Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 49 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. FrMffarke? Israelitisches FamilieMatt. Sk- 49. vorlstiw. Bauern auS dem Dorfe Welatjitkchew, die Rekruten nach ihrem Stellungsorte begleiteten, plünderten in dem Dorfe Srljiwe die jüdisch enHäuferundLäden. Mißhandlungen oder dergleichen fanden jedoch nicht statt. Kiew. Zur Errichtung eines jüdischen Gymnasiums erhielt der Ingenieur M. M. Slnzki die behördliche Erlaubnis. Smolensk. Die Polizei hat eine Anzahl Juden vorgeladen und ihnen eröffnet, daß die Juden sich nicht an den Dumawahlen beteiligen möchten, so sie in Smolensk in Frieden wohnen wollen. Auf diese Eröffnung hin sind zahlreiche Schreiben von Juden bei der Wahlkommission eingelaufen, in denen sie ihren Verzicht auf das Wahlrecht erklären. Amerika. New-Aork. Streiks wirken in der Ost-Gegend, jener viel geschmähten kleinen Welt zwischen dem Bvwery und dem River, stets sehr ansteckend. Vergangene Woche gingen die Barbiere in den Streik. Kürz vorher hatten die jüdischen Schauspieler die Arbeit unterbrochen und ihr Beispiel hatte ansteckenv auf die Schächter und Fuhrleute verschiedener Gewerbe gewirkt. Ihren Höhepunkt jedoch erreichten all' diese Bewegungen Donnerstag, als die Hausfrauen sich zu einer Organisation e tz g e r - Kunden-Schutzverband" zusammenschlossen, und ihren gemeiusainen Feind, den Metzger, zu boykottieren beschlossen, bis die Fleischpreise entsprechend ermäßigt werden. Me Organisation zählt bereits 2000 Mitglieder. Da nun aber die Metzger fortgesetzt höhere Preise den Großhändlern zahlen müssen und sie daher die Preise nicht ermäßigen können, so berief die „Jüdische Metzger-Vereinigung" letzten Sonntag eine Versammlung nach den Eentral-Palast-Hallen. Diese Versammlung beschloß, daß die Läden vorläufig nicht geschlossen werden und daß alle Anstrengungen gemacht werden, die Koschcr- Metzger in Groß-Newyork zu einem einmütigen Vorgehen mit ihren Kollegen der Ostgegend zu veranlassen. New-Aork. Eine neue jüdische Kolonie indenVereinigten Staaten. Nahe an 1000 Juden aus allen Teilen Newyorks wohnten einer Versammlung der Jewish Colony Organization, 62 East 4th Street, bei. Verschiedene Redner, die sich an die Versammlung in englischer, deutscher und jüdischer Sprache wandten, berichteten von dem Plan der Gründung einer jüdischen Kolonie auf einem großen Landstriche in Nassau County, direkt gegenüber dem Belmont Race Track. Pläne zur Etablierung | von 400 Heimstätten sind bereits vorbereitet worden und inan erwartet, daß diese Heimstätten Anfang nächsten Jahres zum Beziehen fertig sein werden. Diese 400 Heimstätten sind von Juden aus der ganzen Stadt und von Long Island gekauft worden. Die Mehrzahl der Käufer kam von der Ostseite, wo, wie einer der Redner sich ausdrückte, „die Leute nach frischer Luft und Sonnenlicht verschmachten". Es ist die Absicht der Philanihrope», die an der Spitze dieser Bewegung stehen, abgesonderte Heimstätten für 1685 Familien zu gründen. Die Förderer dieser Kolonie wollen diese Stadt zu einer Muster-Municipalität machen. New-Aork. Herr Jakob H. Schiff, der bekannte Philanthrop, hat dem Fonds des Removal-Komitees, dessen Ausgabe darin besteht, die einwandernden osteuropäischen Juden auf das flache Land in der Provinz zu verteilen, 1 Million Dollars überwiesen. Ehicago.sAmerikanische Kolonisations- Gesellschaft. Die am 22. Mai mit 20 Millionen Dollars gegründete American Colonization Company, kn Chicago, 88 East Washington Street, hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die europäische Auswanderung von den großen Städten des Ostens abznlcnlen und nach den westlichen Staaten zu leiten. — Vorläufig sind eine Million Acres gutes Farm- und H o l z - lanb reserviert. Es wird"nicht unter 40 Acres pro Familie abgegeben. Der Acre kostet 7—121/» Dollar; die erste Anzahlung muß mindestens Vi in bar betragen, der Rest ist in 5—10 gleichmäßigen Jahreszahlungen bei 6prozentiger Verzinsung abzuzahlen. Schon beim Kaufe von nur 40 Acres verpflichtet sich die Company, ein Freihaus aus dem Lande des Käufers zu bauen. Das Haus, aus Brettern gut und warm gebaut, ist 16 zu 24 Fuß groß und 12 Faß hoch. Es hat ein gutes Dach, guten Fußboden, gute Fenster und Türen. Für einen russischen Auswanderer, der sich mit einer Familie von 3 Personen mit Erfolg ansiedeln will, werden ca. 300 Rubel genügen nach Abzug der Land- und See-Passage. — Die beste Zeit zur Auswanderung ist die j e tz i g e. Die Leute werden von der American Colonization Company mit Empfehlungsschreiben nach Newyork und Chicago versehen und an letzteren: Platz von den Beamten der Company in Empfang genommen, die sich in jeder Beziehung der Leute annchmen und für ihr weiteres Foäkommen sorgen. — I» der letzten Sitzung des Direktoriums der American Colonization Company ist der Beschluß gefaßt worden, auch jüdische Kolonisten versuchsweise auf den Territorien der Gesellschaft anzusiedeln. Hierzu wird uns von der ,Lewish Agricultural aud Industrial Aid Society" in Newyork geschrieben: - ,/Oie Ländereien, über die die. American Colonization Company verfügt, sind in Sawyer County,, ungefähr 40 Meilen nördlich von Barron County, wo einige. Farmer unserer Gesellschaft angesicdelt sind, gelegen. Wenn die Qualität des Landes in Sawyer County gleich 'der des Barron County ist, so würde das Besitztum für die beabsichtigten Zwecke gut sein. Durch Jnsormationeu, die wir gegenwärtig an Hand haben, wissen wir, daß die betreffende Gesellschaft vollkommen vertrauenswürdig ist. Wir glauben, daß Kontrakte, die mit der Gesellschaft eingegangew werden, auch, erfüllt werden." Palästina. Jerusalem. 9. Dez. Wie anderweitig mitgeteilt wurde, hatte Dr. A. Harkavyin St. Petersburg den 22. Cheschwan vergangenen Jahres sein 70. Lebensjahr erreicht. Ein engerer Kreis auserlesener Freunde und Verehrer aus unmittelbarer Nähe hatte beabsichtigt, den Tag festlich zu begehen. Die blutigen Tage jedoch, die so rasch aus eiuauder gefolgt waren, haben die geplante Veranstaltung vereitelt. Nachdem aber inzwischen, dank dem Himmel, wieder einigermaßen Ruhe in die Gaue Rußlands eingezogen ist; so fand die dein greisen Gelehrten zugedachtc Ehrung bei der Wiederkehr des Geburtstages statt. Wie vorauszuschen war, haben sich an dieser Feier auch auswärtige Verehrer des Gelehrte», bald einzeln, bald auch korporativ beteiligt. Auch in Jerusalem,- wo der Jubilar persönlich gekannt ist, fand, durch Umstände verspätet, de» 8. d. Mts. abends in den Räuinlichkeiten des Bezalel eine Harkavyseier statt. Die F e st - rede hielt D r. Gr ü n h u t. Vor einem dichtgesiiilten Saal entrollte er in einer fast einstündigen Rede ein Bild des gefeierten Forschers, seine Verdienste rühmend, die er sich uni die jüdische Wissenschaft erworben hat. Nach den allgemein beifällig aufgenoinnicnen Ausführungen des Redners wurde eine Adresse an den Jubilar aufgesetzt, die von sämtlichen Festteilnehuiern unterschrieben wurde. — In der Chach a in B a s ch i - F rage Hai der Käinekam noch keine Beschlüsse gefaßt. Ja, die Wahrheit bricht sich schwer Bah». Haamitti. Der Asus - Ponim. Ans dem Bachurim-Leben. Von P. I. K. , (Schluß). Reb Mair Ivar schon um acht zu Bett gegangen, verhielt sich aber eine zeitlang ruhig. So gegen neun Uhr, Melech hatte gerade ein Stückchen Holz in den Ofen geworfen, ging der Tanz los. „Ribaune schel aulom I"1) ließ sich Reb Mair vernehmen, „nehm' ehm (ihn) bald vün der Weit!" Nach fünf Minuten klapperte Melech mit dem Türchen, und Reb Mair rief: „Ribaune schel auloni! Schick' c gach (gcch) Dünnerwetter iber -hin." Nach einer Pause: „Lieber Gott! Laß' ehm e Missoh-meschuno-) einnehme!" Pause. „Baurc aulomim!-') Er stellt mich bedalns4); sterben soll er!" Pause. „Jochid!3) Er macht mich zu c Schnorrer: c Kaporah8) soll er werd'n!" Pause. „Chaj hoaulomiin! Er schneid't mir das Fleisch vüm Leib; einsinken soll er, wie Kaurach is eingcsünken!" 'Pause. „Herziger Vater! Sei dich incracheiiM iber mir; de Hand soll ehm faulen!" Pause. __ „Tate, sißer!8) Seh mein Elend, schick e Sh'äiif9 aus ehm!" In diesem Ton ging es die halbe Nacht fort. So oft Melech 'ein Stückchen Holz nachlegte oder niit dem Ofentürchen klapperte, reagierte Reb Mair mit einem kräftigen Fluch daraus. Eines Tages war er aber des ewigen Fluchens müde geworden und als Melech tvieder einmal ein Stückchen Holz nachlegte, stürzte er über ihn her und wollte ihn schlagen. i) Schöpfer der Welt! -) Plötzlicher Tod. 3) Weltenschöpfer. 4) Er macht,mich arm. 3j Einziger!' 8) Zugrunde soll er gehen. ') Erbarm dich mein. ®) Vater, süßer! 9) Krankheit. „Wenn S« nit gleich-zu Heizen aushören, hauich Ihne' zwei Patscht) herunter!" rief er wütend. „Her damit! wenn Sie übriges Geld haben," agtc Melech ganz ruhig und bot ihm seine Wange bar. Uebriges Geld hatte Reb Mair wohl, aber hergebe» wollte er es nicht. Er bezähmte sich deshalb und ließ es bei der Drohung. Dafür rächte er sich in andrer Weise an Melech!' Noch am selben Tag lief er zum Rabbi und verklagte seinen Mieter, daß er ganze Tage Klassiker lese und das Talmudstudium vernachlässige. Melech, der bald zum Rabbi bestellt wurde, war in-einer höchst fatalen Lage. Unser Rabbi sah es nur ehr ungern, iveim sich die Bachuriin mit profanen Wissenschaften beschäftigte» und hatte erst kllrz vorher wieder eine darauf Bezügliche Warnung an uns ergehen lassen. Die Zeit, die der Bachur in der Jeschiwah verbringt, -müsse ganz und gar dem Talmndstudium geweiht' sein, meinte unser Rabbi. Da nun Reb" Mair die Wahrheit noch übertrieben haben durste, diese allein aber auch schon höchst gravierend war, o konnte sich Melech auf eine schwere Strafe gefaßt machen. In der Tat war ihm nicht ganz wohl zu Mute, als er dieser Vorladung Folge leistete. Seine Chnzpoh half ihm aber auch diesmal ans der Kleninie.- Es wäre ein schlechter Asns-poniin, der egoistisch genug wäre, nur seine eigenen Interessen zu vertreten und sich dem Gemeinwohl gegenüber passiv zu verhalten. Nicht nur, daß er sich die Sympathie und Achtung seiner Kollege» bald verscherzen würde, er ginge auch ihrer Unterstützung, die er schließlich nicht entbehren kann, verlustig. Die meisten wissen dies gar wohl und richten sich danach. Uebrigens siegt es auch 'schon in der Natur des Asns-poniin, jede Gelegenheit, wo er sich als solcher zeigen kann, zu ergreifen. Melech, der ein regelrechter Asus-Pouim war — „eilt Asus-Poniin, wie er im Possuk steht",") wie mir zu sagen pflegten —, machte natürlich keine Ausnahme. Diesem Umstande verdankte er es auch, daß er innerhalb der Jeschiwah eine gewisse Rolle spielte und sogar das Amt eines Kontrolleurs erhielt. Der Bachur-Unterstützuirgsvercin konnte ihn, d. h. seine wertvollen Dienste, nicht entbehren. Dieser Verein, der seine Mittel aus heu freiwilligen Jahres-, respektive Monatsbeiträgen der Balebatim in- und außerhalb der Gemeinde schöpfte, mußte einen Menschen wie Melech haben. Nur er allein brachte es fertig, saumselige Zahler zuin Zahlen zu bewegen und neue Mitglieder anzuwerben. Die Zudringlichkeit, die er aus der Suche nach Kosttagen für sich anwandte, brachte er auch in diesem Falle mit Erfolg in Anwendung. Auch in andern Dingen war seine Chnzpoh sehr nützlich. Wir wollten einmal ein Purimspiel veranstalten und ■— wie es zuweilen geschieht — darin den Balebatlm gehörig die Leviten lesen. Diese hatten nämlich die Kosttage auf ein Minimum reduziert, so daß nianche arine Bachurim huilgerten. Der Bachur, der in jedem Purinispicl vertreten ist, sollte diesen Uebclstand rügen und hatte unter anderein auch die folgende Strophe zu singen: Balbatim! wo ist denn nur euer Gewissen! Warum tut ihr die Thora so arg berühren, Wegeik dem Essen weniger Bissen, Tut ihr den Rabbi so sehr sekieren! Ihr habt ihm ja versprochen. Zu geben Täg' gar ohne Zahl. Nun habt ihr euer Wort gebrochen Paßt dies für ein Kayal.4-) Ihr tut den Rabbi damit necken, Ihr raubt ihm sein Gesünd:") Denn, wie kann dem Vater das Essen schmecken. Wenn hungrig ist seiic Kind! . Ach, warum ist dos. Daß nicht jeder Balbos Wteilt für die Thora von seinein Vermög', Man verlangt ja nicht alles, Ihr werdet davon nicht b'dalles,") Wenn ihr geb't den Bachurim Täg." Die Aufführung eines solchen Purimspieles geschieht gewöhnlich beim Rabbi und in Anwesenheit aller Gemeindeinitglieder (Balebatim). Es gibt natürlich viele unter ihnen, die einen Scherz verstehen und sogar sie persönlich treffende Hiebe mit gutem Humor ruhig hiniiehmen. Die Mehrheit Nimmt aber solche Späße sehr übel und läßt ihrem Unmut besonders den Darsteller der betreffende Rolle entgelten. Unter solch'eir Umständen ist es nur natürlich, daß sich -Nicht 10j Ohrfeigen. u) Wie er sein soll, **) Gemeinde. 1S) Gesundheit. 14J arm.