Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 47 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47. Frankfurter Israelitische- FamilienblaL Seite 5. H»rrn mir gegenüber zu fixieren, der im Lesen der „Kölnischen Zeitung" vertieft war. Es war noch Line Minute vergangen, als sich eine gewisse Unruhe bei ihm bemerkbar machte; er wendete den Kbps hin und her, uni schließlich seine Blicke auf mich zu richten. Um den Verdacht einer solchen Ungezogenheit von mir abznlenken, stellte, ich mich schlafend, und verharrte eine ganze Weile in dieser Stellung. Wenn ich die Wahrheit gestehen soU: ich wagte es nicht mehr, mein vis-a-vis anzusehen, denn ich schämte mich meiner Versündigung gegen den guten gesellschaftlichen Anstand. Ich bedauerte es aufrichtig, dieses Experinient versucht zu haben; ich kam mir vor wie ein rüpelhafter Gassenbube, der mit einem Stückchen Spiegelglas die Sonnenstrahlen äuffängt, um von seinem Versteck aus die Vorübergehenden zu belästigen. — Endlich aber öffnete ich meine Augen doch wieder und ich war froh, daß niein Gegenüber wieder vollauf mit seiner Zeitung beschäftigt war. Ich vermied es .geflissentlich, ihm ins Gesicht zu blicken, dafür aber betrachtete ich seine Gestalt von Kopf bis zu Füßen. Es war ein Mann von etwa dreißig Jahren, von stattlicher Figur, niit auffallend schönen Gesichtszügen, einer hohen, gewölbten Stirn und großen schwarzen'Augen. Auch seine Kleidnng war durchweg schwarz, mit Ausnahme der Wäsche, die aber ebenfalls dunkel gehalten war. Mein jetziges Anschauen war mit keiner verwerflichen Absicht verbunden; vielmehr wollte ich mein Gedächtnis unterstützen, das sich vergeblich abmühte, um mir Zeit und Ort wieder in Erinnerung zu rufen, wo und wann ich diese Gcsichtszüge bereits gesehen. — Unwillkürlich war ich gezwungen, ihn wieder scharf anzusehen, und die Folge war wieder die gleiche: er erhob seine Augen und sah mich an. Doch diesmal hielt ich den Blick aus und war nicht wenig erstaunt, als er aufstaud und lächelnd auf mich zukam. (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. In einem Prospekt über das Buch des Assimklanten F r o m m e r „V o in Ghetto z u r mode rnen Kultur"bringt der Verlag des F.'schen Buches dem Publikum unter dem Stichwort: „Was die Gelehrten sagen" folgende Zeilen eines Gelehrten zur Kenntnis: Professor Dr. Stade, Gießen: Ich danke Ihnen bestens für die freundliche Zusendung Ihres Buches, dessen erschütternde Schilderungen mich wie selten etwas gepackt haben. Sienkicwicz (!) hat das im Meyer Ezechefovitsch (!) nicht plastischer zu zeichnen Vermocht, und hier fühlt man von Zeile zu Zeile, daß eigene 'Erfahrung zu uns schreibt. Wer nun wohl dem Herrn Professor weniger bekannt ist — die Orzesko oder deren Roman Meier Ezofowicz? Hunderttausend Mark für eine Handschrift. Jsaac, der Sohn Amrams des Zweiten, des Hohepriesters der Samaritaner, hat, wie ans London gemeldet wird, aus Nabnl eine sehr seltene Handschrift nach London gebracht und wegen bitterster Not zum Verkauf angeboten. Es ist eine vor tausend Jahren gefertigte Abschrift der berühmten llebersetzung des Pentateuch 'ins Samaritanische. Jsaae verlangt IM 000 J6. für die Rolle. Sie ist '21 Fuß lang und in Abschnitten mit kleiner, aber klarer samaritanischer Schrift geschrieben. Das Ende ist'etwas durch Wasser beschädigt, aber das Anfangskapitel zeigt sich unversehrt, was bei diesen Schriftrollen selten ist. Maphleach Hatalmud. Clavis Talmudi sive Encyclopaedia rerum, quae in utroque Talmude, Tosifta, Mechilta, Sifra, Sifre, Talmudicisque libris occurunt, alphabetico ordine disposita. Auctore rabb. Dr. Michael Guttmann. Tomus pnrnus Csongräd. Sumptibus auctoris MCMVI. Der Verfasser stellt sich die keineswegs leichte Aufgabe, eine talmudische Realenzyklopädie herauszugeben; es ist dies eine Aufgabe, die Dezennien eif- riger Arbeit erfordert. Das vorliegende erste Heft des ersten Teiles spricht sich in einer hebräischen — von Germanismen leider nicht freien — Einleitung über Ziele und Zwecke eines solchen Unternehmens aus. Dr. Guttmann weist auf den ersten Versuch einer talmudische» Enzyklopädie hin, auf das bekannte Werk Pachad Iizchok des Italieners Jsak Lamperonti. Während dieses Werk in bunter Abwechslung Stellennachweise, zeitgenössische Responsen usw. bringt und ein Nachschlagen der talmudische» Quellen blos erleichtern, nicht aber überflüssig machen will, will die neue Enzyklopädie durch möglichst genau^ Zitierung und Vergleichung der primären Quellen das Nachschlagen gänzlich erübrigen. Im Texte elbst ist vornehmlich der babylonische Talmud zitiert und bearbeitet, während in ausführlichen, den Text bei weitem überwiegenden Anmerkungen, der Jeruchalmi und die halachischen Midraschim, die Tosefta, die Ritualkodizes und auch die spätere talmudische Literatur zur Vergleichung herangezogen werden. Die Tannaim und Amoraim werden aus der Enzyklopädie ausgeschaltet und sollen Gegenstand eines speziellen Werkes werden. Die Anordnung der Schlagworte erfolgt abweichend von Lamperonti nicht rein mechanisch nach dem Alphabet. Während z. B. bei Lamperonti zwischen die einzelnen Schlagworte Aw auch Schlagworte wie Aw Melocho, Aw Besinn cingestreut sind, sind in der neuen Enzyklopädie alle zu Ilw gehörigen Stellen zusammengefaßt, dann erst folgen die Schlagworte, denen wohl alphabetisch, nicht aber sinngemäß der Vorrang gebührt; durch diese geringfügige Abweichung von der genauen alphabetischen Ordnung wird eine bedeutend bessere lieberficht erzielt. Die Unterabteilungen innerhalb der einzelnen Schlagworte werden durch größer gedruckte, seitlich in den Text eingerückte Ueberschriften kenntlich gemacht. Das vorliegende Heft enthält in erschöpfender Bearbeitung drei Schlagworte: 1) Aw der Vater. 2) Aw im übertragenen Sinne, 3) Aw der Monat. Die Ausstattung des Werkes läßt nichts zu wünsch:» übrig. Die Enzyklopädie soll in 80—30 Lieferungen erscheinen und zwar jährlich 8 Hefte zu. je 5 Bogen. Hoffentlich findet das Werk genügende materielle Unterstützung. S.- H. L., Prag. 28. Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Bud apest für das S d)nI» jahr 100-1—1905. Vorangeht: Leo Modenas Briefe und Schriftstücke. Zum ersten Mal herausgcgebcn, mit Anmerkungen und Einleitungen versehen von Prof. Dr. Ludwig Blau. Budapest 1905. Professor Blau's neueste Publikation reiht sich seinen früheren wertvollen Arbeiten würdig an. Die veröffentlichten Briefe Leo de Modenas sind zwei Manuskripten des Britischen Museums entnommen; ihre Abfassungszeit fällt in die Jahre 1579—1640. Sie bieten uns interessante Details über Leben und Knltilr der Inden in Italien, nebenbei auch wichtige Beiträge zur Kenntnis des hebräischen Briefstils des 16. Jahrhunderts. Daß auch auf die noch immer vielumstrittene Biographie Leos manches interessante Streislicht fällt, ist selbstverständlich. Der hebräische Text der Briefe ist mit vielen, die darin besprochenen Personen und Verhältnisse betreffenden Noten versehen. Ans der umfangreichen deutschen Einleitung loollen wir nur das Kapitel über Leos Stil hervorheben. In diesem Kapitel zeigt Blau, wie das Charakteristikon von Leos Stil die witzige Anwendung des Wortspiels, die geistreiche Anlehnung an Bibel, Talmud und Liturgie ist; seine Poesie gehört zu der von Kaufmann sogenannten Echodichtung, in welcher Leo es zu besonderer Kunstfertigkeit brachte, so daß sogar oft die einzelnen Echoworte eines Gedichtes, aneinandergereiht, einen Satz ergeben. Das interessanteste Kapitel der Einleitung ist entschieden das VI., das Leos Stellung zum Talmud behandelt. Bekanntlich hat Leo eine Rechtfertigung des Talmnnds geschrieben gegen eine angeblich von einem Hamburger verfaßte Schmähschrift. Die Rechtfertigung Leos ist eine ziemlich schwache Widerlegung der Angriffe desanonymen Hamburgers. Dieser Umstand wie auch die Anonymität des Angreifers haben Geiger und nach ihm noch Andere zu der Hypothese veranlaßt, der angebliche Hamburger sei niemand anderes als Leo selbst. Damit wäre natürlich Leo, dem man auch aus seinem sonstigen Verhalten, z. B. Vorliebe fürs Kartenspiel, gerne einen Strick dreht, der erbärmlichste Charakter. Nun weist aber Blau auf Grund der von ihm veröffentlichten Schriftstücke, wie auch auf Grund eines im Vorjahre in der Responsensammlung Sera Auoschim enthaltenen Bannes überzeugend nach, daß der fragliche Hamburger wirklich existiert und die Angriffe auf den Talmud verfaßt hat. Das ist wohl das wichtigste Resultat der Blau'schen Untersuchungen. Wir können das Buch, das auch mit Personen- und Ortsregistern versehen ist, jedem Freunde unserer Literatur wärmstens empfehlen. S. H. L., Prag. Volkstümliche Geschichte der Juden, in 3 Bänden von Dr. H. Graetz, weiland Professor an der Universität Breslau. Billige Ausgabe in Klassiker-Format (brosch. JL 10, geb. JL 12). Leipzig, Oskar Seiner. Die erste Auflage der „Volkstümlichen Geschichte der Juden" von Graetz erschien 1889, und nunmehr ist ein Neudruck derselben erfolgt. Es'muß bedauert werden, daß es sich uni einen Neudruck.und nicht um eine sorgfältig durchgesehenc und verbesserte zweite Auflage handelt, denn selbst vom Standpunkt der Richtung, die Graetz vertreten hat, ist gar mancherlei in dem Werke zu berichtigen. Und gerade deshalb hätte eine sorgfältige Durchsicht geschehen müssen, weil „Der Graetz" heute noch das einzige jüdische Geschichtswerk ist! Wir bitten unsere Leser, ihren Bedarf iintar Bezugnahme auf unser Blatt bei! unseren Inserenten zu decken. Frankfurter Israel. Familienblatt. Offenbacber Druckluft»Anlage Tqlefon 123. Offenbach a. M. Telefon 123. Dnabertroffene bewährteste Tapplcbrainlgung. Wocheu-Kalenver. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 8. Dezember (= 21.Kislew): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 5 Uhr 10 Mm. Berlin 4 Uhr 45 Min. Der Wochenabschnitt Wajeischew erzählt vom Verkaufe Josefs. Jakob hatte diesen Sohn bevorzugt, ihm einen bunten Rock gemacht; auch brachte Josef stets „üble Nachrichten" von den Brüdern dem Later. Dies erregte Bruderhaß. Noch mehr steigerte sich der Haß durch zwei Träume Josefs: die Garben der Brüder bückten sich vor Josefs Garben, Sonne, Mond und elf Sterne beugten sich vor Josef. Die Brüder erkannten darin Josefs Stolz und Hochmut. Er wird vom Vater einst aufs Feld gesandt, um sich nach den Brüdern umzusehen. Diese wollen ihn dort umbringen, stehen jedoch davon ab und verkaufen ihn schließlich an eine nach Egypten ziehende Karawane. Dem Vater senden sie den blutigen Rock Josefs. — Josef wird Diener bei dem Hofbeamtcn Potiphar, der ihn lieb gewinnt und ihm sein ganzes Haus anvertraut. Die Herrin aber will Josef lüstern zur Sünde verführen. Der standhafte Josef spricht das schöne Wort: „Wie sollte ich ein so großes Nebel begehen und gegen Gott sündigen?" Zuletzt verleumdet sie Josef/ er habe s i e zur Sünde verleiten wollen. Potiphar läßt Joses unschuldig in's Gefängnis werfen. Doch auch dort'ist Gott mit ihm; er wird Aufseher über alte Gefangenen. Im Gefängnisse weilen auch der Oberschenk und -Oberbäcker des Königs wegen Vergehens im Amte. Sie haben aufregende Träume: Josef deutet sie. Die Deutung wird wahr: der Schenk wird wieder in sein Amt eingesetzt, der Mundbäcker anfgehängt. Der undankbare Mundschenk vergißt in seiner Freiheit, den unschuldigen Josef der königlichen Gnade zu empfehlen. — Der Wochenabschnitt erzählt auch von dem sträflichen Verhältnis zwischen Juda und Tamar. C h a n u k a. Dienstag Abend beginnt das 8 Tage dauernde Chanukafest. Der Name bedeutet „Weihefest", da der Tempel, den die Feinde verunreinigt hatten, wieder eingeweiht wurde. Chanuka ist ein 'Halbfeier-, tag, Arbeit nicht verboten. Nur durch Gebete und Zeremonien ist Chanuka ausgezeichnet. A. Geschichte. Die Geschichte des Festes spielt ungefähr 200 Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, die Zeit der eigentlichen Kämpfe von 167—64 vor d. I. I. Damals stand der zweite Tempel. Die Juden waren mit den schöngeissigen Griechen in Berührung gekommen, geblendet durch deren Künste und Wissenschaften wurden sie Assimilationsjuden in des Wortes vollster Bedeutung! Sie schämten sich, Juden zu sein, verlengneten ihr Volkstum und ihre Religion, verspotteten beides, drängten sich den S v r e r n ans und veranlaßten 'deren König Antiochns ^Epiphanes, gegen die frommen Juden vorzugehen. So wurden Sabbat-, Fast- und Neumondfeier, Milo und Sveisegesetze, Thorastndium usw. untersagt. Gottes Tempel durch Schweinefleisch entweiht. Biele Hunderte starben den Märtyrcrtod, andere flüchteten. D a sandte Gott durch die Priesterfam'ilie der Makkabäer Hilfe und R e't t u n g. MattiSjahu und seine 5 Söhne sammelten um sich alle wahren Juden, kämpften siegreich gegen große U e b e r m a ch t und zogen zuletzt nach Jerusalem, den Tempel neu zu "weihen. Er wurde gereinigt und der aoldne Leuchter neu angezündet. Nur ein kleines Krügleiu heiligen Oeles war vorhanden, aus einen Tag hinreichend: durch Gottes Fügung speiste es den Leuchter acht Tage, bis neue-s Oel bereitet war. Daher die Anordnung der Weisen, Chanukalichter anzuzünden. 8. Zeremonien. Man zündet allabendlich Lichter an, Oel- oder Kerzenlicht, und zwar frühestens beim Nachtwerden, doch kann's die ganze Nacht noch geschehen: in später Stunde ohne Brocho. Am 1. Abend eines und so fort bis zur Zahl 8. Am ersten Abend drei Bro» chaus: Lehadlik ner — scheoso nissiin u. schehechejomr. An den-andern Menden kein schehechejonu. Man stelle das Licht an's Fenster. Das Licht muß.mindestens Stunde brennen: Nachschütten untauglich. Die Brocho unmittelbar vor dem Anzünden sprechen. Aiich im.Gotteshause anzünden: dennoch bleibt das häusliche Entzünden Pflicht. Man zündet am 1. Mend das r echts am Leuchter befindliche Licht, dann immer mit dem länken, neu hinzu gekommenen. Mchts dabei lesen oder arbeiten. — Am Freitag erst Chanuka-, dann Sabbatlicht: Sabbat-Ausg a n g erst Hawdoloh machen! — Am 8. Tag alles Oel nebst Dochten verbrennen. C. Gebete. A lhanis si m — als Dankgebet — im Tischgebet und Schmono-Esrei einzuschalten. Ganz Hall e l nach Schachris-Schmono-Esrei. so ganz Chanuka. Auch zu Mincho imd Maariw, ebenso in jedem Sab-- bat-Schmono-Esrei das al-hanissim. Wenn vergessen.