Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Kranlsurter JsraelMschei Famiüenblatt. Nr. 2 inus hinwegtänsche». Wir.haben etwa in der offiziellen Beobachtung der Sabbatruhe zur Zeit der Kongresse wenig mehr als einen Akt des Anstandes und der Klugheit erblickt, waren uns stets der Bedeutungslosigkeit des allgemeinen»Synagogenbcsuchs am Sabbat der Kongreßwoche voll bewußt. Es schmerzte uns geradezu, in der Reverenz, die man so der Synagoge erwies, ihre Herabwürdigung zu dekorativem Zwecke erblicken zu müssen. Wir sind im Gegenteil für ihre Wiederherstellung als Mittelpunkt nationalen Lebens cingetreten. Die schwungvollen Zeitungsartikel, mit dcneir wir jüdisch-nationale Blätter unsere Feste begehen sehen, erfüllen uns keineswegs mit eitel Freude, denn .sie enthalten meistens Gcschichtsklitterung, keine historische Wahrheit. Wir haben den „Rufern im Streite" je und je die Beglaubigung und Berechtigung zu religionsreformatorischen Taten abgesprochen oder die Befähigung, historisch gewordene Begriffe über Wesen des Judentums willkürlich zu verändern. Wir haben das eklektische Verfahren gegeißelt, die Propheten als Kronzeugen für nationale Forderungen anzurufen, ohne ihre religiösen anzuerkennen; die Unfolgerichtigkeit, mit der die Mischehe aus nationalen Gründen verteidigt, und die Taufe in eigenartiger Intoleranz trotz ihres ausschließlich religiösen Charakters verurteilt wird. In der einseitig kunstschöpferischen und kunstgenießenden Betätigung des modern - jüdischen Volksgeistes mußten wir den schlimmsten Feind des alten Thorageistes.und als die vornehmste Aufgabe des. Misrachi das Bestreben erblicken, dem Svchun der Zeit nach einer Welt- und Lxbe"->unschauung Richtung und Ziel zu geben. Und auch einem alten Bekannten, dem Vermittler der unseligen Reform des Judentums, dem verkappten Atheisten im Gebetniantel durften Ivir wieder begegnen. Wir sahen wohl die Kluft, die den Gesetzestreuen von dem Abtrünnigen trennt,' der jede Verantwortlichkeit des Gedankens oder Gefühls leugnet, der da emphatisch verkündigt, „man könnte gesetze Streuer Jude sein und dabei Freidenkerim weite st en Maß e." — So beschaffen ist unsere Vasallentrenc; und dem Bcrliner'schen Plane, daß der Misrachi die „Erbschaft des Zionismus antreten muffe", haben wir zugcstimmt, lange bevor er ausgesprochen wurde, wenn wir die Aufgabe des Misrachi in die Formel brach- . ten, ,chie Judenheit müsse zum Zionismus, und die Zionisten zum Judentum zurückgcführt werden." Unsere Bundcs-Gcnyssenschaft war damit begründet, daß es uns vielleicht doch gelingen könnte, das große äußere Ziel des Zionismus mit erringen zu helfen — und mit unserer besten Kraft für die überlieferte Lehre ciirzutreten. Der Anschluß eines Mannes wie des. Herr» Prof. Berliner beweist uns, daß wir auf dem richtigen Wege waren. Aber der „Israelit" hält diesen Bcrliner'schen Plan für den Ausdruck des seltsamen „Optimismus" -eines weltfremden Gelehrten, für den „Traum" eines Mannes, dessen „Scharfblick und jüdisches Empfinden" er in demselben Atemzuge nicht anzuzwcifcln bittet. Er hält den Kampf für aussichtslos, für den er selber so oft eingetreten, weil es dem Misrachi an der nötigen Macht, an dem sicheren Rückhalt fehle. Aber wie hätte der „Israelit" selber den Kampf aufnehmen, können gegen den Rosin'schen Entwurf, gegen das badische Gebetbuch, da er doch gegenüber einer großen, festgefügten Mehrheit die Minderheit vertrat, wenn er nicht im Vertrauen auf die sieghafte Kraft seiner Ueberzeugung den Sieg an seine Fahne ju heften glaubte? ES hairdekt sich da allerdings uni einen ausgezwungenen Kampf, um die Verteidigung des heftigsten Gutes. Aber ich denke, der freiwillig unternommene — der wohl nicht gegen den Geist des Gesetzes verstößt — sollte um so eher der Ermunterung und tatkräftige» Unterstützung teilhaftig werden. Da' ist die „offene F c l d s ch l a ch t", die auf denr Gelände des Gegners ausgefochten wird, in der die Gegner einander Auge in Auge gegenüberstehcn. Aber der „Israelit" ist darin nicht kompetent. Er weiß, der Einheitlichkeit seiner Gefolgschaft sicher, nichts von det Taktik des Guerillakrieges, der in paritätischen Gemeinden in Permanenz erklärt ist. Sonst würde er den Misrachisten, die er mit Recht tatkräftiger wünscht, nicht zurufen: „Der Kampf ist aussichtslos, laßt ab' von Eurem Bemühen." So müßte er sprechen. Aber dennoch, erhebt er den Vorwurf „Watu« kämpft Ihrnicht?" und aus deni hadernde» Für und Wider der Rede erhofft er, daß die Gemeinsamkeit des Ziels doch immer kräftiger und deutlicher zum Bewußtsein kommt. Dieser Zwiespalt im Herzen des „Israelit" gibt uns wiederum die Zuversicht, daß er aus seiner beschaulichen Isoliertheit heraustretend, die Berechtigung und Notwendigkeit des Kampfes, den Prof. Berliner proklamiert, anerkennt und mit der werbenden Kraft seines Wortes der ewigen Wahrheit unserer heftigen Lehre auch in. den zu neuem Leben erwachten Gliedern unseres Volkes zum Siege verhilft.*) Aus aller W elt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Letzten Sonntag feierte bie Realschule der Israelit. Religionsg e s e l l s ch a f t ein W i n t e r.f e st in der Frankfurt-Loge und ließ die Aufführungen der jungen Künstler Montag und Dienstag vor einem großen Publikum wiederholeit. Rechtfertigen sich größere Veranstaltungen schon dadurch, daß sie das Verhältnis zwischen Schule und Haus zu einem innigeren gestalten, so kommt bei einer Schule, die die Institution einer Organisation ivie die Religionsgescllschaft ist, noch ein weiteres hinzu: der Organisation selbst wird gedient, indem ihren Mitgliedern die Leistungen der Organisation deutlich vor Augen treten und indem des sernern eine Gelegenheit geschaffen wird, bei der ihre Gesamtheit gesellschaftlich mit einander .in Berührung kommt. Wir nrüssen es uns aus pädagogische» Gründen versagen, die Leistungen der.einzelnen jugendlichen Künstler, die das Winterfest der Realschule zu einer prächtigen und imponierenden Feier gestalteten, zu würdigen. Nur ein kurzer Ueberblick über das Programm möge veranschaulichen, mit welcher Fülle von Darbietungen die Zuhörer bedacht, und — da sämtliche Darbietungen tadellos waren — welcher Genuß ihnen geboten wurde. Mit einer Jubelonvertüre von Weber fetzte die Feier ein, ihr folgte ein Prolog und dann ein französisches Theaterstück in zwei Akten, aufgeführt von den Schülerinnen der Realschule und dann der dritte Auszug von Maria Stuart. Nun trat eine halbstündige Pause ein, während derer sich das Publikum nach de» Büffets begab. Der zweite Teil brachte nach einer Ouvertüre ein von einer ehemaligen Schülerin der Anstalt gedichtetes dreiaktiges lustiges Spiel mit Gesang und Tanz, in dem besonders 9—12jährigr -Schüler auf der Bühne auftraten, und dann als letztes ein lustiges Kinderkonzert. — Um Ilst/r Uhr fand die Feier, die lim äl[-2 Uhr begonnen hatte, ihr Ende. München. Jüdische Reserveoffiziere. Wie wir dem „Militärwochenblatt" entnehmen, ist Meserendar Dr. jur. Kurt Wolfs-Köln zum Leutnant der Reserve im Königl. bayerischen 13ten Infanterie-Regiment befördert worden. Ferner sind der aus Aachen stainmende Ingenieur und Fabrikdirektor Leo Löwen st ein zum Leutnant der Reserve im Telegraphen-Detachement. (bayerisches) und Herr Stephan Kun r euther-Fürth zum Reserveleutnant beim 6. Feldartillerie-Regimcnt in Fürth ernannt worden. Berlin. Das neu errichtete Heim für hilflose jüdische Kinder wurde am 1. Januar ds. Js. feierlich eröffnet. Die Eiuweihungsrcde hielt Herr Rabbiner Dr. E s ch e l b a ch e r. Personalien. Frankfurt a. M. Dr. H u g o A p o l a n t, Assistent an dem kgl. Institut für experimentelle Therapie, erhielt den Titel Professor. Frankfurt a. M. Vorige Woche wurde hier ein Jude, ein Herr Ferdinand Kaufmann, auf dem christlichen Friedhofe beerdigt. Der Mann ist als Jude gestorben, seine Witwe ist Katholikin und seine Kinder sind Lutheraner. In jeiner Rede am Grabe rügte Herr Pfarrer Förster, daß kein Rabbiner sich bereit gefunden habe, die Leichenrede zu übernehmen. Magdeburg. Dem Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Magdeburg, Dr. phil. Otto Lanbsberg ist der Titel Professor verliehen worden. Breslau. Geh. Justizrat Dr. Freund, Vorsitzender der Breslauer Anwaltskammer, ist zum 21. male zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt worden. Bühl i. Baden. Herr Albert Rosenfeld, der schon längere Jahre dem Bürgerausschnsse angehört und seit csiligen'Jahren Vorstand der israel. Gemeinde ist, wurde zu den am 14. dss. Mts. in Offenburg beginnenden Schwurgerichtsverhandlungen als G es ch w y r e n e r bestimmt. *) Wir kommen auf die Ausführungen des Herrn Dr. Franck in einer der nächsten Nummern zurück. Me Redaktion. Mülheim (Ruhr). In: Alter von fast 103 Jahren tarb hier der Rentner Michael Hirsch. H. war in Hömel bei Köln geboren, siedelte 1838 nach hier über und gründete eine Metzgerei. Bon seinen 10 Kindern leben noch 3 Söhne in Amerika, 1 Sohn hier und 2 Töchter in M.-Gladbach. Czernika« (Posen) Die älteste Frau unserer Stadt und weiterer Umgebung, Frau Witwe Ros e-n - bauni, ist im fast vollendeten 106. Lebensjahre gestorben. Wien. Ueber den vorige Woche verschiedenen berühmten jüdischen Gelehrten Salvmon Buber wird „Bloch's Wochenschrift" geschrieben: Wir haben an Salomon Bubers Bahre gestanden, Freitag Früh hat der große Gelehrte sein Leben ausgehaucht. Er ist über 80 Jahre alt geworden, aber bis zum letzten Atemzuge war sein Dasein der Pflege des jüdischen Schriftlums gewidmet. . . . Gibt es ja kaum in der ganzen Welt eine Stätte, an der jüdische Wissenschaft gelehrt und gefördert wird, an welcher Bubers Name nicht rühmenswert genannt wäre. Man muß ihn persönlich gekannt haben, um zu wissen, welch' ein hohes Maß von Liebenswürdigkeit, Menschenfreundlichkeit und Bescheidenheit der Verklärte besessen hat. Wie sehr ihm die Pflege der jüdischen Literatur am Herzen lag, beweist der Umstand, daß er als reicher Kaufmann und Gutsbesitzer kein andres Vergnügen, keine andere Zerstreuung kannte, als Tag und Nacht, im Sommer und. im Winter, an seinem Schreibtische zu sitzen und immer neue Schätze aus dem Bergwerke der alten Midraschim in gangbare Münze mnznprägen. Mehr als - 30 größere Werke in diesem Fache hat er, zumeist auf eigene Kosten, ediert' und zum größeren Teile verschenkt. Dabei gab es weder in der Gemeinde noch iin Lande eine größere Institution, bei der er nicht mitberaten und mitgewirkt hätte. ... Parks. Baron Robert Rothschild, der 27jährige einzige Sohn des hiesigen österr.-ungar. Generalkonsuls Baron Gustave Rothschild, hat' sich mit Fräulein N e l l y Beer, Tochter des Herr» Eduard Beer verlobt. London. Im Alter von 95 Jahren starb die angesehene Malerin Julia Goodman geb. Salaniair. In Swansea starb im 'Alter von 84 Jahren Simon Goldberg, eine der angesehensten jüdischen Persönlichkeiten in Süd-Wales. Der Verstorbene, war in Schneidemühl (Posen )geboren. ' New-Nork. Der weltbekannte Philantrop Jacob H. Schiff, der er>r jüngst über 2 Millionen Mark für die nach dem Süden der Vereinigten Staaten aiiswanderndcn; russischen Juden bestimmte, feiert dieser Tage seinen 60. Geburtstag. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. In der Z i o n i st. Vereint gu n g sprach Herr I. Hackenbroch über „Palästina seit d e in Untergang des j ü d. Staates" und behandelte damit ein Thema, über das allgemein vollkommene Unkenntnis herrscht. Wir werden einen ausführlichen Bericht nach dem Stenogramm des Vortrages demnächst bringen. Dem Vortrage schloß sich eine Diskussion an, die sich hauptsächlich mit der Frage der Veranstaltung eines Schekeltages beschäftigte. Hamburg. Die hiesige Mlsrachigruppc hat Herrn Klausrabb. Dr. Lichtig fiir einen laufenden^ Zyklus von allwöchentlich stattfindenden Vorträgen gewonnen. Thema und Zeitpunkt wird noch bekannt gegeben. — Das Thema des nächsten Vortrags lautet: „Scctirerei im Zionismus". Res.: Dr. Franck- Mona. Breslaus Am 15. Dez. veranstaltete die Breslau e r Z i o n i st i s ch e V e r e i n i g u n g wieder einmal ein Makkabäer-Fest größeren.Stils, das sich vorteilhast von derartigen Festen der früheren Jahre unterschied; die .Festesteilnehmer wurden in ihren Erwartungen nicht enttäuscht, ,das Publikum, das sich cingefunden, war ein besseres, schließlich, dem Zwecke des Festes, dem zu begründenden palästinensischen Waisenhaus für die Pogromwaisen, wurden ca. 250 Jk erübrigt. In dem künstlerischen Teil entzückte besonders die Anwesenden der Gesang von Fräulein Else Weiß, die von Herrn Hermann Cerini verständnisvoll begleitet wurde, sowie der prächtige Klaviervortrag des bekannten Breslauer Tonkünstlers Dr. Felix Rosenthal, der der Aufforderung zur Mitwirkung bereitwilligst Folge geleistet hatte. Herr P a g l i n und Herr Stern saiüen gleichfalls viel Beifall mit ihre» Gesangsvorträgen. Die Festrede hatte Herr Dr. Hans Gideon Heymann- Berlin übernommen, der" die Zuhörer durch seinen Vortrag für das modern-jüdische Leben und Wirken zu interessieren wohl verstand. Ein gemütlicher Tanz beschloß das Fest. In der Tanzpausc fand eine Verlosung von Büchern, Bildern usw. statt. ' Am 25. Dezember war eine öfsentliche Versammlung, .Der geräumige Saal des Palast-Restaurants war überfüllt. Dr. Eli Anerbach sprach über allgemein-jüdische „Gegenwartsarbeit", Verhältnis und Stellungnahme des Zionismus zu derselben. Hatte dieser Redner vor allein die kühler erwägenden Kerstandsmenschen unserer Idee. nähergebracht, so ergänzte ihn vorzüglich als zweiter Redner Dr. Heinrich Sachse, der sich diesmal mehr an das Gemüt