Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692512--02941-2697592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ni. 1. tterioccit, das Wenige, was sie ihm Hintersassen hatten, hatte gerade hingereicht, ihn bis in sein fünfzehntes Jahr zu erhalten. Van da an hatte er sich selbst erhalten müsse», und es war ihm gelungen, und darauf war er stolz und blickte frisch und froh uiid.ohne Sorge» hinaus i» die schöne Gotteswelt mit seine» glänzende» lachenden Auge». Er lebte allerdings nur, wie man cs nennt, von der Hand in den Mnnd, aber gereicht hatte es noch immer; und als er sein ztveiundzwanzigstes Jahr vollendet hatte, da war er sogar überzeugt, sein Verdienst könne auch für zivei Menschen ausreichen, und er dürfe es wagen, um das Mädchen seines Herzens, die schöne Jutta Löwi, anzuhalten. Jutta war ihtn gut, das wußte er, wenn er' auch nie darüber mit ihr gesprochen hatte, dazu hätte er sich ohne Erlaubnis ihrer Eltern nicht berechtigt gehalten. Aber wozu auch sie fragen, wenn er sich die Frage selbst beantworten konnte, sah er doch, wie ihre Auge» strahlten, lvic die Farbe in ihrem lieblichen Angesichte stieg, lvenn sie ihn nur erblickte. Ihr Vater, ein wohlhabender Mann, war sein Vetter und hoffnungsvoll begab er sich eines Tages in das Haus desselben und hielt um die Hand der Geliebten an. Doch er hatte die Rechnung ohne den 'Wirt gemacht, hohnlachend hatte der Vetter ihn nbgewiesen, tvie er als armer Hungerleider sich habe träumen lassen können, die Tochter des reichen Samuel Löwi heiinzuftthren! — Me werde sich in de» nächsten Tagen mit dem reichsten Mann der Nachbargemcindc verloben.! : Vergebens - hatte Meier Löwi den Vetter beschworen, wenn er ihm die Tochter nicht schon seht geben Wolle, sie wenigstens noch einige Jahre ledig zu lassen, bis es ihm gelungen sein werde, ihr eine bessere Lebensstellung biete» zu können, sie wäre doch noch so jung, habe ihr sechzehntes Jahr kaum vollendet, er möge sie wenigstens fragen, ob sie ans ihn warten wolle. Aber Samuel Löwi hatte ihn aiisgekacht und ihm einfach sein Hans Verbote»? Das hatte ihm Meier nie verziehen, nie! — Dann hatte ihr Vater Jutta gerufen und hatte ihr mitgeteikt, daß sie sich dm Abend des folgenden Tages verloben werde. Jutta war in Tränen ausgebrochen und hatte den Vaier beschworen, von der Verlobung abzustchen, sie wisse mit Bestimmtheit, sie würde dadurch unglücklich werden. Der Vater hatte ihr geraten, keine Narrenpossen zu treibe», der reiche Glimmer habe sich' in sie verliebt, dadurch könne sie nur glücklich werden. Als sie gesehen hatte, daß all ihr Bitten und Flehen vergebens, da hatte sie sich gefügt, doch als am folgenden Tage der Bräutigam gekommen war, da hatte sie ihm vor der Verlobung mitgcteilt, daß sie einen Verwandten liebe. Wenn er nach dieser Mitteilung die Verbindung mit ihr »och anstrcbc, so wolle sie sich bemühen, de» andern zu vergessen, ob ihr das gelingen werde, wisse sie freilich nicht, ahcr eine treue Gattin würde sie ihm sein, das könne sie versprechen. Der junge Mann war zwar im ersten Augenblick wie vor de» Kopf gestoßen durch diese .Erklärung, aber er war verliebt, und die charaktervolle Haltung des jungen Mädchens steigerte nur seine Neigung zu ihr. Er versicherte, daß er sich vollkommen auf sie verlasse und nur danach streben werde, ihre Neigung zu erringen . So hatte den» die Verlobung stattgefnnden, und als an dem darauffolgenden Sabbat alle Freunde und Bekannte gekommen waren, der Braut und deren Eltern Glück zu wünschen, da hatte sie alle Glückwünsche mit freundlichem Lächeln entgegengenomincn, aber allen war es ausgefallen, lvic bleich das sonst so frische rosige Mädchen und wie matt der Blick ihrer sonst glänzenden Augen war. Auch gegen ihren Verlobten war sie immer freundlich, nahm seine Ausmerksamkeiten dankend entgegen, bemühte sich seiner Unterhaltung Interesse entgegen zu bringen. Aber er fand sie zu seinem Schrecken, so oft er kam, jedesmal schwächer, sie schwand sichtlich dahin, die Leute sagten, sie hätte die galkoppierende Schwindsucht; und eines Morgens, als die Mutter an ihr Bett trat, weil sie sonst zu dieser Zeit schon angckleidct zu sein Pflegte, da erhielt sie keine Antwort ans ihre angstvollen Fragen, und als sie ihre schmale weiße Hand berührte, die Krunkfurrei ZfraelnischeK FamllienblaÜ. aus der Decke lag, da schauderte sie zurück vor der eisigen Kälte, die ihr entgegenströmte — ein Herzschlag hatte dem jungen Leben.ein jähes Ende gemacht. Der Schinerz der Eltern war unermeßlich, denn auch der Vater hatte sein Kind aufrichtig geliebt, hätte er den Ansgang geahnt, er wäre nie der Neigung ihres Herzens entgegengetreten, nur Unverstand hatte das Unglück hcrausbeschworen. Werdas Unglück blieb ihm fortan treu. Schlag folgte auf Schlag. Seine Frau konnte den Tod der Tochter nicht verwinden, sie klagte sich an, denselben mit verschuldet zu haben, da sie dem Gatten nicht mit der erforderlichen Energie entgegengetreten war, als er die Tochter zu der ihr widerstrebenden Verlobung gezwungen hatte. Noch war das Jahr nicht zu Ende, da war sie der Tochter gefolgt dorthin, von woher keiner zurückkehrt. — Das war ein harter Schlag für Samuel Löwi, er hatte die Gattin aufrichtig geliebt und was sollte er beginnen mit semen drei kleinen mutterlosen Kindern? — Nicht allzulange durfte er sich der Trauer um die Dabingeschiedcnen überlassen, die Sorge um feine Kinder nötigte ihn zu einer zweiten Heirat. Und damit wenigstens hatte er Glück. Auch "seine zweite Frau Ivar brav »nd gut, sie Pflegte die Kinder, die sie Mutter nannten, irkit opferfreudiger Hingebung. Doch im ilächsten Winter, als eine Scharlach-Epidemie ansbrach, gehörten die drei kleinen Löwis zu den ersten, die derselben erlagen. Ihre Mutter hatte sich jedoch bei der Pflege der ihr Anvertranten allzusehr angestrengt, das rächte sich, sie kam sehr bald zu liegen, und als sie einige Monate später einem Töchterchen das Leben schenkte, war ihre Gesundheit für imnier zerrüttet, sie erholte sich nie wieder. Noch nahezu fünf Jahre schleppte sie sich dahin, dann sank auch sie ins Grab: — Ihr Töchterchen, die liebliche Rosi, war trotz der mangelhaften Pflege, die ihr geworden, ein schönes kräftiges Kind. Sie war die Einzige, die Samuel Löwi geblieben, aber seine Vermögensverhättnifse waren vollständig Zerrüttet. Er konnte nicht darair denken, seinem Kinde eine zweite Mutter zu geben. Eine alte Magd versah sein Hauswesen und sorgte für das Kind so gut, wie sie es verstand. Er mußte sich plagen, sich und sein Kind und ‘ die alte Magd zu ernähren. Der noch vor sieben Jahren reiche, hochmütige Samuel Löwi war ein verhältnismäßig armer Mann geworden. Inzwischen war auch in den Verhältnissen seines Vetters Meier Löwi eine Wandlung vorgegangcn. Als man die Geliebte seines Herzens, seine Jutta, ins Grab gesenkt hatte, da hatte er unter den nächsten Leidtragenden gestanden, er war doch ihr Verwandter, er hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt, um nicht laut anfzuschreien in seiner Qual, und seine Augenbranen hatten sich dicht zlisammengezogen zu einer tiefen Falte, und diese Falte war geblieben bis auf den heutigen Tag. So war er auch in seinem Aenßeren ein Anderer gcioorden. Düsterer Ernst lagerte beständig auf seiner Stirn, lind nie hat man ihn wieder lachen oder auch nur lächeln gesehen. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Gestatten Sie Herr Redakteur, daß ich in einigen Zeilen folgende Frage erörtere: Wer ist daran schuld, daß die Zahl der auf Samstag frei reflektierenden jungen Leute stets znrückgeht? Macht man mit Recht den jungen Leuten den Vorwurf, daß sie den Samstag entweihen, ober gebührt nicht dieser Vorwurf häufig eher der Prinzipalität? Hat auch Frankfurt vielleicht die meisten ain LninStag geschlossenen Geschäfte, so wird doch' leider gerade hier der Samstag seitens der Prinzipalität bei der Salairierung am meisten ausgenützt. Ans eventuelle Anfragen bei hiesigen jungen Leuten werden Sie bestätigt finden, daß vielleicht inehr als die Hälfte der hiesigen jungen Leute, die am Samstag nicht arbeiten, nicht ncehr als J6. 60—SO verdienen. Wie aber ein junger Mann mit solch einein Salair, zumal wenn er rituell leben will, anskomineu soll, danach wird nicht gefragt. Kommt einmal das Personal mit der Bitte um Gehaltszulage, so ist es meistens das erste, was es zu hören bekomnct: „Sie arbeiten ja nur 5 Tage!" also den Vorwurf, daß es seinen Samstag hält. Seite 5. Nun frage ich Sie, Herr Redakteur: welches Opfer bringen die frommen Prinzipale mit dem Sabbathalten, wenn sie es auf Kosten der jungen Deute bringen und diese gleichzeitig dadurch veranlassen, den Samstag zu entweihen? Macht man nach diesen allgemein bekannten Ausführungen den jungen Leuten mit Recht den Borwurf, daß sie Mechallel Schabbos sind, oder wäre es richtiger, wenn mau dies den Ankaßgeberu, der Prinzipalität vorwerseu würde? Ich glaube, die Frage beantwortet sich von selbst. Hoffentlich erreichen diese Zeilen ihren Zweck: eine Gehaltszulage für die durch das Sabbathalten im Salair gedrückten junge Leute, um die noch wenigen ans Samstag frei reflettierenden vor Mechallel Schabbos zu bewahren. „Ein Sabbatfreund." Kunst und Literatur. A r o n s o h n, - L. Eiic neties Licht über Zion, ein Appell an die Lauen in Israel zur Erweckung ihrer Herzen für Zion. Frankfurt a. M. 1904. Selbstverlag des Verfassers. 57 •«. Die heilige Lehre und die Vorschriften, welche sie enthält, wurden voll unseren Erzvätern nach der Tradition als F a m i l i e n g e s e tz beobachtet. Air dem Fuße des Horebs, >vo Israel von Gott als Nation anerkannt wurde, wurde dllrch die göttliche Offenbarung das Familiengesetz Nationalgesetz. Wiederholt verkündet die Offenbarung, daß durch den Verkehr mit anderen Nationen die Gefahr der Vernachlässigung des Gesetzes droht. Der ewige Leiter der Geschicke wußte es, daß das 'Herz der von ihm als Priestervolk erwählten Nation leicht zu gelvinnen irnd zu verführen ist durch humanes Entgegenkommen und daß der Sinn für Assimilierung >nit anderen Nationen, selbst mit denen, welche Israel in niedriger Knechtschaft halten, stets bei Israel vorherrscht. Selbst die Ermnhnungsworte von Israels Führern waren nicht inr Stande, Israel zurückznhalten, seine Nationalität nicht zu verleugnen. — Die göttliche Vorsehung — einschreitend für Israels Fortbestehen — mußte daher den Rischns-Geist bei den Fürste» der Diaspora zur Entwickelung bringen. So verstehen wir auch die Wahrheit der Worte unserer Weisen, daß die Vollmacht, welche Haman von dem persischen Kaiser erhielt, die Juden vertilgen zu lasse», mehr Einfluß auf die Erhaltcnrg des jüdischen Geistes hatte, als die Strafreden von 48 Propheten und 7 Prophetinnen. — Esthers Rettungsiiiiktel „Wezuinn olaj vereinigt euch mit niir" erweckte wiedermn das Nationalgefühl — und allmählich vereinigte Israel sich zum Wiederbau des zweiten Tempels. lind in un.serer Zeit, wo Israels Geist fast überall krank daniederliegt, müssen wir zu der Ueberzeugnng kommen, daß die Belehrungen unserer Prediger, uns zum Thora-Stndium zu bringen und uns die Beobachtung der Gebote zuzuführen, nicht helfen werden, Israel ins richtige Geleise zu führen, wenn nicht erst das Nationakgefühl bei Israel gehoben ist. — So lange Israel festhält an dem Glauben, daß nur Religion und nicht auch Nationalität es scheidet von den anderen Nationen, solange werden die meist ernsten und wohlgemeinten Belehrungen und Ermahnungen wertlos sein. — Wir sind deshalb Herrn Aronfohn dankbar, daß er sich bemüht hat, für den Zionismus Bahn zu brechen und einen Stein beizutragen zur Verbreitung fürden Jsr. Wektverein, der Israels Nationalgefühl zu wecken bceifert ist. — Liepmann PH. Prins. Offentacbtr Vrireklutt-Rrilagr Telefon 123. Offenbach a. M. Telefon 123. Unflbertroffene bewährteste Tepplchralntgung. Wocheu-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 5. Januar (— 19.Tewes): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 25 Min. Berlin 4 Uhr 55 Min. Mit der Sidra S ch e m a u s beginnt das zweite Buch Moses. Die Söhne Jakobs, welche mit ihren Familien nach Egypten gekommen waren, wurden dort zu einem Volke. Damit begann auch die egyptische Knechtschaft. Israel ist denc König Pharao zu zahlreich; er will es vermindern. Der erste Feind des jüdischen Volkes tritt zugleich als Verleumder aus. Pharao zeiht Israel der Treulosigkeit gegen das Vaterland, sie würden Egypten im Kriegsfälle verraten. Darum erfordere die Staatsraison, das Volk dicrch schwere Arbeit zu vermindern, ja allmählich aufzureiben. Sie mußten Ziegel brennen und Borratsstädte bauen. Dennoch vermehrte sich das Volk so stark wie früher. Da befahl der König den Hebammen, die männlichen Kinder nach der Geburt zu töten Die gottesfürchtigen Geburtshelferinnen kamen indes diesen: grausmnen Befehle nicht nach. — Moses wird int Stamme Levi geboren. Seilte Mutter versteckt ihn drei Monate vor Pharaos Häschern. Alsdann setzt sie ihn in einem Binsenkörbchen am User