Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 50 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. hebe; aus Versehen hatten die Beauftragten der Partei die drei Prämienlose mitgenommen, die somit zurückgestellt werden. Zugleich machten die Absender des Schreibens den Mann aufmerksam, daß auf eines der Lose bereits vor einigen Jahren ein Gewinn von 75 000 Rubel gefallen sei; da er aber, so war beigcfüat, diese Entdeckung der Partei verdanke, so werde er" aufgefordert, 25 000 Rubel für Parteizwecke herzugeben. Der Gewinner sucht nun mit der Partei in Fühlung zu treten, um sie zur Ermäßigung ihres Anspruches zu bewegen. Grotzbritaimte«. London. Die Jüdische Kunst-Ausstellung in Whitechapel ist nunmehr geschlossen worden. Sie wurde in den 6 Wochen ihres Bestehens von nicht weniger als 151000 Personen besucht. Frankreich. Paris, 24. Dez. Jaures wendet sich in der „Humänitö" gegen die jüdischen F i n a n z k e u t e Frankreichs, die im Gegensatz zu ihren englischen und amerikanischen Glaubensgenossen die russische Regierung durch Gewährung neuer Anleihen in ihrem Kampf gegen die Duma und gegen die Emanzipation der Juden unterstützen möchten. Jaures behauptet, daß die Bankhäuser Lazard, Emersdorffer, Gans, Weisweiller, «eligmann, Kahn, Sulzbach, Lcvy.und Louis Hirsch die letzte Anleihe deckten, und daß -sie von ihren Kunden nicht die Zahlung des gesetzlich vorgeschriebenen zehnten Teils des gezeichnete» Betrages verlangten, sondern sich »nt dem zwanzigsten und dreißigsten Teil begnügten. Jaurös kündigt an. daß er die Regierung rnterpellieren werde, ob sic eine solche Umgehung des französischen Gesetzes fernerhin dulden wolle. Palästina. Jaffa. Hebräisches Gymnasium. Dem in hebräischer Sprache äbgefaßten ausführlichen Prospekte des kürzlich gegründeten hebräischen Gymnasiums in Jaffa entnehmen wir einen gründlichen Einrichtungs- und Lehrplan. Die Schule baut sich pädagogisch voni ersten Leseunterricht bis zur Universitätsreife auf. Sic enthält drei Stufen. Die Vorbereitung (drei Jahre), eine mittlere (zu 5 Jahren), und eine höhere Stufe (3h» Jahre), letztere in zwei Pärallelabteilnngen, einer mehr literarischen und einer mehr realistischen. Unter den Lehrgegenständen verdienen neben den allgemein eingeführten (ohne Latein und Griechisch) genannt zu werden: ein systematisches Vertiefen in Bibel'und die agadistischen Teile des Talmud, gründlichere Aneignung des Hebräischen als Unterrichtssprache, moderner Zeichenunterricht, Französisch, Englisch, Deutsch, eventuell Arabisch, Türkisch und Latein. In der Naturgeschichte ist das zeftliche Vertrautmachen mit dem menschlichen Organismus, in der Geschichte die Hervorhebung des kulturgeschichtlichen Momentes zu betone». Eröffnet wurde die Vorbereitungsschule und der erste Jahrgang der mittleren Stufe. Amerika. New-Aork. Jüdische Sta atsmänner in d en ver ei n i gt c n Staaten. Anläßlich der Ernennung Oskar Straus zum Handelsminister verzeichnet America» Hebrew die Namen aller Juden, welche bisher ein hohes Regierungsamt in den Vereinigten Staate» bekleidet haben. — Bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts (von 1813—16) war Morbechai M. Noah Konsul in Tunis. Edwin de Leon und der bekannte Politiker Simon Wolfs'waren Generalkonsuln in Egypten. Ersterer i. I. 1854, Letzterer i. I. 1881, Max Judd in gleicher Eigenschaft in Wien (1893—1897), Benjamin L. Peixotto in. Bukarest (1870—76) tätig. Endlich war Salomon Hirsch von 1889 bis 1892 amerikanischer Botschafter bei der Türkei. Gegenwärtig ist Lewis Einstein Legationsrat in London. — Was die jüdischen Parlamentarier betrifft, so sind im ganzen Verlauf des. vorigen Jahrhunderts nur drei Juden zu Senatoren gewählt worden, nämlich David L. Pulee (1845—61), Benjamin F.. Jonas (1879—1885) und Josef Simon (1897—1903). Gegenwärtig ist Isidor Rayner der einzige jüdische Senator. Eine ganz besondere Stellung nahm Juda P. Benjamin ein. Für die Jahre 1852—1861 von. einem der Südstaaten in das Weiße Haus entsendet, schloß er sich später der Rebellion an und war als erster Sekretär des Präsidenten Jesscrsohn Davis die Seele der Bewegung gegen die Präsidentenschaft Lincoln's. Nach Niederwerfung der Rebellion ging er nach Eng-!land, wo er bis zu seinem Lebensende verblieb. Größer als die der jüdischen Senatoren war die Zahl Per jüdischen Kongreß-Mitglieder, deren es insgesamt vierzig gab. Gegenwärtig zählt, das. Unterhaus vier Juden, nämlich Henry M. Goldfogle und Lucien N. Littauer für Newyork, Julius Kahn für Ealifornien und Ab. Meyer für Louisiana. Rew-Nork. Der Boykot t. gegen d i e M-etz'ger seitens der jüdischen Hausfrauen der Ostgegend hält an. und nimmt infolge einer energischen Agitation fortgesetzt an. Ausdehnung zu. New-Aork, 13. Dez. Bei einem Empfange, der soeben für Dr, Lewi.n, Mitglied der russischen FrüSyuriee Israelitisches' Familien-lE Duma und. Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, veranstaltet wurde, erklärte Herr Jacob H. Schiff in einer längeren Rede: „Der Bankier, der der russischen Regierung noch Geld darleiht, begeht ein Verbrechen an der Menschheit. Ich möchte der russischen Regierung den Rat geben: Gebt den Jude» das Bürgerrecht, dann wird er dem Lande ein Segen werden. Ich bin davon überzeugt, daß eine Menge von Personen im saale sind, die als Geheimagenten der russischen Regierung fungieren. Ich frage diese Leute: Ist es ein Wunder, daß der russische Jude ein Revolutionär ist? Nicht er hat sich zum Revolutionär gemacht, dies hat die russische Regierung getan." D r. L e w i n ist auch vom Präsidenten Roosevelt empfangen worden. Brooklyn. Das neuejüdischeHosvital, das mit einem Kostenauswande von 335000 Dollars erbaut worden ist und 175 Betten, enthält, wurde vom Rabbiner Dr. Alexander Lyons von dem „State Street Tempel" eingeweiht. Es sprachen n. a. auch Oscar S. Straus, Adolph Lewisohn, Hermann S. Metz, Dr. Jacob Fuhs, St. Claire, Mc.-Kelway. Personalien. Berlin. Dem Bankier Alfred Simonson, Teilhaber der alten Bankfirma S. Simonson, wurde der Titel Kommerzienrat verliehen. München. Bei den Preisbewerbungen der Technischen Hochschule in München errangen 2 Juden erste Preise. Nämlich der Lehramtskandidat Siegfried Rothenberg aus Nürnberg und der Student Fritz Landauer aus Augsburg. Effen. Hermann Herz. Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, wurde zum Stadtverordneten gewählt. Kommerzienrat Js. Hirschland, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, gehört schon seit Jahren dem Stadtparlament an. Breslau. Stadtrat Hugo Milch. Direktor der Schles. Boden-Kredit-Aktienbank, von 1870—1890 Vorstandsmitglied der Israel. Gemeinde, feierte den 70. Geburtstag. Wresche». Kreisarzt Medizinalrat Dr. Michaelso h n wurde zum Ratsherrn gewählt. Flatow. Rechtsanwalt Dr. P i n k ist zum Kreistags ab ge ord n e l en gewählt worden. (k.) Posen, 20 Dezember. Nach langeni Leiden starb am 18. d. M. Frau Felicia Bremer geb. Wongrowitz im Alter von 61 Jahren.Die Stauer, seier fand heute Nachmittag statt. Die Gedächtnisrede hielt Herr Rabbiner Dr. Bloch. Redner schilderte den aufopfernden Wohltätigkeitssinn und die seltene Liebenswürdigkeit der Dahingeschiedenen, wie sie mit Freudigkeit alle Pflichten der Nächstenliebe zu jederzeit erfüllte. Dem Vorstände der Israelitischen Waisen-Knaben-Anstalt gehörte sie eine lange Reihe von Jahren an, ebenso war sie Vorsitzende der hiesigen Schwesternloge „Anricitia". Grodno(Rußland). Ihr40jähriges Schriftsteller-Jubiläum beging die bekannte Romanschriftstellerin Elise von Orzeszko. Die Jubilarin hat auch mehrere jüdische Romane („Elichakower", „Meier Ezofowicz") geschrieben. Sie schildert den Jude» und das polnisi^jüdische Leben mit einer Vorurteilslosigkeit, wie sie bei Polnischen Schriftstellern selten ist. Ddeffa (Rußland). Im Laufe weniger Tage hat die hiesige Judcnheit zwei angesehene Mitglieder verloren : Dr.' med. M. P. Simonowitsch und Dr. M. A. Juscfvwitsch, Oberarzt .des jüdischen. Krankenhauses. Bologna (Italien! Das Leichenbegängnis des Senator Sanguinetti, der sich durch umsichtige finanzielle Tätigkeit ein großes Vermögen, erworben hatte und als großherziger Menschenfreunde bei fast, allen Anstalten, die dem Wohle der Stadt, oder der Provinz dienen, beteiligt war — entweder saß er ini Vorstande der Institute oder war einst, selbst' ihr Begründer — gestaltete sich zu einer groß», artigen Kundgebung der gesamten Provinz. Dem- Leichenznge voran schritt ein Bataillon Infanterie, .Abteilungen von Gendarmen und Infanterie waren, an den Straßenübergängen postiert, um den langsam vorüberzichenden Zug vor jeder Störung zu, schützen. Die Geschäfte hatten meist für die Stunde des Leichenbegängnisses, geschlossen, ganze Schulen 'und Vereine beteiligten sich an der Beerdigung, Man. zählte ini Zuge 42 Fahnen von Bologneser oder pro-, vinzialen Korporationen. In 50 Kutschen wurden die prachtvollen- Kränze, gegen 160, dem Leichenwagen nächgefahren. Sämtliche staatlichen Behörden der.Provinz, die Munizipalität von Bologna, die Universität, des Generalkommando waren bei der Feier vertreten. Auf 'dem 'Friedhöfe von Bologna, auf den .sich 'nur die nächsten Angehörigen begaben, hielt der Oberrabbiner Alberto Orvieto eine von poetischer Begeisterung getragene Rede, die die Tugenden und die Religiösität des Toten feierte. Die großen'Verdienste, des so früh Verschiedenen — Sanguinetti hat kaum 50 -Jahre erreicht — wurden auch, ehrend in efnem Telegramm hechorgeho.be», das der I'önig von.Jtalien durch'seinen Minister an die Hinterbliebenen richtete. ‘ Philadelphia, Die hiesige Judenheit. hat einen großen Verlust erlitten. Frau R o s .a l i e Feu st - M. 50. mann (geb. 1887 in Dürkheim, bayerische Pfalz) ist nicht mehr. Frau Rosalie Feustmann war bewiniderungswert als Philauthropin. In allen hiesigen Wohltätigkeits- und Erziehungs-Vereinen war sie. tonangebend. ©I AiuMm. |© Zwei Lichte. Aus dein Englischen von M. P u l v e r in a n n (Schluß.) Während meiner Reisen mit dem Prinzen war nichts geschehen, das mich der jüdischen Religion näher gebracht hätte, und hier, in dem Hause meines strenggläubigen Schwiegervaters, fühlte ich mich in eine fremde Welt versetzt, wo ich riie heimisch werben zu können gkaubte. Ich, hatte mich schon oft 'im stillen geärgert, sobald ich den schnierzlich-traurigen Blick in Per.ls Augen sah, wenn ich wieder meinem Skepticismus Worte verlieh, oder über eine Einrichtung des Judentums eine abfällige Bemerkung machte, und ich nah»! mir fest vor, nach, unserer Hochzeit kein Mittel unversucht zu lassen, um sie den veralteten. Anschauungen zu entreißen. — In der ganzen jüdischen Gemeinde nutz im Hause meines' Schwiegervaters herrschte 'jetzt ein geschäftiges Treiben; der nengewählte Rabbiner sollte am Sabbat-Chanuka seine Antrittsrede halten, und bei dieser Gelegenheit sollte auch, ich im Tempel „auf* gerufen" werden, um so das öffentliche Geheimnis' Unserer Verlobung aller Welt bekannt zu geben. Mir war beides sehr peinlich, und da Perl gegen meine Abreise keine besondere Einwendung machte, wurde diese bald ins Werk gesetzt. Perl war auch seit einigen Tagen wieder ganz wohl, und die wiederkehrende gesunde Farbe auf ihrem Gesichte sandte einen Glücksschimmer in mein schwer beküm acrtes Herz. — Ich hoffte gegen meine eigne Hoffnung. IV. „Der Winter ging vorüber," nahm der Doftor seine Erzählung wieder auf, „und die Besserung im Befinden des Prinzen machte gute Fortschritte. Den Sommer verbrachten wir auf seinen Gütern, und da er jetzt vollständig wieder hergestellt war, gab er das Verlangen zu erkennen, in der herrlichsten Stadt Europas, in Paris, als gesunder Mensch das Leben gründlich kennen zu lernen. Auch ich war zu dieser Zeit in der fröhlichsten Stimmung; vor wenigen Tagen erst hatte ich von Perl einen länger» Brief erhalten, in welchem sie inir auf meine leisen Andeutungen, sich den herbstlichen Stürzen, und Unzuträglichkeiten nicht auszusetzen, die beruhigende Zusicherung gab, daß sie sich so wohl fühle, wie nie zuvor, und daß sie. die Tage und Stunden des scheidenden Jahres mit Ungeduld zähleum mit mir bald durch das heilige Band der Ehe verbunden zu werde». — — — — Heute Abend sollte ich mit dem Prinzen einen .Maskenball besuchen. Ich gab dem Kammerdiener den Auftrag, uns zwei Dominos zu besorgen,, und diese zum Grafen L. hinslyaffen, wo wir Abendbrot essen und uns umkleiden wollten. Gerade als wir . im Begriff, waren, aufzilbrechcn, bekam der Prinz wieder einen Anfall und., mußte zu- Bett gebracht werden; er erholte sich zwar bald, doch hielt ich es für ratsam, heute nicht mehr auszugeyen. Ich selbst blieb ebenfalls zu Hanse, um nötigenfalls stets zugegen zu sein- . Gegen sieben Uhr war ich in meinem Zimmer und blieb dort. ' Es war der 29- November!!! — — — — — i Ich zündete kein Licht an und saß. auf demselben Platze, den wir jetzt einnehmen. Durch die vielen Besuche, die ich-mit dem Prinzen in der letzten Zeit 'gemacht, kam ich wenig züm. Schlafen.. Ich versuchte jetzt, das Versäumte nachzuholen; doch meine 'Bemühungen waren vergeblich, und ich. konnte kein Auge schließen; mir kamen allerlei Gedanken, und Ich war fieberhaft erregt. Unausgesetztstarrteich in die prasselnden und knisternden Flammen, unbebewiißt folgten meine Blicke, de»: bizarren Sprünge» und Wendungen der einzelnen Flämmchen,. bisdiese 'sW -u bestimmten Forme» gestalteten-. — Zuerst sah ich eine glühendxote Säule, an welcher hlaue