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Neue jüdische Presse · 1906-12-28 · Heft 50 (28.12.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 50 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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m so, Funken auf- und abliefen und die sich allmählich zu einer menschlichen. Gestalt herausbildete; bald glaubte ich auch die Gesichtszüge zu erkennendes war das treueste Abbild meiner Braut. — Sie bewegte ihre Arme, und' als sie mir diese entgegenstrecktc, fiel das ganze Gebild zusammen, und alles war von schwarzem Rauch bedeckt.. — Wahrscheinlich durch den Luftzug tvieder angefacht, brannten . die Scheide jetzt lichterloh, und die Flammen brachten neue Gestalten hervor. — Me Rückwand des Herdes formte sich zn eknenl richtigen Leichenstein, auf dem ich alle Einzelheiten der Bildhauerarbeit klar und deutlich erkennen konnte; in der Mitte war eine funkensprühende, viereckige Platte, die. sich' nach tind nach mit hebräischen Buchstaben bedeckte. --- Zunächst sah ich, so deutlich wie ich Sie hier sehe, „Perl Saenger", und darunter: „Fünfundzwanzigster Kislew!" — — — In demselben Augenblick hörte ich die Uhr schlagen; ich zählte langsam und bedächtig acht Schläge; mir war es, als hörte ich eine Totenglocke und nicht die wohlbekannten Klänge der Uhr in meinem Zimmer. Ein Frösteln überlief meinen Körper, doch war ich nicht imstande, inich von der Stelle zu bewegen. Unter der vorhin erwähnten Inschrift, kam jetzt wieder ein anderes Gebild zum Vorschein: ei» aufgeschlagenes Buch, dessen Seiten, von links nach rechts, sich ebenfalls mit hebräischen..Buchstaben bedeckten, deren Sinn ich' aber inchr verstand. Nach einer. Wecke fingen sie an zu schwinden, genau in derselben Reihenfolge, wie sic gekommen waren; endlich, zerbröckelte auch der ganze Leichenstein; der schwarze Rauch bildete'sich zu einer Pyramide, nach oben sich verdünnend und an der Spitze in ein blaues Flämmchen. auslaufend. — — — Mechanisch, wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, erhob ich mich von meinem Platze, riß ein Blatt aus meinein Taschcnbuche, und so, ini Halbdunkel, fing ich an, Perls Grabschrist fieberhaft schnell in hebräischen Zeichen nicderzuschreibeu, obwohl ich diese seit meiner Kindheit nie mehr geübt und keine Älhnung hatte, was sie bedeuteten. — Wie von selbst, flog alles aufs Papier, ohne daß ich einen Augenblick nachzndcnken brauchte. — Ja, es war mir, als schrieb ich gegen meinen Willen! — Eine höhere Macht hat inir dabei die Hand geführt, und das ganze Gedicht, Versmaß, Reim, es war alles eine höhere Eingebung, eine himmlische Erleuchtung!!! Ms ich fertig war, warf ich Papier und Bleistift fort. „Mlmächtiger Gott!" schrie ich verzweifelt auf und stürzte ohnmächtig zusammen. So lag ich da, bis der Kämmcrdiener mich fand, der gekommen war, mich zum Prinzen zu rufen. Mit bebenden Händen ergriff ich das Papier, und innerlich zusammenschauernd, warf ich es ins Feuer. Eckig folgte ich dent Mener, froh, daß die Krankheit des Prinzen mich ganz in Anspruch nahm und meine Gedanken von deni entsetzliche» Traum», gebild ablenkte- — — — — — Erst, um sechs Uhr morgens betrat ich. wieder mein Zimmer. Das Feuer war vollständig ausgebrannt, und bei deni Versuche es wieder anzufachen, ''fand ich das Papier wieder, das unversehrt geblieben. —■ Wie Sie sehen, ist nur die obere Ecke ein wenig versenkt, doch die Inschrift ist vollständig erhalten geblieben. — '-Mich erfaßte ein namenloses Grauen, und ich steckte es in die Tasche, ohne es noch'einmal zu lesen. Und nuu, mein Freund, hören Sie das lestte. Nach zwei Stunden erhielt ich eine Depesche mit folgendem Inhalt: „Perlstarb 'gestern 'Abend nur acht Uhr. Saenger." „Und wie, Herr Doktor," fragte ich gespannt, als .er seine Erzählung beendet hatte; „wie erklären Sie sich Ihre' traurige Vision?" > Er sah mich ungehalten an. „Wie ich sie plir erckärte? Sie, der Theologe, fragen mich, den Naturforscher, ivas 'ein solcher Vorgang zu bedeuten hat? Muß denn der nichtige Mensch für alles,, was eine höhere. Macht ins Werk zu setzen Miebt, Erklärung haben? Ist es denn nicht genug zu wissen, daß wir eben nichts wissen trotz unserer Klugheit und- Weisheit?-" Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5 .,Aber, Herr Doktor, Sie glauben doch, nicht etwa Voller.Freude eckte nun auch der Schiffskapitäll „Natürlich glalibe ich," unterbrach er mich verdrießlich, „natürlich glaube ich, was auch'jeder sogenannte Freidenker glauben wird, daß meine Nerven überreizt waren, daß hier ein unglücklicher Zufall mitgespielt hat, usw.! — Doch ein Blick aus jene beiden Lichter, die Sie jetzt in meinem Haus nebeneinander sehen, das Licht des Glaubens und das Licht der Seelen, dürste Ihnen klar machen, daß ich dennoch zu einer ander» Anschauung gekommen bin. Aus voller, innerster lleberzengung spreche auch ich jetzt, was der große. Brite seinen Hamlet sagen läßt: „Es geschehen mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Ihr Euch in Eurer Schulweisheit träumen laßt!" — Ja, es gibt eine Vorsehung, die unser irdisches Schicksal lenkt und leitet! Es gibt einen gerechten Richter, der den Sünder bestraft; aber auch einen barmherzigen Gott, der-ihu gnadenvoll auf den rechten Weg zurückführt! — Und wollen Sie wissen, was mich zn diesem Glauben bekehrt hat? Nun, das unscheinbare 'Thanukalichtleiu, das, ob auch winzig und klein, unsere herrliche und glorreiche Vergangenheit glänzend umstrahlt, und dessen Heller Schein auch 'die Nebel der Zukunft erleuchtet! — Sie, mein Freund, seheil nur zwei Lichter, das eine, das mich zum Glauben der Väter zurückgeführt,. und das andere, das mich an Perl erinnert; doch in meinem Herzen brennt noch ein drittes, das Licht der Hoffnung, einst mit Perl im seligen Jenseits für ewig vereint zn bleiben!" Ende. Rechtsprechung in Tunis. Ein englischer Schifsskapitän befand sich mit seiner -Schiffsladung aus der Ausreise nach China, und da an der afrikanischen Mste sich plötzlich ein Sturm erhob, beschloß er, den Hafen von Tunis anzulaufen, uni dort besseres Wetter abzuwarten. Kaum aber hatte er dort Ankers geworfen, als auch schon ein Steuerbeamter erschien und von der ganzen Schiffsladung einen hohen Zoll verlangte. Vergeblich machte der Kavitün geltend, daß er mit Afrika nichts zu tun habe und nur des bösen Wetters wegen einige Tage hier bleiben wolle-nutzt nichts —-der Zollwächtcr beharrte auf seinem Standpunkt, und der Kapitän mußte blechen. Er ging darum zu dein Bey, um Gerechtigkeit von diesem zu verlangen „Ausgezeichnetes Wesen, das uieine Seele inukglich liebt," erwiderte der Bey; „ich bin Dein Freund; sage inir Deine Wünsche, und ich tvill sie alle erfüllen!" „Hoheit," sprach der Engländer, „Dein Zollamt hat mich einer großen Geldsumme beraubt, die ich gern wieder haben möchte." „Guter Franke! Meine Seele liebt Dich aufrichtig und Dein Verlangen ist mir vollkomineii begreiflich. Doch in diesem Lande ist es Brauch, nyim wir erst Geld bekommen, es auch zu behalten." „Toll ich also keine Gerechtigkeit ertaugeu?" „Gewiß, Krone meines Lebens! Wir lieben ja Euch Franken, und wir lieben auch Gerechtigkeit. Und sie soll auch Dir werden. Nun sage »lir, worin besiebt Deine Ladung?" „In Seife und zwanzigtausend baumwollenen Mützen." ' „Gut, gilt; sehr gut. Geh' jetzt ans Dein Schiff und sei fröhlich." Ms der Kapitän fort war, ließ der Bey seinen Vizier kommen. „Höre, Vizier," sprach der Bey zn diesem, „wir lieben die Franken, und wir lieben die Gerechtigkeit; darnn! gehe hin und lasse bekannt machen, daß jeder Jude, der sich morgen ohne baumwollene Mütze ans der Straße sehen läßt, bald von mir einen kleinen Denkzettel bekommen wird!" In Tunis waren viele Tausende Juden, aber keine einzige baumwollene Mütze vorhanden.-— Schon hatten sich die Unglücklichen aus einen baldigen Tod vorbereitet, als die Knude zn ihnen drang, daß der englische Kapitän solche zu verkaufen habe. Alle.eilten sie nun zum Hafen, und jeder war froh, eine solche für acht Mark kaufen zu können und dadurch das Leben zn retten. — — — zun: Bey, um diesem für das gute Geschäft? »emeir heißen Dank auszusprechen. „Sehr gut," lächelte der Bey; „ich freue mich, daß Du zufrieden hist. Ich sagte Dir ja gleich, wirlieben Euch Franken, und wir lieben auch die Gerechtigkeit! Doch, Juwel'meines Herzens, ich weiß ja, auch Du liebst mich, und darum wirst. Du doch meine Mühewaltung nicht umsonst verlangen-— darum erfordert es die Gerechtigkeit, daß wir das Geld für die baumwollenen Mützen ehrlich in zivei gleichen Teile» zwischen uns teilen. Dir bleibt dann nach immer genug." Mit langer Nase und schwerem Herzen mußte der Kapitän sich dazu entschließen. Und als der Bey seine Unzufriedenheit sah, sprach er lächelnd: „Krone meiner Seele! Murre nicht. Allah ist groß! Gel, auf Dein Schiff, und sei weiter fröhlich." Kaum war der Bey wieder allein, als er abermals den Vizier holen ließ und zu ihm sprach: „Höre, Vizier, wir lieben die Franken iind wir lieben die Gerechtigkeit:-darum gehe hin und lasse bekannt machen: Wer noch binnen zwei Stunden sich im Besitze einer baumwollenen Mütze befindet, der soll bald von niir einen kleinen Denkzettel bekommen!" Der Kapitän war noch nicht, auf' seiiieni Schisse, als die Juden in großer Menge sich dort einfänden und ihn flehentlich baten, ihnen doch die baumwollenen Mützen wieder abzukausen, und sie waren sroh, als er ihnen das Stück mit zehn Pfennigen wieder abnahm.- Still lächelnd setzte der Kapitän seine Reifs fort: still lächelnd ging der Bey in seinen Harems und beide freuten sich über das Geld, das sie den dniiiiiien Inden abgegaunert hatten. Kunst und Literatur. u e b e r R e l i g i o n c n u n d Re l i g i o n, Worte zur Verständigung von Dr. Jul. Banm a n >r, ord, Professor der Philosophie an der Universität Nöttingen. Langensalza. Herrn. Beyer n. Söhne. 199». (Preis 3,60 Jf.) . .. Der Verfasser möchte Nachweisen, daß 'alle Religionen' Hoffnungsgefühle seien und daß' das Hoffnnngsgefüht auch mit strenger Wissenschaft vereinbar bleibe. „Ein Medizinmann — heißt es am Schlüsse dieses Werkes — rief einem ihn neckenden jungen iJndiauer zn: Du wirst in sechs Tagen sterben. Der jmrge Mann wurde stiller und stiller, legte sich hin _unb wurde krank, und überzeugt, daß ihm ein «tein ins Herz gewachsen sei, starb er noch vor. sechs Tagen an Melancholie." Wie religiöses Leben durch Wunsch entsteht, hat K. Ph. Morik so geschildert: Anton wiegte (als 15—16 jähriger Mensch) sich'oft selbst in den süßen Empfindungen von dem Schutz eines höheren Wesens ein, daß er Regen und Frost und Schnee vergaß und sich in der ihn umgebenden Lust wie in einem Bette sanft zn ruhen schien. . ,Hn Mythologien imd Religionen steckt so eine Fülle von Gefühl und Phantasie, die neben der Poesie und Kunst eines Volkes für unsere eigene Bildung stets wichtig bleibt." . . ,-Die religiösest Gefühle sind , in uns da und regen sich öft noch in alter Weise." Das ist, was uns der Verfasser eigentlich sagen will. Sein Buch hat wohl einen belehrende!' Wert: für uns Inden ist die Religion jedoch zuerst göttliche Offenbarung. I in Tale Sara n. Gedichte jüdisch-religiösen Inhalts, sowie hebräische Gebete, Lieder, Sprüche und Bibelstücke in freier poetischer Uebertragnng. von Max Herschek. 318 Seiten. Berlin 1905. Verlagvon M. Poppelauer. Dieses Buch bedeutet, eine Vermehrung unserer sehr dürftigen GeschenkÄiteratur. Der Dichter hat jüdisches Gefühl und beherrscht Ausdruck und Rythmus. Salta, das neue Brettspiel für Anfänger, erläutert von Dr. Hermann Schubert, Professor am . Johanneunr zu Hamburg. Preis 0,60 M. Leipzig, Krethlim u. Eo. Offenbacber Drucfcltift=Anlage Telefon 128. Offenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TeppichreinIgang. Wocheu-KalerrÄer. (Zeitangaben nach dem l,nsob.l Samstag, den 29. Dezember (— 12. Tewes): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 5 Uhr 29 Min. Berlin 4 Uhr 55 Min. Nach dem Wochrnabschnitt W a j echi schließt das 1. Luch Moses. Die Sidra berichtet von Jakobs

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