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Neue jüdische Presse · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^xan&fnvfet IsmIitWs farailirntilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ' Hedakkto« irnd chefchäfisstslre: { Jnsertionspreise: Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank- Frankfurt a. M.. Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post Lleichstraße 2> Lcke vilbelerstraße Die Reklamezeile.,1. . 100 „ abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Stteifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, Her-fon 10507. t x e Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: sonstige Länder Mk. 2.— - — - ■■ ■ - -1 , AemitsgeHsr: Kalg chsis. ( Preis nacy ueoetemnnqx. i i — ■ - '- ' 5. Jahrgang. % Freitag, den 3. Ledvat 5667 <18. Januar 1367). Ro. 3. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Sehnsucht nach Schönheit im älteren jüdischen Schrifttum. — Brief aus Ungarn. — Brief aus Rumänien. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ein Jomkippur, von Ernst Schwarz. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die Sehnsucht nach Schönheit im ältern jüdischen Schrifttum. Dargestellt von H. Zeitlin, übertragen und eingeleitet von B o i a k. (Forlsetzung). Oft steigt im Menschen etwas >vie Sehnsucht auf. Mau späht nach Hilfe aus. Mau will befreit, erlöst sein. Aber aitch darin liegt Schiväche, Niedergeschlagenheit, Kleinliches und Mutlosigkeit. Man fühlt, daß es anders sein sollte, daß es auch anders sein könnte. Es mangelt aber an einem starken, ausgeprägten Willen, und an einem echten Weltschmerz, um sich den Fesseln zu entwinden, um alles in Trümmer zu schlagen. Man zerschlägt einige Fesseln und andere legt man sich unversehens an. Man zertrünnnert einige Kerker und andere erbaut man sich. Mail scheut den freien, breiten, unendlichen Himinel, die weiten, tiefen, ewigen Sterne. Nur zeitweilig offenbart sich die wahre Schönheit im menschlichen Leben: Dann, wenn der Mensch selbst Himmel und-Erde wird, wenn er ganz Natur wird. Dann, wenn er jegliches Raisonnement vergißt, auf jegliche Aufklärung und Klügelei verzichtet, sich aller Leidenschaften und Vorstellungen entschlägt, wenn er vollständig von der göttlichen Erkenntnis, göttlichem Gefühl und göttlichem Willen durchdrungen ist. In den Zeiten des Werdens, wenn er immer wird und wird, wenn er selbst das geheime, allerhöchste, allerheiligste, allertiefste und allerreinste Geschöpf wird. Eines dieser Momente war das Moment der Offenbarimg, das Moment der „Matan Tauroh". Donner und Blitze gingen voran. Es brauste und stürmte. Die Welt war aus den Fugen. Alles zitterte,' flatterte, wankte und wogte. Etwas unerhört Großes ist im Entstehen begriffen. Plötzlich — Todesstille — banges Warten. — Die ganze Welt versenkte sich, in einen Gedanken: Bald, bald rückt es heran, bald, bald ist alles entfleckt, bald, bald offenbart es sich. Stille — Todesstille! Die Vöglein sangen nicht, die „Ophanim" (Engel) -flöten nicht, die „Seraphim" (Feuerengel) sprachen nicht ihr gewöhnliches „Kodausch", unbeweglich war das Meer, sprachlos die Menschen. Stumm war die ganze Welt und eine Stimme erschallte: „Ich bin Gott, dein Gott". Vernehmend die göttliche Stimme, lösten sich die Seelen von den Körpern los. Gott entsendet einen Ta«, der die Toten belebt. Die Menschen bekommen Leben und werden von Engeln auf Fittichen getragen und mit kostbareni Schmucke geziert. Die tiefen himmlischen Geheimnisse werden von den Menschen erfaßt und die Engelssprache voic ihnen geführt. (Masechtö Schabbos.) ' IV. Was an der ganzen Menschheit in nur ganz seltenen Fällen wahrnehmbar und sichtlich ist: glanzvolle Schönheit, Harmonie —, erglänzt und offenbart sich fast beständig an einzelnen auserwählten Persönlichkeiten. Glückliche Menschen! Umstrahlt von der Gottheit, imnier beleuchtet von göttlicher Schönheit. Diese strahlende Pracht — ist keine diesseitige. Niederknieen muß jeder, dem sie sich offenbaret, verwmrdert sie anstaunen muß er. Etwas Uebermcnschliches erlebt man dabei, etwas Niedagewesenes, Unvergleichliches. Das Bild Jacobs ist im göttlichen Stuhle eingerahmt (Bereschis Raboh 82). Die Engel besteigen die obere Leiter, um das obere Bild zu beschauen, gehen nach unten, um sich am unteren Bilde zu laben. (Chulin, 91.) Als Moses geboren wurde, da füllte sich das Haus mit Licht. (Santoh, 12.) Vier Grazien zählt die jüdische Legende: Sarah, Rachalv, Awigail und Ester (Megilloh 15.) Rabi Banooh (Talmudist) malte die .höhlen. Als er an die Höhle Adams gelangte, ertönte ein Echo: Bis jetzt hast du meine Kopie beschaut und nachgebildet, nicht aber darfst du meine eigentliche Gestalt betrachten. (Bowo Basroh 58.) Die Schönheit des Rabi Kahana2) enthielt ein weniges von der Schönh:it des Rowo'), diejenige des Rowo ein weniges von der Schönheit des Rabi Abuhrtt), die des Rabi Abuhu von der Jacobs, die des Patriarchen Jacobs wiederum enthielt eine Dosis von der Schönheit "Adams. Wer' sich von der Schönheit Rabi Jochanans eine Vorstellung verschaffen will, der möge einen nur aus einem glühenden Brennofen hervorgegaugenen Silbcrkelch mit Körnern eines roten Milgrams füllen, ihn mit roten Rosen umkränzen und zwischen Licht und. Schatten stellen. In oer so hervorgegangenen Erscheinung ist etwas von der Schönheit Rabi Jochanans vorhanden. (Bowo Mezioh 89.) Als Rabi Elieser ' erkrankte, da besuchte ihn Rabi Jochanan und fand ihn in einem finstern Kämmerchen. Als Rabi Jochanan seine Arme entblößte, und so das'Zimmer erhellte, bemerke er, wie Rabi Elieser weinte. „Weshalb weinst Du," frag ihn Rabi Jochanan, „etwa deshalb, daß Du nicht viel Tauroh gelernt hast, so wissen wir doch, daß das Maß gleichgiltig und die Andacht Hauptsache ist, oder deshalb etwa, daß Du arm bist — nun, nicht ein jeder ist zweier Tische-) würdig. Oder trauerst Du über Deine Kinderlosigkeit — sieh, r) Talmudisten. -* 2) Nicht ein jeder ist würdig sowohl geistigen wie materiellen Reichtums — sowohl das diesseitige wie das jenseitige Leben zu genießen. hier ist das Knöchelchen meines zehnten Sohnes."2) Rabi Elieser entgegnete: „Ich betrauere die Schönheit, die, von Erde bedeckt, morsch daliegen muß." — „Jawohl", stimmte R. Jochanan ein, — „darüber gilt es wirklich zu weinen" — und beide ergossen sich in Tränen. (Brochaus.) Als Rabi Akiba die Gemahlin Turnus Rufus erblickte — da brach er in Tränen aus: „O! solch' Schönheit muß in der Erde faulen." Die jüdische Tradition erzählt von seltener Schönheit vieler .Heiligen, Wunderrabis, Messias, Kabbalisten und Chassidim. Besonders bei den letzteren ist die- Vorstellung von Schönheit entwickclt. Wenn sic von der Größe, Heiligkeit und Weisheit ihrer Heiligen sprechen, so gedenken sie auch deren seltener Schönheit. Eine der zehn Scphirauth, die die Kabbalisten und Chassidim oft erwähnen, ist „Tifereth". Die eigentliche Bedeutung von Tifereth ist ebensowohl Schönheit >vie Harnwnie. In allem befindet sich Schönheit und Harmonie: ini Körper wie in der Seele, in der Vernunft wie in der Moral, im Dichten wie im Denken, im Sprechen wie in der Vorstellung. „Tifereth" muß sich in allem offenbaren und alles muß an ihr gemessen und gewogen werden. Sie muß alles durchleuchten' und durchdringen, wenn ein Mensch sich nicht gut kleidet — fehlt er gegen die Sitte der Tifereth. (Midrasch Pinchas 38.) Wenn ein Mensch sich gut kleidet und aüsdrückt, so möge er die Absicht haben, Gottes Ebenbild zu verschönern. (Wajikro Raboh 32.) In jedem menschlichen _ Gliede und jeder menschlichen Bewegung ist Seele vorhanden. Ter Seele entsprechen die Beioegungen. Je harmonievoller die Seele, desto schöner die Bewegungen. Die Gestikulationen der Frommen sind äußerst schön und berühren angenehm, weil deren Seele von göttlicher Schönheit durchleuchtet ist. Jeder Mensch muß eigenartige Bewegungen besitzen, weil seine Seele aus ihnen herausleuchten muß (ebenda Kedausch). Eigentlich hat jeder Mensch drei Stadien zu durchschreiten. Vor allem muß er seine natürlicheu Leidenschaften zügeln und gelangt so in das Stediunl der Gottessürchtigkcit. Er hat zu vernichten. zu entwurzeln alle ihm angeborenen schlechten Sitten nnd gelangt so in ein höheres Stadium, das Stadium der Liebe. Dies ist aber noch nicht alles. Er muß noch eine dritte, viel' höhere Stufe erklimmen. Er muß sich zur „Tisereth" durchringen. Er muß darauf achten, daß all' seine Taten und Bewegungen schön und erhaben sind (ebenda Parschoh Lech-lecho). Ein chassidischer Weise, Rabi Leib erzählt: Ich fuhr oft zum „Magid" aus Mcsritsch (Prediger — Mesritsch, ein Flecken in Litauen), nicht etwa um Torah- Neuigkeiten zu hören, sondern um zu sehen, wie er seine Strümpfe ab- und anlegt. (Seder Hadanraus hochodosch.) 2) R. Jochanan hatte zehn Söhne, die ihm. hintereinander verschieden. Ein Knöchelchen von seinem zehnten Sohne trug er immer bei sich.

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