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Neue jüdische Presse · 1906-12-14 · Heft 48 (14.12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 48 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. christliches Gewissen müßte ihn davor bewahren, eine platte Nachäffung zu begehen. Die Gcistcshclden haben nämlich nach rcislicher Ucberlegung den Beschluß gesagt, fürs n e u e r r i ch t c t c jüdisch-orthodoxe Krankenhaus einen waschechten Täufling, den edlen D r. v. P o l y a z n c r n e n n e n! Und nur dem guten Geschmack des Ritters von; Sezicrsaal ist cs zu danken, daß die größte orthodoxe K ehila Magyariens von dieser Schmach befreit wurde. Er hat nicht angenommen! Oder sollte der Herr Untcrrichtsministcr durch ein waghalsiges Salto mortale ins Jdccnassociationistischc zur Entdeckung der Freiheitsinsel an der Donau, dem Albion am Sonnenaufgang gelaugt sein? Dann mag er Recht haben. Denn auch hier wird nach der Schablone Angliens antialien gekillt. Der kalte Pogrom ist bei uns auf der Tagesordnung. Ein Pogrom, dessen Waffe die vergiftete Feder ist. Die Arbeit fft intensiv, den die rotweißgrünen Huligans treffen das Judentum ins Herz. Die Potentaten der ungarischen Kreise genießen für ihre antijüdischen Verordnungen die weiteste Toleranz der einzelnen Nessortminister. Chauvin ist Trumpf und was jüdisch ist, wird verbannt. Der Vizegespann des Koni. Czik fordert durch Verordnung 5076/1906 all jene jüdischen Werkführcr und Arbeiter aus, die das Unglück haben, zwischen den Grcnzpfählcn Kosakiens und Rumäniens geboren worden zu sein, sofort Ungarn zu vcrlasseir, denn er dulde nicht dieses Rasse, Politik und die Nation zersetzende Element. Mit einem Schwcrthieb zerhaut er den gordischen Kiwten der jüdischen Frage. Rom hat gesprochen; die Sache ist. beendet! Das Schlagwort zündet, der Schlagbauni sinkt. Die aufgepflanztcn Bajonette der Grenzgcnsdarmen Ungarns sind die berufenen Fahnenstangen der stolzen Frciheitsinsulte. Und merkwürdig: die 23 u n g a rischjüdisch en Volkstribnnen schweigen — u n d s ch w e i g e u. , Und doch gibt es Dinge zwischen Hinnncl und Erde, von denen sich die Schulweisheit Hora-! tios nicht träumen ließ. Denn der Krcuzzng des Koalitionsminifleriums entbehrt jedes beschirmenden Feigenblatts. Die Herren sind vom kurvr consumiensis besessen. Die Konsumgenossenschaften genießen von der Regierung jedwede moralische und unmoralische Unterstützung. Mit dem Schlagwort: Reinigung des Kausmannsstandes hat der Klerikalismus sein Netz über das ganze Land gespannt. Die jüdischen Grcislcr fallen wie die Fliegen; sie müssen der geistlich-weltlichen Konkurrenz erliegen. Und doch ist der arme Dorsjudc, abgesehen von seiner auch vom alten Kanzler, dem Grafen Andrässy anerkannten Redlichkeit l„Er hat den Ehrgeiz, redlich zu sein") der letzte Pfahl des Ungartums in dem vom Nationalitütcnkampf dnrchwühlten Gebiete. Der Dorsjudc greift zum Bettelstab. Das jüdische Proletariat konzentriert sich in Budapest, und das Wunder wird bald erlebt, daß diese Stadt eine kernniagyarischc Metropole, was sie bis jetzt noch nicht ist, wird. Denn es wohnen schon jetzt dortsclbst 183 000 Inden! Aus den Trümmern ihres zusammcngekrachten Wohlstandes wollen sich diese armen Kreaturen Ruinen in Budapest erbauen; erreichen aber nur, daß ihre Töchter auf den Flcischmarkt gebracht und ihre Söhne von der englischen Mffsionskrankheit befallen werden, die hier wie der schwarze Tod anno dazumal grassiert. Es ist nur ein Lichtblitz, wenn nur sehen, daß einige Jungjudcn mit gepanzerter Faust in ein solches Parasiten ncst Hanen, um ad occulos Judentum zu demonstrieren. Die Herren von der Kahalstube sind mit Blindheit geschlagen. Sie verstehen nicht die Zeichen der Zeit. Der Schlnßpunkt ihres Wunschgebictes ist, wenn ihre Sehnsucht nach Tempeltürmcn, Orgcltlängen und ungarischer Salbaderei befriedigt lvird, der ernannte jüdische Kirchcnfürst im ungarischen Magnatenhans. Die Perspektive ist traurig. Nichts als Leichengeruch und Moderdust. Ein schauerliches Trümmer- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. seld, auf dem ein einsamer Marius Reaktion prophezeit. Die Woche. Wir besindcn »ns in der Chanuka-Woche; das jüdische Volk feiert ein doppeltes „Res". Das kleine Licht wollte nicht erloschen; das kleine Häuflein Juda's wollte sich nicht von des Feindes. Riesentegioncn besiegen lassen. Das war einst. — Und heute? — Noch ist nicht das einstige „Nes" vorbei: Das kleine Licht will nicht erlöschen, das kleine Häuflein Juda's will sich nicht besiegen lassen. Die Finsternis ist groß, dir Feinde unzählig, und durch schwere Gefahren schreitet Juda einher, es zündet die Lichter . . . ihm ist von seinem Gotte geboten, das Licht anzuzünden „lchadlik Neer"; „es werde Licht!" war der ursprüngliche Wille seines Schöpfers. Und doch . . . Doch, ein trauriges Geschick wollte es, daß Inda bloß für andere die Lichter anziindet; nur anzünden darf es das Licht, sich selber seiner zu bedienen, ist ihm jedoch nicht gestattet („En lonu rcschns lehischtamcsch bohen"). Erst müßte es sich schon seiner selbst entäußern, cs müßte als Jude anshören zu sein, »in an seinem eigenen Lichte sich sonnen zu dürfen. Und Ivas noch trauriger, ist die Erscheinung, von seinem Lichte, dort wo er es darf, auch nicht genießen zu >v o l l c ». Bedürfen diese Worte des Beiveises? Keineswe g s. * * * Wie der Telegraph von gestern berichtet, hat die Wahlresormkoinmission des östreichischen Herrenhauses die Wahtrefori», die vom Abgeordnetenhaus« bereits am 1. Dezember angenommen wurde, verworfen und sich mit 14 gegen 4 Stimmen für die Pluralität entschieden. Vergebens versuchte Ministerpräsident Beck, an die hohen Herren zu appellieren, welche Schwierigkeiten entstehe» würden, wenn die Wahlreform an das Abgeordnetenhaus znrückgelcitet werden müßte. Doch die Privilegierte» kümmern sich herzlich wenig um das Wohl des Landes und schrecken vor keiner Schwierigkeit zurück, ivenn es sich um ihre Sonderrechte handelt. Wie verlautet, gedenkt das Ministerinm zu demisjionieren; nach einer anderen Version soll Beck vom Kaiser die Ermächtigung haben, neue Mitglieder für das Herrenhaus zu. ernennen, die gewillt sind, dem Wunsch der Krone nachzukommcii und somit die Annahme der Wahlreform im Plenum sicher zu stelle». Letztere Annahme scheint uns wahrscheinlicher; ist doch die Wahlreform für das zerfahrene Oesterreich geradezu eine Daseinsfrage, und der Kaiser wird sie schivcrlich fallen lassen. Daß ei» demokratisches Parlament für die Inden zilin Vorteil gereichen kann, braucht nicht erst ansgeführt zu Iverden. Und dennoch ist die Zahl der Inden Oesterreichs, die au dem Zustandekommen der Waylrcsorii! kein Interesse nimmt, nicht gering; ebenso wie sie.kein Interesse an der jüb. Autonomie zeigte». Auch in Rußland sind viele Juden der,'Ansicht, daß man Männer der „sriedlichen Erneuerung" unterstützen darf, obgleich dieselben die alt m ä h l i ch c Gleichstellung der Inden befürworten. — Es ist eben die traurige Erscheinung, daß Jndä von seinem Lichte, das cs anzündet, nicht genießen will. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Bet den diesmaligen Stadtv e r o r d n e t e n w a h l e n hatte die antiscmi - tische Mittel st a n dspartei sieben Sitze zu verteidige»; sic hat sämtliche sieben Sitze e i n g e b tt ß t. Höchst a. M. Nach der letzten Volkszählung hat unsere Stadt rund 16 000 Einwohner, darunter 15-! Juden. Die jüdische Gemeinde wurde vor etwa 100 Jahren durch einige Familien, die von Heddernheim hierherzogen, begründet. Im Jahre 1816 baute sie aus den Steinen eines alten Festungsturines, den ihr der damalige Herzog von Nassau schenkte, eine Synaggoe. Mit der Einwohnerzahl der Stadt wuchs auch die Jüdische Gemeinde, die gegenwärtig aus 36 Familien besteht, und die alte Synagoge reichte nicht mehr ans. Im vergangenen Jahre wurde dieselbe durch einen Neubau ersetzt. Berlin. Ein hiesiges Bureau verbreitet in russischen und polnischen Blättern die Nachricht, daß der Bade- und Desinfektionszw an g für Nr. 48 r u) fi s ch c 4k n s w a n d e r e r an der preußischr u s s i s ch e n Grenze ausgehoben sei. Diese Nachricht entspricht bis jetzt nicht den Tatsachen. Richtig ist dagegen, daß die Schiffahrtsgesellschaften in dankenswerter Weise um Aushebung des Bade- und Desinsektionszwanges bei der preußischen Regierung eingekommcn sind, und cs steht zu erwarten, daß die Aufhebung dnrchgcsetzt wird. Wir betonen; aber, um Auswanderer vor Weitläufigkeiten zu schützen, daß dies bis jetzt noch nicht geschehen ist. Mit dem Wegfall des Erfordernisses, daß russische Auswanderer an der preußischen Grenze gebadet iverden und ihr Gepäck desinfiziert werden muß, tritt eine erhebliche Erleichterung des Grenzüberganges ein, aber es fällen natürlich 'nickst, wie in russischen Zcituiigen zu lesen war, die übrigen Durchzngserschwerungen weg, ivie die Bestimmungen über die Schiffskarten, die Geldmittel und den Gesundheitszustand. Die russischen Auswanderer müßten nach wie vor die Stationen aufsuchen, um ans diese Verhältnisse hin geprüft zu werden. Berlin. Das in Lehnitz in herrlicher Lage im Walde gelegene Indisch« Genesungsheim gibt alljährlich über 400 weiblichen Personen ihre Arbeitsfähigkeit 'wieder und schützt schwache, blutarme Mädchen vor Erkrankung. Das Genesungsheim bleibt auch während der Wintermonate geöffnet. Aufnahmegesuche sind unter Beifügung eines ärztlichen Ältestes an das Bureau des Vereins „Jüdisches Genesungsheim", Berlin, Rosenstr. 2/4 zu richten. Berlin. Bei den Wahlen jür das Direktorium der akademischen Lesehalle zu Berlin fielen von den abgegebenen Stimmen 740 auf die allgemeine freie Verwaltungspartei, 664 auf die nationale Partei, 309 auf die jüdischen und 214 auf die katholischen Korporationen. —Auf je 100 Stimmen entfällt Immer ein Vertreter. Altona. Herr Obcrrabbiner Dr. M. Lerner sandte am 4. d'. Mts. an das Generalkommando das folgende Schreiben: „Dem Königlichen General-Kommando gestatte ich mir die ergebene Bitte zu unterbreiten, den Mannschaften jüdischen Glaubens die Erlaubnis zu erteilen, de» Gottesdienst am Sainstag (vorm, von 9—11 llhr) in der hiesigen Synagoge besuchen zu dürfen Ich zweisle nicht, daß das Königliche Generalkommando in der Pflege des religiösen Geistes in den Hochdemselben niiterstelltcn jüdischen Truppenteilen mit mir zugleich ein Mittel zur Förderung der Treue und des Diensteifers .erkennen werde, die aus der Treue gegen ihren höchsten Herrn und Meister hervorblüht." Aus das Schreiben ist jetzt die folgende erfreuliche Antwort eingegangen: TX Armeekorps. Altona, d. 6. 12. 06. Generalkommando. Abi. III., Nr. 15 582. ___ Das Generalkommando erwidert auf das gesl. 'schreiben Vomf4. d. Mts. — Nr. 86a — ergebenst, daß die hiesigen Truppenteile angewiesen Ivorden sied, den Mannschaften mosaischen Glaubens — soweit die dienstlichen Aiifordernngen dies gestatten, nach Möglichkeit Gelegenheit zu geben, den Gottesdienst in der hiesigen Synagoge von 9—11 Uhr zu besuchen. Bon Seiten des Generalkommandos Der Chef des Generalstabs. An das Oberrabbinat Fuchs, zu Altona. Oberstleutnant. Weimar. Der neu gewählte Landtag hat zwei a'n t i s c m i t i s ch e Abgeordnete: Oberlandesgerichtsrat von Nicht Hofen und Gastwirt Stein. Metz, 11. Dez. Aufsehen erregt hier das spurlose Verschwinden des Synagogend i c n e r s P i c c a r d, eines Mannes im vorgerückten Alter, der seit voriger Woche abgängig ist. P. hatte auch die Synagogengebiihren der Mitglieder in der Metzer Umgegend einzuziehen. Auf einer solchen Tour ist er verschwunden. Ob er viel Geld' bei sich Halle, steht nicht fest. Sicher ist, daß ihm entweder ein Unglück passiert ist, oder er einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Oesterreich-Ungarn. Wien. Ein interessantes Schnitzwerk ist gegenwärtig hier (Große Sperlgasse 35) ausgestellt. Es ist dies eine historisch treue Nachbildung des TeinPelbezirkes in Jerusalem zur Zeit Salomos im Maßstabe 62 : 500, in Holz und Marmor ausgesührt. Der Besitzer L. Schwarzbach hat daran neun Jahre mit freier Hand gearbeitet. Wien. Die Kultuswahlen ergaben einen, sehr erfreulch es Resirktat sür d ie OpPost tioii, denn diese erlangte eine große Minorität und brachte den Beweis, daß sie bei energischer Arbeit die Gemcindestnbe erobern 'wird. Es wird auch die höchste Zeit, daß die leblose, bnreaukratische Gcineindestiibe verschwindet und an ihre Stelle eine G'cmeiildestube mit jüdisch-national fühlenden Mäniicril tritt. Budapest. Merkwürdige Zustände. In Ungarn gibt es zwei jüdische "Gemeinden mit eigenartigen Vorstehern. Der eine dieser Vorsteher läßt täglich einen katholischen Geistlichen in sein Haus kommen, der seine Tochter zur Taufe vorbereitet, der

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