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Neue jüdische Presse · 1906-11-30 · Heft 46 (30.11.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 46 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Schweizers Genie sich offenbart. Der Schweizer ist kleinlich wie sein Leibgericht, und sein Horizont hat nur den Umfang und die Größe seines Leibgerichts. Spötter wollen sogar wissen, daß der Schweizer Himmel eine große Käsedecke ist und die Sterne an diesem Himmel blöde Käseklnmpen sind. Unter dem Schweizer Himmel hat noch kein Kant und kein Goethe das Licht der WeÜ er-» blickt, und Gottfried Keller war eben nur ein Schweizer-Goethe. — — — Der Schweizer ist nicht so gutmütig, aber so langwellig wie sein Leibgericht und dabei ein Pedant erster Güte. Ordnung ist die erste Bürgerpflicht, aber für den Schweizer ist die Ordnung überhaupt die einzige Pflicht des Bürgers. . . . Uebcrtritt oder verletzt er einmal selbst seine Ordnung, dann weiß er sich auch selbst diese. Verletzung zu verzeihen, verletzt aber ein anderer seine Ordnung, dann gibts kein Verzeihen.- Schweizerische Ordnung? Käsiges Gemüt, käsiges Temperament, aber wehe dem im „Schweizerländli", der menschliches oder gar allzu menschliches Gemüt sein seelisches Eigen nennt. Dem wird der Garaus gemacht, der wird mit versteinertem Käse Lombardiert. In der Schweiz studieren einige Tausend, jüdische junge Leute aus Rußland — darunter 1000 Mädchen. Die meisten dieser akademischen Musensöhne und Musentöchter sind zwar russische oder Allerweltspatrioten, reden nur russisch, sprechen nur in Sätzen aus Marx' Kapital, wie der altmodische Rabbi seine Konversation mit biblischen Sätzen zu schmücken pflegte —, sie obliegen ihren Studien oder auch nicht, machen jeden Augenblick „mündliche" Revolutionen und gehen gebeugten Hauptes ihren Weg. Aber sie behalten ihre Haartracht uilli ihre pechschwarze Kleidung und lernen nie das „Schwizer", vielmehr das „Berner Dütsch". Das ist gegen die Ordnung, ' gegen die Schweizer Ordnung. Dann kommt die brillante Käsepolitik des Schweizers und sagt: „Diese Lüt feieg Anarchischt e." Als Anarchist, als Weltzertrümmerer wird jeder „Russe" hier angesehen. — Daß man diesen langhaarigen Stammesgenossen anarchistischen Mut zutraut und sie des Anarchismus zeiht, ist typisch schweizerisch. Ich habe noch in meinem Leben keine feigeren Juden gesehen, als meine jungen stammesgenössischen Kommilitonen aus Rußland. Vor dem Wort Jude beben sie mehr zusammen, als vor der Kosakennagaikä im Plehweland. In Bern sind Chatzkel und Jente Russen und Russinnen,, Polen und Polinnen, Allerweltsnarren, Allerwelts-Taugenichtse, alles — nur keine Juden! — Kein Wunder: Wer will heute als „Reaktionär" verschrien werden? Nicht nur russisch-jüdische Studenten sind Kinder einer Revolution und Augenzeugen der Pogroms, sondern auch abendländische Kommerzienräte, die auf einen viertausendjährigen Levitenadel zurückblicken, zerreißen ihren Adelsbrief und lecken den Speichel um die Wette. Ich finde, daß die Abneigung — ich möchte fast sagen der Haß — der schweizerischen Bevölkerung gegen die „russische Kolonie" unberechtigt ist. Die Schweizer verdanken den „Russen" sehr viel. In der guten alten Zeit, bevor es noch in der Schweiz russische Kolonien gab, wußte jeder Schweizer nur von seinem Mayer und Keller, zwei bedeutenden schweizerischen Dichtern. Marx, Lassalle, Kautsky und wie alle die roten Mandarinen heißen mögen, waren nur Gemeingut der Professoren der Nationalökonomie. Heute weiß jede schweizerische Waschfrau, daß Marx ein historischer Materialist war, und daß Kautsky die Lehren des Meisters weiter verpflanzt. Meine Wirtin, eine biedere Käsehändlerin, frug mich noch gestern, ob ich auch „Marxischt" bin, urll> sie mußte zu ihrer größten Ueberraschung vernehmen, daß ich nicht zu den Jüngern des roten Meisters gehöre. Frankfurter Israelitisches Familrenblatt. „Also", fuhr meine Wirtin fort, „glauben Sie an nichts? — Ja, kein Chrischt, kein Marxischt, dann sind Sie doch ein Heide?" Ich sagte ihr zu ihrer Beruhigung, daß ich ein Jude, ein waschechter Jude bin. „Also ein Israelit", siel sie mir ins Wort. „Das i s ch t nett. Die Israeliten sind reiche und auch wohltätige Leute. Meine Kunden sind fast lauter Israeliten und bezahlen auch pünktlich^" Und abends reichte mir der Wirt hochachtungsvoll die Hand, indeni er zufügte: „Ich freue mich, einen Israeliten als Nachbar und Einlogierer zu haben. Die Israeliten sind reiche, wohltätige Leute und. zahlen pünktlich." Das Wort pünktlich betonte er scharf, und mir zitterte es am ganzen Körper. Pünktlich, das ist die Hauptsache. Und unsere Russen, zwar im Zahlen ebenfalls pünktlich, aber in ihrem Denken und Empfinden? Ich muß noch hinzufügen, in ihrem Umgang? Sie sprechen laut, gestikulieren heftig und blinzeln so wild, daß dem Schweizer seine Käseseele bebt und er jeden Augenblick die Explosion einer Bombe erwartet. Und, weil er den Russen fürchtet, meidet er ihn und haßt ihn. Aber, wie gesagt, die Furcht ist unbegründet. Mit Bomben spielt der „Russe" nicht, und die bis jetzt mit Bomben gespielt haben, waren nicht „Russen", sondern waschechte Russen. Aber mit Sprachbomben spielt der Russe. Das ist seine einzige Freude im Leben. Jüngst bombardierte mich ein „Russe", als ich ihm sagte, daß ich zu sehr die Freiheit liebe, als daß ich Sozialist sein könne, und ferner sei ich Jude und könne mir diesen Luxus nicht erlauben. „Sie Reaktionär, Sie Trepow, Sie Plehwe, Sie Finsterling, Sie Schcrgendiencr des Zarismus" und alles, weil ich ein Jude bin. So hat man immer seine Last. Maxime. Die Woche. Das liberale Judentum ist seit dem Wiedererwachen des nationalen Gedankens die Zielscheibe wiederholter Angriffe: Verrat ain jüdischen Volkstum, Fahnenflucht, bewußter Abfall, Entweihung des Heiligtums, Feigheit, Nachäffung, Strebertum u. dergl. mehr werden den Liberalen, oder — wie man sie schlechterdings nennt 1— Afsimilanten ins Gesicht geschleudert. Man bedenkt dabei nicht, daß das' liberale Judentum nicht eins ist, daß ein Unterschied zwischen Liberalen ohne Programm und liberalen mit Programm gemacht werben muß. Erstere sind' solche Juden, die jeglichen jüdischen Gefühls' bär sind, Leute, die für das Judentum und deren Träger, das jüdische Volk nichts übrig habe» und daher das Judentum als bloßes Nebel oder mit Heine zu sprechen: „als Unglück" hinnehmen, also entjudete Juden, für die wir ni cht mehr existieren. Was diese Kategorie von Juden'zu tun und zu lassen hat, ist nicht unsere Sache. Auch sie würden für uns nicht mehr existiert haben, wenn nicht das jüdische Gesetz sie »och immer als Juden ansehen würde. Nun gibt es „Liberale", die noch viel für ihr jüdisches Volk und dessen Kultur übrig haben, sie sind aber auf Grund ihrer Erziehung, sowie aus irrigen Voraussetzungen auf abschüssige Bahnen geraten. Mit diesen wollen >vir uns hier, soweit es der enge Rahmen einer Wochenruudschau gestattet, befassen. Welches sind nun die irrigen Voraussetzungen, die unsere „Liberalen" auf schiefe Bahnen bringen? Man glaubt ad eins: als Mensch, der einer freisinnige Weltanschauung huldigt, das jüdische Gebot, den jüdischen Brauch negieren zu müssen. Mau glaubt ad zwei: als Freisinniger die Pflicht zu haben, i u t e r u ä t i o n a l zu sein'. Nun ist, wie bekannt, das Judentum durchaus nicht als pure Konfession im landläufigen Sinne zn verstehen, das jüdische Gebot, der jüdische Brauch hat größtenteils einen sozialen oder nationalen Untergrund. Das konfessionelle Gewand, das denr Judentum augehängt worden ist, datiert jcr erst seit der Emanzipation der Juden, indem man glaubte, mit einer jüdischen Nr. 46. Gesetzgebung nicht um Gleichberechtigung angehcn zu dürfen und deshalb das Unbequeme hinwegleugnete — daß die Völker sich dies nicht iveiß machen ließen und daß schon eine bloße Konfession eben so hinderlich sein kann, ist längst bekannt —, allein cs ist gar nicht nötig, das mißgeratene Erbe der Emanzipicrer noch bis auf den heutigen Tag fortzuschleppen. Und das Internationale? 'Mer auch dieses ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. Geht doch die Ansicht der Wissenschaft von heute dahin, daß die nationale Gruppe»bildung der Menschheit eine Tatsache von großer kultureller Bedeutung ist. Man will des Nationalen enthoben sein, weil man angeblich liberal ist. Allein sind Barth, Peyer, Bebel, Cleinenceau, Jaurös weniger national, der eine weil er Liberaler oder Demokrat, der andere Radikaler oder Sozialist ist? Die Resolution des jüngsten Sozialisten-Kongresses zu Limoges lautet: „Der Kongreß bestätigt, daß die Nation und ihre Arbeiterklasse die gebieterische Pflicht haben, ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu verteidigen." Also die Völker, die einen Boden unter den Füßen haben, wollendas Nationale beibehalten! Unsere Liberalen sollten sich sagen: Nicht uns, nicht dem unsteten, bodenlosen Volke steht es zu, für den Internationalismus cinzntreten, sondern denen, die einen Boden besitzen. Uebrigens treten auch die Völker, die k e i n en besitzen, für das Nationale ein: warum sollten da gerade wir Juden für das Internationale eintreten, etwa weil wir ein starkes Maß von Eigenart nationaler und kultureller Natur besitzen?! Es bliebe noch der zlveite Faktor, die falsche Erziehung, die Unsere liberalen Juden als Juden genießen, zu erörtern; allein die Erziehung ist ein Ausfluß der irrigen Voraussetzung, daß Liberalsein heißt die Unverbindlichkeit dem überlieferten Gesetz und der jüdischen Nationalität gegenüber. Und dennoch gehören wir zu denjenigen, die nicht gerne au ihren andersdenkenden und andershandelnden Brüdern verzweifeln. Wir stinimcn vielmehr der Ansicht zu, daß eine" Wendung zum Guten (sowohl in religiöser >vie auch in nationaler Beziehung) im liberalen Lager zu konstatieren ist, und wenn man heute in liberalen Kreisen offen verlang!, auf das Trennende zwischen Judentum und Christentum noch 'in Kindesalter hinzuwcisen, so ist das Assimilations-Judentum von gestern, das beständig auf das Gleiche Und Gemeinschaftliche hinwies, dahin. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die vorwöchentlichen Stadtv e r o r d n e te » w ah lc n haben der Kölnischen Volkszeitung wieder einmal Veranlassung gegeben, ihr antisemitisches Herz, das sie sonst so gern verbirgt, zu zeigen. Das hervorragende Zentrumsblatt schreibt nämlich': „Bei der vorigen Wahl wird mancher da draußen mit einiger Verwunderung von dem Frankfurter Wahlkompromiß der positiven Protestanten und der Katholiken Kenntnis genommen haben. Eine solche Verwunderung ist abe! keineswegs am Platze; das vor zwei Jahren begründete und jetzt erneute Zusammengehen der positiv gerichteten Elemente beider chrifflichen Bekenntnisse ist nirgendwo so in den Verhältnissen begründet, als gerade in unserer schönen Mainstadt. Frankfurt ist sozusagen der Vorort jenes sogenannte» Neformjndentums radikalster Richtung, welches die Satzungen , des mosaischen Bekenntnisses gering schätzt, den Glauben der Väter längst preisgegeben hat, und für welches das Judentum nur noch den Gegensatz gegen alles positive Christliche bedeutet. Nirgendwo in Deutschland ist dieses radikale Neformjudentum so stark, übt dasselbe einen so weitgehenden Einfluß auf das öffentliche Leben aus, wie hier. Das erklärt sich insbesondere, daraus, daß hier das Verbreiteste, weitaus einflußreichste und am geschicktesten redigierte Organ jener Richtung erscheint, die Frankfurter Zeitung." Man kann dem Schreiber dieser Ausführungen das Kompliment machen, daß sein Urteil keineswegs durch Sachkenntnis getrübt ist. Denn das Reformjudentnm in Frankfurt ist eine Schattierung gemäßigter wie in den.anderen Großgemeinden. Auch hat die Frankfurter Zeitung mit dem Reformjudentum nicht das geringste zu schaffen; ein Teil ihrer Redakteure ist christlicher Religion und ihren jüdk-

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