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Neue jüdische Presse · 1906-12-28 · Heft 50 (28.12.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 50 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 , von einst und heute unbekannt?" — „Lebt denn noch Juda? Sind wir nicht seine einzigen Schatten?" — Darauf stimmten sie in ein wehmütiges Lied ein; es kiangen die Töne des „Al nahraus bowel", obgleich das Klagelied nicht,da-Z eigentliche „al nahraus bowel" war, denn sie sangen ja im alten Ge'es.. . . Aber auch nicht dem Inhalte nach tvar es „Al nahraus bowel," „Wie können wir in der Fremde das Lied Gottes singen," sangen die Tapsern Judas und Gesangenen Babylons, am Euphrat und Tigris. Am Blaue» Nil sitzen noch gegenloärtig die einstigen Tupfern Judas, die jetzt geistig herabgckommcuen Falascha Aethiopiens uild singen ein Klagelied von verlorenen Liedern, sie klagen, daß sie die Lieder Israels, seine Lehre vergessen haben, sie klagen: „Verdorrt ist unser Gebein, hin ist unsere Hoffnung, entschieden ist cs über uns." Ist dies eine Phantasie? Keine! Auch keine Weis- , sagung! Im Lande Aethiopiens, genannt Ilbcssynien, schmachten unsere Brüder nach dem Gotteswort. Hunderttausend Falascha sind es, die in völliger Unwissenheit leben und geistig rege genug sind, um nach Lottes Lehre zu rufen. — Wird dieser Ruf an die in aller Welt Zerstreuten Israels unbeachtet Vorbeigehen? — Und siehe, Israels Gott spricht: „Von allen vier Seiten koinme herbei, du Geist, und hauche diese Leichen an, daß sie anfleben." Aus aller Zveü. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. > Die Realschule der I s r a e l. R e l i g i o n s g e s e l l s ch a f t wird am 7. und am 8. Januar ein W i n t e r f e st veranstalten. Schon seit Wochen bereiten sich die jugendlichen Akteure für dieses Fest vor. Frankfurt a. M. Dieser Tage weilte hier Herr Dr. Jakob F a i t l o w i t s ch, um hiesige Kreise für die Fa k a s ch a s zu interessieren. Dr. F. hatte auf Veranlassung seines Lehrers, des bekannten Orientalisten Professor Hcilövy in Paris, eine 18monatliche Forschungsreise in A b e s s y n i e n unternommen. Die sehr erheblichen Kosten dieser überaus schtvierigcn Reise trug einer der großherzigsten Juden, Baron Edmund von Rothschild in Paris. Der Zweck der Reise ivar, die FalaschaS zu studieren. Die FalaschaS sind Juden, die uvch zur Zeit des ersten Tempels unter der assyrischen Herrschaft — etwa 700 v. d. übl. Zeitrechnung — aus Palästina auswandcrten und seitdem in dem wilden Gebirgstaude Abessynien nbgeschnitteu von aller Welt leben. Sic vergaßen das Hebräische und haben die Bibel nur in der Landessprache. Sie lebten auch die vielen Jahrhunderte in dem Glauben, daß sie der Rest des jüdischen Volkes seien. Sie haben mit Treue das Gesetz bewahrt und stehen sittlich und körperlich sehr hoch. Der Talmud, Chanuka und Purim sind ihnen selbstverständlich unbekannt. In den letzten 50 Jahren haben die Missionare verheerend unter ihneir gewirkt, die ihnen cinredeten, daß sie ihnen das richtige Judentum bringen. Grade inr Hinblick ans die zersetzende Tätigkeit der Missionare" ist es eine Ehrenpflicht für die Judcnheit, sich dieses kulturhistorisch so interessanten Teiles ihrer Gesamtheit schnell anzunehmen. Es müssen Lehrer nach Messynien geschickt, wichtige Bücher des Judentums ins Aeth topische übertragen und eventuell auch eine Anzahl junge Falascha in Europa erzogen werden. Hierzu sind große S u m m e n notwendig. Kostet doch die Reise für jede Person allein 400 M. — Geldspenden zur Ermöglichung des großen Werkes wolle man au Herrn Jacob S. Posen, Frankfurt a. M., Fichtestr. 5, senden. Mannheim. Nachdcni vor kurzem in Karlsruhe voic einer zahlreichen V e r s a m m l u u g eine Protestresolution gegen das neue Gebetbuch angenommen lvorden ist, hat nuninchr ain Dienstag, den 48. ds., auch hier eine sehr gut besuchte Versammlung (wir schützen die Zahl der Teilnehmer auf etwa 300) stattgefunden, in der über den G e b c t b u ch e n t w n r f referiert wurde. Mau sieht, die Bewegung gegen das neue Gebetbuch ist im Wachsen begriffen, und mit der Zeit wird wohl auch der Oberrat zu der Erkenntnis kommen müssen, daß er mit diesem unheilvollen Werk einen Zankapfel in die badische Judenhcit geworfen hat, der sic in zwei feindliche Lager zu spalten droht. Be> der Karlsruher Versammlung half man sich mit dem billigen Trost, die Teilnehmer seien größtenteils aus der Landessynagoge ausgetretene Mitglieder der Religionsgesellschaft gewesen; eine Behauptung, deren Unwahrheit ans der Hand liegt, wenn man erwägt, daß die Versammlung von etwa 500 Personen besucht war, während die Religionsgesellschast noch nicht 100 Mitglieder zählt. Hier in Mannheim gibt es keine ausgetretene Gemeinde; Mannheim ist außerdem die Hochburg der Assimilation, und trotzdem existiert eine starke Gegnerschaft — das sollte auch unser» Refor¬ Frankfurter Israelitisches Fcunilienblatt. mern zu denken geben. Das Referat hatte auch hier auf Ersuchen des Vereins zur Wahrung der Interessen des gcsetzestreuen Judentums in Baden Herr Jakob R o s e n h c i m aus Frankfurt übernommen. Der Vorsitzende, Herr Bankdircktor S. Rosenb a u m, eröffuete die Sitzung, indem er darauf hinwicS, daß der Verein der Gebetbuchfrage in erster Linie sein Entstehen verdanke, die für alle badischen Juden das größte Interesse habe. Dann ergriff Herr Rosenheim das Wort, um in zündender Rede' an dem Werk des badischen Oberrats Kritik zu üben. Er kennzeichnete die Widersprüche des neuen Gebetbuches, dessen Tendenzen man erst an der Hand der Vorbemerkungen verstehen könne. Er zeigte ferner, daß der Oberrat sein Gebetbuch mit Unrecht ein modernes nenne, denn es weise keine Spur von modernen Ideen auf; die Kiinst seiner Autoren erschöpfe sich in Streichungen und Kürzungen. Der Oberrat beleidige die jüdische Vergangenheit, indem er unseren Vorfahren ein minderwertiges sittliches Bewußtsein unterstelle, und er beraube das Judentum der Zukunft, indem er die Gebete streiche, die sich auf seine Zukunstshoffnungen beziehen. Die Bestrebungen des Obcrrnts seien ein Erzeugnis jenes Geistes, der dazu führte, daß sich in den Jahren 1810—1840 die Hälfte der jüdischen Gemeinde in Berlin taufen ließ. Auf einen auS der Versammlung geäußerten Wunsch belegte dann der Redner seine allgemeinen Bemerkungen noch durch zahlreiche treffende Beispiele. — Die Versammlung spendete dem Redner begeisterten Beifall und nahm zum Schlüsse eine Protestresolution an, die mit der vor kurzem in Karlsruhe beschlossenen dem Wortlaut nach übereinstimmt. — Von seiten der zionistischen Ortsgruppe wurde schon anläßlich des süddeutschen Delegierteutages eine Protestversammlung in hiesiger Stadt ahgehalten, die Ebenfalls eine scharfe Resolution gegen das Gebetbuch annahm. Hoffen wir, daß die sich mehrenden Stimyren .gegen das Gebetbuch ihre Wirkung nicht verfehlen. Die Hauptsache aber ist, daß bei den kommenden Synodalwahlen die Wähler ihre Schuldigkeit tun und. mit Entschiedenheit gegen dieses durch und durch unjüdische Gebetbuch Verwahrung cinkegcn. Berlin. Hitfsverein der deutschen I u d c u. Exzellenz Berg m a n n hat sich dem Hilfs- Verein der Deutschen Inden bei so vielen Gelegenheiten als hingebungsvoller Arzt aus reiner Nächstenliebe zur Verfügung gestellt, daß der .Hitfsverein mit Freuden den 70. 'Geburtstag dieses ausgezeichneten Ehirurgen zum Anlaß nahm, ihm folgendes Dankschreiben zu senden: Eurer Exzellenz gestattet sich auch der Unterzeichnete Verein zum 70. Geburtstag die atlerherzlichstcn Glückwünsche zu übermitteln. Eure Exzellenz haben unsre Tätigkeit für unsere bedrängten russischen Glaubensgenossen auf das Liebevollste unterstützt und vielen Erkrankten und Verwundeten, die durch die Jiidenmetzeleien des letzten Jahres gelitten haben, die Gesundheit zurückgegeben. Mit Freuden nehmen wir den Ehrentag wahr, um Eurer Exzellenz für die weitgehende Fördcrnug unserer Humanitären Bestrebungen unseren verbindlichsten Dank auszusprechen. Mit dem Wunsche, daß das Wirken Eurer Exzellenz noch viele Jahre allen Bedrängten zum Segen gereichen möge, verbleiben wir in ausgezeichneter Hochachtung Hilfsverein der Deutschen Juden gcz.: James Sinion. Berlin. ^Antisemitische Reichstagsk a n d i d a t n r e n. Die D e u t s ch s o z i a l e n haben bis jetzt wieder aufgestellt: Liebermann von Sonncbcrg in Homberg-Fritzlar-Ziegenhaiii, Lattmann in Kassel-Melsungen, Schack in Eisenach-Dermbachs Raab in Eschwege-Schmalkalden, Herzog in Hofgeismar- Rinteln. Ferner haben die Deutschsozialen in folgenden bisher nicht antisemitisch vertretenen Wahlkreisen Ernstkandidatcn nominiert: Dr. Böhme in Marburg, Oberlandesgerichtsrat Freiherr v. Richthofen in Waldeck-Pyrmont, Obcramtsrichter Graefe in Weimar- Apolda, Köhler in Gießen, Zahnarzt Strumpf in Oels-Wartenberg, Generalkonsul n. D. Graf Pfeil in Mühlhausen i. Thür., Graf Rcventlow in Wanzlcben, Amtsrichter Mahr in Darmstabt, v. Flotow in Wolfenbüttel und Oekonom Müller in Lauenbnrg. Die Reformpartei hat wieder ausgestellt: Werner in Hersfeld-Hünseld-Rotenburg, Gräfe in Bautzen-Bischofswerda/ Zimmerniann in Zschvpau- Marienberg, Böckler in Tchlochau-Flatow, Bruhn in Friedberg-Arnswalde und Froelich in Ost- und Dest- Sternberg. Sic stellt ferner in Gemeinschaft mit dem deutschen Bolksbunde in Borna-Frohbnrg, Meißen- Riesa, Deutsch - Krone, Msfeld-Lauterbach-Schotten und Marburg Ernstkandidaten auf. Der Deutsche V v t k s b n n d stellte bisher in folgenden Wahlkreisen Kandidaturen auf: Kaufmann Sepke in Stettin und Prof. Dr. Pank Förster in Randoio-Greifenhagen. Der bisherige Abg. Krösell, der selbst nicht weiß, zu welcher antisemitischen Gruppe er gehört, hat sich wieder in Phritz-Taatzig anfstellen lassen. Die Christlichsozialen haben die bisherigen Abgg. Stöcker (Siegen) und Dr. Burckhardt (Dillenburg) wieder aufgestellt und planen die Nomierung weiterer Kandidaten. Seite 3 Berlin. Die Juden in Preußen haben sich nach einer Aufstellung in der „Ztschr. f. Demogr. u. Statist, d. Inden" von 1300 bis 1905 s cki w ä ch e r vermehrt, als alle anderen Konfessionen. Ihre Zunahme berrug nur 43,73»«« gegenüber 03,85»Ul> Oct den Evangelischen und 102,26»»« bei den Karhotiken. Es fand eine sehr starke A b w a n d c r u n g der Inden ans den Ostprovinzcn nach Berlin unb dem rheinisch-westsätischen Industriegebiet statt.'Sv bat sich z. B. in Westprentzen, Pommern und Posen die jüdische Bevölkerung von 1300 bis 1905 um 8201 gleich 12,73»,'» vermindert, dagegen in Braiidenbnrg, d. h. hauptsächlich in den Berliner Bororten, um 1-1,461 Personen vermehrt. In Berlin wvynten 1905 98,893 gleich 24,15»», in den gesamten 1279 prenß. Städten 351,550 gleich 85,45»/», und in den Dörfern 14,55»» aller preußischen Juden. Nicht weniger als 55,06»» aller Juden (gegenüber 19,62«» Christen) lebten in Großstädten mit mehr als 100,000 Einirohnern. DüffelSorf. D«r hiesige Tierschutzv er ein veröffentlicht im „General-Anzeiger" eine Erklärung, in der er anssührt, daß die Prozedur des Schächte n s von der Fesselung an bis zum Eintritt der Bewußtlosigkeit im Vergleich mit der Scblachtincrhode vermutet-? der neuesten und verbesserten Bolzenschußcipvarate eine Tierquälerei sei. lieber 500 Schlachthofdirekrorcii stimmten mit Unit in diesem Punkte überein, ebenso der Verein schlesischer Schlachthoftierärzte. Professor Hoffmann in Stuttgart erklärte das Schächten fürdas Tier mit Schmerz und Angst verbunden, es dauere außerordentlich lang und rufe einen so gräßlichen Todeskamps hervor, daß jeder Mensch Mitleid mit dem gequälten Tier empfinden müsse. — Man sieht, die Schächtgegner setzen ihre Wühlarbeit unerinüdlich fort, trotzdem von den ersten Kapazitäten und hunderten Schlachtyofdirektoren das Schächten für die h u m a n st e und empfehlen swerte st e Tötungsart erklärt worden ist. Oesterreich-Ungaru Budapest. In der Sitzung des Abgeordneten- Hauses vom 19. dss. machte M i n i st e r p r ä s i d e n t We k e r le die Mitteilung, daß die Regierung die allgemeine S o n n t a g s r u he v e r s ch ä r f e n und stufenweise auch in den Wirtshäusern und Branntweinschänken durchführen wolle. Diese Verschärfungen würden zur Folge haben, daß in absehbarer Zeit Tausende von jüdischen Familien den Sabbat geopfert haben werden und damit immer mehr auf den Ruin dcs JudcntnmS zugesteuert wird. — Aber die Orthodoxie schweigt, die Rabbiner schweigen, und die zwei Dutzend Ungarn jüdischer Konfession in unserem Parlament haben noch nie gesprochen, wenn es die Wahrung jüdischer Interessen galt. Mosciska (Galizien). So muß es kommen! .Hier ließ sich vor nicht langer Zeit ein Advokat Dr. Isidor Drohozky aus Krakau nieder, der dort noch Israel Daiches hieß. Der Herr interessierte sich sofort sehr lebhaft für allgemeine Angelegenheiten und gründete u. a. eine „Christi. Gewerbe-Genossenschaft" mit dem Zwecke, „die Christen vor den jüdischen Ausbeutern zu schützen". Jetzt 'hat ihn nun seine eigene Gründung von der Mitgliedschaft ausgeschlossen, da es nicht sicher sei, ob Dr. Drohozky tatsächkich 'getauft ist oder nicht. Lemberg. Ueber die traurige Lage der hiesigen j ü d. H a n d e l s a n g e st e l l t e n lesen wir im „Jüd. Arb.": In der Spezerei-Branche sind 150 jüdische Angestellte beschäftigt. Die Arbeit beginnt gewöhnlich zwischen 5—6 Uhr morgens und und endigt um 1 Uhr nachts. Der Angestellte bedient die Kunden, trügt die Waren weg und besorgt außerdem Hausarbeiten. DaS höchste Gebalt ist 50 Kronen pro Monat und dabei sind etliche verheiratet. Ende ihrer Karriere ist in der Regel, daß sic Makler und Händler mit Altwaren werde». — Etwas besser sind die Verhältnisse in der Mcinnscikturwarcn- Brcmche, die 250 jüdische Angestellte beschäftigt, darunter ein Viertel verheiratete Leute. Die Arbeitszeit beginnt um 6(4 und endigt zwischen 10—11 Uhr. Das höchste Gehalt, das hier gezahlt wird, ist 80 bis 100 Kronen im Monat. Bon einem Selbständigmachen ist keine Rede; die es wagen, bankrottieren bei der großen Konkurrenz meistens. So sind von 75 Engrosgeschästen in der Schnittwarenbranche die vor 2 Jahren existierten, ungefähr 10 geblieben. Die gleiche» Zustände lassen sich bei zahlreichen anderen Branchen konstatieren. Der „Allg. Jüd. Arbciter-Verband" ist gegenwärtig damit beschäftigt, die jüdischen Angestellten zu organisieren, um ihre Lage zu heben. Rußland. Wilna. Wie man einen Schatz findet. Ans der Trockastraße wohnt ein alter Jude, der allgemein für einen sehr armen. Mann galt. 'Als er jüngst seine Wohnung für kurze Zeit verlassen hatte, erschienen dort einige Männer, die man für Geheimagenten hielt, und nahmen eine genaue Durchsuchung vor. Einige Tage s päter wurde dem Alten ein kleines Paket mit einem Begleitschreiben zugeschickt. Das Paket enthielt drei Prämienlose und das Begleitschreiben stammte von einer der radikalen Parteien, die dem Empfänger mitteilte, die Haussuchung sei in ihrem eigenen Aufträge ausgeführt worden, da man gegen ihn einen Verdacht (offenbar wegen Spionage) gehabt

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