Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Franffurter JsraeMsHeL Familierrblaü. Seite 3. scheu Redakteuren ist das Judentum und auch das Reformjudentnm — wir glauben, mit dieser Behauptung keinem der Herreil zu nahe zu treten — höchst gleichgültig. Zu dem Thema Stadtverordnetenlvahlen wird uns ferner geschrieben: Große Freude herrscht im liberal-freisiniiig-dcmokratischen Lager. Das Wahlglück war bei den letzten Stadtverordnetenwahlen den koalierten Parteien, die allem Anscheine nach bereits völlig abgewirtschaftet hatten, noch einmal günstig und in den Armen liegen sich Magistrat und bisherige StaLtverordnctenmchrheit und weinen vor Schmerz und vor Freude; vor Schmerz — mußte man doch das schlimmste befürchten für die geheiligte christliche Simultauschnle — und vor Freude, daß sic ihren Popanz für die, die nicht alle werden, für die nächsten Wahlen gerettet haben. Die Stichwahlen werden sicherlich das Resultat der Hauptwahlen bestätigen. Das ist-recht erfreulich, wenn man berücksichtigt, daß die Besiegten die Mittelständler sind, jenes seltsame Pärteimischmasch, das nur Zusammenhalt findet durch das Bekenntnis zur konfessionellen Schule und entschiedensten Judenhaß; und daß die Wähler den vor zwei Jahren so sehr bevorzugten Nathansstürmcrn den Laufpaß gegeben haben, mag mit. rückhaltloser F,rcude konstatiert werden. > Eine andere Erscheinung der Wahlvorgänge kann eine freudige Genugtuung leider nicht Hervorrufen; das ist der, init einer Aiisnahmc, judenreine Wahlvorschlag der vereinigten Liberalen. Wir wissen nicht, in wieweit der jüdische Kandidat im Westend überhaupt als Jude zu gelten hat. Was mußten wir aber im Ostend erleben, wo ein jüdischer Generalstabschef die Wahlarbeit am Wahltage hauptsächlich mit jüdischer Unterstützung leitete? Während vor zwei Jahren sowohl die Nationalliberalen Ivie die Freisinndemokratcn neben Dr. Geiger je einen ganz ausgesprochen jüdischen Kandidaten nominiert hatten, war diesmal die gemeinsame Kandidatenliste «semitisch, obzwar die Koalition ohne die Mithülfe der ca. 1000 jüdischen Wähler, etwa 30°/'o der Wahlberechtigten, gar nicht an einen Sieg denken kann. Man behauptet allerdings, nur der Ausgang der damaligen Wahl, wo der christliche Kandidat des liberal-demokratischen Zettels siegte, während die jüdischen Kandidaten infolge zahlreicher Streichungen durchfielen, habe den judenreinen Vorschlag veranlaßt, und diese merkwürdige Wahlpolitik, welche die Inden als ein selbstverständliches Anhängsel der liberalen Parteien in Rechnung setzt, sei ganz besonders von jüdischer Seite auch 'deshalb unterstützt worden, weil jüdische Kandidaten — Antisemitismus hcrvorriefen! Mauschel, Manschet, treibe dein Unwesen nicht zrr weit! Auch die jüdischen Wähler tvcrden es einmal überdrüssig werden, sich von dir bevormunden zu lassen, und dann könnten auch deine „liberalen" Freunde zu ihrem Schrecken erfahren, daß ihre Herrschaft trotz aller Siege auf recht schwankenden Füßen steht. Darmstadt. Die Rabbiner und Vorsteher der i s r a e l i t i s ch e n R c l i g i o n s g e s e l l s ch a f t e u Da r m st a d t, Mainz, Gießen nnd Bingen haben der Kammer eine V o r st e l l u n g g c g e u den Gesetzentwurf bctr. die Berfassun g und V e r >o a l t u n g der israelitischen R eligionsgemeinden übergeben. Diese Petition ersucht die Kammer, den Regicrungscntwnrf in seiner jetzigen Form abzulchncii. Und zwar mit der Begründung, daß der Entwurf, tvenn er Gesetz werden sollte, „das bestehende Gute in Gesetzgebung und Verordnung aufheben, das in dem neuen Gesetz Gebotene aber zur Knechtung der Gewissen und 311 schwerer Gefährdung der Religion führen und einen Zustand schaffen würde, der zum Massenaustritt aus den: hessischen Judentum mit zwingendster Notwendigkeit drängte." Bei aller Anerkennung und Dankbarkeit für die guten Absichten der Regierung tviederholen die Petenten die dringende Bitte, diesem Gesetzentwurf der in der Neuschaffung einer israelitischen Oberbehörde bei Religionsangetegenhciten gipfelt und die Autorität der Rabbiner, selbst den Gemeinden gegenüber, bezüglich religiöser Fragen untergräbt, in seiner jetzigen Form die Zustimmung zu versagen. Darmstadt, 26. November. Gestern wurde die in der Bleichstraße neu erbaute Synagoge der israelitischen Religio ns gesellschaft feierlichst e i n g c w e i y t. Es hatte sich ein zahlreiches Publikum eingesunden. Darunter Herr Oberb n r g e r m e i st e r M 0 r n e w e g. Die Feierlichkeit wurde mit dem Mincha-Gcbet in dem bisherigen Lokale eingeleitet. Dann wurden unter Glockengeläute und Chorgesang die Thorarollen in das neue Gotteshaus übergeführt. Herr D r. Bodenheime r, der Vorsitzende des Vorstandes, hielt eine kurze Ansprache, Inder er die Eiwvcihung am Geburtstage des Landesherrn als ein gutes Omen bezeichnete und des Verelvigten Herrn Simon Bodenheimer, des eifrigen Förderers des Baues, besonders gedachte. Von dcir weiteren Rednern seien hervorgehoben: Herr Pr 0 f. W i ck 0 p, der Erbauer, und der Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft Herr Dr. Marx. Der Groß Herzog hatte bereits ani Samstag die Synagoge besucht nnd eingehend in Augenschein genommen. Die Synagoge macht sowohl in ihrem Inneren, wie in der äußeren Ausgestaltung einen ebenso imponierenden, wie künstlerisch vornehmen Eindruck. Sie ist in frühmittelalterlichem Stile, nach romanischer Art, auf dem Platze der früheren, 1872 errichteten Synagoge, die sich als zu klein erwies, in moderner Ausstattung in grauem Kalkstein'— die inneren Flächen auf rohem Verputz iir Kascinfarben gemalt — gebaut. Das Gebäude macht besonders durch den mächtigen Turmbau, der im Innern die hohe Kuppel enthält, einen imponierenden Eindruck. Karlsruhe, 25. Nov. Unter riesigem Andrange der hiesigen jüdischen Bevölkerung fand heute Abend eine große P r 0 t e st v e r s a m in l n n g gegen das neue Rcformgebetbuch des badischen Oberrats statt. Im Aufträge der Zionistischen Bereinigung referierte Herr Julius Simon-Mannheim, im Aufträge des Vereins zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums Herr Jakob R 0 senheim - Frankfurt a. M. Die große Menge der Zuhörer, die die wunderbaren Ausführungen der Referenten des öfter» mit stürmischein Beifall begleitete, folgte auch der sehr lebhaften Diskussion bis in die Mittcrnachtsstnnde und nahm mit allen 'gegen 7 Stimmen folgende Resolution an: „Die von der Zionistischeil Ortsgruppe in Karlsruhe lind von dem „Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden" einbernfene öffentliche Versammlung erklärt nach Anhörung der Referenten über die vom Großh. Oberrat Badens geplante Gebetbuchreform: Wir protestieren gegen die Tendenzen des Rcformgebetbuches auf das entschiedenste und erachten den Versuch des Oberrats für durchaus ungeeignet, das jüdische Empfinden nell zu beleben. Ein Gebetbuch, in dem alles eigenartig Jüdische gestrichen, das grundlegende Lehren des Judentums verleugnet und das im übrigen eine bedenkliche und unfreie Rücksichtnahme auf ungerechtfertigte Angriffe der Judenfeinde zeigt, wird vielmehr den« Schwinden religiösen Sinnes und dem Rückgang lebendiger jüdischer Empfindungen nur weiteren Vorschub leisten. Diese schädlichen Wirkungen müssen bei der Jugend verschärft in die Erscheinung treten, der man das Reformgebetbuch im Religionsunterricht vorzulegen gedenkt. Hier bedeuten die zum Teil sinnwidrige» Ucbersetzungen, die aus nichtigen Gründen den wahren Wortlaut des hebräischen Textes verschleiern, geradezu eine Erziehung zur Unaufrichtigkeit. Wir sprechen dem Oberrat das Recht ab, durch die Schaffung eines solchen Gebetbuches aus Gesaintmitteln das Gewissen der Einzelnen aufs schwerste zu belasten nnd lvir machen ihn auf die Folgen aufmerksam, die durch den unausbleiblichen Kampf, deil der Oberrat uns und anderen aufzwingt, für die Einheit der Juden Badens 'entstehen müssen." Diese Versamnllnng lvar ein glänzender Anfang der Bewegung gegen das badische Gebetbuch, die sicherlich die Synodalwahlcn bedeutend beeinflussen wird. Berlin. Bon den Russenausweisungen des Herrn v. Bethmann-Hollweg war es in letzter Zeit etwas stiller geworden. Wenn man daraus ab?r schließen wollte, das; diese Ausweisungen Weniger häufig verkämen oder doch weniger rigoros gehandhabt würden, so hätte man sich in einem schweren Irrtum befunden. Ein ganz besonders krasser Fäll weckt die Erinnerclng an die große Answeisnngskampagne dieses Frühjahrs und zeigt, daß nach wie vor dieselben „Grundsätze" eines rücksichtslosen Bnrcankratismus Geltung haben. Man schreibt dem „Berl. Tageblatt": „In der Kronleuchter- und Metallwarenfabrik von Heinrich Hansen, Berlin 8., Bergmannstr. 68, war s e i t M a i vorigen Jahres der jüdische Schlossergeselle Meier Strelecki, Saarbrückerstr. 7 wohnhaft, ein russischer Untertan, beschäftigt, und zwar zu besonderer Zufriedenheit der Fabrikleitung. Ende Oktober erhielt Strelecki, der zuletzt 40 Jk wöchentlich verdiente, den Ausweisungsbefehl, wie immer ohne Begründung. Am 27. Oktober wandte sich sein Arbeitgeber an das Polizeipräsidium. In der Eingabe der Fabrik wurde betont, daß Strelecki ein hervorragender, für die Fabrik geradezu unersetzlich gewordener Arbeiter sei, daß er sich nicht das mindeste habe zuschulden kommen lassen, daß er p olitisch sich 'absolut neutral verhalte, ja sogar sicb von Werkstattversammlungen fernhalte, daß er sein gutes Anskomnien habe, daß er sich auch 'bereit erklärt habe, sich naturalisieren zu lassen. Es war alles umsonst: Unterm 6. November wurde der Firma durch 'den Polizeipräsidenten in fünf Zeilen „eröffnet", daß „ihre Ausführungen dem Polizeipräsidenten keine Veranlassung geben könnten, die gegen den Strelecki, verfügte Ausweisung aus dem preußischen Staatsgebiete aufzuheben." Berlin. Statistik der jüdischen Gern e i n d e n Deutschlands. Das vom Verbände für Statistik der Juden begründete Bureau in Berlin- Halensee wird demnächst mit Unterstützung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums eine umfassende Arbeit über die jüdischen Gemeinden in Deutschland herausgeben. Es werden darin ans Grund des Materials, welches das Bureau von den Genicindevorständen erhalten hat, zum ersten Male zahlenmäßige Angaben für ganz Deutschland über Häufigkeit des Gottesdienstes, Benutzung von Orgel und Chorgesang, über die Kultusbeamten, die Befleuerungsverhältnisse,' sowie über die Agglomeration der Juden gegeben werden. Berlin. Die.Russische Korrespondenz" veröffentlicht die offizielle Darstellung über die Judenmetzelei in Siedlec, die der Rittmeister Pjetuchow von der Gendarmerie- Verwaltung der Stadt Siedlec unterm 27. Sept. an den Warschauer Generalgouverneur gerichtet hat. Nach' diesem Berichte fällt die ganze Schuld für die Ereignisse in Siedlec n u r aus den Oberste n T s ch a n 0 w s k y, den der provisorische Gcneralgouverneur des Gouvernements Siedlec, Generalmajor Engelke, am 10. Aug. zum Chef der Schutzgarnison der Stadt ernannt hatte. Dieses blutgierige Ungeheuer hat das Blutbad von Siedlec arrangiert, wie man eine Theatervorstellung vorbereitet; — zu seinem und seiner OffiziereBergnügen! Die Schuld fällt natürlich auch auf' Generalmajor Engelke und ans den Gouverneur, der in einem solch' wichtigen Momente die Gewalt aus seinen Händen ließ. Die Einzelheiten des Berichtes sind entsetzlich. So schlug der Oberst in einer Sitzung vor, eine Anzahl angesehenerBürger Siedlec's als Geiseln ins Gefängnis zu stecken nnd sie von einem Wahnsinn simulierenden Gefängnisbcamten nieder schießen oder Mit Arsenik vergiften zu lassen.Während des Blutbades sagte er zu einem Dragoner, der Um neue Patronen bat: „Es sind zu wenig Tote." — Die Blutbad-Arrangeure sind natürlich nicht zur Verantwortung gezogen worden. Hamburg. Gegen die Leitung des Vereins für Handlungs-Kommis von 1858 war in einer in Hamburg abgehaltenen Versammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens der Verdacht ' konfessioneller Befangenheit geäußert worden, und zwar durch die Erklärung, daß bei der Stellenvermittlung des Vereins die jüdischen Mitglieder nicht, oder nicht immer die gleiche Berücksichtigung erführen, wie die übrigen Mitglieder und ferner, daß in die Verwaltung Mitglieder jüdischen Glaubens nicht aufgenominen würden. Die Verwaltung des Vereins tritt diesem Vorwurf durch folgende Erklärung entgegen: „Träfen diese Anschuldigungen zu, so würden sie nicht nur Parteilichkeit der Organe unseres Vereins, sondern auch eine grobe Verletzung der Satzungen unseres Vereins bekunde». Das Glaubensbekenntnis seiner Mitglieder ist für unfern Verein in keiner Weise maßgebend und ist es auch nie gewesen, weder bei der Stellenvermittlung, noch bei irgend einer anderen Vereinsabteilung. Die Vorsteher unserer Stellenvermittlung walten ihres Aintes in jeder Beziehung streng unparteiisch. Die erwähnte Aeußerung bedeutet für sie eine unverdiente, durch nichts gerechtfertigte Kränkung. Die Ehrenämter in unserem Verein stehen den Mitgliedern j ü d. Glaubens so gut offen, mieden übrigen Mitgliedern. Politische oder religiöse Gesichtspunkte scheiden bei der Besetzung solcher Ehrenstellen, iin Einklang mit unseren Satzungen, völlig aus. Wir kümmern uns nicht um das Glaubensbekenntnis der Ehrenamtsinhaber unseres Vereins, zweifeln aber nicht, daß in iciisercm Verein eine Reihe von Ehrenämtern auch durch Mitglieder jüdischen Glaubens wahrgenommcn werden. Was die Verwaltung im besonderen betrifft, so ist der erste Schriftführer in ihrem Vorstande, Herr Gustav Jordan, jüdischen Glaubens. Gerade dieses Beispiel zeigt, daß in dem Vereine für die Ehrenamtslanfbahn lediglich die Befähigung und Arbcitssreudigkcit maßgebend sind, unter Ausschuß jeglicher politischen und religiösen Gesichtspunkte." (f.) Posen. Der Tod des Herrn Erzbischof Dr. v. Stablewski erweckt Erinnerungen, die beweisen, wie tolerant der Dayingeschiedene gewesen. Im Juni 1891 wurde ihm der Ehrenbürgerbrief von Wreschen überreicht, in dem Magistrat nnd Stadtverordneten auf die großen Verdienste hinwiesen, die sich der Erzbischof während feiner ^jährigen Tätigkeit in der Stadt Wreschen um dessen Gemeinwesen durch sietes Bemühen um die Erhaltung des konfessionellen Friedens erworben hat. — Bei Beginn der Judenbrwegung warnte er als Probst in Wreschen von der Kanzel herab die Versammelten vor Unfrieden mit den jüdischen Mitbewohnern. — Es dürste auch unsere Leser interessieren, Kenntnis von einem Schreiben zu nehmen, welches Herr Probst Dr. v. Stablewski an die Witwe des verstorbenen Königt. Krei'sphysikus Dr. Paradies in Wreschen richtete. Genanntes Schreiben, wovon ich eine Mschrist besitze, hat folgenden Wortlaut: „Sehr geehrte Frau! „Es gibt Schmerzen in denen jeder menschliche Trost vergeblich wäre nnd die nur lindern kann ein Aufblick nach Oben." Und doch sehr — sehr geehrte Frau, kann ich mir nicht versagen, Ihnen in diesen traurigen Stunden zu erklären, daß Ihr Schnierz auch unser Schmerz ist, daß, wenn Sic in dem Verblichenen mit Recht einen inniggeliebten Gatten betrauern, wir einen menschenfreundlichen, uneigennützigen Arzt und edlen Mitbürger betrauern. Er siel wie ein tapferer Soldat, als Opfer seines erhabenen Berufes. An seinem Grabe darf ihm deshalb das Zeugnis nicht versagt werden, daß er in seinem reinen aufrichtigen Herzen weder die Schranken der Religion noch der Nationalstät kannte, um seine Menschenliebe zu betätigen.