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Neue jüdische Presse · 1907-01-11 · Heft 2 (11.1.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. eine erhebliche ist, gemäß 5 und 6 andernfalls gemäß 2 und 4 zu Verfahren haben. IV. Folgt der Wortlaut der § 37 und 40 der Volksschulunterhaltungsgesetzes vom 28. Juli 1906. Cassel. Herr S. Griesbach in Beverungen, dessen Sohn 1905/6 bei dem hiesigen Jnfaiitcric- Regimcnt Nr. 83 diente, am Offiziersunterricht teilnahm, am 1. April aber aus demselben ausgewiesen wurde und gleich seinen beiden jüdischen Kameraden ohne Beförderung am 1. Oktober ybging, setzte sich, um festzustellen, ob hierbei Antisemitismus vorlag, mit dem Oberst von Schlabrendorff in Verbindung. — Unter dem 12. November erwiderte der Oberst, daß der junge Griesbach gewissenhaft und pflichttreu war, da ihm jedoch vorläufig die Eigenschaften, als Vorgesetzter aufzutreten, abgehen, so habe eine Beförderung nicht cintreten können. — G. entgegnete darauf, daß er aus seiner eigenen Dienstzeit wisse, daß höherem Ausspruche zufolge jeder gewissenhafte und vflichttrcuc Einjährig-Freiwillige den Posten eines Unteroffiziers auszusüllen imstande ist; er vermute, daß noch andere Gründe vorlicgen und mache deshalb den Oberst darauf aufmerksam, daß Hauptmann Stropp sich den jüdischen Soldaten gegenüber fortgesetzt antisemitische Schmähungen erlaubt habe. — Aus diesen Brief erhielt G. von dem Oberst die offizielle Nachricht, daß der Hauptmann zur Rechenschaft gezogen werde und Maßregeln ergriffen seien, daß derartiges nicht wieder vorkomme. Würzburg. Der Unterfränkische Tierschutzverein will den Stadtmagistrat von Würzbnrg ersuchen, daß er das Betäuben der Tiere vor dem Schächten anordne. Gegen dieses Vorhaben erhoben die jüdischen Mitglieder des Vereins Einspruch, und in der Versammlung des Tierschutzvereins, die letzten Sonntag stattsand, unterstützte Herr Rabbiner Dr. Stein- Schweinfurt diesen Einspruch in längeren Ausführungen. Schneidemühl. Von den liberalen Wählern des Wablkreises Schneidemühl wurde der jüdische Stadtverordnete Dr. Preuß, Privatdozent aus Berlin zum Reichstagsabgeordneten ausgestellt. Hoffentlich wird es ihm gelingen, seine Kandidatur durchzubringen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der Vorstand der israel. Kullusgemcinöc hat in seiner letzten Sitzung die Errichtung eines Institutes, das den Namen „K a i s e r i n Elisabeth-Institut für jüd. Krankeu- Pflegerinnen" führen soll und die Heranbildung von Pflegerinnen für den Dienst im Spitalc der Kuktusgemeinbe und zur Privatkrankenpflegc bezweckt, beschlossen. Für das Institut wurden folgende Bestimmungen festgesetzt: Die Ausbildung der Schülerinnen erfolgt im Spital der israelitischen Kultusgcnicinbc und dauert ein Jahr.' Die Schülerinnen haben sich zu verpflichten, nach Ablauf dieses Lehrjahres weitere drei Jahre im Verbände des Institutes zu verbleiben, hiervon zwei Jahre der Krankenpflege im Spitale der Kultusgemeinde und ein Jahr der Privatkraukcupflegc zu widmen. Während dieses einen Jahres haben die Schülerinnen durch Dienstleistungen in Kinderspitälern ic. ihre Ausbildung zu ergänzen. Die Pflegerinnen erhalten nebst einem mit den Dienstjahren steigenden Monatsgehalte freie Wohnung und Verpflegung im Pflegeriiineuheime und erlangen unter gewissen Voraussetzungen im Falle eintretcnder Berufsunfähigkcit, bczw. nach Ablauf einer bestimmten Dienstzeit Anspruch auf eine Pension. Die Errichtung des Institutes erfolgt durch einen vom Vereine „Eintracht zu gründenden Verein, in dessen Vorstand der Vorstand der Kultusgemeinde und die ärztliche Leitung des Spltales vertreten sein wird. Die Kultusgemeinde leistet für die ersten 3 Jahre die sich auf Grund des ausgestellte» ungefähren Kostenvoranschlages als erforderlich darstellende Subvention unter Heranziehung der Zinsen der für die Zwecke eines Pflegerinneninstitutes bei der Kultusgemeinde erliegenden Spenden von ca Kr. 123 000. Weiteres übernimmt die Kultusgemeinde die Ausbildung der Schülerinnen und die sukzessive dauernde Bestellung von Pstegerinnen für den Wartedienst im -opitalc. Die Verpflichtungen der Kultusgemeiudc beziehen sich ans den Zeitraum von 3 Jahren. Die Frage der weiteren Subventionierung, sowie überhaupt die weitere Stellungnahme der Knltusgeiiieinde zu dieser Angelegenheit wird von der Entwicklung des Institutes abhängig sein. Prag. Wenn man Jude ist. Seit drei Jahren zieht sich ei» Prozeß hin. der jetzt endlich vor seiner Entscheidung steht. Die Postexpcdientin Augustiiic Schleißner wurde seinerzeit zur V o st - Meisterin in Gottesgab ernannt, aber die dentschböhmische Bewohnerschaft dieser Stadt nahm gegen diese Ernennung die schärfste Stellung ein und wollte um keinen Preis eine Jüdin zur Po st m e i st e r i n. Der Wunsch der Gottrsgaber wurde erfüllt, und Frl. Schleißner erhielt, obzwar ihre Ernennung im Verordnungsblatt publiziert war, ein Erncnniingsdekrct für Neumark. Da dieses zweite Postamt ein Postamt niederer Stufe als das in Gottesgab ist und demzufolge hier auch die Bezüge des Postmeisters niedriger sind, verzichtete Frl. Schleißner auf die Stelle in Neumark mit der Motivierung, daß ihre Ernennung für Gottesgab Früttkfiirtzr Israelitisches FamilienblaÜ. aufrecht bestehe, weil eine Entsetzung int Verordmmgsblattc nicht publiziert worden war. Darob entbrannte ein administrativer Prozeß zwischen der Postmeistcrin und der Postdirektion in Prag, der zur Suspendierung der Postmeistcrin führte. Das Handelsministerium gab dein gegen die Suspendierung erhobenen Rekurse statt und wies Frl. Schleißner das Postmeistergehalt an — aber keine Dienststelle. Nun aber handelte es sich um ihre Ncuanstellmig. Die Postverwaltung bot ihr die Stelle einer Postmanipulantin an — sie aber wies sie zurück, da diese Dienststelle tatsächlich eine Degradation bedeutet. Taranshin erging an Frl. Schleißner seitens der Post- Direktion der Auftrag, daß sic sich dem Amtsärzte behnss Untersuchung ihres Gesundheitszustandes vorstelle. Frl. Schleißner leistete aber diesem Aufträge keine Folge lind stützte ihre Weigerung darauf, daß sie sich nicht verpflichtet fühle, dem Aufträge »achzulommcn, weil diesbezüglich keine Norm existiert, sie überdies als Postmam'piikäiitin und Postexpedientin sofort ohne ärztliche Untersuchung den Dienst hatte «»treten sollen, also für gesund anerkannt wurde und daher kein Grund für die Direktion vorlicgc, sie ärztlich nntersilchcn zu lassen. Immerhin kam Frl. Schleißner dem Aufträge entgegen, dadurch, das; sie sich auf ihren Gesundheitszustand hin vom Be.sirtsarztc in Pilsen untersuchen ließ und dessen Zeugnis der Postdirektion vorlegtc. Daraufhin wurde sie zur Postdircktion zitiert, wo sie sich protokollarisch darüber rechtfertigen sollte, Ivarnm sic dem Amtsanstrage nach Vorstellung vor dem Amtsärzte nicht Folge geleistet hätte. Frl. Schleißner, die damals gerade in Wien weilte, ersuchte, da sie aller Mittel bar war, um die Reise nach Prag unternehmen zu können, inan möge sic in Wien protokollarisch verhören. Die Antwort auf dieses Ansuchen war, daß sie wegen wiederholten Ungehorsams des Dienstes entlassen und damit auch jedes Anrechte? aus die ihr etwa znstehende Pension verlustig erklärt wurde. Nachdem ihre amtlichen Rekurse von allen Instanzen zurückgcwicsen worden waren, beschritt Frl. Schleißner den gerichtlichen Weg, und in den nächste» Tagen wird das Obcrlandesgcricht die ciidgültige Entscheidung treffen. Rußland. Petersburg. Die Zensur hat das weitere Erscheinen der jüd. Wochenschrift Jewrciski Nar o d untersagt. Odessa. Das Komitee, bas sich zur Feier des 70. Gcbultstagcs des berühmten Schriftstellers Abramowitsch (Mendelji Mancher-Scforim) gebildet hat, gibt dessen Werke in einer schönen Ausgabe heraus. Libau. Die Juden haben Ancht, des Abends auszugehen, da sie ihres Lebens fürchten. Kiew. Im hiesigen Gouvernement und in Podolien haben sich eine Anzahl j ü d i s ch e r W a h l - komitccs mit den Bauern- Organisationen für die Dumawahl vereinigt. — Das jüd. Wahlkomitce in M insk beschloß, einen Block nur mit den Parteien zu machen, die die Gleichberechtigung der Juden in ihrem Programm haben. In Bj elo sto k ist es dem jüdischen Wahlkomitee unmöglich gemacht worden, seinen Wahlansrus zu erlassen, da die Behörde keiner Druckerei erlaubt, ihn zu drucken. Helsinakors. In unseren: Finland herrscht noch das Gesetz, daß Juden sich nur mit dem H a n b e l v o » a l t c n K l c i d e r n beschäftigen und des Abends die Stadt nicht verlassen dürfen. Eine Volksvcrsainmlnng, die kürzlich in Scrdobol abgehaltcn wurde, nahm eine Resolution an, in der der Senat aufgcfordcrt wird, die I u d e n f r a g e vollständig zu lösen. Nadomisl. Den Aberglaube:: zu verurteilen oder vor ihm zu warne», sollte eigentlich den Bekenuern des Judentums gegenüber als überflüssig erscheinen, ein denkender n»d gläubiger Jude kann und darf ihm nicht huldigen, denn er würde damit im direkten Widerspruch zu den Gesehen des Judentums handeln. Einige Formen des Slbcrglanbens haben aber leider hier im Kiewer Gouvernement festen Boden gefaßt. Ich »reine der Glauben an die Wnndcrrabbincr, deren Grimbsah es ist, daß das Judentum nur dann erhalten. bleiben kann, wenn seine Bekenner weder voir ihrer Kleidung, »och von ihren hergebrachten Gewohnheiten Massen. Der Wnndcrrabbi nimmt cs Übel, wenn seine Anhänger in einem anderen Terle des Landes ihren Erwerb snchcn und in weiterer Folge den Kaftan ablegcn und sogar von der lebendigen Götzenanbetiing, der Verehrung des Wunderrabbis sich abwenden; er predigt unaufhörlich, daß der Jude nur dann des künftigen Lebens teilhaftig werden kann, wenn er außer den alle Inden gcineinsaiiicn Gesetzen auch diese, ja hauptsächlich diese hält, da nach den Lehren des Chassidismus der Jude gerade durch diese Eigenheiten von den anderen Völkern verachtet und verspottet, aber auch bei Eintreffen des Messias, oder wenn er früher stürbe, in jenem zukünftige» Leben des großen Lohnes sicher sein lvird. Diese Wnndcrrabbi sind der Krebsschaden unserer hiesigen Glaubensgenossen. Ihre Gläubigen glauben an ihre Worte, als wären sie die heilige Lehre. Sehen sie doch, wie der Wunderrabbi drei Viertel des Tages mit Waschungen, Gebeten und anderen Frömmigkeitsakten anssiillt und bei Rezitation eines wichtigeren Gebetes in eine Ekstase gerät, die die hin¬ Nr. 2. reißende Wirkung einer unbekannten, inneren transzendentalen Kraft zu sein scheint, welche der Uneingeweihte nur ahnen kann, die aber er, der heilige Rabbi, mit den stets geschlossenen Augen fühlt und sich ihr unwiderstehlich "überläßt. Das Volk hält all das, was der Wnndcrrabbi predigt, für wahr; es glaubt, daß die weltlichen Genüsse, Literatur, Kunst, feinere Gesellschaftsformen, eitel und nur für die Nichtjuden oder nichtchassidischen Inden geschaffen sind, aus daß diese in diesen Eitelkeiten sortvcgetieren, die Ordnung ans der Erde erhalten, den Schwache» gegen den Stärkeren schützen, durch Erfindmrgcn und die Großindustrie den Menschen Erwerbsquellen eröffnen. Der Chassidjude aber muß das Martyrium erleiden, denn Ihm gehört die Zukunft. Ein bis zwei Zufälle, in denen das Gebet des Rabbi geholfen hat, umgeben das Haupt des Wunderrabbi mit einem Glorienschein, und wenn das Gebet des Rabbi nicht hilft, so ist nur der Sündige daran schuld, der die Hilfe nicht verdient. Jeder kennt einen Falt, in welchem dieser oder jener Rabbi geholfen hat: das ist leider eine Volkskranlheit, welche zur vollkomnienen Entartung führt. — Es ist höchste Zeit, daß die hiesigen Brüder; von der Tyrannei der Wunderrabbis loslommen, in Ivelchc sic in ihrer Verlassenheit geraten sind und in welcher sie durch Aberglauben mitten in Europa znm Spotte der Welt verharren.*) I. I. Braun. Großbritannien. London. Eine jüdische M u s i k h a l l e. Im Ostende Londons wurde a»r 1. d. M. die erste ausschließlich jüdische Musithalle eröffnet. Es finden allabendlich zwei Vorstellungen statt. Sämtliche Auf» sühriingen erfolge» in „jiddisch". Die Halle hat den Namen „Princeß Music Hall" angenommen und liegt in der Nähe der Commercial Road. Die Eintrittspreise^ sind billig. Für einen Logcnsitz wird mir ein Schilling bezahlt. Die Mehrzahl der Sitze kostet 3 Penee. Abgesehen von der Sprache unterscheiden sich die Ausführungen in keiner Weise von denjenigen anderer Musikhallen. Schweiz. Basel. Gegen das schweizerische Schächtverbot hat sich tut Großen Rat von Basel der Führer der Katholiken, Dr. Feigen Winter, in sehr cntschiede»ex,Weise gewandt und es offen ausgesprochen, daß es nicht ans irgendwelchen sachlichen Gründe», sondern lediglich durch einen engherzigeil und thörichten Antisciilitisiiins hcrbeigcfiihrt sei. Gegenüber' den verächtlichen Motiven, ans denen heraus es entstanden ist, betonte der katholische Deputierte die Pflicht, den durch das Schächtverbot gegenüber den Juden verübten Gewissenszwang zu beseitige». Amerika. Nelv-Nork. Nachdem auch die Jto mit Unterstützung von Schiss und Rothschild G a l v e st o n als geeigneten Ausgaiigspiiilkt für die jüdische Einwanderung proklamiert hat, tritt dieser Hafen in den Vordergrund des Interesses für jüdische Auswanderer. In den letzten Jahren sind ungeheure Summen für ständige Verbesserungen Galveston's ausgcgeben worden. Die. städtischen Wasserwerke liefern reines. Qucllwasscr mit einer Fähigkeit von 4 Millionen Gallonen per Stunde. Straßenbeleuchtung, Fenertvehr, ein vollkommenes Kanalsystem gehören auch der Stadt und werden von dieser unterhalten. Der Stcnerwert des Stadt-Steuerratcs beträgt Dollars 26 960512 und die Rate der Stadt-Abgabe» ist Doll. 1,57 aus Doll. 100. Es gibt dort 2 Hochschulen, 7 öffentliche Schule», 12 Privatschulcn, eine katholische Universität, 2 katholische Akademie», 31 Kirchen aller Klassen für Weiße und 13 für Neger und viele Waisenhäuser und andere Wohltätigkcits-Jnstitiitioneir. Das beste Straßcnbahnsystcm in Texas, die wunderbarste Umgebnng, malerische Wohngegenden, ein Badestrand, lvic er in diesem Lande nicht übertroffen wird, ein Klima, das im ganzen Jahre nicht mir 30 Grad variiert, sind Vorzüge, wie sic nur wenige .Häfen besitzen. Galbeston ist zwar nicht die größte Stadt in Texas, aber durch seinen unvergleichlichen Hafen »nd die 6 großen Eisenbahnlinien, die von Galvestön nach dem Süden, Südwestcn und Westen ausgehen, die bedeutendste und wichtigste Stadt von Texas. Der ganze Westen vom Mississippi bis zum Stillen Ozean zahlt ihm seinen Tribut. Es ist der Brennpunkt der halben kaufmännischen Tätigkeit des Staates und der Krcnznngspnnkt des Exportgeschäftes des ganzen Südwestens. Es verschickt jährlich mehr Baumwolle und Banmwollsamcn als irgend ein anderer Hafen dieses Landes „nd nimmt den dritten Platz ein unter den großen Häsen der United States, in der *J Die geschilderten Schattenseiten des Chassidismus sind bekannt; doch 'lote wir bereits früher arrsführtcii, hat der Chassibismus auch manches Gute, und solange kein kultureller Ersatz für ihn da ist — was nur durch die Aendernng der Umstände und Verhältnisse cintreten kann — darf das Tröstende und Stärkende, das er seinen notleidenden und rmterdrückten Anhängern gewährt, nicht verkannt werden. Me Redaktion.

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