Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 48 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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M. 48 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. andere hat eine Christin geheiratet. Das ist jedoch nicht verwunderlich im Vergleich zu der Tatsache, das; ein Rabbiner (Dr. Rosenberg in Arad, Mitglied der Prüfungskommission des Budapester Rabbiner- «eininars), Mischehen in der Synagoge cinsegnet. Großbritannien. London. Der bekannte Philantrop?! a k o b H. Schiff in Newyork hat an Israel Zangw i l l in London, den Präsidenten .der Jto, einen Brief gerichtet, in dem er die Förderung der i ii d i s ch e n Ei n lv a n d e r u n g in die S ü d - staaten und die Schaffung billiger Fahrtgelegcnheiten nach den Häfen des Südens, durch Gewährung von Prämien an Schiffahrtsgesellschaften, warm befürloortet. Die in erster Reihe für eine Einwandernng in Betracht kommenden Häfen des Südens sind: Charleston, Savannah, New-Orleans, Galvcston. Nach den beiden zuletzt genannten Häsen gibt es von Deutschland bekanntlich bereits regelmäßige Dampfschiffsverbindnngen, die auch für den Transport von Auswanderern eingerichtet sind, während die Expeditionen nach Charleston und Savannah noch unregelmäßig sind, und nur dann veranstaltet werden, wenn eine genügende Beteiligung vorhanden ist. London. Die am 5. November verstorbene Miß 'Lucy Cohen hinterlicß ein Vermögen von zehn Millionen Mark. Ihre Hauptervcn sind Neil Primrose und Lady Sybil Grant, lieber eine Million Mark testierte sie für jüdische und allgemeine Institutionen. Rußland. Petersburg. Das Ministerium für Volksbildung hat 'es für nötig befunden, den Befehl zu erlassen, daß im kommenden Jahre der Prozentsatz für die Aufnahme der Jude n in die höheren Schule » nicht erhöht lverden darf. Das Zentral-Komitee des „Vereins für die Gleichberechtigung der Inden in Rußland" hat an seine Komitees ein Telegramm gesandt des Inhalts, daß die Vereinigung von Inden mit der „Partei für die friedliche Erneuerung" undenkbar sei, da dies den Interessen der Juden widerspreche. Petersburg. Das Zentralkomitee der Partei der friedlichen Erneuerung faßte eine Resolution, in der es heißt: „In der Judenfrage hat das Zentralkomitee keine besondere Resolution gefaßt, da die Partei überhaupt die Idee der Rechtsgleichheit aller Nationalitäten Rußlands vertritt." Rumänien. Bukarest. Um eine angebliche Invasion zu verhindern, hat die bulgarische Regier u n g vor einiger Zeit den russische n n n d r n in ä n i s ch'c n Juden, selbst wenn sie im Besitze eines Reisepasses sind, der Eintritt in Bulgarien verboten. Als Antwort ans diese Maßregel hat nunmehr die r n m ä n i s ch e Regie r n n g beschlossen, den bulgarischen Inden, ob sie'nun Pässe besitzen oder nicht, das ileberschreiten der rumänischen Grenze zu verbieten. Das diesbezügliche Rundschreiben des Ministeriums des Innern ist vor einigen Tagen an die Grcnzbehörden ergangen. Palästina. Jerusalem, 3. Dezelnbcr. Eine Dilletanten- Gesellschaft, bestehend aus achtzehn Personen, bat hier am 2. und 3. d. M. ein Drania in 4 Akten, welches „D i e Jude n" sich betitelt, ansaesührt. In Ermangelung eines geeigneten Lokales stellte die Alliance einen Flügel ihrer Räumlichkeiten zur Verfügung. Das Stück, von einem nichtiüdischeii Dichter namens Zirikoff in russischer Sprache verfaßt, von de» Lehrern der Jaffaer Mädchenschule aber in's Hebräische übersetzt, in welcher es auch gegeben wurde, svielt in einer der russischen Städte innerhalb des Rayons im Nordwest-Viertel. Es handelt: Ein jüdischer junger Mann liebt ein ,'Hdisches Mädchen, welches, ganz rnssifiziert. einen Russen liebt. Plötzlich brechen die Judenverfolgungen ans, und die MassakrcS, welche einander oblösen, bringen die Geliebte ihrem Volke zurück. Die Uebersetzung soll, wie versichert wird, sehr geschickt ausgefallen sein, nicht minder wird den Spielern Beifall gezollt. Seitens der R a b b i n e n ist ein I s s u r über d as Stück verhängt worden, nngeacbtctdessen war das Haus beide Male stark besetzt. Entree hat von einem Bcschlik (gleich 45 Pfg.j bis zu acht Beschlik gekostet. Laut gestern hier cingetroffener Depesche ist der hiesige Pajscha znm Bali von Monastir ernannt worden. Man erwartet, daß er sich schon in den nächsten Tagen nach seinem neuen Wirknngsorte begeben wird. . Haamitn. Amerika. New-Nork. Der Borstand des Amerikanischen jüdischen Komitees bestimmte in seiner letzten Sitzung einen Aufruf, um 100 000 Dollars zum Besten der Wohltätigkeits-Institute, die durch das seinerzeitige Erdbeben in San Francisco gelitten haben, aufznbringen. Ferner wählte er Dr. Herbert Friedcnwald zum Sekretär. New-Uork. Die G e s a m t e i n w a n d e r u n g in die Vereinigten Staaten scheint wieder bedeutend zuzunehmen. Einer soeben erschienenen Ucbersicht des Handels-Departements zufolge, sind in den sechs Monaten, die mit dem 31. Oktober ihr Ende erreichten, 632137 Einwanderer an gekommen, während in der gleichen Zeit des Jahres 1905 nur 112 685 eintrafen. Daß 'die Zahl der Ankömmlinge aus Rußland von 91671 auf 112 710 stieg, wird niemanden verwundern. Bemerkenswert ist es, daß auch die übrigen Einwanderer um 138 386 zugcnommen haben. Aus der Lehrerwett. Würzbnrg. Die Israel. Lehrerbitdnngs- A nst alt zählt gegenwärtig 26 Schüler, die in drei Kursen unterrichtet werden. Die Ausgaben in dem nunmehr abgelaufencn 12. Jahre des Bestehens der Anstalt beliefen sich ans JL 32 518, darunter JL 13 416 für Lehrergehältcr, JL 5820 für Pension-? und Witwengchälter, .ik 7722 für die Bervslegnng der Zöglinge nsw., .ik 1057 für Steuer, Gas und Wasser.' Aus den Einnahmen hebe» wir hervor: Jahresbeiträge und Spenden JL 16 (82, Bezahlung der «chüler für Verpflegung JL 5257. Das abgelaufene Schuljahr brachte verschiedene Verbesserungen: so steht die städtische Volk-sschiNe den Schülern der Anstalt jetzt als „Uebiiiigsschnle" zur Verfügung, auch ist eine eigene zweiklassige „Semina > Religionsschule" errichtet worden, in der die jndis hen Bolksschulkinder, die bisher die jüd. Erziehnngs- und Unterrichts-Anstalt besuchten, unterrichtet werden. Budapest. Dr. Samuel S ch e n g e r y, Direktor der Volksschule und des Bürgerschnl-Kursus der orthodoxen Gemeinde, feierte sein 5 0 j ä h r i g c s L e h r e r - I u b i l ä u in. Direktor Dr. L chengery Hai 20 pädagogische Bücher geschrieben, eines davon hat bereits die 17. Auflage erreicht. Prestburg. Als wäre es die Bestattung eine s F ü r st c n — er war in ein Fürst der Tbora — so gestaltete sich das Leichenbegängnis des Preß buraer O b e r r a b b i n c r -s. B. S ch r e i b e r. Dem Sarge folgten 32 Bachurim, jeder Bachnr einen Baad von den Werken des Verstorbenen tragend, dann di, Familienmitglieder und die aus allen Teilen lingarns herbeigeeilien Rabbiner und Geineinde-D>'pntationcn und dann ei» 5000köpfigcr Zug. 'Ans den: Friedbofc hielt den ersten Hrsped der einzige Lolm des- Verschiedenen, Rabbi Akkiba Schreiber. Es jrrachen ferner der Dajan der Preßbnrger Gemeinde im 'Aufträge derselben und die Rabbiner der orthodoxen Gemeinden Budapest, Bervszüsz, Tokav Waitzen, Serdahely und Wien. Presiburg. Am Tage nach dem Leichenbegängnis des niivergeßlichcn Oberrabbincrs S. B. Schreiber ist der Kandidationsaiisschiiß (bestehend ans Vorstand, Repräsentanz, Rabbinat und 5 von levterem designierten Talmiidgclehrten) rinbernfen worden. Dieser 'Ausschuß beschloß einstiininig, den Sohn R a b b i Akkiba Schreiber der am l7. Dezember abzn l attenden Geiieralversammliiiig als O b c r r a b b i n e r v v r z n schlage n. Die Jeschiwah, die 300 .Hörer zählt, hat schon am Todestage, sofort nach Eintreffen der Trauerbotschaft, den Gemeindevorstand gebeten. Rabbi Akkiba, der seit 6 Jahren die Jeschiwah leitet, auch weiterhin an Ihre Spitze zu stellen. Ncw-Aork. Rabbiner Ravhael Benjamin vom Tempel Beth Elokim, geboren 1846 in London, und 1871 von dem verstorbenen Chief Rabbi von England znm Rabbiner graduiert, ist g e st o r b c u. Der Asus - Ponim. A n s dem B a ch u r i m - L e b e n. ' Bon P. I. K. (Fortsetzung.) Ein Asns-poinm konimt nie in Verlegenheit. Sein selbstbewußtes Auftreten und seine Chnzpoh bewahren ihn vor Ungemach. War ein Verhör in Sicht und zogen sich die Bachurim in ihre Wohnungen zurück, um sich in fieberhafter Tätigkeit darauf vorznbereitcn, so mochte Mclech eine Ausnahme. Er „lernte" nicht mehr als in gewöhnlichen Tagen und ließ sich nicht in seinen Geschäften stören. „Melech, Melech," Pflegte der eine oder andere Kollege zu warnen, „Du wirst Dich blamieren." „Hab' keine Angst," erwiderte er stets darauf. „Es wird schon gehen." Und wirklich, es ging. Zwar war es um sein Wissen arg genug bestellt, und ein anderer Bachnr hätte mit seinen geringen Kenntnissen — wenn er es überhaupt gewagt hätte, beim Verhör zu erscheinen — so arg gezittert, daß er dem Rabbi schon auf den ersten Blick verdächtig erschienen wäre. Melech aber wußte sich stets großartig aus der Affäre zu ziehen. Nicht mit der leisesten Andeutung verriet er, wie wenig er vorbereitet war. Nicht — wie ein Anderer etwa getan hätte - abseits stellte er sich, sondern gerade in die nächste Nähe de- Rabbi, direkt ihm unter die Augen drängte er sich und schrie dort ans Leibeskräfte», was dr ivnßte, hielt aber erschöpft inne oder tat wenigstens so, wenn er nichts wußte. Ans diese Weise gelang es ihm in den meisten Fällen, einer direkten Frage zn entgehen. Ter Rabbi sah ja, daß er vorbereitet war, und der Umstand, das; er sich in die vorderste Reihe stellte, sprach ebenfalls dafür. Hatte er einmal das Pech, daß sich der Rabbi mit einer Frage direkt an ihn wandte und wußte cr sic nicht zn beantworten, so machte ihn das noch lange nicht verlegen. In diesem Falle wiederholte er wörtlich die an ihn gerichtete Frage, um den den Rabbi iimsteheiidcii Bachurim Gelegenheit zn geben, dir 'Antwort vorznschreie», und was er von diesen hörte, schrie er nach. Nie ist ihm der Rabbi ans seine Schliche gekommen. Uebervorteilcn ließ sich Melech nie. Wer es versuchte, schädigte nur sich setbst. Es ist ein beliebter Coup der Wohniiiigsmieter, die Bachurim, wenn sie znm Beginn des Semesters Zimmer mieten, zn übervortcilen. Man zeigt ihnen nämlich ein für Bachiirimverhällnisse. schön und nett eingerichtetes Zimmer. Die schönen Möbel, die weichen Letten und die vielen S'soriin bestechen nicht selten die angehenden Mieter, die — allerdings nach langem Hin- und Herfcilschcn — sich zn einem höheren Preis verstehen. Leider ist aber diese Freude nur von sehr kurzer Dauer und findek schon am zweiten oder dritten Tage nach dem Einzüge ihr Ende. In vielen Fällen benutzt der Vermieter die erste Abwesenheit ihrer neuen Mieter (die Bachurim mieten in der Regel zu zweien oder dreien ein Zimmer), um die nur entlehntcn jchöncn Möbelstücke und Bücher zn entfernen und sie, entweder gar nicht oder durch viel einfachere, zu ersetze». Wenn die ahnungslosen Bachurim nach einer solchen Umwaiidliing ihr „schönes" Zimmer betreten, erkennen sie es ost nicht mehr. Statt des feinen Kleiderschrankes finden sie einen alten, verrosteten Kleiderhaken an die Wand genagelt, die schöne Waschkommode mit der Marmorplatte und dem seinen Waschservice darauf mußte einem alten, dreibeinigen Stuhl weichen, ans den man ein ehemals emailliertes, jetzt aber schadhaftes Lavoier gestellt, und von der reichhaltigen Bibliothek ist ihnen kaum das Nötigste geblieben. Die Betten sind auch magerer geworden, und bei der näheren lliitersnchiing stellt sich heraus, das; die Decken die Schwindsucht bekommen und die Kissen an Zahl abgenommen haben. Von den vier Stühlen, hat man ihnen zwei genommen und die großartig gestickte Tischdecke, die den feinen polierten Tisch geschmückt hatte, ijt zugleich mit diesem selbst verschivniideii. Tie Gardinen fehlen, und das schön überzogene Sofa zeigt, seiner Hülle beraubt, bedenkliche Löcher, aus denen das Seegras hervorschaut. Kurz: ihr schönes Zimmer, für dassie ein großes Opfer gebracht, hat sich plötzlich in eine ganz elende Bachnrimbude umgewandelt. Natürlich 'nehmen sie das nicht so ruhig hin und protestieren heftig dagegen. Was nützen ihnen aber diese Proteste? Der Vermieter verteidigt sich, daß die schönen Dinge nicht sein Eigentum seien, daß sie ihm von dem Schwager, der Schwägerin oder Nachbarin für die Bachurim geliehen wurden, daß der Eigentümer sie alle znrückvcrlaiigt habe, weil er sie s olche n (die Bctrosfencn sind immer „solche") Bachurim nicht anvertranen wolle. Er findet immer Schäden heraus, die er den Mietern in die Schuhe schiebt, und diese müssen noch froh sein, daß sie den Schaden nicht ersetzen müssen. Da nun der Mietvertrag für ein ganzes Semester gilt, sind die armen Geprellten dazu verurteilt, ganz sechs Monate — solange währt das Semester — in ihrer elenden Bude auSznharren. Das einzige Mittel, das ihnen zn Gebote steht, ist, den Vermieter zn einem Din- Thora') vor den Rabbi zn fordern. Dieses Mittel wird aber nur selten angeivandt. Die Vermieter sind gar geriebene Kerle und verstehen es, alle Schuld vvn sich ab und aus die Bachiiriin zu wälzen. Der Betrag, den sie für die den Bachurim imputierten Schäden im Falle einer Vcrtragslösung fordern, ist in der Regel so hoch, daß diese es vorziehen müssen, ihre Wohnung zn behalten. Von alle» Bachurim war allein Melech, der Asns-ponim, diesen Leuten gewachsen. Ihn konnte keiner über's Ohr Hanen. Nicht nur, daß er vorsichtig genug war, sich vor initgebrachten Zeugen gegen alle Eventualitäten sicher za stellen, er verstand es auch, solche gewissenlose Vermieter — wenn sie ihn doch einmal betrogen hatten — so zn peinigen, daß sie froh waren, ihn los zu werden. Nur einmal mußte ') Austrag eines Rechtsstreites.