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Neue jüdische Presse · 1906-12-07 · Heft 47 (7.12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 47 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Gliedern zum Herzen. ... Dieser stufenweise Aufbau ist kein wilder, verbrecherischer Individualismus, sondern die bestmöglichste Aussöbnung zwischen Individuum und Vielheit. Diese Methode sozialer Architektonik hat auch ihre tiefe Philosophie. Wer das ein anderes!» al. Vor der Hand wollen wir uns nur der Methode bedienen, um einem Problem eine objektive Formulierung zu geben. Der osteuropäische Jude ist unglücklich, er lebt zlunächst in matcriell-politischcin Elend, der westeuropäische Jude ist doppelt unglücklich, er lebt in sozial-politischem Elend. Das jüdische Volk als historisch-politische Gesamtheit ist dreifach unglücklich. Das ist traurig, aber für den Glaubenden, für den starken Willen. erträglich. Die Wunde ist der Brand, das- Salz, das uns auf die Wunde gestreut wird, Explosivstoff. Die Wunden, sie brennen, flackern und wir winden uns vor Schmerz, wir leiden und schaffen. Das Volk leidet, die Massenstimmüng ist eine dumpfe und zerbrochene. Also kaum'schöpferisch. Viele der Einzelnen arbeiten an dem Vernichtungstverk. Die dumpfe Massenstimmung erhebt nicht den Einzelnen, die Masse verzweifelt am Verzweiflungswerk des Einzelnen. Und die Folgen? Die Masse wird sich dank ihrem nie zu tötenden Millen zum Leben erhalten, fortvegetieren — durch das Leben gähnen und kriechen, aber der Einzelne? Der Einzelne, dessen Kräftcrefervoir gering ist, der Einzelne, .der zu gesund und stark ist, um Hu sterben, zu krank und schwach, um zu leben? Sein Leben ist nicht einmal einen Seufzer wert. Seinem Leben fehlt die Selbständigkeit und Größe, um eine Tragödie zu sein. Also nicht nur das Elend des jüdischen Volkes, sondern auch und besonders'das Elend des Einzelnen, des einzelnen Juden. Gewiß sind die Massenpein und die Qual des Einzelnen ursprünglich keine zwei von einander verschiedene Dinge. Ursprünglich bedingt die Eine die Andere. Wer in der Konsequenz sind die Wirkungen gewaltig und verschiedenartig. Die Massenpein erregt und regt den Einzelnen zuweilen an — die innere Gebrochenheit des Einzelnen, sein wahnsinniges Tun, läßt die Masse verzweifeln. Greift cs um sich, dann laufen wir Gefahr, daß der Lichtquell des Genius anstrocknend erlischt. Und im Moment, wo der Kraftquell des Genius versiegt und austrocknet, rückt unser Sein in der Geschichte in das Stadium des Prob-, lems, das der Anfang vom Ende sein kann. Das Elend des Einzelnen ist, abgesehen von allem, eine große Gefahr für den Morgen der Vielheit, des Volkes. Worin aber das Elend des Einzelne», besonders unter dem Himmel im Westen, bestehen mag? Ich will es unter der Bedingung sagen, daß man mich nicht der Banalität zeiht. Der Jude des Westens will oder mußgleichzeitig etwas sein und doch nicht sein oder er will doppelt sein — Germane und Jude, Jude und Germane, je nach Gemütsverfassung. So in allen westeuropäischen Ländern. Was ist er wirklich? Das ist schwer zu sagen. Die Teilung seiner Seele hat er sich eingebildet, erlogen, zusammenphilosophiert, je nach Gemütsverfassung. Sein innerer Kampf ist weder .schöpferisch noch sittlich. Steril und unmoralisch. — Gemäß der Teilung seines seelischen Vermögens muß er beiden Teilen etwas opfern-Aber so wenig - man die Seele teilen ckann, noch weniger lassen sich bestimmte Arbettsmengen des Einzelnen teilen. Aber da er doch beiden gerecht werden will oder muß, anderersetts mau eine genaue Verteilung der Kräfte nicht vornehmen kann, so arbeitet er entweder für beide Teile zu viel und da steigert sich der Widerspruch, oder für beide Teile ungleich und da verschiebt sich der Widerspruch. Und die Folge? Entweder Versklavung und Erbttterung oder umgekehrt. Aber in vielen Fällen kommt er mit der Versklavung und der Veräußerung seiner historischen und persönlichen Würde davon. Sklaverei ist nicht schöpferisch, Erbitterung nicht schaffend. Im ersten Fall bleibt er nur eine Null, im letzten Fall ein Minuszeichen. Der westeuropäische Jude ist entweder erbittert oder Majophis natur und in Osteuropa will der jetzt dort um sich greifende Sozialismus alle Kraft der Persönlichkett vernichten. Und ohne Persönlichkett keine Geschichte und keine Zukunft. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Das Problem lautet also: das Elend des jüdiscken Volkes und des Juden. Und die Lösung: Rettetdas Volk und befreit die Persönlich k e i t.*) Maxime le Maitre. Aus aller Well. Deutsches Reich« Berlin. Jüdische Oberlehrer an den höheren Schulen Preußens. Nach dem soeben erschienenen „Kunze-Kalender" waren am 1. Mai dieses Jahres an st ä d t i s ch e n höheren Knabenschulen 63 jüdische Oberlehrer tätig, und zwar 1 in Westpreüßen (Danzig), 49 in Brandenburg (3 Charlottenburg, 46 Berlin), l Posen (Bromberg), 8 in Schlesien (5 Breslau), 1 in Sachsen (Magdeburg) und 3 in Hessen-Nassau (Frankfurt). — Die Zahl der jüdischen Oberlehrer an den königlichen höheren Knabenschulen beträgt 14 und zwar 1 in Ostpreußen, 3 in Westpreußen, 2 in Brandenburg, 4 in Posen und 1 in Schlesien. Berlin. Aus dem Bureau des Ver-' bandes der Deutschen Juden. Der Ausschuß des Verbandes ist für Sonntag, den 30. Dez. 1906, nach Berlin eingeladen. Aus der reichen Tagesordnung wird insbesondere hervorgehoben, daß über die nächste Hauptversammlung, welche statutenmäßig 1907 abzuhalten ist, Beschluß gefaßt werden soll, lieber Zeit, Ort und die Namen der Referenten werden wir, sobald näheres feststeht, der Ocffentlichkcit Mitteilung machen. Das Urteil der Strafkammer zu Hamburg vom 30. November 1906, durch welches der antisemitische Redakteur Sierung wegen Beleidigung des Verbandes Und seines Redners, des Justtzrat Dr. Fuchs, zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt war, hat die Rechtskraft beschritten. Berlin. Das „Korrespondenzblatt des Zeniralbureans für jüdische Auswanderungsangelcgcnheiten" bringt wieder eine Fülle von Mitteilungen für Auswanderer. — Ein Brief aus Kanada macht auf die günstigen 'Verhältnisse dieses Landes für die Einwanderung aufmerksam. Der Brief registriert die Tatsache, daß daS Hirfch-Jnstttut von hier ansässigen Juden ca. 5000 Dollars erhielt, um ihre Familien hcrüberkommen zu lassen. Zu diesem Betrage sollen ungefähr 150 Personen beigestencrt haben, in Summen von 20—60 Dollars. Alle diese Leute, die sich erst seit 10—15 Monaten in Kanada aufhalten, verdienen zwischen 8 und 15 Dollars die Woche, die nieisten 12, die wenigsten unter 10 Doll. — Ein Artikel über Argentinien betont, daß dieses Land vorläufig nur für eine mäßige Einwanderung zu empfehlen ist. 1905 wunderte» 7516 Juden ein. Das Betreiben der Landwirtschaft erfordert, sich erst längere Zeit als einfacher Arbetter zu orientieren, ehe der Einwanderer mit eigenen Mitteln Land erwirbt. — Die Nummer bringt auch den Wortlaut des amerikanischen Naturalisationsgesetzes, das einen 5jährigen ununterbrochenen Wfenthalt in den Vereinigten Staaten verlangt. Köln a. Rh. Der rheinische Synagogen-Verband will sich an dem Kinderheim des westfälischen Verbandes in Sassendors beteiligen. Das anfänglich auf 40 Betten projektierte Gebäude soll aus 80 erweitert werden. Zu dem bereits erworbenen Grundstück von 40 Ar sind weitere 40 Ar angekauft worden. 6. H. Breslau. In Verfolg unserer bisherigen Berichte über die Stadtverordneten-Wahle n wollen wir noch mitteilen, daß tatsächlich die Freisinnigen nicht gemeinsam in der Stichwahl dem Sozialdemokraten ihre Sttmme gaben, so daß bis aus den einen Fall, in dem ein Freisinniger dem Sozialdemokraten gegenüberstand, die reaktionären Kandidaten gewählt wurden. Es verlohnt sich nicht, immer wieder darauf hinzuweisen, welche schweren Fehler die Freisinnigen begehen, wenn sie in solchen Fällen aus mißverstandenem Patriotismus den Reaktionär dem Fortschrittler vorziehe». Doppelt bedauerlich ist es, wenn„ wie in Breslau, auch Juden — „freisinnige" Juden — diesem Ueberpatriotismus huldigen. Als würdigen Abschluß dieser Berichte will ich allen Lesern mitteilen, daß Herr Kommerzienrat Dr. jur. Georg Heymann, Inhaber des bekannten Bankhauses und Sohn des alten Juden Hettnann, in dev 1. Wahlabteilung Kandidat der klerikal-antisemitischen „freien Vereinigung" war. — Der ist aber gut und gründlich getauft!!- Fürth. Stiftung. Rechtsanwalt Nathan stiftete zum ehrenden Andenken seiner verstorbenen *) 'Die Ausführungen unseres geschätzten Mltarbeiters sind etwas zu pessimistisch gehalten. Ganz besonders in der Gegenwart liegt kein Grund zum Schwarzsehen vor, da doch das jüdische Volk seiner Lage immer mehr bewußt zu werden beginnt und — wie wir erst letzthin ausführten — eine Tendenz zum Besseren unverkennbar zu konstatieren ist. Allerdings darf nicht geruht und geröstet werden. D. Rebakt. Nr. 47. Eltern Ji. 300000 zur Errichtung einer Wöchnerinnen- und Säuglingsheims. Oesterreich-Ungar«. Wien. Ueber die politische Situation der ö st e r r. Jude u schreibt die „Natiouälztg.": „Wcuil toir nochmals auf die mährischen Landtagswahlcn zurttckkommen, so; geschieht - es darum, weil der Verlauf derselben uns ganz deutlich zeigt, was bei den nächsten Reichsratswahlen in ganz Oesterreich sich abspieleu wird: Der vollständige Bankerott der „liberalen" deutschen Fortschrittspartei und I u n g t sch e ch e n > ein rapides An wachsen der klerikalch r i st l i ch s o z i a l e n S t r ö m u u g unter Deutschen sowie Slawen imd eine Vermehrung der agrarischen, sozialdemokratischen, frcialldeutscheii und tschechischradikaleu Mandate. Die österreichischen Juden aber haben dank ihrer bisherigen, grundverfehlten Politik nicht nur wenig Aussicht, eigene jüdische Kandidaten dürchzubringcn, sondern können bei keiner einzigen der bestehenden Parteien auf eine Vertretung oder Uilterstützllng ihrer spezifischen Interessen rechnen. Da wird von mancher Seite uns das alte Lied von einer Sammluilg und Konzentrierung der „freiheitlichen" Deutschen und slawischen Fraktionen „gegen die Reaktion" vorgesungen und dabei merken oder wollen die jüdischen Kreise, die es anstimmen, nicht sehen, daß sie dabei nur die Geschäfte des sreialldeutschen und tschechisch-radikalen Antisemitismus besorgen, der übrigens auch nur eine Etappe zum christlich-sozial-klerikalcii im deutschen, wie tschechischen Lager bildet. Auf diese Weise werden gerade die Juden die Zeche zahlen, wenn es zu einer Erneuerung der „Vereinigten deutschen Linken" oder zu einem einigen „Ceskiklub" oder zu einem — deutsch-polnischen Bündnisse gegen die Tschechen sowie Ruthenen kommt. Die Zahl jener deutsch-„sreiheitlichen" Politiker ist nänilich ziemlich groß, lvelche bereit lvären, in eine Sonderstellung Galiziens zu willigen, um sich so die Herrschaft zu sichern. Wenn nun die Juden Galiziens den diesbezüglichen Bestrebungen teilnahmslos gegenüberstehen oder gar dieselben fördern, schädigen sie nicht nur die Ruthenen, sondern liefern sich gebunden den polnischen Machthabern aus." Baden. Stillung. Der Gemeindeausschuß hat heute beschlossen, ein Waisenhaus für Knaben und Mädchen aus einem Stiftungskapital von 160000 Kronen zu errichten, welches Frau Julie M a u t h u e r von M a r ck h o f gewidmet hat. Das Waisenhaus wird de» Namen der Spenderin tragen. Müramaros-Sziget. Ihr ungarischer Korrespondent hat sich 'vermutlich in Waitzeu zu lange aufgehalten, sonst würde er ihnen von der hiesigen N a bb i n e r - E i n f ü h r u n g berichtet haben, die für die ungarländische Judenhcit von Bedeutung.ist, denn die seit 25 Jahren bestehende Sefardim-Gemcinde hat in ihrer Mitte streng gesetzestreue und ausgesprochen ueologe Elemente, und es ist das erste Mal, daß alle Parteien sich friedlich zu einer Wahl einigten. Und in der Tat- Rabbiner Dr. Danzig, ein Schüler der Breuer'schen Rabbinerschule in Frankfurt a. M., scheint ganz dazu geeignet, die lang ersehnten Wünsche seiner Gemeinde erfüllen zu wollen und erfüllen zu können. In seiner Antrittsrede, der der Obergespann und der Vizegespann des Komitate§, der Bürgermeister, der Gerichtspräsident, der Oberstadthanptliiann und die Spitzen sämtlicher Behörden, Anstalten und Vereine, die Geistlichkeit sämtlicher Konfessionen und ein zahlreiches jüdisches Publikum beiwohnten, betonte er, daß er seine Gemeinde in echt jüdisch-traditionellem Geiste, vereint mit wahrhaftem Patriotismus, leiten werde, da beides in unserer Thora begründet ist und beides von jedem wahrhaften Juden gefordert wird. Znm ersten Male hörte man in Märamaros-Sziget eine Draschah und eine Predigt in ungarischer Sprache. Auch. Herr Rabbiner Krauß aus Debrezin, der den neuen Rabbiner in sein Amt eivsührte, sprach gleichfalls ungarisch. Herr Rabbiner Dr. Danzig hat versprochen, eine jüdisch-konfessionelle Schule ins Leben zu rufen, in der Thora und' Derech Erez gepflegt und verbreitet werde. ' Sternberger. Ruzombeck. Bei einem hier in diesen Tagen stattgehabten Wahlprozesse wurde auch folgendes sestgestellt: Gelegentlich der Wahl zum ungarischen Reichstage im April rief der O b e r g e s p a « u sämtliche Inden des Wahlbezirkes zü sich und erteilte ihnen den wohlwollenden Rat, ihre Stimmen für den magyarischen Kandidaten und an t i semitischen Redakteur Herrn Benicky abzugeben. Leutselig lächelnd erklärte der Hohe Herr den etwas erstaunten Wählern, daß es doch noch besser sei, einen antisemitischen Abgeordneten als einen antisemitischen Obergespan zu haben. Nun, sollten die jüdischen Wähler nicht für Benicky sttinmen, könnten sie von allen ihnen erteilten Konzessionen und Lizenzen recht schnell Abschied nehmen. Und so geschah das Wunder — Benicky wurde gewählt. Rußland. Petersburg. .Tow" bestätigt die Nachricht, daß die. Jgnatiew'schen Judengesetze infolge der Agitation der reaktionären Parteien nicht ausgehoben worben sind.

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