Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 2 des Frankfurter Israelitische Famlienblattes. Inhalt-er Beilage: Artikel: Was ist und was will derMIsrachi? — Zu dem Artikel im „Israelit' „Wetterleuchten int Norden", von Dr. Franck, Altona. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionist. Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Sprechsaal. Was ist uud was will der Misrachi? (Fortsetzung statt Schluß.) Doppelt wie die Entstehilngsursachen sind auch die Ausgaben des Misrachi. Die folgenden Ausführungen halten sich an das Programm, welches von der Preßburger Misrachikouserenz formuliert worden ist und dessen Paragr. 1 lautet: „Der Misrachi ist eine Vereinigung gesetzestreuer Zionisten, die — auf dein Boden des Basler Programms stehend — die Ausgabe und Lebensbedingting des jüdischen Volkes im Festhalten an Thora tmd.Tradition, in der Uebung der Gebote und in dem Streben nach dem Lande der Väter sehen." Ich muß freilich bekennen, daß ich die formelle Fassung dieses Satzes für keine glückliche halte. Der Satz enthält eine unnötige Häufung, .da in dem Festhalten an Thora und Tradition schön die llebung der Gebote tmd das Streben nach dem Lande der Väter liegt; doch ist klar und unzweideutig, was er besagen will. Der Misrachi steht auf dem Boden des Basler Programms, denn dadurch erst ist er eine zionistische Partei. In dem Wort Misrachi liegt 'gewiß nicht, daß inisrachistisch auch zionistisch . ist. Aber einen Namen mußte sich ja die' gesetzestreuc Partei der Zionisten geben, tmd sie nannte sich eben Misrachi. Wer ein Misrachist sein will, nkiiß sich also selbstverständlich znm zionistischen Programm bekennen. Weit inehr also als das zionistische Programm, fordert der Misrachi. Emen Grundsatz bedeutungsvollster' Art, der ihn von dem Zionismus im allgemeinen tintcrscheidet, stellt er auf: das Festhalten an Thora und Tradition ist eine Lebcnsbedingung des jüdischen Voltes, das heißt die Voraussctznng, ohne welche das jüdische Volk keinen Bestand haben kann und wird. Der Zionismus ist auf einem gemeinsaincn Programm — auf dem Prinzip der Nationalität — aufgevaut. Dieses Prinzip kann nicht durchbrochen werden, solange nicht alle Juden obiges Grundgesetz anerkennen. Mer der Zionismus darf andererseits nichts unternehmen, was die religiöse Gesinnung irgend eines'Zionisten verletzen könnte. Diese Zusicherung hat auf dem 1. Kongreß der unvergeßliche Herzl gegeben, und er hat es ernst gemeint, und er hat auch gewußt, was gesetzestreue Juden verletzen kann und wie empfindlich die Gesetzestreuen getroffen werden, wenn ihr religiöses Ideal verletzt wird. Mer nicht alle Ziomsten sind Männer von der Art Herzls, nicht alle besitzen Wissen und' Willen, diesen Satz Herzls: „Der Zionismus beabsichtigt nichts was' die religiöse lleberzeugung irgend eines-Zionisten verletzen kann," immer und ewig Wirklichkeit sein zu lassen. Ich habe schon auf den Kulturzionismus . hingewiesen. - Da ist es denn Aufgabe des Misrachi, wie Paragr. 2 des Programms sagt, innerhalb 'der zionistischen Gesamtorganisation feinen Standpunkt zu wahren. Mit anderen Worten: Im Basker Programm, im Programm der Gesamtorganisation, ist nichts gegen unsere religiöse Ueberzeugung Verstoßendes enthalten, aber es bars auch keineswegs bei der Durchführitng des Programms etwas derartiges geschehen, denn damit würde der Boden gemeinsamer Arbeitsmöglichkeit zerstört. Darüber hat der Misrachi zu wachen. Wie der einzelne Zionist für sich religiös denkt und handelt, geht den offiziellen Zionismus und damit den Misrachi nichts au. Und wenn diese Einzelindividuen sich zu inoffiziellen Zirkeln oder Vereinigungen zusammenschließen, so hat der Misrachi weder Las Recht, noch die Pflicht, unter Berufung auf den Zionismus sich mit ihnen -zu-beschäftigen. Der Misrachi will nicht Wächter ' .über bas religiöse Verhalten der zion.: Individuen sein. Ihnen gegenüber erwächst dem Misrachi als z i o ti i st ischer Vertretung keine weitere Verpflichtung oder ich will besser sagen: nur die eine große. Verpflichtung, die auch jeder nichtzionistische Jude dem andern gegenüber hat: eine Verpflichtung, die in den Worten: Hocheach tochiach ihren prägnanten Ausdruck findet. Der Misrachi hat einerseits attfklärend zu wirken, indem er aus eigener Initiative darlegt, was vom Standpunkt-des Gesetzes abzulehnen sei. Er stellt aber aucki gleichzeitig die Instanz vor, die der zionistischen Organisation in Dingen, die Gesetzes- Vorschriften berühren, als zuverlässiger Berater dieneit kann, und wir wünschen, daß man recht häufig in solchen Fragen an den Misrachi herantritt. Denn damit, daß das zionistische Programm areligiös ist, d. h. nichts von Religion enthält, ist nicht gesagt, daß nun Fragen religiöser Art nicht austauchen können. Im Gegenteil: sie werden und müssen austauchen, da das jüd. Gesetz in alle Institutionen des praktischen Lebens eingreist! lind wie der Misrachi nicht den Anspruch erhebt, in die Freiheit des Einzelnen einzugreifen,'so beansprucht er auch für sich die Selbstständigkeit und Freiheit in seinen speziellen Grundsätzen und Bestrebungen: das jüdische Volk dein Gottesgesetz zu erhalten und wieder zu gewinnen. Die Mittel, dieses Ziel zu erreichen, sind: die Jugenderziehung in echt jüd. Geiste durch Schulen, Vereine, dann die Schaffmig und Verbreitung von Literatur, die immer von ncuein den Wahrheitsgehalt unserer hl. Thora darzulegen hat, die Ausbreitung jüd. Wissens durch Vorträge und Lernvcreinigungen,. die Propaganda von Mann zu Mann durch Wort und Beispiel. Dazu kommt noch als ein wichtiger Faktor die Gründung sozialer Etnrichtungen,' wie Hilfskassen und Leihkafsen und anderer Institute, die das soziale Niveau der Juden heben sollen, insonderheit denjenigen zugute kommen sollen, denen durch Heilighaltung des Sabbat und der jüdischen Gesetze überhaupt im Gokus der Kampf um eine materielle Existenz erschwert ist. Der Misrachi kann sich, wenn ihm sonst durch eine zahlreiche Mitgliedschaft die materiellen ttnd ideellen Mitteln an die Hand gegeben sind, dabei atlf zwei Ivesentliche Vorteile stützen. Erstens lehnt er sich an eine große weltumspannende Bewegung an, deren gute Organisation ihm vorbildlich ist »nd deren sicheres Funktionieren ihm selbst die Durchführung seiner Pläne erleichtert. Und zweitens: zur Verbreitung seiner Ideen hat er wie keine andere gleichstrebende Vereinigung gut vorbereitete und aufnahmefähige Menschen. Bekennt man sich aber zu der Auffassung, daß die Hoch. toch. Pflicht des gesetzestreuen Juden nicht in der Wahrung des Besitzstandes sich erschöpft, und beschränkt man sich nicht nur darauf, daß man die noch Gesetzestreuen bei her Fahne zu halten sucht, erkennt man vielmehr die Pflicht an, für die Thora 'auch unter den bereits dem Glauben der Väter untreu Gewordenen zu werben, so gibt es keinen besser vorbereiteten Boden für diese Mission der Gesetzestreuen — und mit dieser Mission sollten sie sich weit'mehr beschäftigen, wie mit der beliebten Mission Israels an die nichtjüdischen Völker — als die national gesinnte, aber ungläubige zionistische Masse. . Derjenige Jude, der Pefach. feiert nur als Geburtsfest der.! jüd Nationalität, Chanukah nur als düs Fest Wer nationalen Befreiung vom fremdländischen Joch, am Sabbat rnht, nur weil es der nationale Ruhetag ist usw., der ist freilich noch sehr weit von der religiösen Auffassung des Volljuden entfernt, aber den Weg zum religiösen Judentum zurück hat er vielleicht schon betreten. Der zionistische Boden ist gut gedüngt mit nationaljüdischem Geiste, die göttliche Saat jüd. Wahrheit muß dort aufsprießen, llnb haben sich gleichwohl die Erwartungen die sich vor 10 Jahren an die zionistische Bewegung und die von ihr ausgehende Begeisterung auch für das religiöse Judentum knüpften, nur in bescheidenem Maße erfüllt, bescheidene Erfolge sind auch Erfolge. Sind wir überzeugt, baß einmal der Tag eintritt, an dem „Gott einzig und sein Name einzig" ist, und daß dieser Tag eintreten wird, sind mit den Misrachisten alle religiös Gleichgesinnten überzeugt, und glauben wir nicht, daß diese Anerkennung brr göttlichen Allmacht eines Tages voin Himmel herttnterfallen wird — und das wird sie nicht; denn alles liegt nach dem Attsspruch unserer Weisen, in der Hand Gottes mit Ausnahme der Gottesfurcht — dann ist man gezwungen anzunehnren, daß nicht von dorther die Mgefallenen zum Glauben kommen, wo nur Achtung für Nichtjüdisches und Verachtung für alles Jüdische besteht, sondern von dorther, wo die jüdischen Werte hochgehalteu werden, wenn auch nur im nationaljüdischen Sinne. Zu den Aufgaben des Misrachi gehört noch diejenige, unter den Juden überhattpt und vornehmlich unter den gesetzestreueu Juden für den Zionismus zn werben, nicht in deut Sinne, ein Aushängeschild zu sein, das den Gesetzestreuen den Zionismus schmackhafter erscheinen läßt, sondern im Sinne einer Durchtränkung der gesetzestreuen'Judenheit mit misrachistischett Gedanken. Wie es Ausgabe des Misrachi ist, den Zionisten zn zeigen, daß der Nationalismus losgelöst von der jüd. Tradition eine Halbheit ist, so hat er unter der Orthodoxie die Ueberzeugung zu verbreitendaß die Religion, losgelöst vom jüdischen Volkstum, kein Ganzes ist. Uni das Wesen des Misrachi klarzustellen, ist noch zu erörtern, daß der Misrachi keine politische Partei ist. Er ist ausschließlich eine religiöse Partei. Als Ganzes, als Parteiorganisation hat sich der Misrachi nicht mit politischen Fragen zu beschäftigen. Der einzeliic Misrachist hat das Recht und die Pflicht, als gleichberechtigtes Mitglied der zionistischen Organisation eine politische Ueberzeugung zu besitzen und zu betätigen. Der Misrachi als Parte! unterwirft sich bedingungslos den Beschlüssen des Kongresses, soweit sie mit religiösen Dingen nichts zu tun haben. Die Gegner des Misrachi bilden drei scharf geschiedene Arten: 1) gewisse Kreise der reimiationalen Zionisten. Heber sie will ich hier nicht sprechen, nur so viel sei gesagt, damit keine falsche Vorstellung entsteht, daß es nur gewisse Kreise sind, keineswegs sämtliche und daß andrerseits der Misrachi auch aus Kreisen reinnationaler Zionisten Unterstützung erfahren hat. Ich erinnere nur an Herzl, der in den Misrachisten seine treuesten Anhänger schützte und dem Misrachi jede Förderung angedeihen ließ, 2) gesetzestreue Zionisten, die dem Misrachi fern bleiben, weil sie ihn für überflüssig und für hinderlich für die zionistische Gesamtorgaitisation hakten und 3) nkchtztonistische Gesetzestreue. Die nichtmisrachtstischen gesetzestreuen Zionisten glauben, daß' durch die Sonderorganisation des Misrachi die Einheit der Organisation aufs Spiel gesetzt oder gar durchbrochen werde. Davon kann natürlich' gar keine Rede sein. Diese Gegner mögen bedenken, daß int Zionismus religiöse Fragen praktischer Art aufgetaucht sind und austauchen werden, und daß die gesetzestreueu Zionisten ihren Anspruch : aus Erfüllung der relkgiottsgesetzlichen Forderungen nur danir stets sicher garantiert sehen, wenn sie eventuell ihrem Worte mit einer kompakten Masse , den nötigen Nachdruck geben können. Diese Herren verkennen den Wert jeder Organisation, der darin , liegt, daß jeden Augenblick eine zielbewußte und und schlagfertige Masse nach einheitlicher Direktion , handeln kann, und daß die verfügbaren Kräfte jederzeit bekannt sind, und unsere nichtmisrachtstischen . Gesinnungsgenossen sind in sich widerspruchsvoll, wenn sie dent organisierten Zionismus angehören, -aber dem organisierten Misrachi fernbleiben. (Schluß folgt.) Zu dem Artikel im „Israelit" „Wetterleuchten im Norden". Von Dr. Franck, Altona. (Schluß.) Wir Misrachisten lassen uns keineswegs „durch religiöse Aeußerlichkeiten" über den Gegensatz zwischen Judentum und modernem ZioniS«