Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 50 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese.Zeitung, erscheint wöchentlich. ' Pedakttorr Md Hsfchäftsfterrs: ' r-■ .. Jnsertionspreife: Abönnementspreis pro Vierteljahr: In Frank- Frankfurt a. m.. Die viergespaltene Petitzelle. 25Pfg. strick a. M. Mk. 1.— frei: ins.Haus. Bei der Post Lleichjkaße S, Ecke vilbelerstraße Die Reklamezeile. o o abonniert im In- und Ausland Mk.. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Stretfbättd bezogen: Deutschland und. Oesterreich -Ungarn Mk. 1,50, tfetefon 10507. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Bellagen: sonstige Länder Mk. 2.— > HnausgeVer: A-lz; Hsts. , Preis nach üeoeremtunsl. - 4 Jahrgang. Freitag, den 11. Veves 5667 (28. Dezember 1906).No. 50. Denn mit „Israel ist auch die Schechinah Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Sehnsucht nach Schönheit im älteren jüdischen Schrifttum. — Der Sonntag und der Sabbat — eine Gegenüberstellung. — Die Reichktagswahlen und die Juden. — Die Woche.-Aus alld'rWelt. — Persönalien. — Feuilleton: Zwei Lichte von M. Pülvermann. — Rechtsprechung in Tums. — Kunst und Literatur. — Wo chen- Kälender.— Briefkasten. — Familienn ach r i cht em Die DeHüsucht nach Schönheit im altern jüdischen Schrifttum. Dargestellt vomH. Zettl in, übertragen und eingeleitet von Boiak. V : I. .Einleitung. Die moderne - jüdische Kunst ist erst jüngsten Datums. Ihre Wesenheit ist noch nicht völlig abgeklärt/ ihre Formen noch nicht entschieden bestimmbar. Bon Innen und Außen häufig angefeindet, hat sie erst den Beweis für ihr Daseinsrecht innerhalb des Judentums zu erbringen. Ironie des Schicksals! Das Volk der Bibel, der Propheten, soll seine genialen Anlagen zu künstlerischen Schöpfungen abstumpfen lassen, ihre' freie Entfaltung unterbinden. Unglückseliger Wahnwitz! .Zu viel Schaffenskraft, Schaffensfreude wohnt inne der jüdischen Psyche, als daß cs irgend einer Weltcnmacht gelingen könnte, ihr pulsierendes Leben zum Stillstände zu bringen. War eil lbett Juden aus vornehmlich religiösen Gründen versagt, ihrem Schönheitsdrang in der bildendest Kunst, ist der. Skulptur, in der Malerei zu genügen, ihre Psyche fand Nahrung in anderen Kstnstavten: der Architektur, der Musik, der Poesie. .Und wenn, wir der überschwenglichen Fülle der künstlerischen Motive, der Mannigfaltigkeit in Wen Formen gedenken, wie sie aus dem alten ustd alterest jüdischen Schristtstm Herborleuchten, so finden wir in' diesen Kunstarten reichlichen Ersatz für' diejenigen Kunstgattungen, die aus dem Kreise der Jüdenheit Jahrtausende hindurch verbannt waren. Und doch sind blos spärliche Spuren dieser echt jüdischen künstlerischen Motive in den modernen Künstschöpfüngen der Jüngjüöen wahrnehmbar! Ein moderner jüdischer Denker (Achad -Haams versuchte einst die Abnormitätunseres geistigen Schaffens an. dem Umstand' - zu. manifestieren,: daß Antokolskis meisterhafter Meißel den grausam-fürchterlichen Schauer in den Gesichtszügen eines „Johann, der Grausame" in so anschaulichen Formen , der Nachwelt hinterließ, während diesem Künstler diejenige Persönlichkeit gleichgültig blieb, an deren Namen in so. faszinierender Märchenverklärtheit gerade in seiner Geburtsstadt gedacht wird : der Goaun aus Wilna. Autokölskiwar aber blos Jude und Künstler, nicht diel besser ist es uni '.unsere jüdischen Künstler bestellt, besonders der Westeuropäer, Sagen wir VUWweg den Grund dieser Erscheinung herans: UMWicheit und Unkenntnis! Die nioderne jüdische Kunst soll und darf aber keine neugeborene, neugeschaffene, vergangenheitslose sein, wenn sie als solche überhaupt sein soll. Sie muß als eine wiedergeborene, neuerwachte, als eine aus der Vergangenheit geschöpfte und von der Gegemvart belebte sich offenbaren. Ich glaube, daß Martin Buber es war, der das treffende Wort „Rennaissance" zum ersten Male auf die ueuerwachte Schaffensfreude innerhalb des Judentums glücklich nnwandie. Eine „Rennaissance" setzt aber positiv Geschaffenes und Feststehendes in der Bcrgangeuheit 'voraus, an das die Gegenwart anknüpft, es neu verarbeitet und neu belebt. Eine genaue und gründliche Kenntnis dieser Vergangenheit ist daher die 6onäitio sine gua von eines jeden, der sich dem künstlerischen Schaffen im Jüdischen für gewachsen hält. Eine Kontinuität im nationalen Schaffen muß gewährt sein, wenn der Volksorganismus in lebenskräftiger Frische erhalten bleiben soll. Und dies ist eben die jüdische Volkspsyche. Es ist und bleibt deshalb das ruhmvolle Verdienst deck hervorragenden hebräischen Schriftstellers H. Zeitlin, . aus dem älteren jüdischen Schrifttum, aus der Agadah, Kabalah und Chassiduth alle Kunststellen herausgelesen und in sachlicher Reihenfolge geordnet der Oeffentlichkeit übergeben zu haben. Alle diese Stellen wollen wir hier denl deutschlesenden jüdischen Publikum in deutscher Uebertragung vorführen. Borausschickcn wollen wir einige Worte der Erläuterung und Einführung. Die Idee einer lichten, freudig lachenden Zukunft ist mit dem Wesen des Judentums unzertrennbar verschmolzen. Die Zukunft ist in weite, weite Ferne gerückt,' weil die jüdische Psyche allem Unvollkommenen, jeglicher Halbheit abhold ist. Sie strebt nach der Realisierung des Ä b s o i luten, einerlei, ob es sich nun um das Gute oder das Schöne handelt. In den unten vorgeführten Absätzen , ist nun diese Zukunft in einem geradezu blendenden Farbenreichtum, überraschend lichten Formen und anschaulicher Plastizität dargestellt. Die tief religiöse Scheu, die jedes Wort durchdringt, verleiht der Schilderung Urwüchsigkeit und Frische. Eine versengend glühende Sehnsucht nach dieser Zukunft durchweht, ja durchzittert jede Nuance, jede Seelenregung, die sich in Formen äußert. Es ist das leidenschaftliche Sichhinaussehnen der jüdischen Psyche aus dem Einerlei des gräßlichen Mltägsschmerzes, des widerwärtigen Alltagsdünkels, es ist. die Anstrengung der Psyche, sich den Krallen der erdrückenden Gegenwartsleiden zu entwinden. Es ist über auch das heißsehnsüchtige Streben, die Allgottheit,. die „Schechinah",. aus den Goluthfesseln zu erlösen: im Goluth". Nichts von demütigender Verzweiflung, von Lebensabscheu, Lebensverachtung. Es ist ein tiefschmerzliches, aber wonnigliches Gefühlsleiden, das hier zum Ausdruck kommt, ein Ringen nach neuen, lichtvollen, erhöhten Lebensweisen, nach belebenden, erquickenden Schönheitsformen, es sind die Schmerzen des Schaffens. Es ist hier nicht das betrübende Bewußtsein der eigenen Ohnmacht zur Fortführung eines rasend schönen Lebens, das in einer Hedda Gabler die Sehnsucht erzeugt, über den Kopf eines Bücherwürmlers hinweg schön zu sterben durch einen Meisterschuß gegen den Schädel. Vielmehr finden wir hier die Sehnsucht nach dem „Wunderbarsten", von der eine Nora erfaßt wird, nachdem sie vergebens vom Alltage das „Wunderbare" erwartete, oder den sehnsüchtigen Wunsch, den eine willenskräftige Mädchengestalt im Baumeister Tolneß entfacht, aus der schwülen Werkstube zur hochausragenden Turmspitze emporzullimmen. Unverfälschte Naturschönheit, ungetrübte Lichtfornien, himnllischc Musiksphären, harmonisch klangvolle Melodien, dies sind die ausschließlichen Motive, von denen sich der Jude das Weltall in der Zukunft durchwoben, gestaltet denkt, ein Weltall, in dem sich selbst die Allgottheit in Formen auslöst und der Welt so. Weihe verleiht. Und dieser Weltform der Zukunft strebt der von den Alltagsleiden geplagte Jude mit der ganzen Leidenschaft seiner heißglühenden Psyche zu. Und die Realisierung der Einheit, zwischen Natur und Mensch, das Sichauflösen des Menschen in Naturformen wird sich erst vollziehen und dann erst wird die von oben stammende Seele aus den Fesseln des Dualismus, in denen sie gegenwärtig' geschmiedet liegt, befreit sein. Groß und erhaben schön!vird dann He Menschheit sein, denn das Weltenlicht wird sie durchstrahlen, die leuchtende Sonne wird sie durch-, glühen und von Melodien wird sie durchwoben sein. ... Welch brennendes Verlangen nach einer verklärten, vergeistigten, ja gleichsam vergöttlichtest „Uebcrmenschheit"; welch beredter Protest gegen alles Zwerghaste, Halbe. Der jüdische Geist soll dem Abstrakten nachstreben, dahin geht die allgemeine Ansicht. Nichts Unsinnigeres als diese Behauptung. Das Streben nach absoluter Vollkommenheit, nach Ganzheit verdammt allerdings die jüdische Psyche, sich in Abstraktionen zu bewegen. Dies ist aber ihre Tragödie, die Tragödie der Größe, des Genies. Die Konkretisierung dieser Abstraktionen macht den Inhalt ihres Strebens, ihres glühenden Verlangens aus. Das Judentum ist eine Weltanschauung, die die Herrschaft des Etischen postuliert. An, den Grundfesten dieser Wahrheü soll nicht gerüttelt werden, wenn auch die folgenden Kapitel un-