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Neue jüdische Presse · 1906-12-07 · Heft 47 (7.12.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 47 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 47. seine Wohnung gegangen, so begab sich! auch schon Rrv Göhl dorthin, um Melech zu verklagen. Eine halbe Stunde später erschien der Hausbachur7) bei dem letzteren, um ihn zu holen. Wenn sonst ein Bachur wegen eines Vergehens zum Rabbi geholt wurde, zitterte er wie Espenlaub. Melech ging ruhig und ohne Augst dorthin. So ruhig kann eben nur ein Asus-pvnim sein. ,',Was hattest Du mit Reb Götzl vor?" fragte ihn der Rabbi. V „Er hat mich beleidigt, und da drohte ich ihm, ihn hinauswerfen zu lassen," antwortete Melech wahrheitsgemäß. „Das ist wirklich zu stark," sagte der Rabbi in strafendem Ton. „Das durftest Dü Dir nicht erlauben. Du mutzt Reb Götzl um Mechiloh8) bitten." „Der Rabbis soll mir mochell») sein, aber ich kann den Reb Götzl nicht um Mechiloh bitten," erwiderte Melech. „Weitz denn der Rabbi auch 'den ganzen Hergang der Sache? Hat denn Reb Götzl auch der Injurien erwähnt, die er mir an den Kopf geschleudert? Er selber ist es, der den Streit vom Zaun gebrochen, der mich zuerst beleidigt und der die Schuld trägt. Er ist es auch, der um Mechiloh bitten sollte." „Du hast recht," sagte der Rabbi. „Bei einem Mischpat") soll man beide Parteien anhören. Erzähle die Entstehung des Streites." Melech kam dieser Aufforderung gern nach, und er erzählte, wie sich die Sache zugetragen. „Die Balebatim sollten doch nicht vergessen, daß sie in unserem Beth-hamidrasch nur Gäste sind und sich Äs solche betragen," schloß Melech seine Erklärung. Der Rabbi hatte ihn aufmerksam angehört und zuweilen sogar geschmunzelt. Offenbar gönnte er dem Reb Götzl, der auch ihm schon viel zu schaffen gegeben, diese derbe Lektion. Schließlich mutzte er ja auch einsehen, daß Melech im Rechte war, und er bcurtellte deshalb die Sache ganz milde. „Ein Bachur muß sich von den Bale-batim viel gefallen lassen," sagte er, „und selbst dort, wo sein Recht sonnenllar ist, muß er den kürzeren ziehen. Im Grunde genommen, ist ja die ganze Jcschiwah von den Balebatim abhängig und die Bachurim dürfen diese Abhängigkeit nie vergessen.' Was übrigens die Ursache Eures Zankes betrifft, bist Du im Unrecht. Man darf auch während der lauten Schcmonoh-eßrZ, und selbst mit Diwrs-Thora78) nicht mafsik sein. Ein anderes Mal sei vorsichtiger," fügte er hinzu und entließ Melech in Gnaden. Letzteren Rat schien Melech überhört oder nicht ernst genommen zu haben. Es dauerte nämlich gar nicht lange, da geriet er wieder mit Reb Götzl zusammen und zwar so heftig, daß es dabei sogar Ohrfeigen absetzte, allerdings nur auf Melechs Seite. Die Sache ging so zu: Es war gegen Abend in der Zeit zwischen dem Nebenschiur und dem Minchah-Gebet. Wir benutzten gewöhnlich diese kurze Pause, um im Beth-Hamidrasch-Hof frische Luft zu schnappen. In vielen kleineren oder größeren Gruppen standen da die Bachurim und unterhielten sich über den eben gehörten Vortrag, über Politik oder andere Dinge. Unsere Gruppe, in der sich auch Melech befand, stand gerade vor dem Eingang, als Reb Götzl kam, der es sehr eilig zu haben schien. Wir hatten jedenfalls nicht schnell genug den Eingang frei gemacht, was ihn verdrossen haben mochte — vielleicht war es auch nur Melech allein, dem er noch immer gram war, der seinen Aerger entfachte — so daß er laut sagte: „Gar kein' Derech-erez78) chab'n de Bocherim, nii e mal vor einem Ben-Thaure." „Ben-Thaure?" fragte Melech, der sich verletzt fühlte, höhnisch. Es war gewiß eine Unvorsichtigkeit von ihm, denn er hatte Reb Götzl, der um jeden Preis für einen Lamdon gelten wollte, an der heikelsten Stelle getroffen. Er hatte kaum das Wort vollendet, als Reb Götzl, der den Hohn recht gut 7) Ein Bachur, der beim Rabbi wohnt und für ihn Botengänge zu verrichten hat. 8) Verzeihung. 2) Die Bachurim sprechen den Rabbi in der dritten Person an. 10) Verzeihen. 11) Rechtssache. 12) Thora-Worte. ls) Anstand. §rä&tffux£e£ Israelitisches Familienblatj. gemerkt hatte, mit seiner derben Hand ausholte und Melech eine schallende Ohrfeige versetzte. Wie ein verwundeter Tiger stürzte sich Melech auf seinen Angreifer und wollte ihm mit gleicher Münze bezahlen. Er besann sich aber noch recht-' zeitig und ließ seine, schon zum Schlage erhobene, Hand sinken und rief: „Das sollen Sie mir büßen! Ich will Ihnen zeigen, was das heißt: einen Bachur schlagen. Morgen bringe ich Sie vor den Richter. An Zeugen wird es mir wahrlich nicht fehlen," sagte er, auf die inzwischen herbeigeeilten Bachurim deutend. Sofort nach dem Gebet ging er zum Rabbi, dem er seine Klage vorlegte. Alles Bitten und Zureden desselben, die Sache doch ruhen zu lassen und keinen Staub aufzuwirbeln, blieb ohne Erfolg. Melech wollte, daß Reb Götzl geknaßt") werde, sonst gehe er zu Gericht, drohte er. Es blieb dem Rabbi nichts anderes übrig, als Reb Götzl vorladen zu lassen. In seinem Beisein wiederholte Melech seine Drohung, ihn beim Gericht zu verllagen, wenn er sich dem Urteil des Rabbi widersetzen sollte. Reb Götzl, der sich wieder beruhigt hatte, sah ein, daß ein.Ausgleich vor dem Rabbi immer noch besser sei, als eine Verurteilung durch den Richter und er fügte sich der Strafe, die der Rabbi über ihn verhängte. Die Strafe war folgende: E r st e n s: mußte er Melech sein Bedauern über bas Vorgefallene aussprechen. Zweitens: mußte er an Melech zehn Gulden Schmerzensgeld zahlen. Drittens: eine gleiche Summe für den Unterstühungsverein der Bachurim. Viertens: mußte er noch fünf.Liter Petroleum für das Beth-Hamidrasch liefern. Fünftens: (dieser Punkt gehörte nicht mehr zum eigentlichen Urteil): wurde er allgemein ausgelacht. — — (Fortsetzung folgt.) - Zwei Lichte. Aus dem Englischen von M. P u l v e r in a n n I. Au einem wundervollen Mai-Morgen des Jahres 1855 befand ich mich auf dem jüdischen Friedhose in P. und kopierte dort die hebräische Inschrift, die aus einem hohen Leichensteine cingraviert war. Dank der nebenstehenden umfangreichen Weide, die mit ihren zahlreichen Aesteu und Zweigen Wind und Wetter abhielt, war die Schwärze der Schriftzeichen und das Gold der Anfangsbuchstaben noch so frisch und glänzend, als wäre der Steinmetz mit seiner Arbeit erst vor wenigen Stunden fertig geworden. Aus dem ober» Teile war zu lesen: Hier ruht die tugendsame Perl, Tochter des Salomon Sänger, die der Tod hinweggerafft im einundzwanzigsten Jahre ihres Lebens. Geboren, 18. Tischri, 5591. Gestorben, 25. Kislew, 5611. Dann aber folgten zwölf Zeilen einer Inschrift in einem llassischen, reinen und poetischen Hebräisch, das eine auffallende Aehnlichkeit mit der Sprache der Propheten sofort erkennen ließ und der Feder eines Jehuda Halewi würdig war. Eben war ich mit dem Abschreiben fertig geworden und wollte gerade Bleistift und Notizbuch in die Tasche stecken, als ich ineine Schulter sanft berührt fühlte. -Bei der scharfen Wendung, die ich machte, um den Störenfried zu erkennen, fielen mir beide Gegenstände aus der Hand, und ehe ich sie noch aufheben konnte, hörte ich eine fremde Sitmmc hinter mir: „Verzeihen Sie, wenn ich mir die Frage erlaube, ob Sie mit der - Geisterwest in Verbindung stehen?" Der Fremde, der mich so ansprach, war ein auffallend schöner Mann, in dessen Gesichtszügen Trauer und Schmerz sich deutlich obspiegelten. „Nein, mein Herr," war meine ernste Antwort; „ich glaube nicht an den Spiritismus und habe auch nicht di? geringste Absicht, m'ich jenials damit zu befassen. Ebensowenig habe ich die Macht oder den 14) Gestraft. Willen, mich mit den abgeschiedenen Seelen in Perbindung zu setzen." „Um so wunderlicher aber ist es, daß Sie die Einsamkeit des Friedhofes und gerade diese Grabstätte aufsuchen!" Er sprach es leise und traurig, während seine Augen mich scharf und durchdringend ansahen. „Ich sammele interessante Inschriften, die ich später vielleicht verösfentlichen werde," war meine ruhige Antwort. „Eine eigentümliche Liebhaberei," sprach er ungläubig. „Doch mag dem sein, wie ihm wolle; aber, daß Sie unter all den Leichensteinen gerade diesem Ihre Aufmerksamkeit zuwandten und so lange sich fesseln ließen, berechtigt mich zu der Annahme, daß es nicht allein die interessante Inschrift ist» die Sie hierher geführt. Wie mir scheint, sind auch' Sie mit dem Rätsel dieser Inschrift beschäftigt. Nicht wahr, ich habe es erraten?" »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Ihre Vermutung ohne jegliche Begründung ist, und daß nur der poetische und elegante Stil mich so sehr anzog. Außerdem bin ich erst seit einigen Stunden und zum ersten Male in P. und habe die Verstorbene weder gekannt noch das geringste von ihr vorher vernommen." „Bitte, mißverstehen Sie mich nicht," unterbrach er mich ein wenig unhöflich, was ich ihm aber nicht übel nahm, da sein ernstes und düsteres Gebühren meine ganze Sympathie wachgerufen hatte. „Mißverstehen Sie mich nicht; ich sprach nicht von der Verstorbenen, sondern ich erwähnte ausdrücklich die Geschichte der Inschrift." Er unterbrach sich selbst undtrat niit niedergeschlagenen Blicken an den Leichenstein heran. Er tastete mit dem Zeigesinger die Anfangsbuchstaben „Perl 'Sänger" entlang, während große Tränen aus seinen Augen stürzten, und schritt dann den: Ausgang des Friedhofes zu. „Wir werden uns Wiedersehen!" rief er noch und verschwand. Ich wollte mich noch nach seinem Namen und Adresse erkundigen; doch war er bereits zu weit von mir entfernt, und ich hielt es nicht für schicklich, ihn znrückzurufen. Auch ich wollte jetzt den Friedhof verlassen und bückte mich daher, um die mir vorhin entfallenen Gegenstände wieder -aufzuheben. Dicht daneben lag eine schwarzgeränderte Karte mit dem Namen „Dr. Julius Lewin". Ich hob sie auf und steckte sie zu mir. II. Das Cafä de l'Exposition auf dem Boulevard des Capucines in Paris wurde während der ersten Industrie-Ausstellung meistenteils nur von Engländern besucht. Franzosen, besonders Pariser, waren dort nur wenige anzutressen, und diese wenigen waren ältere Herren, die dem geräuschvollen Treiben der andern Castzs entgehen wollten. Da waren weder Dominos noch Billards oder sonst ein Spiel vorhanden, das den ruheliebenden Zeitnngsleser irgendwie hätte stören können. Das CasT sah daher auch einem englisch-aristokratischen Empfangszimmer mehr ähnlich, als einem Pariser Cafä, und da auch ich ein eifriger Zeitungslescr bin, gehörte ich bald zu den regelmäßigen Besuchern. Auch heute saß ich dort und las die „Revue des Dcux Mondes". Ein Artikel über den Magnetismus erregte mein Interesse, doch ganz besonders ■ war es die folgende Stelle: - „Die Macht des menschlichen Uuges ist so groß, daß sie eine Person zwingen kann, sich selbst im Lesen zu unterbrechen. Diese Macht kann durch beharrliches - Anstarren hervorgebracht werden. Der Lesende wird die magnetische Kraft des fixierenden Auges bald empfinden, und wohl oder Übel muß er den Blick dem' zuwenden, durch den er beeinflußt wird." Eigentlich war dieses mir nicht mehr neu. Schon im Talmud wird dem Auge eine große Bedeutung beigelegt, und das „Ajin Hora", das „Böse Auge", war von jeher in Israel gefürchtet und gemieden; dennoch aber konnte .ich mich von der kindischen Neugier nicht frei machen, ob auch mein Seh-Organ einen solchen Einfluß ausüben könnte, und ich entschloß mich, das Experiment zu versuchen. Ich legte die Zeitschrift aus-der Hand, lehnte meinen Kopf' behaglich gegen die Stuhllehne -und fing an, einen.

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