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Neue jüdische Presse · 1906-12-21 · Heft 49 (21.12.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 49 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3h. 48 Frankfurter Israelitisches Famllienblaü. Seite s Doch brr küystllche Mvorstand der kurzsichtigen Engherzigen muß früher ober später gebrochen werben, schon sind die Ideen des Zionismus überall sichtbar, der formelle Anschluß wird schon folgen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 19. Dez. Die Alliance Ifraelite Universelle hatte auf gestern, Abend" einen Vortrag des Schriftstellers M. A. Klausner über das Thema: „Was geschieht zur Besserung der Lage der osteuropäkschesiJüden" angekündigt; doch was wir horten, war eine Propagandarede des Generalsekretärs ihrer, deutschen Konserenzgemeinschast, . ,M. . A. Klausner,/ der. in. großen Zügen, einen lieber-. ,blick über die Geschichte, der Alliance während ihres 46jährigen Bestehens gab und die gewaltigen Leist»- üngender Alliance, die in Deutschland immer noch: nicht die richtige Würdigung gefunden habenpries.: ' .Wir gestehen gern ein, daß eine Gesellschaft, die in der Lage ist, jährlich 5 Vs- Millionen Francs aus ihren Mtteln nd 11 Millionen Francs aus der, ihr unterstehenden Baron-Hirsch-Stiftung ( „Jca"j auszugeben, mit imponierenten Resultaten aufwartcn und überall dort, wo Inden leiden, einspringen kann. Wenn die in Deutschland zur Unterstützung der osteuropäischen Juden bestehenden Institutionen 85°/o ihrer Aufwendungen aus den Dtitteln der „Jca" bestreiten, wenn im Orient 50 000 jüdische Kinder in 134 Alliance-Schulen unterrichtet werden, so ist — rein menschlich betrachtet — damit viel, sehr viel geschehen. Aber dieses gewaltige positive Resultat wird ein negatives, so wir es von jüdischem Gesichtspunkte aus betrachten, denn für das Judentum als solches hat die Alliance meistens nur schädlich gewirkt. Es war charakteristisch: der kluge Generalsekretär flocht wohl recht geschickt einige hebräische Sätze in seiner Rede ein, aber über die „jüdische" Bedeutung der Alliance schwieg er sich aus. Er betonte den kosmopolitischen Charakter derselben, machte einen Ausfall gegen jüdisch-nationale Bestrebungen — c'est tont. Im übrigen konstatierte er die erfreuliche Tatsache, daß die Zöglinge der Mliance-Schulen eine gute Allgemeinbildung erhalten, an das Leben höhere Ansprüche stellen lernen und so häufig eine angesehene Position als Bankier, Kaufmann üsw. erlangen. — Das ist alles sehr lobenswert; wenn dabei aber das jüdische Milieu verwischt wird, die jüdische Eigenart verblaßt, hat dann das Judentum nicht mehr verloren,- als gewonnen? ... Die 46jährige Tätigkeit der Alliancce hat für das Judentum als solches leider wenig bedeutet. Wenn heute die Alliance gegen den jungen Hilfsverein der deutschen Juden, an dessen Spitze Dr. Nathan, ein Mann mit jüdisch-nationalem Gefühle, steht, sich'aufrafft, so glaube sie nicht, daß sie mit der Gratisgabe einer jüdischen Kunstzeitschrist an ihre Mitglieder ihr durch den Hilfsverein verblaßtes Ansehen wieder verjüngen wird. Neue Männer gehören an ihr« Spitze, neuer Geist in ihre Reihen — die Zeiten des Kosmopolitismus sind vorüber, kein Christ glaubt mehr an ihn, nur noch Juden hängen ihm an. Frankfurt a. M. Im Hinblick auf die bevorstehende Reichstagswahk-Kamp a g n e dürfte es angebracht sein, die in Deutschland sich aufhaltenden ausländischen Juden dringend aufzufordern, sich von dem Besuche politischer Versammlungen, aber ganz besonders von jeglicher Agitation fernzuhalten. Es droht die Gefahr von Ausweisungen, wenn ausländische Juden an der Wahlkampagne teilnehmen. Berlin. Ueber die Lesehallewablen — wir berichteten bereits in voriger Nummer darüber — schreiben die „Mitt. a. d. Ver. z. Abw. des Antisemitismus": '„Das Resultat des fünftägigen Wahlkrieges war der 'Sieg-der ,-Freien Verwaltungspartet", die 749 'Stimmen qus ihre Kandidaten vereinigte. Es. erhielten -ferner;die.„nationale" Partei,664 Stimmen, die. Ver) einigung jüdischer. Korporationen 309 Stimmen'und ' die'katholischen Korporationen 214 Stimme». Da auf 'je 100 Stimmen ein Kandidat entfällt, so hat also die Freie Verwaltüngspartei die stärkste Vertretung . im.' Direktorium; jhr schließen sich in Prinzip!en- - jhinÜetC.in dem achtzehngliedrigen Direktorium die 'Kandidaten der jüdischen Vereinigung mit drei Stini- - nien°an,-so daß 10 liberale Stimmen 8 antisemitischen gegenüberstehendenn den sechs „nationalen" -sind-zwei der. katholischen Korporation, die mit den .Antisemiten durch,Dick und Dünn gehen, zuzüzähle,m Dank dem,.Wirken der „Freien Verwaltungsp'artet""ist also die antisemitische Herrschaft gebrochen: 'Ein' tzväi!' Worte darum über diese Parteidie noch M'ihrenAnfängen-steckt.-aberdurchdieVernunsttzemäßheft ihrer Ideen, schon jetzt einen solchen (Srfolg en erringen.,vermochte.. Denn. es.ist wirklich keine .Kleinigkeit,' eiste' mehr' äks zwanzigjährige; reültio- ' näre Wirtschaft,'der kein Mittel zur Aufrechterhäkt- Ainst-'ihrer: Macht zu -schlecht - war,: zu stürzen. Die . Phrtest -tz;gt-.inr.iporigen. .Jahre , zuerst auf den Plan tzMch^«cra»g§Vrei Sitze.für sich, als. sie.betonte) dgß eine'Lesehalle '.nicht nach parteipolitischen, sondern allein nach Berwaltungsgesichtspunkten geleitet werden muß. Die Herren vom B. D. St. entfalteten, vielleicht in Vorahnung koinnrende» Unheils, eine wüste Agitation gkgen sie- In Versammlungen zog man in schärfster Art gegen sie zu Felde, schinipfte sie „verjudet" und „antinational" und suchte sie in jeder Weise zu diskreditieren. Die wackersten Kämpe» des V. D. St. machten sich gegen sie auf; die Herren von den „Akademischen Blättern" spie» Feuer, und Galle gegen' sie. Der Erfolg war der, daß sich der neuen Partei zahlreiche neue Vereine anschlossen. Kucz vor Eröffnung der neuen Wahlen hatten sich etwa dreißig Korporationen,, wissenschaftliche und Koleurverbiudungen offiziell für diese Partei erklärt. Sie setzt sich jetzt zusammen vornehmlich aus der Finkenschaft, der Freien wissenschaftlichen Bereinigung, dem neiiphilologischen, dem mathematischen und anderen wissenschaftlichen Vereinen und zahlreichen kouleurtrageiiden Korporationen auf moderner Grundlage, n. a. den liberalen A. D. B. - Burschenschaften." Köln a. Rh., 13 Dez. iReprälentantenwahlen.j Die vom 10. ds. bis heute Mittag l Uhr stattgefnndenen Repräsentantenwahlen haben zu folgendein Wahlergebnis geführt: In der 3. Wähkerklasse erhielten: Herr Mor. Levy jr. (kons.j von beiden Parteien aufgestellt: 528 Stimmen. Herr Herm. Sternau (lib.j 198 Stimmen. Herr Jac. David (lib.j 162 Stimmen. Herr Eugen Sternberg (KB.) 197 Stimmen. Herr Max Golbreich (kons.j 328 Stimmen. Herr Noah-Kaufmann (kons.j 323 Stimmen. Herr Sak. Linz (kons.j 352 Stimmen. Gewählt also sind die konservativen Kandidaten. IN der 2. Wähkerklasse erhielten: Herr Alb. Bier (lib.j 85 Stimmen. Herr Emil Bluinenau (lib.j 88 Stimmen. Herr David Cohen (lib.j 35 Stimmen. Herr Carl Brünell (KB.; 84 Stimmen. Herr Moritz Falkenstcin (lib.j 88 Stininien. Herr Sak. Simon (kons./ 51 Stimmen. Herr Ph. Wulf (kons.j 45 Stiminen. Herr Jac. Strauß (kons.j 49 Stimmen. Herr Ein. Benjanrin (kons.j 50 Stimmen. Herr Mor. Metz (kons.j 49 Stimmen. Somit sind die liberalen Kanbidaten gewählt. In der 1. Wähkerklasse erhielten: Herr Leonh. Tietz (lib.! 22 Stiminen. Herr Dr. med. Sternberg (lib.j 22 Stiminen. Herr Emik Meyer (lib.j 22 Stimmen. Herr Mrektor Leo Hirsch (lib.) 22 Stimmen. Von der konservativen Partei waren überhaupt keine Kanbidaten aufgesteklt worden. Nach diesem Wahlergebnis ist die liberale Majorität in der Repräsentanz unverändert geblieben. — Gegen die Wahlen der 3. Klaffe ist seitens der liberalen Majorität Protest beim Regierungspräsidenten eingelegt worden. Nürnberg. Stiftung. Herr Kommerzienrat Ernst Tuch m a » n hat anläßlich seines 70. Geburtstages zu einer bereits früher von ihm gemachten Stiftung noch eine Stiftung von 10000 ,1k gemacht, aus deren Zinsen taubstumme oder schwach befähigte Kinder.ohne Unterschied der Konfession bedacht werden sollen. Weimar. Nachdem nunmehr die letzten Wahlen zum Landtage vollzogen sind, werden die Ant i f e in i t e n, die bisher im Landtage rinvertreten waren, mit vier Mann ihren Einzug hakten. Es sind dies: Rittergutsbesitzer v. Boyneburgk, Groß grundbesitzer Allmer, Oberlandesgerichtsrat v. Nicht Hofen und Gastwirt Stein. Oesterreich-Urrsarn Wie». Zu den Resultaten derKultusmeinde-Wahlen, bei denen die Liste des Zentral-Wahlkomitees wie sonst siegte, bei denen jedoch di? Opposition einen bedeutsamen moralischen Sieg errang, schreibt „Bloch's Wochenschr.", das Organ des Kultusvorstandes: „Man hegt in Kreisen des Zentral-Wahlkomitees für, den Bestand der religiösen Institutionen der Gemeinde ernste Befürchtungen für beit Fall der Auslieferung der Gemeindeverwaltung an die proletarischen und sozialdemokratischen Massen bei eventueller Einführung des zum Programm proklamierten allgemeinen Wahlrechts. Man hält ein solches Experiment dermaßen als verderblich, daß man auch die Umgestaltung der fakultativen Zehn Kronensteuer in eine obligatorische nicht mehr gutzuheißen in der Lage ist. Patriotische Männer mit unleugbar politisch demokratischer Gesinnung erklärten, wenn sie auch bei der parlamentarischen Vertretung .im Staate, für dessen Erhaltung jedes Individuum Gut nnd Blut opfert, im Sinne der Gerechtigkeit für das allgemeine Wahlrecht kämpfen, in der gleichen Maßregel für die Verwaltung der Knltusgemeinde unabsehbare Kvnsegnenzen und die schwersten Gefahren zu erblicken. Und es ist ohne Präzedenz auf dem ganze» Kontinent. AuS" diesem Grunde hat das Zentral-Wahlkomitee zwei populäre Mitglieder des Kultusvorstandes,' die Herren Hermann.Eltbogen und kaiserlicher Rat Wilhelm Pollak, weil sie bedenkliche Neigung für eine Umgestaltung des Wahlrechtes im Sinne der Opposition zeigten und das vom Wahlkomitee einstmnckig genehmigte Programm nur mit wichtigen Einschränkungen zu akzeptieren erklärten, zur neuerlichen Wahl nicht wieder empfohlen. Wenn trotzdem die beiden genannten Herren auf sich zirka 800 Stimmen vereinigt haben, so ist das gewiß ein ehrendes Zeugnis für ihre Popularität und eine Anerkennung ihre? bisherigen öffentlichen Wirkens. Das Zentral- Wablkomitee war einig in der Meinung, daß die Agitation für das allgemeine Stimmrecht ein Feuerbrand ist, leicht zu entzünden und schwer zu löschen. Hier heiße es: xrinoixUs obs'a." Also d em o kr a t i ch e Gesinnung nach d en Umständen! Wahrlich, eine nette Gesinnungstüchtigkeit! Budapest. Jüdisches Gymnasium. In einer außerordentlichen Sitzung der Repräsentanz, der neologen israelitischen Gemeinde erklärte der Präsident, . D r. W e i n in a n n, daß der Gemeinde 2 310 600 Kronen zur Verfügung stehen, die, den Absichten der Gebergemäß, zur Gründung .höherer Schulen zu verwenden .sind. Das Gymnasium soft den Namen „Anton Ritter von Freistädker de Krwcsch- Diry'sches Obergymuasiiim" führen. - Budapest. In Ungarn sind 35 Prozent der Universitäts - Hörer und 25 Prozent der Mittel-- schul-Schüler Juden, während die jüdische Bevölkerung nur 4,9 Prozent der Gesaiiitbevölkernng ansmacht. Krakau. Ein hoffnungsvolles Geschlecht. Gestern Abend 107) Uhr wurde in der Judengasse ein jüdischer Mann von einer Anzahl älterer Gymnasiasten 'überfallen und gemißhandelt. Einer der Rowdies wurde gefaßt und arretiert. Der Väter dieses netten Jünglings bot dem Gemißhaiidelteii 200 Kr. Entschädigung an. Schweiz. Basel. Die Einweihung des jüdischen Spitals, zu dem auf Veranlassung des Herrn Rabbiner Dr. Cohn der Israel. Frauenverei» mit einer Spende von 1000 Francs vor 10 Jahren den Grundstein legte und das nunmehr mit einem Kostenaufwande von 150 000 Francs errichtet worden ist, gestaltete! sich zu einer erhebenden Feier. Herr I. Dreifus-Strauß, der Präsident der Spital-Kommission, begrüßte die Erschienenen — darunter Oberst Jselin. Präsident der Mgemeinen Krankenpflege — mit einer Ansprache, darauf sang Herr Oberkantor D r u j a n einen Psalm und dann hielt Herr Rabbiner Dr. Cohn die Weiherede. Das Spital enthält 15 Betten, die sich auf 5 Zimmer ä 2 Bette» und 5 Zimmer a 1 Bett verteilen. Der Operationssaal ist mit den modernsten Einrichtungen ausgestattet. Anstaltsarzt -ist Herr Dr. Wormser. Großbritannien. London. Ein militärischer Chanuka- F e st g o t t e s d i e n st wurde Sonntag in der Zentralsyuagoge abgehalten. Unter den Erschienene» befanden sich auch Zahlreiche hervorragende christliche Militärs-und Zivilisten, wie z. B. Feldinarschall Sir George S. White, Oberst Ward, Her Lord Mayor von London und die Sherifs in Aintstracht, sowie zahlreiche Mdermen und Stadträte. Oberrabbiner Dr. Adler hielt die Festrede. Die Zahl der unter' dem Kommando des Oberst D. Cohen erschienenem Soldaten betrug 305. Rußland. Petersburg. Die Auswanderungs-Sektion des hiesigen Zentrak-Komitees der „dca" hielt am II. dss. eine Sitzung ab. Herr L. Cliasberg, der Vorsitzende des Auswanderungs-Komitees in Libau, stellte nach einem eingehenden Vortrage, folgende Forderungen auf: Es möge nach Libäu eine Versammlung deS jüdischen Auswanderungs - Komitees einbernfen werben. Es möge in: Liban zur Hellung der Augenkrankheiten bei Auswanderern ein besonderes Spital gegründet werden. In der nächste» Sitzung 8er Lektion werben beide Forderungen zur Verhandlung gelangen. Auf der gleichen Sitzung wird Herr Janowski, der. eine Informationsreise in Rußland gemacht hat, Bericht erstatten. Odessa. Wieder einmal ein Pogromchen. Am 3. Dezember erschienen plötzlich auf dem Markt eine Anzahl Mitgsieder von dem Ööeffaer ,-Wekßen Verbände" und zerstörten eine ganze Reihe jüdischer Läden und Verlaufsstände. Verkäufer und, Verkäuferinnen wurden mit Nagaikas geschlagen, die auskiegenben Eßwaren mit Petroleum begossen. — Die Polizei sah dem Spiele in Ruhe zu! - Ein Judenmörder begnabigsi: Fün geringfügige Vergehen sind von den Feldgerichten Hunderte blühender Menschenleben durch die Todesstrafe vernichtet worden: — doch die Mörder friedlicher Famikien-werden zu geringfügigen' Strafen verurteilt — und dann noch begnadigt. So wird aus Kasan gemeldet, daß aus allerhöchsten Befehl,der Kaufmann Schwalew, der wegen Mordes zu 8 Monaten Turm bestraft worben war, begnadigt worben ist.

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