Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 47 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47. Seite s. Petersburg. Wie aus einem Artikel der bochoffiziösen „Rossija" hervorgcht, denkt die Regierung einstweilen in der Judenfrage nur daran, jenes „Volksgewissen" zu beruhigen, das dein „Schwarzen Kundert" die Drohung eingegeben hat, Nefornien in der Jubenfrage mit Pogroms zu beantworteil. Die Duma von 1906, so wird in dem Artikel aiisgcführt, habe ohne jegliche Ordnung fast alle „prinzipiellen Fragen" mit einemmal aufgeworsen. Die Regiernng müsse dem Rechnung tragen, aber das bedeute noch nicht die Gewährung der Gleichberechtigung der Inden, die ganz im Gegenteil eine durch nichts notwendig gemachte Nachgiebigkeit beweisen würde. Die Erleichterungen, die man den Juden gewähren würde, würden keineswegs den Charakter einer solchen Nachgiebigkeit der „revolutionären Frechheit" gegenüber bedeuten und, wie der Autor durchblicken läßt, die Juden auch durchaus nicht beruhigen. Dennoch hofft die „Rossija", die der Regierung bis zuM-Zusammentritt der Duina nur das Recht einräumt, im Ansiedlungsrayon bestehende Einschränkungen polizeilichen Charakters anfzuheben, daß einheitliche Regeln für die Juden aller Orte außerhalb des Rayons geschaffen und die noch nicht abgeschafftcn Beschränkungen auf hem Handelsgebiet aufgehoben werden und daß diese'Maßnahmen allein genügen würden, die Juden zu veranlassen, „Voinbenwerfer und Rällber ans ihrer Mitte auszuscheiden." Hierzu bemerkt „Retsch", das Hauptorgan der Kadetten: „Unsere Konstitution ist den Inden n.ach jetzt gemachten' statistischen Berechnungen teuer z'u stehen gekommen: vom Oktober 1900 bis Juli 1906 (d. h. . bis Bjelostok) sind an 638 Orten Pogroins veranstaltet worden, die Zahl der Familien, die durch die Pogroms gelitten haben, erreicht die Höhe von 37 075, was etwas 'über 150000 Personen ausmacht. 1000 Getötete, ebensovicle Verwundete, gegen 1500 Waisen und 51 Millionen niaterieller Schäden — so haben die Juden die geschenkte Freiheit bezahlen müssen." Petersburg, ü. Dez. Der Organisator des Bjelostoker Pogroms — tätlich verwundet! Der Gehilfe des Stadtteil-Aufsehers S ch e r e m e t j e w, der nach dem Pogrom in Bjclostok von dort nach hier versetzt worden war, wurde heute Vormittag an der Fontanke von einem Arbeiter tötlich verwundet. Der Täter erschoß sich hierauf selbst. — Kurz nach dem Attentat auf den Polizeibeaintcn Scheremctjew wurde seiner Frau ein Paket zugestellt, das einen Dolch mit der Aufschrift: „Dem Organisa» tor des Bialystyker Pogroms zur Erinnerung!" und den Namenszug des im Mai ermordeten Admirals Knsmitsch enthielt. „Fkftr. Ztg." Tschernigow. Wie die Juden Avonuciiten einer reaktionären Zeitung werden! Seit einigen Wochen erscheint hier der „Tschernikowskoje Slowo". Mit dem Erscheinen dieser Zeitung erhielten die Jsprawniks von dem Gouverneur die Ansfordernng, eine bestimmte Anznlil Abonnementsbestcllungen in ihren Bezirken aufzubringen. Die Jsprawniks nun verteilen das ihnen anbesohlene Quantum wieder unter die ihnen unterstellten Pristaws — und die Unfreiwillige» Abonnenten sind die Inden. Ans diese Weise dürften für die Zeitung niehr wie 3000 jüdische Abonnenten (das Abonnement beträgt 6 Rubel das Jahr) geworben worden sein. Großbritannien. London. Die „Daily Graphic" bringt einen Artikel über den Hudson-Tunnel, dessen Chef- Ingenieur Charles M. Jacobs war. Die Vollendung des Tunnels, der in 2 Ve jähriger Arbeit gebaut würde und der New-Aork und New-Iersey verbindet, bezeichnet, wie die „Daily Graphic" schreibt, einen Triumph über Schwierigkeiten von ganz gewaltiger Größe. Ist er doch der längste Tunnel, der je unter Wasser gebaut worden ist! — Mr. Jacobs ist der Bruder des bekannten Architekten Benjamin S. Jacobs in Hüll. — Die Spende von 100 000 L st r l. (gleich 2 Millionen Mark), die Herr und Frau H. L. Bisch o f f s h e i m, wie wir bereits berichteten, anläßlich ihrer goldenen Hochzeit an eine Reihe hiesiger Wohltätigkeits-Institute verteilten, berücksichtigte 7 jüdische Anstalten mit zusammen 20000 Lstr. und 15 Anstalten allgeincinen Charakters mit zusammen 80000 Lstr. Louis Gordosfsky, ein sechsjähriger Geigenkünstler, trat vergangene Woche in der Albert Hall zu Leeds auf. Bulgarien. Philippohel, 27. Nov. Während die Sabbatfreunde in Deutschland und Amerika, wie in diesen Blättern des öfteren berichtet wurde, Fortschritte machen, nehmen sie in Bulgarien immer mehr ab. Biele von den hiesigen Spaniolen, die bis vor kurzem noch ihre Geschäfte Samstag geschlossen hielten, beginnen jetzt allmählich zu öffnen, zuerst bloß einen Türflügel und dann das ganze Geschäft, so daß jetzt schon hier die Zahl derer, die den Sabbat nicht entweihen, verschwindend klein ist. Die im ganzen Orient vorherrschende Ansicht, daß Bildung und Religion zwei widerstrebende Begriffe sind, ist hier so allgemein, daß alle, die für gebildet und' zivilisiert gelten wollten, vor allem Frankfurter Israelitisches Familienblaü. mit der Religion brechen. Leider existieren hier keine Vereine, die den religiösen Sinn 'pflegen. Auch in der Schule hat ein falsch verstandener Nationalismus bereits die Religion verdrängt» so daß von der künftigen Generation noch viel Aergeres zu erwarten ist. Neulich hat sich der hiesige Gemeinderat etwas erlaubt, loas jeden gesetzestreuen Juden einvören muß. Die K e s n b a wurde für veraltet, nicht mehr den modernen Verhältnissen angemessen erklärt. Der Gemeinderat von Philippopel hat nun beschlossen, die alte überlieferte Kesubaform durch einen einfachen Ehekontrakt zu ersetzen. Trotzdem der Ortsrabbiner von Sofia sich dagegen anssprach, wurde diese Fornl mit Genehmigung des Beth-din eingesührt, und so ivird man künftighin anstatt der „phrasenlangen" Kesnba einen kurzen „modernen" Kontrakt bei einer jüdischen Trauung vorlesen. Palästina. Jerusalem, 26. November. Die dritte jüdische R e'i s e - G e s e l l s ch a f t, bestehend aus 30 Pcrso- ,nen beiderlei Geschlechts, iveilte in der hl. Stadt volle acht Tage. Am Vorabend ihrer Llbreise ist sie jedoch von einer unangenehmen Nachricht überrascht worden. Ihr Schiff lag nämlich in Behruth vor Anker. Da soll, was im Ramedan-Monat infolge des täglichen Fastens und des übermäßigen Essens des Nachts nicht selten der Fall ist. ein Pestsall in dieser Stadt vorgekommen sein. Demzufolge verhängte Eovvten gegen Sorten eine 5tägioe Quarantäne. Die Gesellschaft gab trotzdem ihren Reiseplan nicht auf. Voller guter Eindrücke, welche die hl. Stadt auf sie machte, segelte sie den letzten Montag gegen Egypten ab. — Der Bezalel hält zweimal wöchentlich Vorle'cabendc ab. Am 24. d. M., abends, ist der bekannte Schriftsteller „Achad Hoom", anläßlich seines 50jährigen Geburtsfestes, in einer cinstündigcn hebräischen Rede gefeiert worden. — Wie auf jeden Besucher, hat der Bezalel auch auf unsere Reisegesellschaft einen außerordentlich guten Eindruck gemacht. H a a m i t t i. Ans der Lehrerwett. Frankfurt a. M., 4. Dez. Nach langem Leiden ist hier, wo er, um Heilung zu suchen, weilte, der Oberrabbiner der bedeutenden Gemeinde und Leiter der berühmten Jeschiwa in Preßburg, Rabbi S. B. Schreiber, ins Jenseits abbernfen worden. Ans die Nachricht von dem Hin'ckieiden ihres Führers eilte sofort die Preßburger Chewra Kadischa nach hier, um selbst die Taharoh vorzunehmen und die Ueberführnng nach Preßburg zu bewerkstelligen. — Auf dem Friedhof der Jsr. Religionsgesellschaft-hielt gestern Nachmittag Herr Rabbiner D r. Breuer seinem Studiengcnossen und späteren Lehrer einen Hesped. Er würdigte ihn als die erste talmudische Autorität der Jetztzeit und suchte Trost darin, daß er in seinem Sohne einen ihm würdigen Nachfolger habe. Ein zahlreiches Gefolge gab daun bis zum Bahnhofe dem 'Verstorbenen die letzte Ehre. — Oberrabbiner Schreiber, der in derselben Stadt verschieden ist, ans der vor mehr als 100 Jahren sein unvergeßlicher Großvater nach Ungarn ging, erreichte ein Alter von 63 Jahren. In dem Preßburger Oberrabbiner — wir folgen hier den Ausführungen der „Allg. jüd. Ztg.", des leitenden Organs der jüdischen Orthodoxie Ungarns — verlor die orthodoxe Jndenheit Ungarns den Mann, der vermöge seiner Abstammung, Stellung und überragenden Thora-Gelehrsamkeit dazu prädestiniert war, der geistige Führer der glaubenstreuen Jndenschast zu sein! Von so manchem unglücklichen Experiment wäre wohl die Orthodoxie verschont geblieben, so manches hätte sich wohl rechtzeitig, anderes zumindest allmählich zum Besseren gewendet, würden ihn Schicksalsschkäge bei der Ausübung seines Fnhrerbernfes nicht gehindert haben. Der verewigte Gaon hatte den ehrwürdigen Rabbinatssitz seines Vaters und Großvaters inne und erfüllte hingebungsvoll seine Lebensaufgabe — plötzlich brach über ihn das Verhängnis herein, daß ihm sein 17jähriger Erstgeborener durch den Tod entrissen wurde, und von dieser Stunde ab war er gebrochen und siechte dahin. Bereits als Jüngling war Rabbi Simcho Bonum Schreiber infolge seiner seltenen Gedächtnisgabe und Geistesschärfe ein Talmud Chochom, so daß man voranssah, er würde ein würdiger Nachfolger seines berühmten Vaters, des „Kesaw Sauser", und seines weltberühmten Großvaters, des „Chasam Täufer" sein. Schon im Alter von 20 Jahren vertrat er mitunter seinen Vater mit Schiur-Borträgen in der großen Preßburger Jeschiwa. Mt 22 Jahren heiratete er, war 3 Jahre in Wien Kaufmann, und wurde mit 28 Jahren Nachfolger seines Vaters, entsprechend dem Wunsche desselben, trotzdem er der dritte 'Sohn war. Waitze» (Ungarn). Dieser Tage verschied Herr David Sniders, Lehrer an der hiesigen orthodoxen Talmud-Thora-Schule. In Sniders ist ein echter Jude, gottesfürchtig und gelehrt rm jüdischen Schristentum, dahingegangen. Berlin. In der Repräsentantensttzung der jüdischen Gemeinde vom 35. Novbr. wurden 3000 als Beihilfe zu den Kosten der am 2. und 3. Januar stattfindenden Generalversammlung des Rabbinerverband.es inDeutschl and bewilligt. G FmAeioil. G Der Asus - Ponun. Aus dem Bachnrim-Leben. Bon P. I. K. (Fortsetzung.) Zn jeder Versammlung von Lamdonim findet er sich ein, und nach dem bekannten Ausspruch des Talmuds: „Hedjot kaufe; b'roschZ muß er überall obenan sein. In Bachnrimangelegenheiten steckt keiner mehr die Nase als er und wenn er auch nichts weniger als Ehre dabei einlegt, er merkt es nicht. Niemand hat unter öiescnr Gelehrten-Wahn der Wasser-Bne-Thora mehr zu leiben, als die Bachurim. Sie sind es in erster Reihe, die er sich dazu auserwählt, ihm Weihrauch zu streuen und ihn bei der Welt als wirklichen Lamdon 511 empfehlen und sie müssen seinen ganzen großen Zorn fühlen, wenn sie sich weigern es zu tun. Man kann sich leicht denken, daß solche Leute nichts weniger als geliebt werden, und daß die Bachurim froh sind, wenn sie ihnen answeichen können. Leider ist ihnen das nicht möglich, denn da die wirklichen Lamdonim im Beth-hamidrasch beten, so muß es ja der Wasser- Ben-Thora erst recht tun. Wie könnte er denn sonst einen Anspruch auf Lamdonus-) erheben? Er wird also gewiß keine Gelegenheit versäumen, sich im Beth-hamidrasch einzufinden und die Bachurim müssen nolovs voilens mit ihm verkehre». Dort sucht er unter allen Umständen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und es kommt ihm dabei aus einen kleinen Zank mit den Bachurim nicht an, wenn er nur seinem Zweck förderlich ist. In der Regel bleibt er ja auch der Sieger, denn 'welcher Bachur könnte es mit einem Balbos anfnehmen? Rur der Asus-ponim eignet sich dazu, solchen Balebatim eine gebührende Lektion zu erteilen und er ergreift mit Vergnügen jede Gelegenheit, wo er es tun kann. Melech war erst kurze Zeitin der Jeschiwah, als sich ihm eine solche Gelegenheit bot. Es war beim Morgengebet, als der Borbeter die laute Schemonohessre wiederholte. Melech, der sich vor dem Gebet mit einem Kollegen in einen Disput eingelassen, benutzte diese Pause, um seinen Kollegen von der Unerschütterlichkeit seiner Thesen zu überzeugen. Zn seinem Unglück stand er gerade in der Nähe eines unverfälschten Wasser-Ben-Thora, nainens Reb Götzl Siebenstein. Kaum hatte Melech begonnen, seinen Disput fortznsetzen, als auch schon Reb Götzl einen grimmigen Blick ans ihn warf und ein lautes „St st! nicht massiv) sein!" rief. Melech, der vielleicht glaubte, daß der Gegenstand seines Gesprächs eine Unterbrechung des Gebetes rechtfertige, küminertc sich nicht um diesen Zuruf und setzte seine Auseinandersetzung fort. „Sssst, sist!" —.rief Reb Götzl eindringlicher, aber wieder ohne Erfolg. „Chozus!"*) rief Reb Götzl wütend. „Wenn Du nit gleich stiU bist- „Seit wann sind wir per du?" unterbrach ihn Melech. „Asus-ponim! Ich will Dir-" „Wenn Du nicht gleich ruhig bist, lasse ich Dich vom Schämest hinauswerfen," unterbrach ihn Melech wieder, ihn ebenfalls duzend. „Na wart'. Du Asus-mechuzos-ponim!"G) schrie Reb Götzl, außer sich vor Zorn. „Ich will Dir Deine Chnzpoh und Dein Chazifoth schon austreiben." Melech wußte ganz gut, was diese Drohung zu bedeuten habe, daß ihn Reb Götzl beim Rabbi verklagen wollte, aber er machte sich nicht viel daraus. Kaum war das Gebet beendet und der Rabbi in 1) Der Unwissende will stets den ersten Platz einnehmen. -) Gelehrsamkeit. 3) Nicht das Gebet unterbrechen! 4) Unverschämter. 5) Diener. 6) Das Wort ist durch die Zusamniensetzung von Chozuf und Asus-ponim entstanden und drückt den höchsten Grad von Frechheit und Unverschämtheit aus.