen Erstehung dieser 'Anstalt 'Ansdruck verliehen. . Fürth. Der Sozialdemokratie ist auch der A n t i s e in i t i s m u s ein geeignetes Mittel, wenn sie gerade seiner bedarf. Diese schon des östern konstatierte Tatsache, ist auch in dem hiesigen Wahlkampfe zu ^verzeichnen. In der Agitation gegen den liberalen Kandidaten Kommerzienrät Manz hat sic zu diesem Mittel gegriffen. Schon vorige Woche wurde unter den Bahnarbeitern und anderen Kategorien gegen die „Judenpartei" und den ausgestellten „Juden" Stimmung gemacht. Nun wird aus den Landbczirken gemeldet, daß dort die sozialdemokratischen Agitatoren die Parole ausgeben: „Wählt den Bamberger Juden nicht!" — Und dabei ist Manz eist waschechter: Christ. Oldenburg. In diesem Frühjahr finden in allen jüdische» Gemeinden des Herzogtums die Wahle n zum S y n a g o g e n g e m e i n d e - R a t e statt. Durch Verfügung des Großhcrzogl. Landesrabbinates sind soeben die Wahlen festgesetzt worden. Von besonderer Wichtigkeit ist bei uns nur das Amt des ersten Vorstehers, da dieser alsdann Mitglied des Jüdischen Landesgemeinde-Ratcs ist, der gesetzgebenden offiziellen jüdischen Behörde. Eine große Verschiebung werden die Wahlen nicht bringen, auch haben diese mit religiösen Richtungen absolut nichts zu schaffen, da der Kultus und alle religiösen Fragen einzig und allein vom L a n d r a b b i n e r besttmmt werden, welchem auch die Wahlprotokolle, Wahlproteste nsw. zuzustellen sind, und der alsdann die Vereidigung der ncngewählte» Vorsteher vorninimt. Hannover. Der Rentier Goldschmidt zu Hannover hat bis Ostern 1906 in Peine gewohnt, ist dort Mitalied_-her S y n a g o g c n g e m e i n d e gewesen und bei seinem Wegzüge zur Zahlung eines Abzngsgeldes in Höhe des dreifachen Betrages der zuletzt bezahlten. Jahressteuer an die Synagvgengemcinde aufgefordert worden. Er verlangt Rückzahlung ^dieses inzwischen entrichteten Abzuggeldes, indem er bestreitet, daß für die Erhebung der Abgabe, wie die beklagte Synagogcngemeinde behauptet, ein Gewohnheitsrecht besteht und sich überhaupt habe bilden können, weil sie vor allein dem Frcizügigkeitsgesetze entgegenstehe. Beklagterseits wurde dargetan, daß ein Gewohnheitsrecht im behaupteten sinne bestehe, und wenn in einem Einzclfalle davon abgesehen, dies deshalb geschehen sei, weil die abziehenden Personen vermögenslos waren. Die Klage wurde aus formellen Gründen abgcwiesen. Kostschin. Die hiesige Synagogengemeinde, zu den ältesten der Provinz Posen zählend, hat sich bis auf zwei Familien reduziert. Die Gemeinde besitzt ein Gotteshaus, das vor nicht langer Zeit renoviert wurde. Seite 3. Oesterreich-Ungarn. Wien. In einem Feuilleton der .Neuen Freien Presse" vom 5. Januar 1907: „Börnes greint bin" schreibt Alfred Freiherr von Berger: , „Für die nberreizüare, hautlose Rervenorganisativn eines schriftstellerischen Temperaments, wie es Börne besaß, dessen Muse die Aufregung war, der. selbst überempfindlich für Schmerzen, schmerzhafte Hiebe auSteilte, ist eine Freundin, wie Frau Wohl, das kostbarste Geschenk, das ihm daS Schicksal geben kann. Wer von allen Seiten angefeindet ist, gehaßt» beschimpft und verflucht, wie der Autor der Briefe aus Paris es war lind mancher grimme Polemiker vor und nach ihm, der braucht ein Frauenherz, in dessen heißer Empfindung seine bioßliegenden, zuckenden Nerven aufhören, wehe zu tun, in dessen Glauben, sei» im Sturm zerflatterndes Selbstgefühl sich wieder sammeln und kräftigen kann. Wie oft pflegt man Rittern vom Geist auf allen Schaffens-' gebieten höhnisch vorzuwersen, daß das Gefühl, das sic mit einer Frau verknüpft, nicht Liebe sei, sondern nur die Sucht, sich in der bedingungslosen Bewunderung und Anbetung, deren nur ein liebendes Weib sähig ist, satt zu sonnen. Man spricht dann von der bis zur 'Lächerlichkeit maßlosen Eitelkeit sonst bedeutender Geister. Die Tatsache sei nicht geleugnet. Aber ahnen die Leute, die darüber spotten, was diese sogenannte Eitelkeit in Wirklichkeit ist? Etwas wie der verzweifelnde Trieb des wunden. Wildes in die dampfenden Strudel -einer heißen Ouelle, eine Flucht vor der lieblosen Kritik der Welt und vo> der noch grausameren und unheimlicheren Selbstkritik in eine Seele, die an einen glaubt, die einen bewundert, die einen liebt, mag auch alle Welt ' schreien: Du bist ein Tor, ein talentloser Pfuscher, ein elender Wicht. So mancher große Dichter oder Künstler, den die Nachwelt preist, wäre .vielleicht früh zu Grunde gegangen, wenn er nicht glicht * irgendwo ein weibliches Herz besessen hätte, jdas für ihn schon bei Lebzeiten seine Nachwelt war. Bon dieser Art, dünkt mich, war das Verhältnis der Frau Jeanette Wohl zu Börne. Daß sie sähig war, ihm das zu sein, was sie ihm war, das verdankt sie vielleicht zum Teil auch der Rasse, welcher sie entstammte. Die Anbetung des Geistes als des höchsten, göttlichen Dinges in der WeljJiegt den Inden von aliersher j im Blut, und jüdischen Frauen ist es natürlicher als anderen, sich in den Mann von seinem Geist 'aus zu verlieben. Wer geistigen Zielen lebt, wird stets dieiErfahrung. machen, daß es vor allen jüdische Frauen sind, die sich bemühen, ihm nahczukvmnien, ihm etwas zu sein, ihn zu trösten, zu ermutigen und, wenn es not tut, ihm zu helfen. Ferdinand v. Saar, der es wissen konnte, hat mir das mehr als einmal bekräftigt. Jüdische Frauen haben für den Geist, wo er sich zeigt, immer etwas wie ein mütterliches Gefühl." Wien. Wie die „N. Fr. Pr." meldet, wftd demnächst der Stiftbrief der von dem verstorbenen Freiherr» Nathaniel von Rothschild errichteten Stiftung von A n st a l t e n für Nervenkranke der Statthafterer zur Genehmigung vorgelegt werden. Baron Nathaniel Rothschild hat bekanntlich ein Kapital von 20 Millionen Kronen für die Stiftnng bestimmt. Aus den jährlichen Zinsenerträgnissen des Stistskapitals sollen 'Anstalten für Nervenkranke mit Ausnahme von Geisteskranken, unheilbaren Epileptikern und Personen mit anatomischen Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks errichtet werden. Ein Jahr lang haben die eingehenden und umfassenden Vorbereitungen für die Errichtung des stiftbriefes in Anspruch genoinmen, nachdem Freiherr von Rothschild die Festsetzung des Stiftbriefes seinem Erben und Testamentscrekutor überlassen hatte. Dem Stiftbricfe gemäß werden auch die Vorschläge hervorragender Psychiater, und zwar August Forel in Zürich, Dr. Paul Möbius in Leipzig und Dr. Pick in Prag und der Wiener Professoren .Hofrat Dr. Wagner von Jauregg und Tr. Redlich zur Verwertung gelangen, die Baron Albert Rothschild bei den Genannten eingeholt hat. Das Kuratorium, dem btcii Verwaltung der Stiftung obliegen wird, wird aus zwölf Personen zusammengesetzt sei». Nach Komplettierung des Kuratoriums durch weitere drei Herren außer den genannten wird seine KonsUtuierung erfolgen. Budapest. Spende. Herr Emil Horn in Paris, Sohn des einstigen ungarischen Staatssekretärs Eduard Horn, hat die 5000 Fr., die ihm von der französischen 'Akademie als Preis für seine Monogravbie über Franz Rakoczi II. zuerkannt worden sind, der hiesigen „Chewra Kadischa" überwiesen. Budapest. Ein antisemitischer Gymnasialdirektor. In der 6. Klasse des Obergymnasiums im 8. Bezirke rief dieser Tage der Direktor einem jüdischen Schüler, dessen Antwort ihm nicht gefiel, barsch za: „Lüge nicht! Wenn Du lügen willst,' gehe in das jüdische Gymnasium!" Budapest. Die „Allg. Jüd. Zig." schreibt, daß es den Anschein hat, als ob in Ungarn das antijüdische Moment auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens vorherrschend werden soll. Im Stillen mache man wohl schon längst den Unterschied zwischen „Rassen-Magyaren" und „neuen lingarn", nun komme aber dieser Unterschied

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