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Neue jüdische Presse · 1906-11-30 · Heft 46 (30.11.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 46 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46. Seite 5. Frankfurter JsraelktiMS FamilieuLlaÜ. Wien. Der Kaiser hat dem Industriellen Karl Katzau, einem Bruder des Kultusvorstehers und. Vorstandsmitgliedes der „Israelitischen Allianz zu Wien", Herrn Dr. Katzau, den Titel eines k a i s e.r - lichen Rates verliehen. Wien. Se. Majestät der Kaiser hat den Oberbergrat Ignaz Lasus den Titel eines k. Hofrates verliehen. — Dr. med. Keßler in S i s s e k ist zum »Stabsarzt ernannt worden. — IN Brunn feierten die Eheleute Oberlehrer i. P. Jakob Kahn und Frau Netti, geb. Freiwillig, ihre goldene Hoch'zeit. Budapest. Die älteste Frau Ungarns Frau Rösa Oser ge b. Albachary, ist hier im Alter von 109 Jahren gestorben. Sie erblickte in einem ungarischen Städtchen das Licht der Welt und heiratete im Alter von 17 Jähren den'Wiener Bankier Jakob Oser, der 1860 starb. Frau Oser erfreute sich bis zu ihreni Ende geistiger und körperlicher Rüstigkeit und ist niemals krank gewesen. Prag. Dem Großindustriellen Einanuel Grab wurde, der'Orden der Eisernen Krone'dritter Klasse verliehen. Brünn iOesterreich). Der seit 45 Jahren die hiesige Handelskammer im Landtage vertretende I u - l i u s R i t t e r v o n'G o m p e r z hat eine Wiederwahl abgelehnt und' ist an seiner'Statt kaiserl. Rat Arnold Grün selb als Wahlkandidat aufgestellt worden. ■ _ London. Wie gemeldet wird, wendete der Millionär Bischoffsheim, Chef des Bankhauses Bischoffsheim and Goldsmith, einer.Reihe von Londoner Wohltätigkeitsanstalten anläßlich seines goldenen Hochzeitstages insgesamt IM 000 Pfund zu. Bischoffsheim, welcher in Amsterdam geboren wurde und gegenwärtig 78 Jahre alt ist, ist mit einer Wienerin, der Bankierstochter Klarissa Biedermann, verheiratet. London. Herr Jsaac A. Joseph, bekannt durch seine Ehrenstellungen innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinschaft» feierte seinen 70. Geburtstag.—' Im Alter von 43 Jahren ist der angesehene Arzt Dr. Gustave S ch o r st e i n, ein Schwiegersohn Claude Montefiore's, verschieden. Petersburg. In vergangener Woche wurde das Jubiläum des bekaunten Gelehrten Dr. Albert Harkavy eines der hervorragendsten Orientalisten unserer Zeit mit einem grandiosen Bankett gefeiert. Glückwünsche, Depesche» und Adressen waren aus allen Ländern eingelaufen, u. a. von der Petersburger jüdischen Gemeinde, von der kaiserl. öffentlichen Bibliothek usw. Dr. Markon machte auf dem Bankett Mitteilung von einem großen wissenschaftlichen Sammelwerke, das zu Ehren des Jubilars unter Mitwirkung bekannter Gelehrten unter seiner Redaktion in Bälde erscheinen wird'. Dr. Harkavy wurde 1839 in Nowsgrub'ek geboren. . Sein Vater war ein wohlhabender Kaufmann und dabei ein gelehrter Talmudist. Harkavy besuchte die berühmte Jeschiwah in Woloshin und trat im Jahre 1858 in das neugegründete Rabbinerseminar zu Wilna, nach dessen Absolvierung er die Petersburger Universität bezog, wo er orientalische Philologie studierte. Er veröffentlichte schon vorher mehrere hebräische und russische Artikel im „Hakkarmel", den Fünn in hebräischer und russischer Sprache herausgab. 1867 erschien Harkavh's erstes Werk „Die Juden und die slavischen Sprachen" (hebräisch). Sein zweites 1870 erschienene Werk, „Berichte muselmännischer Schriftsteller über die Slave» und Russen" (russisch) verschaffte ihm den Rainen eines talentvollen Orientalisten, und er wurde von der Regierung zur weiteren Ausbildung nach Berlin und Paris, wo er unter Opperts Leitung arbeitete, gesandt. Vom Auslände zurückgekehrt, veröffentlichte er „lieber den Ursprünglichen Wohnsitz der Semiten, Europäer und Hamiten", wofür ihm der Titel „Doktor der Geschichte" zuteil ward. Im selben Jahre trat er in das Unterrichtsministerium und in die kaiserl. öffentliche Bibliothek ein - in der letzteren iwirkt er noch jetzt. Er erwarb sich ein besonderes Verdienst und großen Ruhm durch die kritische 'Bearbeitung und Herausgabe von' hebräischen, arabischen 2c. Manuskripten aus der kaiserlichen Bibliothek unter dem Namen „Studien und Mitteilungen aus der Petersburger kaiserlichen Bibliothek" (1875 bis jetzt) auch „Sikaronhe-rischönim uleachrouim", „Chadaschim gam jeschenim". Er machte auch im Aufträge der kaiserlichen Bibliothek und der Akademie der Wissenschaften mehrere Reisen zu wissenschaftlichen Zwecken, u. a. 1866 nach Palästina und Egypten. Mit besonderer Vorliebe aber beschäftigt sich Harkavy mit der Geschichte der Juden im Alten Rußland, Polen, Chazarenreiche, Krhm und K'aukäsien. 1872 erschien ' sein Werk „Erzählungen der hebräischen Schriftsteller über das Chazarenreich". 1875 ),Altjüdische 'Denkmäler aus der Krym", das viel wichtiges zur jüdischen Geschichte auf der taurischen Halbinsel enthält, besonders werden in dieser Schrift die karäischen Altertümer behandelt und die Arbeiten des bekannten Karäergelehrten und Rabbiners Türkowitz kritisch beleuchtet. 1881: Chasarische Briefe. 1884: Geschichte der Vierländersynode (Waad arbe arozet). Unter Harkavys Redaktion und mit seinen Anmerkungen erschienen die russische Ausgabe der „Geschichte der hebräischen Literatur" von Karpeles und einiger Teile der Grätz'schen „Geschichte der Indens. Auch die hebräische Ausgabe von Grätz's Geschichte durch Rabinowttz in Warschau enthält seine Anmerkungen, bi: auch in „Revue des etüdes juives" veröffentlicht wurden. Unter, seiner Redaktion erschienen auch durch,die., literarische Gesellschaft „Achiosaf" R. Jehuda Halevh's Erdichte. Harkavys zahlreiche- Arbeiten wurden veröffentlicht fast in allen hebräischen und jüdischen Zeitschriften, auch in den Memoiren der Petersburger kaiserl. Akademie der Wissenschaften u. a. m. H. ist Mitglied mehrerer russischer und ausländischer wissenschaftlicher Vereine, er erhielt mehrere Orden-und Auszeichnungen und ist kaiserl. russ. wirklicher Staatsrat. , - Harkavy ist ein religiöser und auch Nationaler Jude, obzwar er der offiziellen nationalen Partei nicht ängehört; er ist stolz auf sein Judentum und fördert mit großer Liebe die jüdische Wissenschaft und Literatur. M. S. Philadelphia. Meyer Frank, der Ehrenpräsident der Synagogengemeinde „Rodef Shalom", eierte seinen 85. G e b u r t's t a g.. Der Asus - Ponim. Aus dem Bachurim-Lebeu. Von P. I. K. (Fortsetzung.) Es kan: übrigens ganz so, wie Melech es vorausgesagt hatte. Die Schroffheit unserer Balboste war wirklich nur aus der Aufregung, in die sie durch die Krankheit ihres jüngsten Kindes — von der wir keine Ahnung hatten — versetzt wurde, entsprungen und sie war, als sie erfuhr, daß wir iticht zmn Morgenkaffee gekommen waren, sehr unangenehm überrascht. Sie schickte sofort das Mädchen nach uns, daS nicht lange suchen mußte, da wir alle drei vor dem Haustor warteten. „Nu, Ivollen wir denn nit mehr lachen?" empfing uns der Balbos. Wir ließen uns ' natürlich nicht lange bitten, und bald erschallte ein helles Lachen, irr welches — zum ersten Mal, seitdem wir an diesem Tische aßen — die Balboste, wahrscheinlich .ans Freude über die Genesung ihres Kindes, mitcinstimmte. Zwei Jahre, bis zu unserer Barmizwalsi) lernten wir in diesem Cheder. Als wir dann nach den Feiertagen, die wir im Kreise unserer Angehörigen zuhause verbracht hatten, wieder in die Fremde zogen, kamen wir in verschiedene Jeschiwoth. Erst nach fünf Jahren trafen wir in der Jeschiwah, in welcher Melech seine Hauptrolle spielte und von der ich nun erzählen will, wieder zusainmen. Wie inimer man über den Asusponim Lenken mag, daß sein sicheres und selbstbewußtes Auftreten ihm manche Vorteile sichert, wird jeder zugeben müssen. Von der Wahrheit dieses Satzes, überzeugte uns Melech schon in den ersten Tagen seiner Anwesenheit in der Jeschiwah. Man hat kaum eine Ahnung davon, wie schwer es einem neuen Bachnr fällt» sich Kösttage zu verschaffen. Meist sind die neuen Bachurim, wenn sie in die Jeschiwah komincn, ganz unbekannt, kennen niemand und werden von niemanden! gekannt, und da ist es denn auch kein Wunder, daß man ihre Bitten um einen Freitisch in der Regel abschlägt. Die meisten Balebatim sind entweder bereits mit Bachurim versehen oder heben die bei ihnen frei gewordenen Kosttage für bekannte, verwandte oder ihnen besonders empfohlene Bachurim auf.. In der Tat gelingt es nur den letzteren oder älteren, d. h. seit mehreren Semestern in der Jeschiwah weilenden Bachnrinr, sämtliche sieben Kösttage zu erhalten. Am dritten Abend nach seinem Eintreffen in die Jeschiwah überraschte mich Melech mit der Nachricht, daß er bereits im Besitze seiner Kosttage sei. „Alle?" fragte ich über alle Maßen erstaunt. „Natürlich," erwiderte er. „Was gibt es da zu staunen?" „Das macht Dir sobald keiner nach," sagte ich, ihn ehrlich bewundernd. „Sieben Kösttage aufzutreibcn ist doch Ivahrlich keine Kunst," sagte er so leichthin, daß ich ihn nur noch mehr bewunderte. „Wenn die Woche vierzehn Tage hätte, würde ich sie niir auch verschaffen .können." r) Konfirmation. „Wie inachst Du es?" fragte ich, nicht ohne Interesse. „Dein Unterricht in dieser Sache könnte mir sehr nützlich sein. Ich bin schon zwei Semanim-) hier und habe nicht mehr als fünf Kosttage erlangen können." '' „Was tust Du, weim ein Balbos Dir sagt, er kann nicht, er will nicht, oder tvenn er Dir sonst eine abschlägige Antwort erteilt?" antwortete Melech mit einer Gegenfrage. «Ich gehe eben' weiter. . Wo nichts, ist, da hat der.Kaiser das Recht verloren, sagt ein ^altes Sprichwort," , ' ' - „Das ist aber ein großer Fehler," belehrte mich Melech. „Man darf sich nicht abwerscn lassen. Dein Sprichwort ist falsch. Aus Nichts kann auch etwaswerden. Aus dem Nichts hat Gott die Welt erschaffen. Wenn ein Balbos sagt, er kann keinen Kosttäg geben, so ist es nicht immer wahr, was er sagt. Wenn aber ein Balbos sich erlauben darf, zu lügen, dann darf sich der Bachnr erlauben, zudringlich' zu sein; und je mehr inan es ist, desto eher erreicht man etwas." „Es ist nicht jedem gegeben, zudringlich zu sein," erwiderte ich. „Was einem nicht gegeben ist, muß man eben lernen," sagte Melech. „Ein wenig Chuzpöh kann niemals schaden. Mit ihr kommt man durch die Welt. Ich kann Dir aus Erfahrung sagen: je mehr Chuzpöh Dn den Balebatim gegenüber entwickeltst, desto ehr kommst Du mit ihnen aus." Während seines dreijährigen Aufenthaltes in dieser Jeschiwah hätte Melech noch oft Gelegenheit, seine Erfahrungen auf diesem Gebiete zu bereichern. In den größeren Jeschiwoth haben die Bachurim ihr eigenes Beth-hamidrasch,* 3) wo sie morgens und abends beten. In der Regel wird im Beth-hamidrasch später gebetet als in der Synagoge und wer sich verspätet und die Gebetszeit dort versäumt hat, findet' im Beth-hamidrasch immer noch ein Minjan. 4 5 6 7 8) Aber auch ständige Gäste besitzt das Beth-hamidrasch im Kreise der Balebatim. Die Lamdonim3), soweit sie nicht geschäftlich daran gehindert sind, ziehen es stets vor, im Beth-hamidrasch ihr Gebet zu verrichten. Zunächst ist es der Rabbi, der ebenfalls dort betet, der sie anzieht, aber auch mit den Bachurim Verkehren sie gern. Im Beth-hamidrasch haben sie die beste Gelegenheit, ihre Kenntnisse ausznsrischen und in: Pilpul°) mit den Bachurim schärfen sie ihren Geist und können die Welt von ihrer Gelehrsamkeit überzeugen. Für die minder begüterten Lamdonim hat das Beth-hamidrasch auch noch den Vorteil, daß sie dort auch solche Seforim-) finden, die sie selbst nicht besitzen, die ihnen aber beim Studium unentbehrlich sind. In jeder Jeschiwah gibt es Lamdönim, die wirkliche Gelehrte sind. Wo es aber wirkliche und echte Gelehrte gibt, dort gibt es auch — wie jeder weiß — Halb- und Viertelgelehrte, d. h. solche, die sich fiir Gelehrte halten, sich init dem Nimbus der Gelehrsamkeit umgeben, die es in Wirklichkeit aber nicht sind. Man nennt solche Leute gewöhnlich Pseudo gelehrte; im Jeschiwah-Jargon heißen sie: „Wässer-B'ne- Thora". Der Unterschied zwischen einem echten und einem falschen Lamdon ist nicht nur im Punkte des Wissens und der Gelehrsamkeit, sondern auch im äußeren Auftreten fundamental. Der echte, wahre Ben-Thora, der sich seines inneren Wertes wohl bewußt ist und der schließlich auch von der Menge willig anerkannt wird, gibt sich, wie er ist. Er hat nicht erst nötig, um jeden Preis glänzen zu wollen, er muß seine allgemeine Anerkennung nicht erst durch künstliche Mittel Herstellen, denn er wird trotz seiner Bescheidenheit und Zurückgezogenheit, oft auch wegen derselben allgemein geschätzt und hochgeachtet. Ganz anders verhält es sich mit dem Wasser- Ben-Thora. Was ihm an innerem Kern mangelt, das sucht er durch Aeußerlichkeiten zu ersetzen. Seine Pcothb) müssen mindestens um einen Zoll länger sein» -) Semester. 3) Lehrhaus. 4) Zehn Leute. Das Gebet soll in einer Versammlung von zehn erwachsenen Männern verrichtet werden. 5) Gelehrte. 6) Disput. 7) Bücher. 8) Stirnlocken.

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