Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 48 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. der Vollkommenheit schon äußerlich, an der Stirn sichtbar sei, ließ sie auch 'in dessen Seele einen himmlischen Strahl einziehen, nur nicht nur das Herz durch ein heiliges Feuer zu erwärmen, sondern auch den Geist durch Gottes Strahlenlicht zu erhellen! So kam dieses von Gott geküßte Wesen in'die irdische Welt. Mit sechzehn Jahren war Perl das Bild höchster, vollkommenster Weiblichkeit. 'Stellen Sie sich selbst vor: Orientalische und griechische Schönheit harmonisch vereint; eine Gesichtsfarbe, wie reiner, klarer, rosig angehauchter Marmor; tiefblaue Augen; Nase und Mund von edelstem Schnitt; dazu eine hohe, freigewölbte Stirn; rabenschwarzes Haar von einem Glanz, von einer Fülle, wie sie selten zu finden ist! — Und erst ihre Figur, ihr ganzes Auftreten!" Er unterbrach sich) und nach der andern Seite des Zimmers gehend, tvinkte er mir, von einem lebensgroßen Oelgemälde den schwarzen Vorhang wegziehend, näher zu treten. Er zündete den Kronenleuchter an, der eine ganze Lichtflut auf das Bild 'warf. Ms ich dann vor dem Bilde stand, lehnte er sich an meine Schulter und betrachtete es mit düster», traurigen Blicken. „Sehen Sie es genau an, damit Sie sich eine bessere Vorstellung machen können, als ich es »nt der besten Beschreibung tun könnte," sprach'er schmerzlich bewegt. Es war in der Tat ein wunderbares Bild eines inngen Mädchens von unverkennbar jüdischem Typus. Auch ich 'schwieg und betrachtete es mit neugierigen Blicken, bis der Doktor mich nii dem Arm faßte und mich nach dem Sessel zurückführte. Er zog den Vorhang wieder vor, und' nachdem er auch das Zimmer abermals verdunkelt hatte, sob'aß es nur von dem Lichte der Jahrzeit-Lainpe schwach beleuchtet war — das Chanuka-Lichtlein war längst ausgebrannt —, fuhr er weiter fort: „Schließlich ist jenes Gemälde, wenn auch vor- Künstlerhand ausgesührt, doch stur ein schwacher, unvollkommener Abglanz des Originals! Welcher Maler, und wäre es selbst ein Raphael, vermöchte wohl den seelenvollen Blick ihrer Äugen wicderzugeben, wenn sie. während des Unterrichtes diese tief in nieine Seele senkte und in das Innerste meines Herzens yinabstieg, um dort Erkenntnis und Aufklärung zu schöpfen über das, ivas ihr Geist nicht selbst ergründen konnte? Ich habe es nämlich vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich einige'Jahre das' Glück hatte, ihr Lehrer zu sein und ihren Wissensdrang, soweit ich 'es vermochte, zu befriedigen. Doch ich will mich kurz fassen und mein Erlebnis ohne Ausschmückung beenden. Ich' will cs Ihnen nur mit kurzen Worten sagen, daß unsere Herzen sich bald gefunden hatten und den Scelenbniid für die Ewigkeit schlossen. (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. D. K. Budde, Professor an der llniversität Marburg: Geschichte der althebräischen Literatur. (Auch: Die Literaturen des Ostens in Einzeldarstellungen. Band VII. I. Abteilung.) XVI und 433 Seiten. 7,50 JL, gebunden 8,50 Jk Ein Buch in einem Zuge durchzulescn, dazu ein umfangreiches, ist keine geringe Leistung; selbst für den, der grundsätzlich überall zuerst selbst lesen zu müssen glaubt. bevor er urteilt. Mair weiß, wies gewöhnlich geht, das neue Buch wird zuerst auf die anziehenden Stellen hin durchgcblüttert, dann geht man an die Vorrede heran, und darauf wird dann erst der Versuch 'gemacht, das Ganze zu genießen. Man weiß, mit wie 'wechselnden Stimmungen und Hemmnissen, so daß eine einheitliche Wirkung oft . schwer zu erzielen ist. Ganz anders ging es nur mit Budde's „Geschichte der althebräischen Literatur." Ich las sie in einem Zuge durch; abgerusen, eilte ich immer wieder zu dem Buche zurück, bis ich an's Ende gelangt war. Nicht, als ivenn Budde's Betrachtungsweise der Bibel die meinige wäre und jemals die meinige werden könnte. Der Wellhansen'sche Standpunkt, der den Pentateuch beherrscht, wird durch Budde's eigene Ergebnisse bezüglich der geschichtlichen Bücher verstärkt. Weshalb noch immer de Wette's Ansicht über Deutoronömion 'und die Josuazeit als herrschend angenommen wird, trotzdem die grnndlegeuden Arbeiten von Steuernagcl, die Bedenken Dr. Hofsmanns und Möllers hervorgetreten sind, ist mir dunkel geblieben. Selbst Fries, den Budde ausdrücklich zurückweist, hat, wenn nicht in seinen sonderbaren Folgerungen, doch in seinen Voraussetzungen Recht. In der Beurteilung der'Propheten nimmt Budde dagegen eine - maßvolle Stellung ein und erscheint den Neuesten '-gegenüber als Vertreter älterer Ansichten. Er mag nicht' in der Beurteilung Jesaia's und Jeremia's mit Duhm mitgehen, so sehr ihm dessen Zurückführnng der Hausgeschichten Davids auf Ebjathar annehmbar vor¬ Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. kommt. Hosea ist ihm immer noch der Vertreter der göttlichen versöhnenden Liebe — Marti's Behandlung Hosca's hat also auf ihn nicht eingewirkt. Ob Habakuk am Eingang seines Buches, woraus ich Wert lege. Nur die inneren Schäden Juda's berührt oder sich sofort mit dem Chaldäer abgibt, konnte ich nicht ersehen. Daß ich in meinem „JoA-Nahum- Habakuk" (Trübner, Straßburg) die Gleichheit und Gleichzeitigkeit dieser Bücher in ihrer ganzen Ausdehnung der Sprache und dem Geiste nach dargetan habe, scheint Budde entgangen zu sein. Seite 332 wird eine Aehnlichkeit zwischen der Geschichte Josephs,^ dem Esterbnche und Daniel hervorgekehrt. Wenn hier nicht mein Vergleich zwischen diesen .drei Stücken (Z. A. W, 1895) zu Grunde liegt, so ist dies eine Uebereinstimmung, die jener Arbeit noch 'größeren Wahrscheinlichkeitsgehalt gibt. So wenig Verfasser hier einen Beitrag zur Einleitungswissenschaft der Bibel bieten wollte, so wenig er die Absicht hat, mit neuen Ergebnissen aufzutreten, so neu und überraschend war uns Vieles; so z. B. die treffenden Bemerkungen über das Psalmbuch, dessen Änordnnng und eine Fülle von Einzelheiten derselben. In den Psalmen, in Mischlc und den Klagelieder» sieht er weit ältere Bestandteile, als die- Neuesten zugeben wollen. Im Ganzen hat dies Buch den Wert eines Bekenntnisses. Budde tritt darin mit Bewußtsein den llcbertreibungen und Maßlosigkeiten entgegen, mit denen das jüngste Forschergeschlecht die Bibel behandelt. Es war vorausznschen, daß Budde ganz besonders auch zu den Untersuchungen über biblische Metrik Stellung nehmen werde. Erinnern wir uns noch 'der Begeisterung, welche die Entdeckung der Kinahstrophe durch Budde einst hervorrkef? Der Broth'sche Parallelismus membroruin und die Bndde'sche Kinahstrophe bilden die beiden feststehenden Ergebnisse in den zahllosen einander aufhebendcn Versuchen in dieser Richtung. Budde hat nun alle Veranlassung, die neuen metrischen Stürmer und Textesnmgestalter zur Mäßigung zu mahnen. Mag er auch der Geistesarbeit Sievers' in dessen, „metrische» Studien" Gerechtigkeit widerfahren lassen — er übersieht dabei keineswegs, wie gerade diese so angestrengte Tätigkeit, die Tatsachen der Schriftgestaltung von der Stelle rücken, zum Teil in ihr (siegenteil verwandeln kann. Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, die letzten Fragen der Bibelforschung kennen zu lernen, als die Bndde'sche Schrift sie bietet. Wir müssen auch anerkennen, daß Verfasser der Bibel mit warnier Empfänglichkeit nähertritt, daß sie in seiner ' Darstellung trotz seines allgemeinen Standpunktes, wahrhaft als das heiligzuhaltende Buch 'erscheint. Hier ist Nichts von jenem llcbermeiischentum zu spüren, das von einem der Bibel fremden Standpunkte aus dieselbe zu meistern sucht. Weniger ist dies von der Bertholet'scheu Behandlung der Äpokrypheu zu sage». Man kann nicht sagen, daß Bertholet diesem Teile des altjüdischcn Schrifttums gegenüber warm geworden wäre. Lese man z. B., was er über die Weisheit Salomo's sagt, wie er nur keine Gründlichkeit in der Erfassung griechischen Geistes beim jüdischen Schriftsteller vermutet. Wie sollte auch eine dichterisch angelegte Schrift einen strengen Gedankenbau haben? Läßt sich das etwa von unserem Rückert annehmen? Wer setzt in einem aus begeisterten Stiminnngen hervorgegangenen Buche etwas anderes voraus? So erscheint auch die Beurteilung des Sirach recht schief, Ivenn ihm die Tafelregeln als kleinlich übelgenommen werden. Sirach schwebt in Wolkenhöheu mit der göttlichen Weisheit, wie er auch deren Klcinmünze in Händen hält. Was wird aus Goethe's Dichtungen, wenn man einen solchen Maßstab anlegt? Die hebräischen Sirachfunde hätten bei aller Kürze doch 'etwas genauer Umrissen werden müssen. Das griechische Estherbuch mit seinen Zusätzen kommt a n ch nicht zu seinem Rechte; Stücke, wie der Traum des Mordcchai, sind ohne jeden Hinweis auf ihre Quellen und vermutliche Herleitung, lediglich als Eigentum der Ergänzer behandelt. Die vierte Eklage des Virgil, mit ihren Messiashoffnungem ohne Beispiel bei den Römern, kann unmöglich ans dem Jesaia stammen; wohl aber allen geschäftlichen Beziehungen nach 'aus den sibyllinisch'en Büchern. Mer Bertholet mag dies nicht zugeben (S. S. 417 und das. Bem. 2) — wie sollte die jüdische Sibylle den römischen Dichter zu einen: solchen Zukunftsbilde gebracht haben? Deswegen sprechen wir seiner Arbeit den ihr eigenen Wert nicht ab. Sie bietet uns in der Darlegung der Apokryphen, ihres Aufbaues und ihrer Entwicklung ein großes geschichtliches Bild, in welchem die einzelnen Schriften sich in scharfer Zeichnung als die Einzelbestandteile übersichtlich einordnen. Daß Bertholetin seinen Urteilen vielfach den Einspruch des einsickitsvollen Lesers herausfordert, ist gar kein Unglück. Wir werden dadurch veranlaßt, schärfer hinzublicken, und das schadet weder der Selbständigkeit unseres Urteils, noch unserem Einblick in dies sehr reichhaltige Schrifttum. Genug, daß Bertholet am Schlüsse keine Erstarrnng und Verknöcherung des „Spätjndcntunis" in den Apokryphen findet, daß er eine kräftige Entwickelung des religiösen Gedankens darin zugibt. Weshalb er einem Schrifttum, welchks einen Sirach, eine Weisheit Salomo's, einen Tobias, die salomonischen Psalmen enthält, d'ie Form Seite 5 und die Gestaltungskrast durchaus abspricht, können wir nicht einsehen. Alles in Allem haben wir in vorliegendem Werke eine der bedeutendsten Leistungen unserer Zeit vor uns — kein Bibelwisscnschaftlcr, kein Gelehrter, der es werden will, kein Gebildeter, der die einschlägigen Fragen kennen lernen und sich darüber ein selbständiges Urteil bilden will, wird an diesem Werke achtlos vorübergehen. Das Werk ist die 1. Abteilung des Bandes VII. der „Literaturen des Ostens in Einzeldarstellungen", eines großen Sammelwerkes, das von Amelang in Leipzig heranSgegeben wird. Der vorliegende Band läßt auf die Trefflichkeit des ganzen Unternehmens schließen. Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal, Pr-Stargard. Bunte Chronik. Bismarck und Bleichröder. Es ist, so wird der agrarisch-antisemitischen „Deutsch. Tagcsztg." geschrieben, von Interesse, zu erfahren, was v. Keudekl, der volle nenn Jahrlang, von 1863 bis 1872 als Chef der Reichskanzlei in der unmittelbarsten Umgebung des Fürsten weilt-, über das Verhältnis Bismarcks zu'Bleichröder berichtet. In seinem Buche: „Fürst und Fürstin Bismarck" erzählt er aus dem Anfänge des Jahres 1865: „Daß Bismarck schlechthin unersetzlich war, daß niemand außer ihm in den dunklen Labyrinthen der damaligen auswärtigen und innern Politik die gangbaren Pfade zu finden vermocht hätte, davon waren alle überzeugt, die ihm näher standen. Zn diesen Personen gehörte schon damals Herr Gerson Bleichröder, Chef des Bankhauses S. Bleichröder, ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Sein Verstand war so lebendig wie durchdringend, sein Gedächtnis zuverlässig, sein Herz fest und treu. DaS bei ihm deponierte Kapitalvermögen des Ministers gab ihm fast nichts zi: tun. weil Spekulationen irgend welcher Art mit dessen Werten verboten waren: aber seine Stellung zu dem Pariser Hanse Rothschild führte ihm mitunter einen politischen Auftrag zu. Die Frankfurter Familie Rothschild ist bekanntlich in Wien, Paris und London verzweigt (das Frankfurter Stammhaus ist inzwischen eingegangen); ihr Vertreter in Berlin aber war Bleichrödcr. Nun hatte der damalige Chef des Pariser Hauses, Baron James Rothschild, jederzeit seinen Zutritt zum Kaiser Napoleon, der ihm nicht nur über Finanzfragen, sondern auch über Politik ein freies Wort zu gestatten pflegte. Dies bot di- Möglichkeit, durch Bleichröder und Rothschild an den Kaiser Mitteilungen gelangen Zu lassen, für welche der amtliche Weg nicht geeignet schien. In jenen Fahren hielt Bismarck für geboten, die Beziehungen zu dem mächtigen Monarchen mit allen verfügbaren Mitteln sorgfältig zu pflegen, und legte daher Wert darauf, auch diesen Weg vertraulicher Mitteilungen mitunter benutzen zu können. Durch mich sind derartige Aufträge nie vermittelt worden: doch erhielt ich die Anweisung, Herrn Bleichröder über die Lage der auswärtigen Politik, soweit sie nicht geheim zu halte» war, auf Befragen fortlaufend zu unterrichten, damit er Eröffnungen der bczeichneten Art, die der Minister sich selbst^ vorbehielt, schnell und richtig anffassen könnte, .yerr Bleichröder pflegte daher mehrmals in der Woche am ftühen Morgen zu mir zu kommen und einige Minuten zu verweilen, an warmen Tagen im Garten, sonst in meinem Wohnzimmer. Ich lernte ihn ans diese Weise genau kennen und aufrichtig schätzen." Es ist bekannt, benierkt der Gewährsmann des Organs des Bundes der Landwirte hierzu, daß im Kriege 1866, den Preußen unter Einsetzung seiner Großmachtstellung ohne Anleihe durchfechten mußte, Bleichrödcr an der Bereitstellung der finanziellen Mittel hervorragend beteiligt war. Dies sicherte ihm niit Recht die dankbare Anerkennung seines Königs -und dessen ersten Ministers. Daher erscheint es auch natürlich und begreiflich, daß die Vertrauensstellung, die Bleichrödcr bei dem Fürsten BiSmarck einnahm, sich unvermindert bis zur Entlassung des letzteren erhalten hat; Und die dankenswerten Mitteilungen des Herrn v. Keudelt erklären es zur Genüge, weshalb in den spannungsvollen Märztagen des Jahres 1890 Herr Windthorst gerade die Vermittlung Bleickiröders in Anspruch nahm, um Zutritt zum Fürsten Bismarck zu erlangen. Offenbaeber Druckluft=Hn1a$e Telefon 123. Offenbach a. II. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tepplchrelnltjunij. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 15. Dezember (= 28.Kislew): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 5 Uhr 10 Min. Berlin 4 Uhr 45 Min. In der Sidra M i k e i z wird von den Träumen Pharaos berichtet. Er träumt von fetten und mageren