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Neue jüdische Presse · 1906-12-14 · Heft 48 (14.12.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 48 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Irankfrlkter 3frnrlitilitirs familirufclatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— MedaKttoir Md Srankfurt 2. IN.. Bleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße <@e£efott 10507. Aevaitsgeön: SalU Hsis. . Jnsertionspreise: Die viergespaltene PeUtzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Uebereinkunft. 4 Jahrgang. Freitag, den 27 Lisiev 5667 <14. Dezember 1806). No. 48. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die russische Revolution und die russischen Juden. — Briefmus Ungarn. — Die Woche — AusallerWelt. — AusderLehrerwelt. — Feuilleton: Der Asus-Ponim, von P. I. K. — Zwei Lichte, von M. Pulvermann. — Kunst und Literatur. — Bunte Chronik. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Die russische Revolution und die russischen Inden. Vortrag des Herrn Dr. Paul Nathan, gehalten am 5. Dezember im Zentral-Berein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Berlin. Das Thema ist ein so außerordentlich großes, daß es fast unmöglich erscheint, auch nur die wesentlichsten Punkte über das Russenproblem in einen: kurzen Vortrage hervorzuheben. Ich habe die Reise nach Rußland schon sehr häufig gemacht, bin aber in Wirballen nie ohne ein Gefühl der Beklemmung angekommen. Es begleitet einen das Gefühl der Unbehaglichkeit, ja man hat bei der Paßrevision ein Empfinden, als ob man ein Gefangener sei. An keiner Landesgrenze lverden sonst in uns diese Gefühle wach, die uns an der Grenze des großen russischen Reiches schon begegnen. In diesem unermeßlichen Reiche leben nun unter 150 Millionen Menschen 6 Millionen Juden. Man kann sich einen Begriff machen, was das bedeutet, wenn man in Betracht zieht, daß westeuropäische Staaten, wie Belgien und Holland, insgesamt die gleiche Einwohnerzahl be sitzen. Diese 6 Millionen Juden in dem russischen Staatskörper bedeuten aber no ch etwas ganz anderes, als sonst irgendwo in der W elt! . . . Der Fürst Trubetzkoi hat das Wort geprägt: „Das russische Volk ist ein Objekt der russischen Revolution, und das Produkt zu diesem Objekt ist der Zar!" Der Zar hat alles das zu tun, was im In teresse des Staates ihm das Richtige dünkt. Aber außer den: einen großen Zar gibt es noch eine ganze Menge kleiner Zaren, und zwar geht dieses Zarentum bis herunter zum untersten Be. . amten. Auch ein absoluter Staat kann eine ge wisse Daseinsberechtigung haben. In früheren Zeiten hat das Zarentum in Rußland nicht schlecht ter geherrscht, als von anderen Herrschern in den . westlichen Ländern in den gleichen Zeiten regiert wurde. Doch die Verhältnisse haben eine durchs - aus neue Gestaltung erfahren durch die Produkte der Neuzeit, die Buchdruckerkunst, Eisen . bahn und Literatur der Aufklärung. Betrachten wir-uns nun heute den Kops des des russischen Reiches — die Stätten der Bildung! Die Universitäten erfuhren im Jahre 1884 eine vollkommene Umgestaltung, bei der ihnen auch noch der letzte Rest einer Autonomie genommen wurde, und sie zu einer Anstalt zur Züchtung untertänigster Unterhabt, von der man sich überhaupt keine Bortellung machen kann. Es wird dort kein einziges europäisches Staatsrecht gelehrt, damit den Studierenden keine Gelegenheit gegeben ist, Vergleiche zwischen dem heimatlichen Verfassungsrechte und dem des Auslandes anzustellen. Die Leistungen der Zensur sind für den Westeuropäer geradezu unglaublich. Bücher wie die literarischen Inhalts von Brandes und die ihilosophischcu eines Paulsen sind verboten. Alexander III. hat eben richtig prophezeit, wenn er sagte: „Schafft mir die Bildung aus dem Wege!" Und nun der Körper dieses Reiches — das Volk! Das Volk Insbesondere, das an der Maschine steht! Es wird auf 20—25 Millionen geschätzt, darunter etwa 6 Mill. Handarbeiter. Diesen! Volke erneuerte sich dort etwas, wie es ähnlich Bismarck getan, durch Plehwe. Er entsandte einen Agenten, der Streiks organisierte, um die besitzenden Klassen durch die Arbeiter zu ruinieren. Er hat damit aber nur die Anarchie gefördert! Eine der merkwürdigsten und interessantesten Gestalten in dieser Streiksüewegung ist der Priester G a p o n. Mit Unterstützung der russischen Regierung hat er organisiert, bis die Regierung dann suchte, die Wirksamkeit der Bewegung zu hemmen. Dann stand er im Lager der Revolutionäre, unterhielt aber dann noch, selbst im Auslande, Verbindung mit der russischen Regierung, und sein geheimnisvoller Tod in Finland scheint zu beweisen, daß die Revolutionäre ihn schließlich durchschauten. Redner schildert dann die Exzesse vom 9. Januar 1905, um fortzufahren: Als das erste Blut geflossen war, zeigte sich, daß die Bewegung der Regierung über den Kopf gewachsen war, , und man hielt damals eine Vev sammlung der Intelligenz ab, bei der G a p o n anwesend war. Er entfloh dann und trieb in der Ferne sein nierkwürdiges Spiel. Er forderte die Revolutionäre auf, von Pogroms abzustehen. — Das Vorgehen der russischen Regierung, das Spiel mit der Revolution ist charakteristisch und nach dem gleichen Rezepte wie das der Arbeiter bewcgung gearbeitet. Die russische Regierung konnte die Arbeiter nicht im Zügel halten und konnte sie auch nicht gegen die Intelligenz ausspielen. Kominen wir nun zur Landbevölkerung Alexander II. hat am 14. Februar 1862 die Bauern befreit. Das war eine große Tat! Diese Tat ist aber sehr verkümmert worden. Der wesentliche Grund der Revolution ist darin zu suchen, daß die Bauernbewegung zu einem wirklichen Abschluß bis heute nicht gebracht worden ist. Was ist bis heute aus ihr geworden? Zur Zeit Alexander III. war die Landbevölkerung 52 Will, stark, heute ist sie auf 82- Milk, angeivachsen und 2 Millionen kann man als ausgewandert rechnen. 1860 besaß der Bauer im Durchschnitt 4,8 Dejsiatyn Land. Im Jahre 1900 nur noch 2,6 D. Dabei hat sich das Land stets verschlechtert und tauen degradiert wurden. Die Ueberwachung _ __ ,_ _ _ der Universitäten wird in einer Weise gehand-1 selbst anfänglich konnte der Bauer von seinem Ertrage kaum leben. Eine ähnliches Bild ergibt eine Statistik der Kohlen, des Viehes und der Pferde! Auf allen Gebieten zeigt sich dieser entsetzliche Rückgang des ländlichen Besitzes und für den Bauern bedeutet dieser Rückgang mehr als eine Verminderung des Besitzes, es bedeutet im letzten Ende — Hungersnot! Wenn und wo diese eintritt, geschieht Entsetzliches! Die Menschen führen dann ein Dasein von halbwilden Tieren. Das einzige, was dem Bauer noch bleibt, ist das von der Regierung mit hohen Zöllen belegte Gut — der Schnaps. So wird der russische Bauer, dem an und für sich die Intelligenz nicht mangelt, herabgewürdigt zum halben Tiere! Was Alexander Hl. mit der Verbannung der Bildung angestrebt, kommt hier beinr russischen Bauer zum grausamsten Ausdruck. So werden die von der Bildung abgeschnittenen Wesen durch den Hunger und die Revolution in Bewegung gesetzt. Der Bauer ist natürlich nur angesichts seiner völligen Verzweiflung für die Revolution zu haben. Erkennt nur das Land. Doch allmählich dringt auch dorthin der Ruf: „Land und Freiheit!" (Schluß folgt.) Brief aus Ungarn. Im Vaterland des Csardas und des Schlagworts wird, das ist das Neueste, in Anglomanie geschwelgt. Albions Politiker und Handelskammermusiler haben einen Ausflug ins Rotweißgrüne geivagt und dabei die so oft gerühmte wilde Romantik Magyariens mitsamt der sich selbst überbietenden Gastfreundschaft zum erstenmal entdeckt. Bei bacchantischem Taumelrausch wurde alles, was fromme Sitte und alter Brauch nur nicht verdammt, in Forni faustdicker Komplimente sich gegenseitig an den Kopf geworfen. Als politische Juden, will sagen jüdische Politiker, könnten wir leichten Herzens diese auf krüppelhaften Versfüßen einherhinkrnde Haupt- und Staatsaktion totschweigen, wenn nicht bei einer seuchtfrohen Gelegenheit ein Sprecher von Beruf Ungarn als das Albion des Westens, die Freiheitsinsel cat exophen gestempelt hätte. Der Minister für Kultus und Unterricht Graf Appvnyi hat sich diese Phrase geleistet. Es muß denn wohl auch sosein! Nur muß einem die Frage in der Kehle stecken bleiben, warum der Herr Graf von den jüdischen Lehramts- und Professorenkandidaten mehr als amtlich bescheinigte Tüchtigkeit bei Besetzung einer Stelle an den höheren Schulen erfordert. Es liegt ja jenseits der reinen Vernunft, zu glauben, daß durch die Taufe all jene pädagogische Tüchtigkeit urplötzlich in Offenbarung tritt, die man durch jahrelanges Studium vergeblich gesucht hat. Gar nicht denkbar ist es, daß die Kultnrexzellenz den Spuren der toleranten Vordenker der orthodoxen Kehila Großwardeins gefolgt wäre. Denn wie originell diese jüdischen Fußtritte auch sind, sein

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