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Neue jüdische Presse · 1906-12-21 · Heft 49 (21.12.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 49 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49. so leicht ein Vertreter für diese Rolle fand. Wir brauchten aber gar nicht lange zu suchen. Wir hatten ja unfern Melech, '■ unfern Asus-ponim, der nicht nur ohne Weigerung die bAienkliche Rolle übernahm, der auch für sie, mehr als jeder andere, prädestiniert war. - Und als wir dabei hielten, machte er wirklich seine Sache ganz ausgezeichnet. Sämtliche Gemeindemitglieder hatten sich beim Rabbi zur Sudah^ch eingefunden. Es war ein unendlich langer Tisch ausgestellt worden, an dessen oberen Ende her Rabbi, und rund herum, zu seiner Rechten und Linken, die Balebatim saßen. In der Nähe des Rabbi hatte man für uns einen Platz frei gemacht, wo wir spielten. Während nun Melech, als er an die Reihe kam, die beiden ersten Strophen, die über die allgemeine Notlage der Bachurim klagen, aus dem für unser Spiel bestimmten Platz absang, schwang er sich bei der letzten, die an die anwesenden Gäste gerichtet war, auf den Tisch und schleuderte feine Klagen den Balbatim direkt ins Gesicht. Diese waren so überrascht, daß sie der Chuzpoh dieses Vorgehens erst dann ,'tiitc wurden, als es bereits Zu spät war. Wohl gab es eine große Aufregung in der K'hiloh,^) aber wir hatten erreicht, Ivas wir angestrebt, und Melech ward von uns als Held gefeiert. Daß' Melech es auch verstand dem Einzelnen zu dienen, mag folgender Vorfall beweisen. Ein armer Bachur hatte das Malheur, seine 'Äosttag-Balbosrin bei schlechter Laune zu treffen. Aus diesem Grunde mochte sie seinen leise vorgebrachten Gruß überhört haben, und sie kündigte ihm auf der Stelle den Kosttag, da sie einen so unfreundlichen Bachür, der nicht einmal „guten Abend!" sagte, nicht haben wolle. „Mach' Dir nichts daraus, Henry," tröstete ihn Melech, der von seinem „Unglück" gehört hatte. „Ich verschaffe Dir den Tag wieder." Sofort machte er sich 'an die Ausführung seines Planes. Mit einem Dutzend gleichgesinnter'Kollegen, denen er den Zweck seines Vorgehens mitgeteilt hatte, führte er folgenden Streich aus: Eine ganze Woche.kam er jede Mitternacht 'mit seinen Spießgesellen vor das Fenster des betrefffenden Balbos, der mit seiner ganzen Familie schon seit mehreren Stunden im besten Schlummer lag. Dort klopfte er an die Läden, und wenn der erschreckte Hausherr noch schlaftrunken fragte: „Wer. ist's? Was gibt's?" — Dann erhielt er die stereotype Antwort: „Guten Abend!", die aus zwölf Kehlen ertönte. Der Balbos, der bald hinter die, dieser nächtlichen Ruhestörung zu Grimde liegende Absicht kam, war herzlich froh, sich durch die' Wiederberufung Henrys von seinen Quälgeistern befreien zu können. Der einzige Nachteil, der Melech aus seinen! Wirken erwuchs, war das Prädikat, das man seinem Namen anhängte, das aber durchaus nicht böse gemeint war. Er hieß näinlich: Melech, der Asus-ponim. Zwei Lichte. Aus dem Englischen von M. P u l v e r in a n n ' (Fortsetzung). Es war am '29. November. In der traulichen Dämmerstunde saßen wir fest aneinander geschmiegt, zärtliche Liebeswortc einander zuflüsternd. Bald aber ging die Türe auf, und der alte Salonion, Perls Vater, trat lächelnd ein; in seiner Hand trug er einen achtarmigen Leuchter, den er feierlich auf das Fensterbrett stellte. Perl sprang auf, holte ein Gebetbuch und stellte sich neben ihren Vater. Nach einein lauten Segensspruch zündete dieser mit einem zweiten Lichtchen das im Leuchter bereits befindliche an, und stellte das erftere abseits zur Seite. Kaum war dieses geschehen, als Perl mit ihrer glockenreinen Stimme ein hebräisches Lied anstimmte, das der Vater, so gut er konnte, begleitete. Ich konnte mich nur schwach erinnern, einen ähnlichen Vorgang, als Kind, im Hause meines Religiouslehrers gesehen zu haben. Denn meine Eltern, die einer freigeistigen Anschauung huldigten, und, so weit mir bekannt,' mit ihren Stammesgenossen nur im losen Zusammenhang standen, hatten die religiösen Gebräuche längst aus ihrem Hause'verbannt.;• War es nun die Uebereinstimynrng niit ihren Auschäuungen, oder war ich ärgerlich, daß unser Schäferstündchen so frühzeitig unterbrochen wurdegenug, mich erfaßte der Uebermutsteufel, und ich fing an), den eben stattgehabten Vorgang ins Lächerliche zu ziehen.. f „Da macht Ihr Euch über die Christen lustig, daß sie das Kreuz verehren," sprach ich, „während Ihr Mahlzeit.. -^Gemeinde. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. selbst einem Talglicht solche abgöttische Verehrung.zu-! wendet!—'——" Perl warf mir einen ernst-fragenden Blick zu, während ihr Vater mißbilligend und znrechtweisend! sprach: „Ich bestreite es ganz entschieden, daß ein ' rechtgläubiger Jude die Symbole einer anderen Religion verspottet oder auch nur abfällig beurteilt! Was aber das „Talglicht" anbelangt, so umstrahlt und erleuchtet cs jene düstere und finstere Zeitepoche, da Tausende unserer Brüder opferfreudig den Heldentod erlitten, weil ein Tyrann das.Gotteswort, die ganze jüdische Religion vernichten und mit der Wurzel ausrotten wollte! Und dieses Flämmchen soll uns. daran inahnen, daß anch wir alles opferfreudig hiagebcu sollen, um uns das Gotteslicht rein und lauter zu erhalten!" „Aber loäre es denn ein gar so großes Unglück, wenn das Judentum mit dem Griechentum sich vereint und in diesem aufgegangen wäre?" fragte ich streitlustig. „Griechischer Kunstsinn, griechische Kultur mit jüdischer Zähigkeit, mit jüdischem Streben vereint, welch ein herrlicher Volksstamm wäre dann entstanden!" Der alte Sänger sah mich überlegen lächelnd an. „Was Du, mein Sohn," sprach er, „griechischen Kunstsinn nennst; war — bei aller Anerkennung der Bedeutung der griechischen .Kunst — doch in der Hauptsache nur die Aeußerung einer stark ausgeprägten Sinnlichkeit. Wenn Du aber von der Kultur sprichst, so magst Du wissen, daß wir damit nicht erst aus die Griechen gewartet: Schon Vater Abraham hat Kultur, Aufklärung und Erkenntnis verbreitet!" „Mag dem sein, wie ihm wolle," unterbrach ich ihn schnell; „allein, gerade das düstere, armselige Lichtlein hier und die Strahlenfülle an dem Feste, welches auch die Nichtjuden jetzt feiern, ist ein getreues Spiegelbild von dem Wert des Judentums und Christentums. Welcher Lichterglanz, Herz und Ai'ge erfreuend, dort-- und wie winzig, unbedeutend und nichtssagend hier! Wahrlich, es kann kein Zweifel sein, wem der Vorzug gebührt." Es war diesmal Perl, die das Wort nah»'.: mit einem schmerzlichen Lächeln sprach sie: „Siehe, mein Julius, jene Strahlenfülle blendet Dein Geistesauge, daß es nur das Momentbild -in sich aufnimmt und für das Weitere keinen Sinn hat! Ja, betrachte nur jenes stolze, prahlende, alles überragende, über alles sich erhaben dünkende Licht, das gleichsam seine Machtfülle niit einem Male entfaltet, dessen Dauer aber nur eine sehr kurze ist, das nach einer einzigen Nacht schon verschwindet, dessen Träger bald verdorrt und vertrocknet und zuni Kehricht geworfen wird- und betrachte Dir auch dieses, von Demut und Bescheidenheit zeugende, stetig zunehmende Licht, das Ivächst und andauert, und dessen Träger Bestand hat und mit heiliger Ehrfurcht aufbewahrt wird, von einem Jahre zum andern, von einem Geschlecht zum andern! — O, mein Julius!" fuhrt sie mit Begeisterung fort, „in allen Häusern Israels erstrahlt heute das Licht des Glaubens, und für uns beide leuchtet jetzt auch noch das Licht der göttlichen Liebe! Möchte doch auch noch ein Hosfnungsstrahl mir leuchten, daß an dem Tage, an dem einst das Heiligtum unserem Volke wiedergegeben wurde, auch Du dem Judentmn wiedergegeben werden könntest, auf daß bei der alljährlichen Wiederkehr deS Chanuka-Lichtes, auch die Fackel der Freude hell in meinem Herzen strahlen könnte!" Sie sprach mit solcher Verzückung, mit einer solchen kindlichen Frömmigkeit, daß ich nicht das Herz hatte, ihr zu widersprechen und schwieg." „Kurze Zeit nachher," fuhr er fort, nachdem er längere Zeit in schmerzlichen Erinnerungen versunken, schweigend dagesessen, „wurde ich in einer größeren Gesellschaft dem Prinzen K. vorgestellt, und, um mit den Worten der Bibel zu reden, „ich fand Gunst in seinen Augen" und wurde unter der Bedingung zu seinem Leibarzt ernannt, daß ich, ihn zwei Jahre auf Reisen begleite. -Freudig nahm ich das Anerbieten an: ich war ja noch jung und sehnte mich danach, Welt und Menschen kennen zu kernen, ehe ich meine Perl als geliebtes Weib heiinsührte. Wir bereisten nun ganz Europa, Amerika und auch einen Teil Asiens, und Sie können sich denken, daß ich überall zu den besten Gesellschaften Zutritt hatte. In meinen Mußestunden besuchte ich Hospitäler oder hörte Vorträge der berühmtesten Professoren. Ich brauche wohl nicht erst zu erwähnen, daß ich mit Perl einen lebhaften Briefwechsel unterhielt. Ihre Briefe waren die goldenen Sterne, die an ineincm Lcbenshimmel leuchteten. — Ja, ihre Briefe! Sie waren die Tautropfen, die meine Seele erfrischten, wenn ich vor brennender Sehnsucht nach ihr fast verschmachtete; sie bilden auch jetzt den einzigen Schatz, Seite 5 den ich mi Sen Ruine» meine» zerstörten Lehen» nrir gerettet. Tausende Make schon habe ich diese Briefe gelesen, und aus der wahren Fröinmigkeit, auS den! kindlichen Gottvertrauen, das sie ausatmen, habe auch ich Ruhe und Frieden geschöpft. Sie haben mich gelehrt, die gott begeisterten Psalmen wieder und immer.wieder zu lesen, uni meine Gedanken von dem irdischen Jammertale abzuwenden, und zu den Hähern Sphären der Ewigkeit hinzulenken. Ja, mein Freund, Perls Wunsch ist in Erfüllung gegangen: Der fünfundzwanzigste Kislew hat auch mich dem Heiligtume Gottes, der Religion meiner Väter wieoergegeben! Doch in einer andern Weise, als sie und ich. es damals geahnt." „Als die zwei Jahre zu Ende waren, hatte sich der Prinz, entgegen seiner früheren Msicht, entschlossen, noch länger in Süd-Frankreich zu bleiben, um seine gänzlich zusammcngebrochene Gesundheit wieder herzustelleu. Ich erachtete es darum als eine Ehrenpflicht, ihn auch da nicht zu verlassen. Ehe wir die Reise dorthin antrateu, gewährte er mir einen längeren Urlaub, den ich natürlich mit Perl zusammen verbringen wollte. Nachdem ich . sie von meiner bevorstehenden Ankunft unterrichtet hatte, eilte ich auf dem schnellsten Wege nach P. Sie wissen doch, daß in den kleinen Städten der Bahnhof der beliebteste Spaziergang für die Einwohner bildet. Während des kurzen Aufenthaltes der. Züge genießen die Kleinstädter den Lärm und die Aufregung der 'Reisenden mit, und für eine Weile glauben sie, wie niit Zauberkraft in das Treiben der Großstadt versetzt zu sein. Nach wenigen Minuten aber, ein Psiff, das Dampfroß bewegt sich, und der angeschwollene Menschenstrom verschwindet ebenso schnell, als er gekommen, und die friedliche Stille der Kleinstadt herrscht bald wieder wie vorher. Während nun der Zug sich langsam der Station P. näherte, öffnete ich das Fenster und überschaute die Menge, unr Perl zu erspähen. Mein Herz pochte aber, so heftig, daß die Augen mir den Dienst versagten. Endlich hielt der Zug, und da — da — stand sie — an eine Säule gelehnt — inarmorblcich, mit geschlossenen Augen. Wie vom Schlage gerührt, blieb auch ich auf meinem Platze, und vor Schreck war ich rncht imstande, ein einziges Glied zu bewegen. Jetzt sah ich auch, wie sie ihre Arine um die Säule schlug, als fürchte sie zusammenzubrcchen. — Mit einem wilden Satz war ich an ihrer Seite, und trug die Halbohnmächtige aus dem Gedränge. Nach und nach aber wurde sie ruhiger; sie erholte sich rasch, und unsere Seelen fühlten sich von den schweren Banden befreit, die Sehnsucht und Trennung um uns geschlungen. Wir gingen langsam nach Hause und unterhielten uns von der Vergangenheit, noch mehr aber von unserer Zukunft. Wir verlebten freudige Tage. Doch war in meinen Freudenkelch auch ein Gallentropfen gefallen! Es war die Erinnerung an Perls Ohnmachtsanfall am Bahnhofe, und ich. konnte den Gedanken nicht kos werden, daß an der Schwelle meines Paradieses bereits die Schlange des Todes sich eingenistet. Ich wußte nicht, wie weit Perl über ihren eigenen Zustand unterrichtet war, und mir fehlte es an Mut, eine eingehende Untersuchung anzustellen. — Doch so oft ich in ihre Augen bklckte, so oft ich ihre edle, zarte Gestalt betrachtete, legte es sich mir wie eine finstere Wolke über meine Sinne, es stieg die bleiche Furcht in. nrir auf: Diese liebliche Knospe, sie wird nie zur vollen Reife gedeihen — sie ist bereits vom Wurnr benagt und wird allzufrüh vonr Baume des Lebens abfallen. Meine Urlaubszeit näherte sich ihrem Ende; doch, merkwürdig, der Gedanke an unsere Trennung machte uns weniger Schmerz, als wir beide anfänglich fürchteten. — Ja, ich gestehe es, ich hatte meine Abreise sogar eine halbe Woche eher, als es nötig war, festgesetzt, um dem bevorstehenden Chanuka-Feste aus dem Wege zu gehen. (Schluß folgt.) Offenbarer Druckluft - Anlage Telefon 128. Offenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tepplchreinlgung. Wochev-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem l-naeb-l Samstag, den 22. Dezember (— 5. Tewes): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 19 Min. Berlin 4 Uhr 45 Min. Im Wochenabschnitt Wajigasch finden wir die Fortsetzung der Josessgeschichte und deren Ab-

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