Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 45 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692505--02841-2697476- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 45. Frankfurter Israelitisches FamMenblaÜ. Seite 11. um seine ölau-weiß-gelbe Fahne und entflammt in seinen Mitgliedern die Liebe zum Judentums durch eifrige - Pflege jüdischer Wissenschaft. Wir bemühen uns, durch das Studium der Vergangenheit des Judentums seine Gegenwart zu verstehen und für die Zukunft zu lernen. — Zuschriften für den B. I. St. sind zu richten an: Henry Unna, München, Rothmundstraße 6 UI., rechts. Frankfurt a. M. Zur Feier des zehnjährigen Bestehens des Vereins „Monte f i o r e" hatten sich' letzten Sonntag Abend die Mitglieder des Vorstandes und des Ausschusses zu einem Festessenim Restaurant Scheuer eingefunden. Auch der Ehrenpräsident des Vereins, Herr Rabbiner Dr. M. Horovitz war erschienen. Die Festlichkeit verlief in schönster Stimmung. Das Mahl wurde durch eine Reihe trefflicher Reden gewürzt. Es sprachen die Herren: Rabbiner Dr. M. Horovitz und Rabbiner Dr. I. Horovitz, Felix Meyer, der Vereinsvorsitzende, Dr. Heinemann, Dr. Löffler, Sigmund Singer und Max E i s e n k r ä m e r. Herr C o l l e m erfreute die Gesellschaft durch seinen vollendeten Gesang. Frankfurt a. M., 22. November. Verein M o n t e f i o r e. Der gestrige m u s i k a l i s ch - deklamatorische Abend nahm vor überfülltem Hause mit einem Präludium des Organisten MoritzMeier vom Schauspielhaus seinen Anfang. ■— Sodann ergriff der "Vorsitzende, Herr Felix- Meyer, das Wort zu einer Ansprache, in der er einen Rückblick auf das 10jährige Bestehen des Vereins gab. 'Von Herrn Rabbiner Dr. Horovitz gegründet, um den von auswärts - kommenden jungen Leuten ein Heim zu bieten und ihre Weiterbildung zu fördern, trat der „Montefiore" mit 46 Mitgliedern ins Dasein, und heute hat er 950 Mitglieder, zu welchem Erfolg besonders Herr Sigmund Singer, der die ersten sieben Jahre dem Verein Vorstand, ein gut Stück geleistet hat. Redner schließt mit der Aufforderung, daß jedes einzelne Mitglied ein Werber für den . „Montefiore" sein möge, damit er das Ziel erreiche, das ihm als Endziel vorschwebt. — Die Rede wurde mit großem Beifall applaudiert. Auch das nun folgende Programm entsprach in seine» Ausführungen vollauf den Erwartungen. Der Leistungen der Herren Collem und Dahlberg und des Fräulein Abclsheim sei als vorzüglich Erwähnung getan. Frankfurt a. M. Verein „Mekor-Chajim-. Letzten Sonntag hielt Herr Direktor Dr. G. Lange einen Vortrag über Koheleth. An Hand des hebräischen Textes zeigte der Redner, daß nicht, wie so gern behauptet wird, der Koheleth bis auf seine beiden letzten Verse Pessimismus predige, sondern, daß ein bewußter Optimismus das gesamte Buch durchziehe, so die freie Willensbestimmung des Mensche», seine 'Unsterblichkeit, daß das Gute des Guten wegen geschehen müsse usw. Frankfurt a. M. Verein für jüdische Geschichteund Literatur. Der Vortrag des Hrn. Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln über Maimonides Bedeutung fürJudentum und Christentum am vergangenen Montag nahm die beiden Hauptwerke Maimonides' Jad Hachasaka oder Mischne Thora und More Nebuchim zum Gegenständ der Behandlung. Die Mischne Thora gibt in 14 Büchern zum ersten Mal einen Auszug des gewaltigen Talmuds. Im More Nebuchim, das alle Gesetzesbestimmungen zu erklären sucht, zeigt M., daß das geoffenvarte Gesetz vor der kritischen Vernunft besteht Er sucht hier zwei Weltanschauungen, Judentum und die Philosophie des Aristoteles, in Verbindung zu bringen. Diese jüdische Denkarbeit ist von nachhaltigstem Einfluß auf die christliche Philosophie gewesen. Die.Scholastik hat aus dem More Nebuchim geschöpft — Albertus Magnus und. Thomas von Aquila—, so hat dieses Buch an der Renaissance mitgearbeitet, und seine Welten erstrecken sich bis zur neueren Philosophie, z. B. Leibniz und Kant. Bei der Judenheit dagegen fand das Buch zahlreiche Gegner. Salomo» ben Abraham zu Montpellier sprach den Bann darüber aus und veranlaßte 1235 die Dominikaner, die von dem Auch aufgegriffenen Exemplare zu verbrennen — hier lernten die Mönche das Verbrennen jüdischer Bücher und wiederholten diesen Gebrauch später häufig beim Talmud. — Auch Nachmanides war ein Gegner des More Nebuchim, während David Kim'chi zu seinen Freunden gehörte. Das Pro und das Kontra geht bis in die neueste Zeit, das letzte Werk, das in seinem- Geiste geschrieben, ist Gübemann's „Jüdische Apologetik". Gietze«. Am 11. ds. Mts. hielt Herr Provinzialrabbiner Dr. Hirsch selb im Verein öerSadbatfreundeeinen Vortrag über das Thema Talmudisch gelehrte Frauen. Er besprach in seiner Einleitung Frauenenranzipation, Frauenstudium und gelehrte Frauen im allgemeinen und ging dann auf sein eigentliches Thema über. - Beim jüdischen Volke finden wir schon in den ältesten Zeiten gelehrte Frauen, die sich natürlich fast durchweg mit dem Thorastu'dium beschäftigt haben. Redner erwähnt zuerst nichtjübische Frauen, die durch ihre nichtjüdisch'en Kenntnisse bekannt wurden, wie z. B. die gelehrte Königin Christine von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs und in unserer Zeit Nahida Remi (Ruth Lazarus), die bekanntlich auch zum Judentum übertrat. — Bei den Juden beschäftigten sich die 'Frauen seit den ältesten Zeiten mehr oder weniger mit dem Religionsstudium, um ihren religiösen Pflichten nachgehen zu können. Mehrere Frauen erwarben sich ein großes talmudisches Wissen, trotzdem einige Gelehrte — ähnlich den Gegnern der Frauenemanzipation unserer Zeit — sich geäußert haben: „Die Frau braucht nur das -Spinnrad zu kennen" u. d. g. — Die gelehrten Frauen jeder Zeit werden von ihren Zeitgenossen erwähnt und bewundert. Schon in der Bibel ist die Sunnamiterin bekannt, die, nach dem Talmud eine große Gelehrsamkeit besaß. Jni Talmud werden erwähnt: Deruria, die Frau des großen Rabbi Meir, die täglich 300 Halachot besprochen haben soll (Berachot, Pessachim) und von der mehrere Gespräche im Talmud enthalten sind. Die Magd des Rabbi Jehuda Hanassi, die den Schülern des großen Rabbi viele schwere Stellen erklärt hatte und die im Talmud in Eelehrtengesprächen oft als Autorität erwähnt wird. Ebenso die Magd des Rabbi Gamliel, die aber nicht so populär, wie ihre Kollegin ist. Jaltha, die Frau des Rabbi Rachman uud' a. m. — In späteren Zeiten, die schöne Radel. die Tochter Raschi's, die in 8lbwesenheit ihres Vaters religiöse Entscheidungen fällte und gelehrte Abhandlungen im Hebräischen geschrieben hat, wie Raschi selbst im „Hapardes" erwähnt. Die Frau des Rabbi Elieser 'aus Mainz, Verfasser des „Sefer - Rakoach". Sara, Tochter R. David Oppenheim's, die eine Megilla selbst schrieb, die noch jetzt in Prag am Purim gebraucht wird. (R. E. Flekels in seinen Gutachten), die Mutter R. Akiba Jgars in Posen, Frau Konsul Luzatto in Italien (starb 1871) und mehrere Andere. Zum Schluß besprach der Referent die Zwecke der Sabbat-Vereine und die Wichtigkeit der Frauenmitarbeit für die 'Sabbatheiligung. — Der Vortrag übte auf die vielen Hörer und Hörerinnen — der große Saal war überfüllt — einen tiefen Eindruck aus. M. S. Aus der Lehrerwett. Budapest. Im Alter von 85 Jahren verschied Herr Rabbiner Mordechai Schlesinger. Der Verblichene wirkte lange Jahre bei der hiesigen Schas- Chewra und war ein großer Talinuö-Chochom. Aus der zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Frankfurter Israelitischen Familienblattes gingen für den Nationälfonds ein: S. M. Goldschmib't, Amsterdam 3,— J£ Leop. Eisemann's Kinder, Laudenbach bei Mergentheim 0,60 Jk Vi der Sammlung bei der Hochzeit'von Frl. Selma Ettliuger mit Herrn Fritz Sondheimer 60,— 'Jk Stud. Phil. M. Sackheim, Gießen, gratuliert zur Vermählung des Herrn Fritz Sondheimer mit Frl. Selma Ettlinger 0,50 Jk Sclbstbesteuerung stud. Phil. Mi Sackheim 0,90 Jk 2 Kistchen Zigarrenspitzen gesammelt von Leopold Eisemanil's Kinder, Laudenbach. Briestnarken, Staniol von Frl. Tony Goldschmidt. Ferner gingen bei der Expedition für die russischen Waisenkinder ein: Gesammelt von Frl. Recha Hirsch, Frankfurt a. M., Hermesweg, auf der Hochzeit von Frl. Gertrud Heilbrun mit Herrn Lucien Steinberg, Offenburg, im Hotel Mayer, Cassel, 23,77 Jk Frankfurt a.M. ZionistischeBereinigung. Die für nächste Woche in Aussicht genommene größere öffentliche Versammlung findet nicht statt, da Herr N. Sokolow wegen amtlicher Verhinderiurg telegraphisch abgesagt hat und die Bemühungen, einen anderen Redner zu erhalten, bei der Kürze der Zeit ohne Erfolg waren. Am 16. Dezember wird in der Frankfurt-Loge eine Chanukafeier abgehalten werden, zu der bereits vielversprechende Vorbereitungen im Gange sind. Berlin. Die Palästina-Kommission gibt bekannt, daß im Februar n. I. auf dem von Herrn I. L. Goldberg-Wilna dem Nationalsonds geschenkten Terrain in Chederah der erste Oelbaumhain gepflanzt wird. Für den Herzl- Wald sind bis jetzt noch keine 1000 Bäume gespendet, während er aus 10 000 Bäumen bestehen muß. Die Palästinakommission ruft wiederholt in Erinnerimg, daß sich grade der Oelbaum, der langlebigste Repräsentant der Kulturpflanzen (er wird in der Regel 300—400 Jahre alt, mitunter aber noch viel älter), fiir nationale Stiftungen eigne. Auch ist der Oelbaum sehr ergiebig; ein Gebiet von 3000 Hektar mit 300000 Bäumen bepflanzt, würde bereits im 15. Jahre einen jährlichen Reinertrag von mindestens 90000 Fr. erzielen. Berlin. Die hiesige Misrachl-Gruppe ruft lauf Donnerstag, den 29. November, nach Äräsels Festsälen (Neue Friedrichstr. 35) eine öffentliche Versammlung ein. Herr Dr. L. Franck, Altona, wird über das Thema Gesetzestreues Judentnm und Zionismus sprechen. Wien. Palästinareise des zionist. Zentralvereines, Wien. Wie aus Jerusalem depeschiert wird, ist die Reisegesellschaft daselbst am 12. d. Mts. wohlbehalten angelangt. Seitens der jüdischen Bevölkerung wurde den Reiseteilnehmeru ein warmer Empfang bereitet. Auch der österr.-ung. Konsul hatte sich zur Begrüßung am Bahnhof eingcsnnden. Papa (Ungarn). Oberrabbiner Roth, ftüher Mitglied des Aktionskomitees, ist im Alter von 62 Fahren nach' langen Leiden verschieden. Der Verstorbene entstammte einer angesehenen Kanfmannsfamilie und gehörte selbst lange Jahre dem kaufmännischen Stande an. Vor etwa 15 Jahren wurde er von der orthodoxen Gemeinde zu Eperjes wegen seiner hervorragenden Thoragelehrsamkeit zum Rabbiner gewählt. Von da aus berief ihn dann die P'apüer Gemeinde an dis Spitze ihres Rabbinats. Von einer glühenden Liebe zuin Lande der Väter beseelt, hatte der Verstorbene den Mut, sich offen zum Zionismus zu bekennen, ja noch mehr: er schrieb eine Broschüre, in der er die Notwendigkeit des Zionismus vom orthodoxen Standpunkte begründete. Damals, als der Misrächi seinen Kongreß in Preßdurg abhielt und sich gegen diesen Kongreß ein unglaublicher Sturm seitens der orthodoxen Rabbiner Ungarns erhob, damals zeigte es sich, welcher Mut dazu gehört, sich in Ungarn als orthodoxer Rabbiner zum Zionismus zu bekennen. Diesen Mut wird dem Verstorbenen das jüdische Volk nicht vergessen. Basel. Mit dem abgelaufenen Bereinsjahre hat die hiesige Zionistische Vereinigung das neunte Jahr ihres Bestehens vollendet. Die gegenwärtige Mitgliederzahl beträgt 160 Mtivmitglieder und 7 Freimitglieder. London. Die Pauale-Zionisten Englands rufen den 23.—25. Dezember einen konstituierenden Parteitag zusammen. Die Tagesordnung der Tagungen ist, wie folgt, festgesetzt worden: 1) Eröffnung, Wahl des Präsidiums; -2) Berichte der Vereine; 3) Pogramm und Taktik; 4) Organisation und Agitation; 5) Stellung zu den jüdischen Parteien; 6) die Vereinigung mit den Genossen im Ausland; 7) Wahl des Zentralkomitees. — Anftagen wegen dieses Parteitages sind zu richten an: R. Kenjersky, 48 Mile End Rb., London. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Jerusalem, Anfang November. Zur Chacham Baschi-Wahl. Das „Vielleicht" hat, wie so häufig, auch bei der Chacham Baschi-Wahl seine Rolle gespielt. Daß sie R. Jakob Meir nicht für den ganz geeigneten Mann hielten, daraus machten viele kern Hehl. „Vielleicht" ist er es aber dennoch, vielleicht! und sie warfen sichln den Staub hin vor ihm. —.Werden aber diesen Vielleichtmenschen noch immer nicht die Augen ausgehen? Oder sind sie'ganz mit Blindheit geschlagen? Leider scheint dem so. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man sieht, wie wenig das Verbrechen auf die Leute gewirkt hat, welches letzthin an Valero begangen wurde. — Wer Valero ist? Ein mehrfacher Millionär, Besitzer mehrerer Orden, der einem Bankgeschäft vorsteht, das in den Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts von einem längst verstorbenen Bruder gegründet wurde. Solid, schlicht-aber grundehrlich, genießt der gegenwärtige Chef der Firina, ein Mann nahe den sechzig, in Wien, Paris und London das größte Vertrauen. Natürlich hat er auch'immer die erste Rolle in der Gemeinde gespielt. Er war lange Jahre Vorsteher, und es sei zu feinem Lobe gesagt, daß er erst neulich seiner Gemeinde zum Zwecke eines Alterversorgungshauses ein Grundstück geschenkt hat, welches einen Wert von 20000 Franken repräsentiert. Wie jeder bessere Jehudi in der heiligen Stadt, ist auch Valero ein Gegner des I. Meir. Diese Gegnerschaft hat er offen bekundet, indem er mit der Trauung seines Sohnes, der neulich geheiratet, nicht den Monsieur le „grand rabbin" betraute. „Diese Rechtsverletzung fordert Blut!" galt die Parole, lind die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Valero erhält aus London den Auftrag, eine gewisse Summe an die Armen zu verteilen, der „grand rabbin" erfährt es, unvorsichtiger Weise, durch Valero selbst. Dieser eilt nun zum Paschah und veranlaßt, daß Valero eingekerkert wird. Nach achtstündiger Haft ist er zwar in Freiheit gesetzt worden, aber das Damoklesschwert schwebt noch immer über seinem Haupte. Die erhaltene Summe hat er gegen den Willen seines Auftraggebers dem Paschah einhändigen müssen, von dem sie dann zu Rabbi Jakob Meir gewandert ist; des sernern aber heißt es, wenn er (Valero) sich nicht einverstanden erklären wird' mit den Forderungen, die an ihn gestellt werden," so wird er dorthin verschickt werden, woher es keine Rückkehr gibt. Da habt ihr Jerusalemer die erste grandiose Tat des neuen „grand rabbins". Die „Vielleichtmänner" mit ihren Mtweibernaturen hüllen sich -aber immer in tiefes Schweigen. — Wir haben Uns in unseren