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Neue jüdische Presse · 1906-12-07 · Heft 47 (7.12.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 47 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KrartkfrtrLer (r.. ■ 1 ' > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AvonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Ander Mk. 2.— KedaKtion nnd cheschLftsfiette: Srsnkfurl L. m.. Lleichstraße 2, Scke vilbelerstraße ,-refo» 10 507. A<rausgeS«: Kalcheis. " 1 Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeüe. 25 Psg. Die Reklamezeile.. MO .. Platz« und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Prets nach Uebereindmst. ' Freitag, de« 20. Kislew 566? (7. Dezember 1806). 4 Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Am Chanukaleuchter, von A. Mannheimer, Dettelbach. — Der eine und die Vielen, von Maxima le Maitre. — Aus aller Welt. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Der Asus- Ponim, von P I. K. — Zwei Lichte, von M. Pulvermann. — Kunst und Literatur. — Wochen- Kalender. — Sprechsaal. — Briefkasten. — Aus der Geschäftswelt — Familiennachrichten. Am Chanukaleuchter. Kleines, freundliches Lichtlein, wie friedlich und mild ergießen sich deine Strahlen ringsum! Frohe Menschen befinden sich in deiner Nähe, Festesfreude glänzt in aller Augen, traute Hymnen erschallen von aller Lippen. ... Jst's möglich, daß ein wenig Oel, eine paar Dochte und winzige Flämmchen solchen Zauber auf Menschenherzen ausüben können? Jst's denkbar, daß bei den verwöhnten Kindern des blendenden Glühlichts, daß im Zeitalter der elektrischen Bogenlampen die unscheinbaren Chanukalichter zu Kraft und Ansehen gelangen? Und doch! Es ist uns so wohl, wir fühlen uns so behaglich in der Nähe des Chanukaleuchters. Es muß ein besonderes Fluidum spielen zwischen jenen Flammen und unseren Herzen, und mächtig tief ergreift es die jüdischen Seelen allerorten. Mehr als der ruhige Strahl vom Chamlkaleuchter anderen verrät, kündet er uns. Auf düsterem historischen Hintergründe hebt er sich umso schöner, umso heller ab. „M ea -- pheilo leauro", von der Dunkelheit zum Lichte! — das bezeichnet,den Weg, den auch er genommen und wir mit ihm, wie schon so oft. . Traurig sah's aus in Israels Mitte um jene Zeit, die Jahrhunderte vor der christlichen Aera zurückliegt! Fremdes Wesen hatte sich eingenistet in unser Volk, unmerklich wie schleichendes Gift. Griechische Kunst, griechische Wissenschaft und Philosophie trübten Jraels reines Geislesgut. Geblendet vom Glanze des Hellenismus folgte man blindlings dem Neuen, unbekümmert um wahr und gut. Die Blume Graecas prangte ja in herrlichem Farbenschmucke, was kümmert's, daß ihr Hauch giftig ist? Eine Leiche, doch rotwangig, künstlich mit Lebenssarben versehen, das ist Israels Bild zur Seleuzidenzeit! Lange Jahre hatte die Krankheit bereits den jüdischen Volkskörper und -Geist ergriffen, und man merkte es nicht, man wollte es nicht merken. Es kamen die Begleiterscheinungen, die S ymptometraten deutlicher hervor. Man schämte sich bereits, Jude zu heißen, Jakobs Sprößling zu sein. Die Assimilationsjuden wollten untertauchen in's Griechentum. Zwar kann keiner aus seiner eigenen Haut," auch das Blut der Rasse ist kaum zu verdünnen. Aber äußerlich läßt sich manches firnissen. Jason klingt doch ungemein hübscher als das „altmodische" Josuä; als Priester muß man mit „gutem Beispiele" vorangehen! llnd gar die Jugend! Nicht in „dumpfen Lehrhäusern" bei geistigen Turnieren suchte sie ihre Kräfte zu proben; sie stieg in eine andere Arena. In luftigen Gymnasien, im Theater, im Zirkus zeigte sich die jsnuesse, und sie wollte sich zeigen. Bald trat zur Scham auch die Berleumdnngssucht. Die Griechlinge wurden Kriechlinge, welche bei Hof und Regierung mit Schmeicheleien sich einnisteten und in Verkleinerung so Großes leisteten. Sie warfen sich in die Brust und versicherten in „ersterbender Demut" die Gleichheit aller Griechen, die Rückständigkeit der „wenigen" jüdischen Juden und schilderten in glänzenden Farben den Ueber-Hellenismus der Assimilanten. Jst's ein Wunder, wenn der Syrerkönig Antiochus Epiphanes, Sabbatfeier,. Neumonds- und Feflesfeier, Beschneidung, Thorastndinm, Beobachtung der Speisegesetze u. a. verbot? Jst's ein Wunder, wenn . der Herrscher griechisches Wesen mit Gewalt in Israel einpflanzen wollte und seinen Befehlen durch die äußerste Strenge Nachdruck zu verschaffen suchte? Leider können wir die Geschichte nicht fälschen, unter den Ruhmesblättern unserer Vergangenheit befindetsich nun einmal auch das Schandblatt des judäisch-griechischen Servilismus. Das ist der dunkle Hintergrund des Chanukalichtes. Nun aber die freudige, die erfreuliche Kehrseite! Zur rechten Zeit ersteht Israel der rechte Mann. Ein kleines Dorf ist der Schauplatz der Wiedergeburt des jüdischen Geistes und Volkes. Die Dorfjudcn von Modin beschämen die jüdischen Aristokraten, machen die jüdische Metropole zu schänden. Modin und Jerusalem, Posemukel und Paris, rechter Hand, linker .Hand, alles vertauscht!! Mattisjahu, ein zweiter Pinchas, schlägt im heiligen Eifer Treulose nieder, verjagt die Schergen Antiochus', und es erhebt sich das Volk. Mit ehernem Tritt schreiten die Makkabäer über Scheingrößen und Truggestalten dahin und knüpfen an ihren Namen unsterblichen Ruhm. Es wird zur Wahrheit, was ein inhaltreiches Wort so schön ausspricht: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Die Fahne des Gottesgesetzes zieht voraus, die Treuen ziehen nach, sie bilden den Kern des Volkes und den gesunden Stamm, dem sich bald Aeste angliedern mit Blüte und Frucht. Licht reiht sich an Licht, die Flamme der Begeisterung greift um sich und findet immer mehr Nahrung. Mattisjahu stirbt, ohne das ruhmreiche Ende zu schauen. Auf dem Sterbebette noch bittet er die wackeren Söhne, Israels Vergangenheit zu gedenken. Sie sei die Quelle der Hoffnung, des unbeugsamen Mutes. Ein anderes, ein besseres Erbe weiß er seinen Heldensprossen nicht zu hinterlassen, als diesen Hinweis. Und sie kämpfen weiter. Nicht blutigen Lorbeer wollen sie erringen, in den Gottestempel führt der Siegeszug. Licht soll wieder strahlen in Israel, reines und heiliges, von jenem Oele, womit man Gott und Menschen ehrt. Es schwinden die Schatten, verscheucht ist das Dunkel, aus Leid ward Licht gebaren. Ro. 47. Noch heute strahlt's in jeder jüdischen Hütte, ein Reflex aus zweitausendjähriger Vergangenheit. Herbei zum Leuchter, ihr Lauen und Gleichgültigen, laßt euch erwärmen und erleuchten von der alten Flamme. Herbei, ihr alle, die mit froher Hoffnung Israels Zukunft entgegenharren. Nie und nimmer lassen wir sie uns rauben. Lajehudim-auro wesimcho, Licht und Freude mögen heimisch bleiben in Israel für und für! A. Mannheimer, Dettelbach. , Der Eine und die Vielen. Zur Forn'.ulierung des Problems. Heute spricht man von jüdischem Elend, vom großen unsäglichen Elend des jüdischen Volkes ist nur die Rede. Ein Merkmal der Zeit. Denn trotz allen individualistischen Geschreis ist es die Vielheit, die Masse, die herrscht und befiehlt. Da sie und nur sie befiehlt, so rechnet man eben nur mit ihr. Der Einzelne, sofern er kein Genie ist, bildet nur eine Zahl, eine nichtssagende Ziffer, zuweilen auch' nur eine Null. Es ist daher mehr als begreiflich, daß man in einen: sozial entwickelten Zeitalter nur mit der organisierten Viell)eit rechnet, und es ist noch' mehr üls begreiflich, 'daß man in diesem „sozial" entwickelten Zeitalter von dem Elend des jüdischen Volles spricht. Das Elend des jüdischen Volkes! Was besagt es? Die Juden als historisch-politische Einheit leben im Elend, nur als Glieder des Gesanitorganismus sind sie unglücklich. Es besagt aber garnichts von ihrem individuellen Elend. Man kann sich die Juden als individuell glücklich und wohlhabend denken und ihr Mißgeschick nur in ihrem Verhältnisse zu einer organisierten Gesamtheit feststellen. Das besagt auch eigentlich die Bezeichnung „das Elend des jüdischen Volkes". Und, weil eben dem so ist, ist die Bezeichnung unserer Lage eine unrichtige, eine irreführende. Das Volk als historisch-politische Einheit leidet! Und der Einzelne? Lebt er glücklich? Leidet er nur in seinem Verhältnis zum Voll? Nicht von der großen Armut der jüdischen Massen Osteuropas soll hier die Rede sein, auch Vicht davon, daß die westeuropäischen Jiwen, trotz persönlichen Wohlstandes in ihrem Verhältnis zum Volke — zu unserem Volke leiden, unendlich 'viel leiden, und daß die Assimilation eine Tragödie ist. — Mit dieser Seite der Frage sollen sich Demagogen oder Politiker abgeben. Es gehört zu ihrem Metier. Wir, die wir auch mit dem Einzelnen rechnen, mit dem Einzelnen der lebt und leidet und weint und bereutwir sehen es hier auf den einzelnen Juden ab^ Wir wollen die Frage des Einzelnen ins Auge fassen, wir wollen nach Liner Induktion das Problem formulieren. Und das ist jüdisch. Das jüdische Külturbewußtsein sieht es auf den Einzelnen ab, der Einzelne ist der Ausgangspunkt, die Vielheit ist der Endpunkt. „Nephesch achas mijisroel" — die eine Seele, das eine Herz — das Herz und die Seele des Einzelnen.Kol hamkaiem Nephesch achas mijisroel, keilu kijam aulom molei.-— Von den

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