Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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- Ottte 2. Krankfurter israelitisches Kamrüenölati. Nie hat der „Großvater" aus Spale*) sich so nahe zu Gott emporgehoben, sich so sehr mit ihm vereinigt, wie während seines Tanzen» am Sabbat und „Jaumtauw". .Er besaß dann die natürliche Leichtigkeit und Fröhlichkeit eines vier- - jährigen Kindes. Wer seinem Tanze zuschaute, dem sind sofort Gefühle der Buße, Neue aufgegangen. Das Herz Mlte sich mit Freude, und die Augen wurden tränenvoll. (Sipurci Zadikim Jakauw.) ' Rabi Scholaunr saß einst beim „Großvater aus Spale". Voll Extase saß er in einer Zimmer^ edfe, während in der andern Zimmerecke der „Großvater" saß. Nach dem Lsscck richtete plötzlich der Großvater.an Rabi Scholaunr die Frage, ob er tanzen könne. „Nein," antwortete R. Scholaum. „Dann sehen Sic mal her, wie der Groß- , Vater tanzt." Der Großväter erhebt sich, unversehens von seinem Platze mrd beginnt einen herr- - . lichen Tanz. Voll Bewunderung stand Rabi Scholaum da. „Seht, seht, wie der Großvater tanzt!" . Diese Szene wiederholte sich einige Mal und R. Scholaunr sprach zu den Anwesenden : „Glaubt mir, seine Gliedmaßen sind unendlich weihevoll, mit _ jeden: Schritt hebt er sich zur Gottheit empor, vereint sich mit der Gottheit". Am andern Tage saß Rabi Scholanm unbeweglich da und beschaute, bewunderte den alten Großvater (ebenda). Die Schüler des „Bröslauers" (eine Stadt, in v welcher ein bekannter Rabi seinen Sitz hatte), erzählen von ihrem Rabi: Seine Augen leuchteten - wie Sonne und Mond, besonders am Sabbat - und Jomtauw. Wer seine Glut, seine Weihe, seine Schönheit nicht erlebte, dem ertönte nie eure göttliche Melodie, der erlebte nie etwas Gutes. Bis, zum Erscheinen des Messias wird sicherlichlAehn-, liches nicht gesehen und gehört werden. (MagilH Sichraus 43). Am Sonnabend — erzählt ein Frommer von R. Leib Sasiber — hat er kostbare Saphianer Schuhe angelegt und getanzt. Die höchsten-^Erscheinungen offenbarten sich in diesem Tanze/ in jeder Bewegunglag eine Vereinheitlichung mit der Gottheit. 'Das Zimmer erfüllte sich mit Licht und die "ganze Himmelskapelle ver- - einigte sich, .mit ihm im Tanze. (Lemberg, Maseh Zadiküu.) -rM- Brief aus Ungarn. Der Liberalismus steckt dem ungarischen Inden : ... im Blut. Es ist tolerant' bis auf die Knochen. Und in Kultusangelegenheiten, so weit diese keine ... zu große Belastungsprobe für sein schwaches Herz und seinen vollen Geldbeutel bilden, indifferent, .v bis ins Unglaubliche. .... Diese Voraussetzung als Axiom akzeptiert, ".7gibt uns den Schlüssel zur Lösung all jener ge- / . ~ heimnisvollen Rätsel, die das Leben und Treiben y'j' der ungarischen Juden als dunkles Mysterium, S:' - als. Buch mit sieben Siegeln erscheinen lassen, s; ’ Und auch die Kahalstube von Ujvidek findet da- %'■/ durch ihr psychologische Deutung. . gs-" Dort ließ sich ein Frl. Kohn aus Liebe . ■ tarkfen, um dann aus Ueberzeugung ihren Leutr uant zu heiraten. Und was dieser „Privatamor"- / tffation den allgemein jüdischen Hintergrund verfleiht, ist die Tatsache, daß der tolerante .Herr ' Papa, Dr. Kohn, der hochlöblichc Vorsteher der "dornigen Kehlla ist. Dieser Herr öffnet nun dem |* ehrw. Katecheten Tür und Tor, damit dieser sein 'Kind gehörig zum Eintritt in die Allcinselig- K' machende vorbereite, und doch braust kein Ent- I ft; (gf w W' : rüstungssturm durch seine Gemeinde. Der jüdischkonfessionelle Besen hat ihn noch nicht von der . Oberfläche weggefegt. Vielmehr findet sich ein entnervter Goluskrüppel, der aus vollen Backen sein Judentum verherrlicht und es nicht begreiflich findet, daß man so reaktionär sein kann, . gegen einen Menschen, der schonso viel für seine Konfession geopfert hat, Stimmung zu machen, r . Und ist es etwa keine Toleranz im Quadrat, - -wenn der ehrw. Seelenhirt der israelitischen. Kon- . fession zu Arad, Dr. Rosenbcrg, alle den Männlein und Wciblcin gemischter Konfession, die den *) Spale, ein Flecken in Polen, worin ein Helliger wohnt, der unter dem Namen: „Der ♦ Großvater aus Spale" bekannt ist. religiösen Krempel bereits überwunden haben, und sich fürs Leben binden wollen, seinen apostolischen Segen vor der heiligen Bundcslade verleiht? Daß eine solche Tat unserer Konfession doch Früchte bringt, bezeugt ins Auge springend der statistische Ausweis der Mischehen des.Monats Oktober 1906. Von den 32 Mischhcirater hat sich einer die Erhaltung seiner Abstämmlinge fürs Judentum durch Revers sichern lassen. Der Rest taucht -im großen Wasserbecken der Liebe unter; ist ein verdorrter' Ast am Lcbensbaume Israels, fürs Judentum gestorben! Es knistert und knackt und kracht im rauschenden Tannenwaldc. Dürre Ztveige, welke Blätter, morsche Stämme sinken, verwehen und vergehen, und lvas als stolzragendcr Stamm in den Himmel strebt, wird oft als tvohlgepntzter, flittergoldbekränzter Christbaum irr dem glitzernden Kreis unserer Hochjuden entdeckt. ... Es ist traurig merkwürdig, daß „unsere" Philantropen ihr butterweiches Gemüt zumeist in den Schatten der Christbäume steckcir. Was sic an Wintermützen, gefütterten Mänteln rmd knorrigen Stiefeln zu vergeben haben, wird für die Weihnachtszeit zurückgestellt. Und das alles dem Milieu zuliebe, damit cs nicht ahne, daß hinter den nach echt hunnischeni Kurutzentum riechenden Namen: Attila, Bala und Orpad, ein. ganz simpler Kohn oder Tulpenfingcr sein Judentum vergräbt. . . . Als ob die chauvinistische Hochflut vor diesen 50 Kreuzer-Magyaren — dies der Preis für die Namenstünche — Halt machen würde. Und klingt cs nicht ivie bittere Satyre, wenn der Bischof von Nagyrarad dem wackeren, cchtjüdischcn Professor Schächter, der beim dortigen Aerztekongreß eine hervorragende Rolle spielte, es durchaus einreden will, daß er Christ sein müsse, weil er sonst schon längst diesen ominösen Namen abgcstreift hätte. ... Wir schreiten mit spanischeir Siebenmeilenstiefeln ins Mittelalter zurück. Unser Parlament ist auf dem besten Wege, eine Finstcrkammcr zu werden. Mit einen». Freimut, der dem 10. Jahrhundert Ehre machen würde, wird Rückschritt gepredigt, für den Feudalismus eine Lanze gebrochen, und mit einer Kühnheit, die das Jahrhundert in die Schranken fordert, wird die frisch geprägte Monroedoktrin verkündet: „Ungarn den rotwcißgrünblutigen Magyaren". Das/Land lauscht mit verhaltenem Atem: denn cs antijüdelt gewaltig in den Tiefen. . . . Ein hochmögender Parlamentarier, mit einem ganzen Urwald von Uuwisscn im Kopfe, hält im Unterhaus unter Bcifallsgebrüll der Landesväter eine Apotheose der spanischen Inquisition und ihrer humanen -Institutionen. Urrd die 23 jüdischen Volkstribunen schwiegen ivie eine ganze Taubstummenaiistalt. Zu ihrer Ehre wollen wir annehmcn, daß cs mehr aus Toleranz denn, aus Ueberzeugung geschehenist. Ucberzeugt ist einzig und allein — so führte er wenigstens in einem „wissenschaftlichen Bortrag, gehalten in der ung. Akademie", aus — ihr „liberaler" Kollege Prof. B a l l a y, dessen Vater noch als Mordchaj Bloch aus der Jcschiwa in die Kirche gesprungen ist. . . Nun hat sich die Judcnheit Pests zu einer Tat aufgerafft. Sie wollen sein wie die Anderen: Kultur verbreitend und Religion befestigend. Und deshalb wurde dem Judentum zur Ehr und der Menschheit zu Nutz der Beschluß gefaßt, das projektierte jüdische Gymnasium in das Stadium des Werdens treten zu lassen. Was an diesem Institut „jüdisch" sein wird, beantwortet der Verteidiger des Instituts mit flammender Sprache in der denkwürdigen Sitzung vom 22. Kislew 6667. „Jüdisch ist einzig und allein die Summe, durch die es erhalten wird. Denn wir sind ,,Judeu: ergo tolerant,. liberal und nicht wie die anderen exllusiv. Das spezifisch Jüdische wird fakultativ (gleichsam als Sport) geduldet werden".... / Zioni. Brief aus Rumänien. Bukarest. Die überaus großen Leidenvon denen unsere russischen Brüder betroffen wurden, haben die minder großen unserer rumänischen und galizischen Brüder vergessen machen. Und nicht nur die jüdische Wohltätigkeit, auch die jüdische Presse hat — unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse — ihre Aufmerksamkeit vollständig denr russischen Süden zugewcndet. So ist cs denn eine Tatsache, daß seit Beginn der russischen Revolution in den politischen Tageszeitungen sowohl, als auch in der jüdischen Presse nur wenig über die Lage der leidenden rumänischen und galizischen Juden zu lesen war. In den letzten Tagen ist es anders geworden! Antisemitische Ausschreitungen in Crajov,a (Rumänien) haben wieder die Anfmenksamkeit der zivilisierten Welt auf Rumänien gelenkt. Den Vorgängen iir der genannten Stadt wäre keine große Bedeutung beiznmessen, wenn nicht Grund zur Annahme vorläge, daß es sich hier um eine systematisch organisierte Jndenhctzc handelt, die sich in jeder Stadt R n m ä - niens wiederholen kann. Es sei daher gestattet, die Vorgänge kurz zu wiederholen. Eine zionistische Vereinigung in Crajova hatte eine Versammlung cinbernfen. Die antisemitische Schülerverbindnng (bestehend ans lauter halbwüchsigen Gymnasiasterr und Handelsschülern) erhielt Kunde davon, erschien vor dem vollgepropften Saale, sprengte Pie Türen und trieb die Menge auseinander. Als die Schüler in corpore in den Saal eindrangen, entstand unter der nichtsahnenden Bi enge eine furchtbare Panik. Alles drängte z» den Ausgängen, die von den Eindringlingen besetzt waren. Es kam schließlich!zum Handgemenge, wobei einige Verletzungen vvrgekommen sind. Fenstereinschlagen und Raufereien aus den Straßen folgten. Die Polizei konnte nur mit großer Mühe die erbitterten Gemüter beruhigen. Der Kultusvorstand wandte sich telegraphisch an den Ministerpräsidenten nur Hilfe. Dieser ließ energische Maßnahmen ergreifen, um die Ruhe wieder herznstellen. i-Die Schuldigen sind bis jetzt noch nicht entdeckst- Die liberalen Zeitigen sagen es dssest, heraus, 'daß es sich hier Ipn'eiiien vorbereitete n Putsch handelte, denn halbwüchsige Jungen machen -,apD eigenem Antrieb keine Politik. Die Folge des E?ajover Falles ist, daß es überall zu gären beginnt. Aus allen Teilen Rumäniens gehen uns beunruhigende Nachrichten zu. Hier in Bukarest hat sich folgendes zugetragen. Ein wohltätiger Verein wurde von der Polizei genötigt, das angeknndigte Wohltätigkeitsfest abzusagen, da sonst — so sagte. der Polizeipräsident — die Crajover Vorgänge sich hier wiederholen würden. Ebenso wurde das Schauspiel „Manasse", das einen Juden, Ronetti Rumom, zum Dichter, hat und den Kampf der Juden um die Emanzipation behandelt, vom Spielplan des Nationaltheaters-abgesetzt. Das Stück ist das'erste wirkliche rumänische Drama, und hat bei der Aufführung einen ungewöhnlichen Erfolg gehabt. Aber der blinde Haß waltet in Rumänien ohne jede Vernunft.. Jsider Verkatvici. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 16. Januar. In der gestrigen öffentlichen Ausschuß sitz ung der Israel:- t i s ch e n G e m e i n d e — es sind, nebenbei benrerkt, Monate seit der letzten öffentlichen Sitzung verflossen — wurde die Zustimmung des Polizei-Präsidenten zu der erfolgten Neuwahl von drei Ausschußmitgliedern und einem Vorstandsmitgliede bekanntgegeben. Zum Vorsitzenden des Ausschusses für 1907 wurde Dr. Hecht, zum Stellvertreter Dr. Baer-. w a l d gewählt. Der Gemeindevorstand hat als Vorsitzende Dr. Blau und Dr. Fasse berufen. — Der Ausschniß beschließt, es mögen auf dem Friedhose Wegweiser und Schilder zur Orientierung über die Gräber angebracht werden. Bei diesem Punkte der Tagesordnung weisen verschiedene Mitglieder ans die mangelhaften Sicherheitszustände auf dem Friedhose hin und sprechen den Wunsch aus, es möge m Erwägung gezogen werden, einen ständigen Friedhofsaufseher anzuflcllen. — Der Vorsitzende teilt mit, daß der Verbandstag der deutschen Juden im Oktober in Frankfurt abgchalten werde. Der Vorstand hat ein Komitee für die Vorbereitungen zu dieser Veranstaltung ernannt und vom Ausschuß Dr. Hecht und Dr. Baerwald in dieses Komitee delegiert.