Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. toict Sonitntt aus zehn Jahre hatte und der Prozeß für die Resiliernng des Kontraktes noch in Schwebe war. Der Zeuge Aro» Lciboviti, der Bruder des Ermordeten, sagte, daß, als Frau Miclescu das' Gut au Winkker verpachtete, er und sei» BÄder>in-gesetzlicher Weise für die Wahrung ihrer Rechte iirterpertier-k etn, Winkler aber habe immer gedroht, sie gewaltsam vom Gute wegzujagcn. Nus den Aussagen einiger anderer Zeugen ist ersichtlich, daß Winkler wiederholt erklärt hat, er werde sich an Leibovici rächen und daß er mit dem Revolver drohte. Der Primär Gavrila Dohrc erklärt, daß er sich bemühte, eine Versöhnung der beiden Pächter herbcizusühreu und Winkler auch zustimmtc, sich aber schließlich der übernommenen Verpflichtung nicht fügen wollte. Der Zeuge Stefan Marin sagt, daß Frau Mclesen mit einem Revolver bewaffnet ivar und die Brüder Leibovici bedrohte. Siinca Leibovici erzählt, wie der Mord stättgeftlnbeil hat und daß Winkler zwei Schritte zurücksprang, bevor er de» tötlichcn Schuß abfeuerte. Me beiden Sachverständigen Radulescu und Grifon erklären, es sei unmöglich. daß der Revolver ohne die Absicht des Schießenden losgeganoen sei. Um 6 Uhr nachmittags ergriff der Vertreter der Zivil- Partei Advokas Jgnat das Wärt, und'wies zunächst auf den schlechten Eindruck hin, den die direkte Einmengung der Frau Miclescu . gemacht hat, welche die Zeugen fortwährend unterbrach und sie verhinderte, zu Ungnnsten des Angeklagten auszusagen, der während der ganzen Zeit der Derhändlnng eine kecke und gleichgiltige Haltung an den Tag gelegt Habe. Zn Verteidigung des Angeklagten sprachen die Ildvokaten Parvulescu, Cäramsil, Rodcscu und Delavrancea. .Die Geschw dich cm sprach en den Angeklagte u des Mordes frei und verurteilten ihn bloß zu 2000 Fr. Entschädigung- Ein Teil des Publikums nahm das sreisprechende Urteil mit lebhaften Beifallsrufen und antisemitischen Kundgebungen auf. Erajova." Die hiesigen Gymnasiasten veranstalteten Ausschreitungen gegen die Juden. indem sie zahlreiche jüdische -Passanten mißhandelten und viele Fenster einschlügeu. Einige Tage später hat der Pöbel, dem Beispiele der „gebildeten" Jugend folgend, die Ausschreitungen wiederholt. Palästina. Jerusalem, 23. Dezember. Den 20. traf hier der neue Pascha, Akram Be, ein. Zu dessen Empfang an der Eisenbahn hatten sich seitens der jiib. Gemeinde Rabbiner Ch. Elsaschar und I. -Valero eingefunden. Erst Sonnabend, den 22. d. M., gelegentlich der Verlesung des Firmans, hat sich im Serail auch Herr Jakob Melr blicken taffen. Mit dessen Herrlichkeit ist es also noch nicht zu Ende. Gegen den a b g e g a n g e neu Pascha ziehen dir ägyptischen Matter stark zu Felde. Besonders sind die hiesigen Türken und die Stadtbewohner gegen ihn aufgebracht. Ob die jüdische Gemeinde nach seinem Abgang wieder in geregelte Verhältnisse treten wird, ist. nach den ersten Anzeichen, zumindest unwahrscheinlich. Wie verlautet, soll der Kaimakäm Effcndi in Stambul von dem guten Willen beseelt sein, den bis heute vorgebrachten Beschwerden, welche auch in öffentlichen Organen Ausdruck fanden, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. . Haamitti. Jaffa. Das hebräische Gymnasium zählt bereits 62 Schüler und Schülerinnen, 8, 16 und 17 in den drei Klassen der Vorschule und 9 und 12 in den bestehenden zwei untersten Klassen des Gymnasium selbst. ' Es ist hier unter dem Namen „T e w i a" eine Wo kl-Wäscherei und Weberei-Aktiengesellschaft gegründet worden. Die Aktien ä 1000 Rubel sind bereits fast sämtlich abgesetzt. Personalien. Hochstadt bei Hanau. Am 10. Teweih wurde hier eine in unserer Umgegend sehr bekannte Frau begraben: Frau Jette Sichel geb. Schuster. Frau Sicher gehörte zu jenen echt jüdischen Frauen, die, besonders auf dem Lande, immer seltener werben. Ihr Haus wurde und war erfüllt vom Geiste des »Zachnosath Orchim" und „Gmikluth Cheseb", und'die Liebe, die sie ausstreutc, hat sie auch schon zu ihren Lebzeiten in reichen! Maße geerntet. Nicht nur von ihrer Familie, sondern von jedermann, Juden und Nichtjuden, wurde sie geachtet und verehrt. Das zeigte sich auch bei ihrem Leichenbegängnis. Ein großer Zug, Juden und Nichtjuden, wie man ihn selten in einem kleinen Dorfe sieht, folgte der Bahre, um der Verklärten die letzte Ehre zu erweisen. Am Grabe in Hanau sprach 'Herr Provinzialrabbiner Dr. Bamberger bewegte Worte des Trostes. Frankfurt a. M. In den Vorstand der israel. Gemeinde wurde für den ausscheibenden Herrn Henry Seligmann Herr Bankier Willy Th. Stern gewählt. ' Metzen, 1.Januar. Einenckragischen Abschluß fand im Stadttheater-die vorgestrige Aufführung von Schülers „Räuber", in welcher der 20jährige Schauspieler Max Herrscher den Franz spielte. Der talentvolle Künstler war am Tage vorher von der Influenza befallen, erklärte sich aber Frankfurt» Israelitisches Fmnilienblait. trotzdem eine Stünde vor Beginn der Vorstellung bereit, seine Rolle durchzuführen, auf deren Darstellung er förmlich brannte. Die Ausführung mußte jedoch infolge des schlechten Befindens Herrschers wesentlich gekürzt und als sich bei dem Schauspieler hohes Fieber cinstelltc, sogar am Schluß abgebrochen .werden," Der Künstler wurde per Wagen in seine Wohnung gebracht, wo er im Beisein seiner ans Frankfurt a. M. herbcigcreisten Mütter anr nächsten Morgen verstarb. — Der Verstorbene Ivar ein Schüler des „Philanthrop!»" in Frankfurt a. M.; seine hervorragende schauspielerische Begabung erwarb sich bei der Jahrhundertfeier der Schule bereits Aufmerksamkeit und Anerkennung. Berlin. Der persische Generalkonsul Max Leon, Inhaber der bekannten Passemcnteriesirma Bücher u. Leon, erhielt den Titel Kommerzienrat. Leipzig. Bei den Wahlen der israel. Religions- Gemeinde wurden die ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentanz wiedergewählt; es sind dies die Herren Professor Dr. Adler und Generalkonsul Schreiber, sowie die Herren I. F e l - senstcin, A. Goldschmidt, I. Harmalin, Max Löwenberg, S. Rosenstock, A. Ulanperl und H. Wittner. ZAfMüvche«. Bei den Wahlen zu dem Verwaltungsaiisschüß der israel. Gemeinde unterlagen die Kandidaten der Konservativen. Es 3vuröen gewählt: Justizrat Ofner, Kommerzienrat Ballin, Rentier A. Landauer, Rentier M. Nuß bäum, Kommerzienrat I. T h a n n h a u s e r und Kaufmann K. F r i e d m a n ». München. Dem Rechtsanwalt Dr. K a h n wurde der Titel Justiz rat verliehen. MlBreslau. Dr. med. Georg Rosenfeld erhielt den Titel Professor.. ** Gleiwitz. GenÄts-AffessorSigmund Rosenthal Würde zum Amtsrichter befördert. Stratzburg. Kommerzienrat S. Jacob i, Seniorchef der Firma Wolf, Netter u. Jacobi in Berlin und Stratzburg, ist'im Alter von 61 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. In Jacobi verliert Straßburg einen seiner bedeutendsten Großindustriellen. Jacobi hat unter den bescheidensten Verhältnissen seine-Laufbahn begonnen. Während-des Krieges 1870/71 kam er als Vertreter der Firma Netter in Bühl nach Straßburg und wußte durch seine hervorragende Tüchtigkeit und strenge Redlichkeit die Konjunktur so auszunutzen, daß ihn seine Firma bald znin Teilhaber inachte. Jacobi war während vieler Jahre Mitglied des ^Gemeinderats und der Handelskammer. - Posen. Kreisarzt Dr. Cohn in Hehdekrug erhielt den Titel M e d i z i n a l r a t. , Stettin, 31. Dez. In Gollnow (Pommern) wurde der Handelsmann Levh Cohn in seiner Wohnung e r m o r d e t und beraubt. Ms mutmaßlicher Täter wurde ein Arbeiter namens Klüger in Stettin verhaftet. Liegvitz. Stadtverordnetenvorstchcr Heinrich Cohn ist anläßlich seines Scheidens aus dem Kollegium zum Ehrenbürger von Liegnitz ernannt worden. Tilsit. Stadtrat Hermann Glaser, Vorsitzender des Vorstandes der hiesige» Synagogengemeinde, verschied am 18. Dezember. Wien. Adalbert von Gold sch mi dt, der soeben im Mer von 35 Jahren verschiedene hochbegabte Dichter-Komponist, war der Sohn eines Prokuristen des Wiener Bankhauses Rothschild. Es gelang ihm dank seiner reichen Mittel bald, sein bereits groß angelegtes Erstlingswerk, „Die sieben Todsünden", in glanzvollen Aufführungen vor das Berliner und Hamburger Publikum zu bringen. Insbesondere der große Hainburger Theaterdirektor Polkini setzte sich für den originellen Tondichter ein, und als Goldschnnöt sein gewaltiges Milsikdrania „Gaea" vollendet hatte, plante Pollini eine Sensattonsausführung dieser machtvollen Trilogie. Er starb aber während der Vorbereitungen, und des Tondichters größtes Werk erblickte niemals das Rampenlicht. Nur Emanuel Reicher vermittelte durch eine Vorlesung den Berliner Anhängern Goldschmid'ts die Bekanntschaft urit seiner mteressanten Schöpfung. Ms eine überbizarre Oper, „Die fromme Helene", in Hamburg abgefallen war, zog sich Goldschmidt von der Bühne zurück. Die großen Kosten seiner „Gaca"- Propaganda, die er auch in Frankreich betrieb, hatten sein beträchtliches Vermögen fast ganz ausgezehrt. Hermann Bahr zählte einst zu den eifrigsten Partisanen Goldschnridts, dessen unleugbare große Begabung sich niemals so recht beim breiten Publikum durchgesetzt hat. Lemberg. Salomon Buber gestorben! Am 28. dss. Mts. verschied in seinem 80. Lebensjahre kaiscrl. Rat Salonion Buber, Vorsteher der Israelit. Kultusgemcinde, Ehrenmitglied vieler wissenschaftlicher und gemeinnütziger Gesellschaften, Großgrundbesitzer und Senkorchef der Firma Salomon Buber. Mit Salomon Buber ist einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrten der Gegenwart verschieden. Er hat die jüdische Literatur in hebräisch geschriebenen Aussätzen und Einzelschritten, besonders aber durch Herausgabe von älteren, handschriftlich erhaltenen hebräischen Werken bereichert. Von letzteren heben wir hervor: „Pesikte des Rabbi Kahana", .die älteste palästinische Haggada, „Midrasch _ - : _1li 1. > Lekach tob des Tobia beuEkieser zum Pentateuch'", „Midrasch Tüchuma zum Pentateuch", „Schibboke hakeket", „Midrasch zu den Psalmen", „Aggädischer Kommentar zum Pentätcllch", „Midrasch zum Buche Samuel und -zu den Sprüchen Salomos", „Jalkut Machiri zu den Psalmen" und „Midrasch Sechel tob des Menachem ben Salomo". Kaschim lUngarn). Zum ersten'Male in der jetzt neunmonatlichen Regierung des gegenwärtigen Ministeriums hat ei» Jude eine Auszeinchung erhalten; Herrn Simon L e tz t e. r wurde das G o l d e »e Verdienst-Kreuz verliehen. — Baron 'Karl vön Rothschild, zweiter Sohn des Lord Nathamel Rothschild in London, hat sich mit der Tochter des Großgrundbesitzers Alfons von Wertheimstein in Groß-Warvein, eines g e t au f t e u I üd e n, verlobt. -Biel (Schweiz). Herr Gabriel-'Heß ist wieder zum Mitgliede der -„städtischen Schülkommission" gewählt worden. Er ist außerdem in Gemeinschaft mit Herrn Leopold D r e h' f u s Mitglied der „städtischen Steuerkoniinission". Auch im „großen Stadtrat" sitzt ein Jude, nämlich Herr Bl uni-Go schier. Rom. Rabbiner B e n e d e t t i in Pisa ist mit dem Orden 'der Krone von Italien 'ausgezeichnet worden. Ein Jomkippur. Bon Ernst Schwarz. Rcb Meier Löwi war nicht nur erster Vorsteher der israelitischen 'Kultus'geineinde in 'R., er war auch der Ungesehenste und Reichste der Gemeinde nnid der ganzen Gegend weit in'der Runde. Reb Jcchcskel Mtschul, der sogenannte Schalksnarr der Gemeinde, behauptete sogar, wenn Reb Meier wollte, könnte er den Landesfürsten fragen, um wie viel ihm sein Fürstentum feil, fei, und wenn er's wollte, könnte er sich's kaufen; doch scheint diese Behauptung'Rcb Jecheskels wohl etwas zu weit gegangen. Tatsache ist.jedoch, daß er ein steuireicher Mann war. : Daß er sich aber glücklich fühlte mit seinem rolossalen Reichtum, das wollten gar iiianchc bezlveifel». Und doch waren auch seine Verhältnisse, abgesehen von seinem großen Vermögen, die denkbar günstigsten. Er hatte eine sanfte, wackere Frau, die nur zu kcben schien, um seine Wünsche zu erfüllen, er hatte einen einzigen Sohn von zweinndzwanzig Jahren, aus den er in jeder Beziehung hätte stokz sein können, er hatte außer seinem Amt als Erster Vorsteher noch verschiedene Ehrenämter, nicht nur in der jüdischen Gemeinde, sondern auch i» bürgerlichen Kreisen, denn feine Einsicht war hochgeschätzt. Aber auch seine Persönlichkeit war imponierend, breitschulterig, und hochgewachsen überragte er die Meisten und wenn er einer Dcrsamuilung präsidierte und seinen strengen Blick in die Runde gleiten ließ, da hätte sich wohl niemand eine Ausschreitung erlaubt. Reb Meier Löwi war ein frommer Mann, gewissenhaft erfüllte er, was er als Pflicht erkannte, gewissenhaft legte er den zehnten Teil seines bedeutenden Einkommens für wohltätige Zwecke zurück. Doch daß er den Hilfsbedürftigen je ein tröstendes oder auch nur ein freundliches Wort gesagt hätte, das war nie vorgekonrmen, wenigstens in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht. Uebcchaupt hatte in dieser Zeit wohl "keiner ein freundliches Wort von -ihm vernommen, nicht einmal seine Frau und nicht sein Sohn; er verlangte zwar nie Unbilliges von ihnen, aber was er verlangte, verlangte er in schroffem, herrischen Ton. Wohl dadurch war kein wirklich herzliches Verhältnis aufgekommen, weder zwischen den Gatten, noch zwischen Vater und Sohn. An der Mutter hing Benjamin mit gradezu leidenschaftlicher Liebe, den Vater achtete er hoch und hätte sein Leben für ihn hingegeben, ob er ihn aber liebte? — Er hatte einmal die Mutter gefragt, ob der Vater wohl lachen könne, sie hatte es nicht gewußt, sie hatte ihn nie lachen gesehen. Trotzdem war Meier Löwi dereinst in dem'Alter, in dem sich sein Sohn gegenwärtig befand, ein lebensfroher, heiterer junger Mann gewesen, dessen frisches Lachen geradezu ansteckend wirken konnte aus seine ernsteren Genossen. Seine Verhältnisse hatte man damals allerdings keineswegs als glänzend bezeichnen können. Er hatte die Eltern-frühe