Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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HrWlM« MrseMMS FMlienblM. Nr. 46. Seite 4. Dies war das Geheimnis, Lurch welches sich der Der. blichene die Achtung und die Liebe so iveiter Kreise erworben hat. Ihr Schmerz sehr geehrte Frau Kreisphysiküs um den Verlust Lines solchen Gatten möge, wenn nicht Trost, so doch Beruhigung und Linderung in den» Glücke finden, daß das Andenken Ihres teuren Verstorbenen bei Freunden und Bekannten stets in Ehren bleiben wird. Mit der Versicherung des aufrichtigsten Mitgefühls zeichne ich Hochachtungsvoll Dr. v. Stablewski." Oesterreich-Ungaru. Wie«. Bon 1868 — 19Ü3 wurden in Wien ca. 3100 Juden fahnenflüchtig und schlossen sich der herrschenden Religion an. Wie«. Der neue Ehrenbürger der Stadt Wien, Prinz Alois Lichtenstein, bekannt unter dem Namen „Der schwarze Prinz" und berühmt als ein gar:gewaltiger Antisemit, wird Niedcr-Oesterreich als Landmarschall beglücken. Budapest. Im Komitat Weißenburg wurde dieser Tage ein „Verband der Genossenschaften" gegründet, bei welcher Gelegenheit Bischof Dr. Prohaska folgendes sagte: „Die Intelligenz und der Adel, die Geistlichen und Laien müssen vereint an dem Ausbau des Genossenschaftswesen Mitwirken. Hiervon darf sie keinerlei Pression abbringen. Obwohl ich katholischer Geistlicher bin, bin ich doch gern bereft, Hand in Hand mit meinen reformierten Freunden an der Entwicklung des Genossenschaftswesen zu arbeiten." Der Herr Biscyof hätte noch 'hinzufügen können, daß die Vereinigung der beiden sonst nicht grade befreundeten Brüder geschehen soll — gegen die Juden. Großbritannien. London. Da in England bisher bei den Volkszählungen niemals nach dem Religionsbekenntnis der Einwohner gefragt wurde, so ist auch die Z a y l d e r I u d e n Englands bisher nur schätzniigswcisc bekannt geworden. Nach 'einem sehr umständlichen statistischen Verfahren ist nun S. Rosenvaum in London doch zu einem annähernd sicheren Ergebnis gelängt, wobei er solche religiöse Me, die zugleich weltliche Bedeutung haben, seinen Berechnungen zugrunde legte z. B. Eheschließungen, Beerdigungen, koschere Schlachtungen u. dgl. Danach stellte sich heraus, daß die jüdische Bevölkerung in Großbritannien etwas weniger als 240000 beträgt; auf England entfallen davon gut 200 000, wovon wieder gegen 150000 in London ihren Wohnsitz haben. Lo«do». Sonntagerube. Das Parlamentsnritglied Goddard Clarke hat im Unterhaus einen Gesetzentwurf betreffend die Sonntagsruhe eingebracht, der zum erstenmal auch den von jüdischer Seite erhobenen Forderungen entspricht. Der Entwurf verlangt einen vollen wöchentlichen Ruhetag für alle Angestellten und Arbeiter in gewerblichen Betrieben und setzt auch den Sonntag als den regelmäßigen Ruhetag fest. Er enthält aber einen Para-, graphen, der die den Sabbat heiligenden Personen' von dieser Bestimmung ausnimmt. Der betreffende Passus lautet: „Dieses Gesetz bezieht sich nicht auf solche Angestellte, die aus religiösen Gründen den siebenten Tag der Woche als Sabbat heiligen und sich tatsächlich an diesem Tage jeder Werkarbeit rntbaltcn, und es sollen solche Personen wegen ihrer Tätigkeit am ersten Tage der Woche keiner Bestrafung unterliegen, vorausgesetzt, daß diese Tätigkeit nicht andere Personen bei der Beobachtung des Sonntags stört." Unterzeichnet ist der Entwurf auch von den Abgeordneten George White, Corrie Grant, Sir Alfred Thomas, George Hardy, Ioxall, Cbarles E. Price und Steadman. Der letztere ist Sekretär der Trade Union, woraus zu ersehen ist, daß die Arbeiterbevölkerung den Vorschlägen Clarkes freundlich gegenübersteht. Rußland. Petersburg. Der jüdisch-wissenschaftliche Studentenverein hat verschiedene Abteilung organisiert: unter der Leitung des Barons David Gnnzbnrg für jüdische Philosophie, unter der Leitung von Dr. Katzenelnsohn für „Real-Enzyklopädie des Talmuds" und „Geschichte der jüdischen Sitten" undunter der Leitung des Studenten Bumann für „jüdische Bürgerrechte". Anfang Januar wird man noch zwei weitere Fächer hinzunehmen, „jüdische Geschichte" unter Dubnow und „hebräische Sprache" unter dem Studenten Finkelstein. Petersburg, 25. Nov. Die heute veröffentlichte halbamtliche Erklärung, in der Jndenf rage besagt im besonderen bezüglich der Verleihung des Rechtes an die Juden/ überall Land erwerben zu dürfen, und bezügliche der Aufhebung der jüdischen Ansiedlungsgrcnzen, die Erledigung dieser Fragen solle der Reichsduma Vorbehalten bleiben, weil derartige Maßregeln jetzt, zur Zeit der Mobilisation des gesamten Grundbesitzes, voreilig wären. Noch vor der Einberufung der Duma würden -folgende drei Maßregeln ausgeführt werden: Die Aufhebungder beschränkenden Polizeivorschriften in den 25 Gouvernements, die i n n e r h a l b der jüdischen Ansiedlungsgrenze liegen; die Veröffentlichung gleichartiger Bestimmungen für die Juden a u ß e r h a l b der Ansiedlungsgrenze und die Abschaffung der Handelsbehinder-, ungen für die Juden. Petersburg. Das jüdisch-nationale Wahlkomitee in Russisch-Polen hat für die Dumawahlen folgende Forderungen aufgestellt: 1. Demokratisierung der Regierungsform auf Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes der Bürger. 2. Vollberechtigung der Juden. 3. Dezentralisierung der Gesetzgebung. 4. Autonomie Polens mit der Sicherstellung der Rechte des jüdischen Volkes als einer der Minoritätsnationen. 5. Proportionalwahlrecht für alle Reichs-, Landes-, städtischen und Gemeindekörperschaften. 6. Oefsentlichkeitsrecht der jüdischen Sprache. 7. Das Recht auf den Sabbat als Ruhetag. 8. Selbstverwaltungsrecht in allen internen Angelegenheiten des Judentums. Warschau. Die Herausgabe einer jüdischen Enzyklopädie in russischer Sprache zu. 15 Bänden L 30 Bogen beabsichtigt eine Anzahl angesehenster Persönlichkeiten, so Dubnow, 'Hessen, Baron Günzburg u. Dr. Katzenelnsohn. Zur Herausgabe, die unter der Redaktion des Schriftstellers Efron geschehen soll, ist ein Kapital von 30 000 Rubel notwendig. Wilua. Bei Dr. Lurje, dem Redakteur der Zeitschrift „Das jüdische Volk", wurde eine Haussuchung vorgenommen und seine Privatbriefe beschlagnahmt. Richtgcsetzliche Schriften sind nicht vorgefunden worden. Amerika. Philadelphia. Wie s. Zt. berichtet, hinterließ der im vorigen Jahre verstorbene Rechtsgelehrte Moses A. Drop sie ein Kapital von über drei Millionen Mark mit der Bestimmung, damit eine Anstalt für das Studium der Bibel und der gesammten jüdischen Literatur zu gründen. Zu den Testamentsvollstreckern gehören die angesehensten Männer der amerikanischen Judenhcit, so Staatssekretär Oscar S. Straus, Richter Sulzberger und Dr. Harry Friedenwald. Nach mehreren vorausgcgangcnen Beratungen hat das Komitee der Testamentsvollstrecker in einer am 21. Oktober abgehaltenen Sitzung beschlossen, um die staatliche Bewilligung zur Gründung einer'Lehranstalt untcddem Namen „The Jewish llniversity, f o n n d e d b y M o s e s A. D r o p s i e" nachzusuchen. New-Aork. Das amerikanische jüdische Komitee ist nunmehr endgültig, konstituiert worden. Es wurden gewählt: Mayer . Sulzb e r ger (Philadelphia) zum Präsidenten, Juki an W. M a ck (Chicago) und I s i d o r N e w m a n (New- Aork) zu Vizepräsidenten, Elias Michael (St. Louis) zum Schatzmeister und in das Exekutiv-Komitee die folgenden Herren: Dr. Cyr ns Adler (Washington), H a r r y C n t l e r (Providence), AdolfKraus (Chicago), E. W. L e w i n - E p st e i n, Prof. M o r - risLoeb,Louis Marsh all,Dr. I. L. Magnes, Cyrus L. Sulz berge r (New-Dork) und Dr. I. Voorsanger (San Francisco). Folgende Resolution, die nach lebhafter Debatte angenommen wurde, zeichnet die Aufgaben des Komitees: „Der Zweck des Koinitccs ist. den' Bruch 'der bürgerlichen und der religiösen Rechte der Juden zu verhindern und die Folgen von Verfolgungen zu verringern. Bei drohender ober wirklicher Verweigerung oder Eingriff in solche Rechte oder wenn irgendwo Jude» betreffende.Katastrophen zur Hilfe anffordern, soll eine Korrespondenz eingeleitet werden mit den mit der Situation Vertrauten, und wenn die Personen an Ort und Stelle selbst imstande sind, Herr der Situation zu werden, so. soll von einer Mion abgesehen werden; ersuchen sie jedoch um Hilfe, so sollen die notwendigen Schritte unternommen werden." Personalien. Friedberg. Herr Julius Kaufmann-Schotten wurde in die Handelskammer gewählt. Mannheim, 26. Nov. Der »Verein kür Volksbildung" eröffnete heute die neue Volkslesehalle, zu deren Erbauung die jüngst verstorbene Frau Stadtrat Bernhard Kahn Wwe. 60000 J£ gestiftet hatte. Heidelberg. Der am 11. September in Breslau verstorbene Geh. Medizinalrat Professor- Dr. Hermann Cohn hat der hiesigen in e d i z i n i - schen Fakultät den Betrag von 10000 Mark vermacht. Mit den Zinsen dieses Kapitals sollen Preisaufgaben aus dem Gebiete der Augenheilkunde honoriert werden. Bei der von der Universität vorgenommenen Preisverteilung wurde sind. jur. Walter Jellinek mit dem Preis der juristischen Fakultät ausgezeichnet. Berlin. Die Trauerfeier für Professor Dr. Zabludowski, den Leiter der Massageanstalt der hiesigen Universität, fand heute mittag im Sterbehause, Kärlstraße 39 statt. Von der Universität waren im Aufträge des Rektors Geheimrat H e n b n e rr, Dekan der medizinischen Fakultät, und Geheimrat Wolfs erschienen. Die CharitS war durch ihre Direktoren und die dirigierenden Aerzte vertreten. Geheimrat Professor v. Bergmann, Professor L a ss a r, Geheimer Medizinalrat H o s f a und andere Freunde des Dahingeschiedenen nahmen ebenfalls an der Traucrfcier teil. Aus Moskau und Warschau hatten sich bekannte Aerzte eingesunken, um ihrem Landsmann die letzte Ehre zu erweisen. Im schwarz ausgeschlagenen Arbeitszimmer des Verstorbenen war die-Leiche ausgebahrt. Die Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Weiße.' Hamburg. Hier würde vorige Woche Frau Selma Heinemann, geb. Hirsch, Gattin des an der Talmud - Thoraschule wirkenden Oberlehrers Dr. Jvseph Heinemann, eine wegen ihrer vorzüglichen Charaktereigenschaften hoch angesehene Frau, zu Grabe getragen. Die Verstorbene war eine Kusine ihres Gatten, beide gehören einer seit Jahrhunderten in Mitteldeutschland ansässigen Räbbinerfamilie an. Der Urgroßvater, Rabbiner Meister Heinemann, amtierte noch anfangs des 19. Jahrhunderts in Sandersleben (Anhalt), der Großvater war unter der französischen Fremdherrschaft „Konsiskorialrat" in. Kassel und der Vater des .Dr. Joseph 'Heinemann, war der bekannte Rabbiner der Gemeinde in Gothenburg, Dr. Koppel Heinemann. Breslau. Der frühere Rittergutsbesitzer Samuel I a f f e, der den Feldzug von 1866 als Leutnant mitmachte und nach dem deutsch-französischen Kriege zum Ohxrleutnant avancierte, ist im Alter von 66 Jahren verschieden. Er gehörte dem Repräsentantcn-Kollegium der israelitischen Gemeinde und dem Vorstande der Israel. Krankenverpflcgungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft an. Seinen 94. Geburtstag feierte Herr Heimann Jarislawski, der Vater des Berliner Bankdireltors. Lörrach. Unsere Gemeinde bat ihren langjährigen Vorsteher verloren, Herrn MoritzNordmann, der sich in der ganzen Bevölkerung größten Ansehens erfreute und sich um hie jüdische Gemeinde besonders berdient gemacht hat, Bischheim i. Elsaß. Die Eheleute Leopold May und Henriette, geb. Lang, feierten ihre goldene Hochzeit. Herr May war früher Mitglied des Gemeindcrates und der Synagogenverwaltnng. Wien. Einer der bedeutendsten Dichter, die' Oesterreich in unserer Zeit hervorgebracht hat, ist bahingerafst worden. Jacob Julius David starb in einem- Mer, da andere eben zur ganzen größten Fülle ihrer geistigen Entfaltung aufstcigen, da die ruhige und in sich gefestigte Männlichkeit dem schaffenden Talent den Stoff am reichsten, anr klarsten, am bedeutungsvollsten in die Hände zu geben pflegt. Davids Schicksal war widrig und hart vost Anfang an, sein Leven schwer und mühevoll, seine Kunst der bitteren Not abgerungen, nicht, wie bei anderen, von der überquellenden Freude am Dasein ihm geschenkt. Und doch: Unfreundlich von der Natur bedacht, fast taub und so kurzsichtig, daß man ihn halbblind nennen konnte. Von körperlichen Schmerzen Viel heimgesucht, ist David in seiner Art ein glücklicher, an sein Ziel gekommener Mensch gewesen. Er stammte von einer armen Familie, hat sein Leben lang unter drückendsten Sorgen verbringen müssen, und doch — in seine Dichtung hat sich kein Echo seines drückenden Lebens geschlichen. Er litt Not und dichtete die schönsten Lieder. Davids Gedichte gehören, Ivas Wohlklang und Gefühlstiefe anlangt, zur schönsten österreichischen Lyrik. David schrieb eininal: „Ein Lyriker, dem kein Lied' gelingt, ist kein Lyriker." Ihn: sind solche Lieder, kurz, knapp, voll innerer Melodie, im schlichten Volkston prächtig gelungen. Es ist merkwürdig, dieser kurzsichtige, taube Bär — so schwerfällig imponierend trat David immer auf — hat die sanftesten Lieder von allen reichischen Poeten der letzten drei Jahrzehnte geschrieben. David schrieb auch Novellen und Dramen; von ersteren nennen wir „Am Wege gestorben", von letzteren „Hagars Sohn". Wien. Heute ftüh ist in einem hiesigen Sanatorium der Vizepräsident der niederösterreichischen Advokatenkammer Dr. Wilhelm Zucker im 59. Lebensjahre gestorben. Er war in Tschkyn.geboren, sein Bruder war der vor wenigen Wochen verstorbene hervorragende Strafrcchtslehrer Hofrat Prof. Dr. Alois Zucker. Dr. Wilhelm Zucker nahm in der Wiener Justizwclt eine hervorragende Stellung ein. Eine seiner letzten Arbeiten war eine Schrift über das Preßgesctz. Er war , auch außerhalb seines Berufskreises überaus geschätzt und beliebt. .Dr. Zucker starb unvermählt. — Anläßlich der in.Lüttich äbgehaltenen Weltausstellung hat König Leopold von Belgien an die leitenden Herren der . österreichischen Sektion Auszeichnungen verliehen, darunter, an folgende Herren jüdischen Glaubens: Baron Eugen v. K'ub i n z k y in seiner Eigenschaft als Mftglied 'der Jury superieur das Offizierskreuz des Leopoldordens; Ernst Hirsch, Chef der Firma D. G. Fischels Söhne in Niemes und Arnold Rosenthal in Böhm.-Leipa das Ritterkreuz des'Leopold-Ordens. Wien. Herrn Gottlieb Leb erer. Bizepräsisidenten des „Hilfsvereines für die notleidenden Juden Galiziens", wurde vom Kaiser das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens verliehen.