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Neue jüdische Presse · 1906-12-28 · Heft 50 (28.12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 50 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. widerleglich dartu», wie wenig zutreffend dieses ' Urteil in seiner allgemeinen und ausschließlichen Fassung ist. Nach den Lehren des Judentums soll das Acsthitischc nicht minder bewertet werden, als das Ethische. Möge die Veröffentlichung folgender Kapitel der Erstarkung des Kunstsinns, der Bereicherung des jüdischen Volkslebens dienen. Vor allem aber möge sie zum liebevollen Studium und Vertiefung in das jüdische Schrisitum anspornen. Der Sonntag nnö der Sabbat — eine Gegenüberstellung. Bon Immanuel Lewy. Will man die Geistesart und Lebensrichtung zweier Kulturkreisc miteinander vergleichen, so gibt cs keine angemessenere Grundlage dafür, als die Gegenüberstellung verwandter Institutionen dieser beiden Kulturkreise. Das Judentum hat den Sabbat, das Christentum den Sonntag. Am Unterschiede dieser beiden Institutionen müssen wir uns des Wesensunterschiedcs dieser beiden Lebcnskreisc bewußt werden. Der Sonntag ist eine ökonomische Feier, während der Sabbat eine kulturelle Einrichtung ist. Der Sonntag will mehr negativ das Einstellcn der werktäglichen Bcrusstätigkeit zur Sammlung frischer Arbeitskräfte, der Sabbat null mehr positiv Befreiung von der materiellen Arbeit zur Ermöglichung des Freiwerdens der idealen Triebkräfte, im Menschen. Der Sonntag führt die Massen ins Freie zur physischen Erholung, zur Regeneration der körperlichen Kraft. Am Sabbat konzentriert sich das jüdische Hausum den Familientisch, die jüdische Gemeinde ini gemeinsamen Gotteshaus; der Sabbat will Beseligung des Gemüts, Regeneration der geistig-sittlichen Kräfte im Menschen. Der Sonntag ist ein individuelles Fest. Jedes Individuum feiert für sich und nach eigenen: Geschmack, bald mit Frau und Kindern, bald ohne Frau und Kinder. Der Sabbat ist ein soziales Fest. Die Familiengemeinschaft und die religiöse Gemeinde kommen jede zu einer gemeinsamen Feier ihrer Glieder zusammen und alle freuen sich am Gleichen. Die Familiengemeinschaft, Vater, Mutter, Söhne und Töchter, sitzen am Freitag Abend um den festlich erleuchteten Familicntisch; die religiöse Gemeinde trifft sich am Sabbat Vormittag in der vollbesuchtcn Synagoge. Auch in Volks gesundheitlich er Beziehung unterscheiden sich die beiden Feiertage. Der Sonntag ist seiner Wirkung nach zumeist kein gesundheitsförderliches Fest. Ein vicrundzwanzigstündiges Nichtstun ist dem Menschen unerträglich, er will leben, und leben heißt tätig sein; und so ist leicht die Folge- und Begleiterscheinung einer so langen Arbeitsruhe, daß sie die roheren Triebe anregen und zur Befriedigung durch Rausch und Sinnenkitzel auffordern. Ganz anders der jüdische Sabbat. Er ist kein Tag des Müßiggangs. Auch er will körperliche Erholung, aber nicht nur diese. Tie vernünftige Lebensweisheit des jüdischen Volkes kommt nirgends glücklicher zum Ausdruck als in der Einteilung des Sabbattages. Freitag Abend ist dem häuslichen Leben geweiht, Sabbat Vormittag der religiösen Erbauung und Vertiefung, Sabbat Nachmittag ist der körperlichen Erholung gewidniet. Der Sonntag hat — jedenfalls in Deutschland — seinen Höhepunkt am Ausgang des Sonntags im gemeinsamen Trinken und Vergnügen im Wirtshaus, Cafe oder Theater. Der Sabbat hat seinen Höhepunkt am Eingang des Sabbat in der gemeinsamen Familienfeier, im Hause, eingeleitet durch. Besinnung auf die Zugehörigkeit. zur jüdischen national-religiöse» Kulturaemeinschaft (Kiddusch) und beschlossen durch religiöse und nationale Familien-. und Volksgesänge (Semiroth). Hier Gebet, Familientafel und Gesang; dort Trunk und Spiel; hier Bewnßtwerden gemeinsamer Kulturzugehörigkeit, dort Znsammensitzen in einzelnen- Lokalen oder Vergnügungssälen. frankfurter Israelitisches famikienblatt. Der Sonntag ist ein aristokratisches Fest. Der Reiche und der Arme feiern getrennt nach Vermögen, Rang und Bildung. Das Theater für den Neichen, das Wirtshaus flir den Armen. Der Bediente, der Kutscher, der Schaffner müssen „schuften". Der Sabbat ist ein d e in v k r a t i s ch c s Fest. Keiner darf arbeiten, auch der Kutscher, die Köchin, der Laternenanzünder nicht. Mensch und Tier ruhen an demselben, Alle, Männer und Frauen, .Hoch und Niedrig, Groß und Klein, nehmen an den gleichen bildenden Lehrvorträgen und erhebenden Gesängen im Gottcshause teil. Vcrmögensunterschicdc fallen fort. Geld darf überhaupt nicht einmal in die Hand genommen werden. Der Arme Ivird in der Familie des Reichen zu Tisch geladen. Am Sabbat ist der Jude Sozialist und Kommunist. Nach dem Essen Pflegt man zu schlafen und sich ins Freie zu begeben, um frische Luft einzuatmen. Die Gelegenheit zum Rausch ist völlig genommen. Die Funktionen des Tages sind glücklich mit Maß verteilt. Fahren und Geldausgeben sind nicht gestattet. Das Gemütslcbcn findet ausreichende und abwechselnde Anregung und Befriedigung. Der Trieb zur rohen Ausgelassenheit oder Trunkenheit - kann überhaupt nicht aufkommen. Der Sabbat ist ein gesundheitsförderndes Fest. Er ist kein finsterer Asket, der die Triebe bannt, sondern ein liebevoller Erzieher, der die niederen Triebe den höheren sittlichen und vernünftigen Trieben untcrordnet. Damit hängt noch ein anderer Wcsensnnterschied der beiden Ruhetage zusammen. Der Sonntag wird gefeiert durch Spätzubettgehen und Spätaufstehen, der Sabbat durch Frühzubettgehen und Frühausstehen. Dort genußsüchtige Sclbstvcrwejchlichung, hier naturgemäße Selbstbeherrschung. Dort wird der Natur zuwider der Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage gemacht, hier dient der Natur gemäß die dunkle Nacht zum Schlafen, der Helle Tag zum Wachen. Der Sabbat ist also ein volkserziehlich cs Fest. Von dem „Sonntagsrummel" verspürt nian post kestum den Katzenjammer des folgenden Tages; der Sabbat wird mit dem heiligen „Scheidegruh" (Hawdalah) geschlossen, und wir danken Gott, daß er das Licht geschaffen und Israel vor den übrigen Völkern ausgezeichnet hat. Die Gewürze der Hawdalah sind uns ein Symbol dafür, daß wir die Weihe des Sabbattages mit in die Woche herübcrnehmcn. Und da sollte Israel seinen Sabbat mit dem Sonntag vertauschen? Die Reichstagswahlen und die Juden. Ist die Auflösung des Reichstages ein Zufall? — Wir glauben es nicht, denn unsere Negierung war von jeher eine Negierung des Koiuproinisscs und der Unterhandlung hinter den Kulissen. Und wenn jetzt der Kulissenapparat plötzlich versagte, so ist das sicherlich nicht auf ethische Gründe, auch nicht ans die Widerspenstigkeit des Zentrums znrückzufiihren; vielmehr ist Grund für die Annahme vorhanden, daß die Negierung überhaupt einen anderen Kurs e i n z u s ch l a g e n gewillt ist. Me innere Lage des Landes ist keine erfreuliche. In tveitcn Kreisen macht sich' eine tiefe Erbitterung gegen,das reaktionäre Verwaltungssystem bemerkbar; besonders aber ist die äußere Lage des Landes unerfreukich. In den benachbarten Ländern ist ein starker Zug nach links zu konstatieren. Es setzt sich eine allmähliche Demokratisierung der Völker durch, und sogar unsere Verbündeten inachten eben einen starken Ruck nach Links. Italien hat längst seine Zuneigung zu Frankreich und Engkand bekundet. Ein deinokratisches Ocstrcich wird sicherlich keine allzu große Sympathien für eine Negierung, die im Geiste militaristischer Junker und chauvinistischer Altdeutschen regiert, haben. Und somit bleibt Deutschland isoliert. All das ntußte unsere Regierung zur Einsicht bringen. So benutzte sie denn die erste beste Gelegenheit, den Reichstag mit seiner reaktionären Mehrheit nach Hanse zu schicken. Nr. 5tz. Wie lautet nun die Parole, mit der jeder deutsche Bürger zur Wahlurne schreiten muß?LinkS,links liegt das Heil Deutschlands, Demokratisierung der Verwaltung ist des Landes Rettung! Das muß die Parole jedes Bürgers sein, dem das Wohl des Landes höher steht, als das Wohl seiner Partei. Und wir Juden? — Eine doppelte Pflicht liegt uns Juden ob, l i ii k s zu wählen. — als deutsche B ürger und als Jude n. Daß unsere Lage keine besonders rosige ist, wer wollte das bestreiten? Aber, >vas noch schlimmer: daß wir überhaupt mit Sicherheit nicht sagen köniicii, daß unsere Rechte nicht noch geschmälert tverdcn. Nur eine demokratische Verwaltung des Landes kann uns gewisse Garantien gebe». Und die Religion? — Abgesehen davon, daß Erbitterung, die doch ei» reaktionäres Regieren erzeugen muß, da dies ans der U n g k e i ch h c i t mithin ans der Ungerechtigkeit fußt, der Religion mehr Abbruch tat als alle Freiheiten, ist eine Religio», die mit Hilfe der Gewalt gehalten wird, nicht viel wert. Die G r il n d l a g e einer wahren Religion i st und kann nur Recht und Gerechtigkeit sein, die Gewalt aber setzt sich meistens in Widerspruch zu Recht und Gerechtigkeit. Gewiß stehts mit der Religion in den dcniokratischen Ländern nicht besonders gut; aber daran trägt weder der Demokratislmis noch die Religion selbst schuld, sondern die Vertreter der Religion. Nur diese allein tragen die Schuld hierfür, indem sie mit der Religion Politik treiben; sie operieren nur mit der Schale, nicht aber mit dein Kern selbst. Soweit über die Religion im allgemeinen. Was die jüdische Religion insbesondere anbelangt, so bedarf es keiner besonder» Beweise, daß das Judentum sich mit dem Demokratisinus verträgt. Sind doch Recht und Gerechtigkeit die Grundsäuken des Judentums! Nur Schakenjiidentiim, ein Judentum eines ertremen Koiifessioiialismus bedarf der Hilfe der Polizei, nicht aber ein K e r n j u d e n t ii in. Ein Volljudcntum bedarf keiner k ü n st l i ch e n Mittel, sondern nur der Natur, des Bodens. Ein preußischer Bürger und traditionekker Jude. Die Woche. ,FOie Hand des Herrn waltete über mir, führte im göttlichen Geiste mich hinaus und ließ mich, in einem Tale-, das voll war von Gebeinen. Dort führte Er mich 'um sie hcriun, da lagen sehr viele über dem Tale hin, und waren sehr dürre. Er sprach zu mir: Erdensohn! Können diese Gebeine wieder aufleben? Dann sprach Er zu mir: Weissage über diese Gebeine und verkünde.ihnen: ihr dürren Gebeine höret den Ausspruch des Ewigen. Der Allmächtige sprach also zu diesen Gebeinen: Sehet, ich bringe Lcbensgcist in euch, daß ihr wieder auflcbct. Und Er sprach wiederum''zu mir: Weissage über den Geist, weissage, Erdensohn, und sprich zu dem Geiste: Also sprach der Herr der Allmächtige: Von allen vier Seiten komme herbei, du Geist, und hauche diese Leichen an, daß sie aufleben. . . . So einst und so noch heute. . . . Und doch — siehe nicht in einem Tale, wie bei der Weissagung Ezeckiel, liegen diese Gebeine, sondern auf den Bergen. in den Alpen des kristallischen Gesteinen-Landes, jenes Mischmasch-Landes der Gcez- und Gallavölker, wo die Agan uiid Falascha,die Amhara und Tigr« und Gamant und Galla und Schvhv und Hamran mit ihren Daur-haflogo-Spracheu: dem Amharisch.cn, dem Tigrö, dem Tigrina, dem alten Ge'es u. dgl. m. umberziehen; dort, wo der „König aller Könige", Negns Negestt inmitten seiner mitden Fellen der Löwen und Leoparden ninhangenen Krieger thront. Dort sah ich die Gebeine in Menschengestalt, ich erkannte sie an ihren Gesichtszügen, an ihrer ganzen Gestalt. Und ich fragte: „Woher?" — „Aus Judas Stämme, von Judas Land sind wir in uralten Zeiten'hierher gezogen,!" ivar die Antwort im alten Ge'es. — „Ist die Sprache Judas nicht Euer eigen, daß Ihr im alten Ge'es äntlvortet?" — „Nicht mehr!" — „Und seine Lehre?" — „Die fünf Bücher Moses kennen wir, aber nicht mehr." — „So kennt Ihr also seine mündliche Lehre nicht?" — „Welche Lehre?" fragten sie erstaunt. — „So ist Euch auch die Geschichte'Judas

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