Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 48 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. er gegen seinen Willen, eine Wohnung behalten, aber er hat sich dafür gerächt. Während der ganzen Zeit, die Melech in der Jeschiwah war, hat dieser Vermieter nie wieder sei» Zimmer vermieten können. Tage lang stand er am Anfang eines jeden Semesters auf der Lauer und hielt die Bachurim, die dort mieten wollte», davon ab. Ihm war überhaupt keine Lage zu schwierig; aus jeder wußte er sich herauszuhelsen. Im vorletzten Semester seiner Jcschiwahzeit hatte ich wieder Gelegenheit, ihn zu bewundern. Es war zu Beginn des Semesters, als ein Bachur Namens Braun Melech suchte und ihn in meiner Wohnung fand. „Haben Sie schon eine Wohnung?" , fragte ihn Braun. „Nein," entgegnete Melech. „Großartig!" rief Braun ganz vergnügt. „Wirklich großartig!" „Was finden Sie 'großartiges daran?" fragte Melech, überrascht von diesem Freudenausbruch. „Großartig, ganz großartig!" rief Braun wieder, mrd rieb sich vergnügt die Hände. „Ich kann Ihnen eine schöne Wohnung besorgen." „Wollen Sie sich nicht deutlicher erklären?" fragte Melech gespannt'. „Hören Sie," begann Braun seine Erklärung, „Sie kennen doch den Reb Mair Lederbaum? Dieser Reb Mair," fuhr Braun fort, als Melech seine Frage bejaht hatte, „will seinen Enkel bei mir lernen lassen. Als Honorar will er mir freie Wohnung 'geben. Die Sache steht nun so: Reb Mair hat zwei schöne Zimmer, von denen er, da er Almon-) ist, nur eines, und zwar das kleinere, benutzt. Das größere und schönere, sein Paradezimmer, will er mir überlassen, aber nur unter der Bedingung, daß ich einen Chawers bringe, der Miete bezahlt. Das Zimmer ist nämlich sehr groß, und er will es nicht für mich allein heizen lassen. Wollen Sie das Zimmer mieten?" „Vorher muß ich das Zimmer sehen, ob es mir gefällt," antwortete Melech. „Gefallen wird es Ihnen gewiß," sagte Braun mit Ueberzeugung. „Es ist ein schönes, großes Zimmer, zweifenstrig und mit dem Ausblick auf die Straße. Außerdem ist cs pickfein möbliert und euthäll: zwei Tische, zwei Kasten, ein großartiges Sofa, zwei Fauteulls, eine ganze Menge Stühle, ein Etagere mit feinen Tassen und Gläsern, die wir' benutzen dürfen, und einen sehr großen Bücherschrank mit Spiegelscheiben." „Weiß Gott, was Reb Mair dafür verlangen wird." „Der Preis ist sehr mäßig," sagte Braun. „Zwei Gulden und fünfzig Kreuzer monatlich." „Das ist nicht zuviel," erwiderte Melech, beruhigt. „Ob es aber auch alle Vorzüge hat, die Sic aufzählen?" „Gewiß," beteuerte Braun. „Sic werden sich ja davon überzeugen. Uebrigens hat das Ziinmer noch viele andere Vorzüge. Auch das dürfen Sie nicht vergessen, daß Reb Mair ein Joch-mechubad^) ist, und daß es eine Ehre ist, bei ihm zu wohnen. — Als Reb Mair von einem' Chawer sprach, habe ich sofort an Sic gedacht," fuhr Braun nach einer Pause fort. „Ich kam nämlich nur einen solchen Chawer brauchen, wie Sic cs sind. Ich muß Ihnen, nachdem ich die Vorzüge dieser Wohnung aufgezählt, auch ihre Nachteile sagen: Eigentlich ist es nur ein Nachteil, für Sie ist es überhaupt keiner. Reb Mair ist nämlich, trotz seines Reichtunis und seines Lamdonus, ein großer Geizhals. Aus diesem Grunde und well er — wie alle geizigen Menschen — sehr mißtrauisch ist, vermietet er nur init Heizung, wofür Sie noch fünfzig Kreuzer monatlich zahlen müssen. Er fürchtet nämlich, wir könnten von seinem Holze nehmen. An sich wäre die Sache ja nicht übel, denn fünfzig Kreuzer für Heizung sind nicht zuviel. Die Sache hat aber einen Haken. Das Ziinmer braucht, weil es groß ist, viel Holz, iveil Reb Mair aber sehr geizig ist, wird er es uns nicht geben wollen. Nur Sie allein, Melech, sind die geeignetste Person, nur Sie werden mit Reb' Mair fertig werden. Wollen Sie sich das Zimmer anschauen?" ,Lann es jetzt gleich geschehen?" fragte Melech. „Sofort," erwiderte Braun. „Gut," sagte Melech, und ging mit Braun fort. Eine Stunde später hatte Melech 'das Zimmer gemietet. - Braun hatte Reb Mair richtig beurteilt. Er machte in der Tat Schwierigkeiten mit der Heizung. Aber auch Melech hatte er richtig taxiert; dieser war *) Witwer. 3) Kollege. *) Angesehener Mann. Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. dem Hausherrn gewachsen, und er ließ sich nicht benachteiligen. Um jene Zeit machte Melech die Bekanntschaft eines Studenten. Dieser hatte eine große Bibliothek, in der auch die deutschen Klassiker vertreten waren. Melech, der diese noch nicht kannte, stürzte sich mit einem wahren Heißhunger auf die Bücher, die ihn: der Student bereitwilligst zur Verfügung stellte. Ganze^Lage las er Goethe, Schiller und Lessing, und oft vergaß er über seine Lektüre das Mittagessen. Da er aber auch sein Talmudstudium nicht vernachlässigen wollte und durfte, saß er oft halbe und drciviertcl Nächte bei brr Gemoroh und bereitete sich für den Schiur vor. Natürlich verbrauchte er dadurch auch 'mehr Holz, was Reb Mair arg verdroß. Ihm selbst wagte er nichts zu sagen, desto mehr ünd ärger aber fluchte er in seinem Zimmer, und so laut, daß cs Melech hören konnte. So oft Melech ein Stückchen Holz nachlegte, was sehr oft geschah, entfuhr ein herber Fluch Reb Mairs Lippen. Anfangs nahm Melech keine Notiz davon. Als die Sache aber ärger wurde und Reb Mair, der nicht gut schlafen konnte, ganze Nächte durchfluchtc, revanchierte sich Melech dadurch, daß er Reb Mair grundlos zu ärgern suchte. Alle fünf Minuten klapperte er mit dem Ofentürchen, so daß Reb Mair, welcher glaubte, daß er ~ Holz nachlege, vor Aerger fast aus der Haut fuhr. „Das solltest Du doch Vicht tun," sagte ich ihm, als er mir davon erzählte. „Höre ihn nur fluchen, dann wirst Du mir -recht geben," verteidigte sich Melech. „Braun ist verreist, und Du könntest heute zN mir koinmen. Es ist wirklich interessant, Reb Mair fluchen zu hören." Ich ging zu Melech, und was ich da hörte, war wirklich interessant genug. (Schluß folgt.) Zwei Lichte- Aus dem Englischen von M. P u l v c r m a n n (Fortsetzung). „Verzeihen Sie, mein Herr,", sprach er mich gleich an, „ich sehe) wie Sie Ihr Gehirn abquälen, ohne das erreichen zu können, was Sie so gern möchten. — Vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein, indeni ich den Schleier zerreiße, der meine Person zu umhüllen scheint." „Ich bin Ihnen für Ihre freundliche Bemühung sehr dankbar; doch in diesem Augenblick, da Sie zu sprechen begannen, kommt mir auch mein Gehör zu Hilfe, um meine Erinnerung wachzurnfen. Ihre Abschiedsworte auf dein Friedhofe in P. „Wir werden mis Wiedersehen!" sind jetzt zur Wahrheit geworden. — Nicht wahr. Sie sind Herr Dr. Julius Lewin?" „Ganz recht, der bin ich." Ich nannte ihm auch meinen Namen und fügte hinzu: „Ich hoffe, daß lvir unsere Bekanntschaft diesmal so befestigen werden, baß es in Zukunft nicht mehr nötig sein wird, eine solche dramatische Wiedererkennungs-Szene auszusühren." Er nickte zustimmend und erwiderte: „Wenn Ihre Zeit es gestattet, bitte, besuchen Sie mich heute Abend im Hotel du Louvre. Wir können dann eine Stunde gemütlich berplaudern. — Wenn ich mich richtig erinnere, sind Sie jüdischer Gelehrter und Forscher; ich glaube darum, daß Sir meine Erzählung interessieren wird. Ich drwartc zwar jeden Tag den Befehl, eine größere Reise anzutreten, doch werde ich wohl Paris vor Ende dieser Woche nicht verlassen. Also auf Wiedersehen heute Wend 7 Uhr." Er reichte mir die Hand und war gerade im Begriff, den Saal zu verlassen, als ein gallonierter Diener eintrat und ihm einen Brief überreichte, mit dem Bemerken: „Herr Doktor, die Equipage wartet unten." Mein neuer Freund kam nun zu mir zurück und sprach: „Es ist nun das zweite Mal, daß das Schicksal uns auseinandertreibt. Ich muß nun Loch früher abreiscn, als ich 'glaubte. Prinz K., dessen Leibarzt ich bin, wünscht, daß ich heute noch nach London aufbreche. — Also: Auf'Wiederfchen!" „Und wann soll ich die interessante Neuigkcll von Ihnen hören?" „Es ist keine Neuigkeit! Ich meine die Geschichte von der Inschrift aus jenem Leichensteine." „Ich "dachte es mir," war alles, was ich zu der sonderbaren Sache sagen konnte. „Sollten Sie noch'am 29. November in Paris sein, dann kommen Sie, bitte, um sieben Uhr, und ich will Ihnen mein Herzcnsgeheimnis offenbaren." . Eilig verließ er das Cafe. 48. Als ich wieder allein war, zog ich inein Notizbuch aus der Tasche, um jene eigenartige Grabschrift, die ich seit damals bei nur trug, noch einmal durchzulesen, und während ich'über die Zusammenkunft init Dr. Lewin eine kurze Bemerkung niederschrieb, fiel es mir auf, daß der 29. November, der Beginn des Chanuka-Festcs, irnd somit der Todestag jener Perl Sänger war. HI. , Trotz des kalten.Nebels ging ich zur bestimmten Zeit nach dem Hotel du Louvre. Dr. Lewin befand sich in.einem etwas verdunkelten Zimmer. Nach, einer herzlichen Begrüßung rollte er einen weichen Sessel an den offenen Herd und bat mich, Platz zu nehmen, bis er einige Papiere geordnet habe. Inzwischen Vertrieb ich mir die Zeit, die brennenden Holzscheite zu betrachten und dem Knacken und Knistern der Flammen zu lauschen. Sie verbreiteten nur ein schwaches Licht, dafür aber eine behagliche Wärme im ganzen Zimnier. Die Scheite waren schon halb heruntergebrannt, sie lagen in einem Haufen Asche, sodaß die Flammen von einem Scheit zum andern jagten, als wollten sie der Asche entfliehen, die sie zu ersticken drohte; doch ihre Bemühungen waren vergeblich; bald ivaren sie überwältigt und von einem dicken Rauch umgeben. Dadurch' war auch das Zinimer noch dunkler geioorden, als vorher. Jetzt erst bemerkte ich einen schwachen bläulichen Lichtschein, der von der linken Seite auf meinen Platz fiel. Meine Blicke dorthin wendend, bemerkte ich zunächst einen gewöhnlichen, wenn auch sehr kostbaren Chanuka-Leuchter mit einem brennenden Lichtchen, dessen Bedeutung ich natürlich kannte; sodann aber sah ich noch ein Flämmchen, dessen Zweck mir durchaus nicht klar werden konnte. Später aber begriff ich auch) was dieses war: Eine Jahrzeit-Lampe, wie ich solche noch nie vorher gesehen! Es war ein schwarzes, wunderbar geschnitztes Tischchen aus Ebenholz, dessen Platte von einem handbreiten Sims umgeben war, und auf welcher eine Schicht Erdboden sich befand, aus der allerlei exotische Pflanzen herunterschlängelten. In der Mitte des TischchenL-stand ein Bassin aus 'geschlissenem Glas, in welchem eine Anzahl Goldfischchen sich lustig tummelten. Ueber diesem Aquarium hing an einer dreifachen, ebenfalls schwarzen Kette ein Blumenkorb voii der Decke herab, aus welchem ebenfalls Schlingpflanzen herunterkrocheu und die Blättchen in das Aquarium tauchten, sodaß es das' Aussehen hatte, als wären es Wasserblumen, die aus dem Bassin pyramidenartig herauswuchsen. Der darüberhängende Blumenkorb, in Gestalt eines Ringes, diente als Rahmen für eine kugelartig geformte blaue Ampel, die mit klarem, durchsichtigen Oel gefüllt war, und auf deren Oberfläche ein kleines Flämmchen auf einein Korkschiffchen herumschwamm. Die Goldfischchen im Bassin sahen aus, als wären sie von der Sonne bestrahlt, die sie hinderte, sich 'der nächtlichen 3tuhe hinzugeben. Immer wieder schnellten sie zur Oberfläche empor, um dem Korkschifscheu zu folgen; daun wieder, um nach dem mit.kleinen Kieselsteinen bedeckten Boden hinabzuschießen, um dann nach einer Sekunde das Spiel von neuem zu beginnen. Wie gesagt, es Ivar die eleganteste, aber auch fremdartigste Jahrzeit-Lainpc, die ich jemals gesehen. Ein heftiger Windstoß hatte inzwischen die rauschenden Scheite zu neuem Leben entfacht, sodaß sie wieder einen Hellen Schein verbreiteten und 'die andern Gegenstände im Zimmer besser erkennen ließen. Doktor Lewin kam jetzt zu mir, und ein Papier aus der Tasche nehmend, das er in der Hand behielt, sprach erleise: „Mein Freund, als solchen darf ich Sie wohl bezeichnen, vor vier Jahren saß ich auch auf 'diesem Platze, und starrte in das phantastische Spiel der Flammen, während aber in meinem Innern die Flamme der Liebe brannte, die mich zu verzehren drohte. Ich liebte ein Mädchen mit einer Leidenschaft, für welche die Sprache kaum einen passenden Ausdruck hat, mit einer Leidenschaft, die man. kaum hätte irdisch Nennen können. Perl Sänger war eine Ausnahme ihres Geschlecht tes! Wie Calypso, von ihren Nymphen umgeben, so überragte sie, geistig und körperlich, alle Mädchen und Frauen, die ich je kennen gelernt. Die Natur, wahrscheinlich 'müde von dem ewigen Einerlei, müde, beständig nur nach einem vorgeschriebenen, wohlregulierten Plan zu arbeiten und zu formen — hatte in einem launenhaften Einfall ein Menschenwesen schaffen wollen, das unter Men Geschöpfen eine hervorragende Ausnahme bilden.sollte! Damit aber dieser Krone ihrer Schöpfung der. Stempel