Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 45 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches FamilienRatt. ' Nr. 45. Welt gefördert werden, ohne daß selbst der palästinensische Charakter der Bank zn leiden brauchte. Im Gegenteil, die materielle Stärkung der Bank kann ihren, durch das Statut fcstgelegtcn ideellen Zwecken nur zu Gute kommen. So war es ein schwerer geschäftlicher Fehler, daß den Juden in Südafrika, die seit langem um eine Filiale petitionieren, diese nicht gewährt worden ist. Es. war aber mehr als ein großer geschäftlicher Fehler. Filialen der Bank in aller Welt würden moralische Erfolge des zionistischen Judentums bedeuten, sic wären Respekt gebietende Repräsentanten einer national-jüdischen Weltorganisation und eines Kapitals, das nur mit dem jüdischen Volk und nur für das jüdische Volk arbeitet. Sehr schwer muß es das Ansehen der Bank schädigen, daß über den von ihr gesammelten Hilfsfonds für die russischenJuden kein Ausweis gegeben wurde. Nur soviel verlautete, daß ein Teil der Spenden von den provisorisch mit ihrer Verwaltung betrauten russischen A.-C.-Mitgliedern zur Gründung eines Jnformationsbureaus im Orient verwandt worden ist. Nr. 35, S. 9.) Es verstößt aufs schwerste gegen Treu 4r,nd Glauben und verdient schärfste Mißbilligung, daß Spendensummen zu Zwecken verwendet werden, von denen die Spender keine Ahnung haben konnten. Und dies umsomehr, als sogar der Zweck, dem die Gelder zugeführt wurden, als verfehlt und. gefährlich bezeichnet werden muß. Die Gründung eines Jnformationsbureaus in Jaffa ist gefährlich, weil, es schon durch seine Existenz den landflüchtigen Juden, die jedem Hoffnungsschimmer gern folgen, eine Ermutigung zu unüberlegter Einwanderung in Palästina ist, und diese Gründung ist überdies verfehlt, wenn Herr Davis Trietsch an der Spitze steht, dessen Kompetenz, als Berater urteilsloser Einwanderer zu fungieren, weder durch seine ganze Vergangenheit, noch durch einen mehrmonatlichen (!) Aufenthalt in Palästina hinreichend gegeben ist. Diese Kompetenz erscheint gewiß auch dadurch nicht sicherer, daß der kurze Aufenthalt im Lande für Herrn Trietsch genügt hat, ihn von dem Segen der Chalukkah und der Dringlichkeit eines Friedhofes in Gaza zu überzeugen und ihn zur Herausgabe eines Palästina-Handbuches zu befähigen, das der jüdische Verlag uns zugänglich zu machen gegenwärtig als seine wichtigste Aufgabe anzusehen scheint! So betrübend also die Betrachtung . der Jahreskonferenz in allen Punkten ausfällt, ein tröstliches Bild hat sie doch auch geboten: sie hat gezeigt, daß auch in der Leitung der Bewegung noch Männer sitzen, die „nicht zulassen werden, daß Herzl's politisches Ideal zerstört wird", Männer, welche fähig und willig sind, die Situation zu retten, das alte Banner zum neuen Streit voranzutragen. Das betrübende Schweigen der Paladine Herzl's, das die zionezionistischen Tendenzen vollends überwuchern und weite Kreise der politischen Zionisten dumpfer Entmutigung verfallen ließ, ist endlich gebrochen. Wir haben nun die Gewißheit, daß der Nachfolger Herzl's in seinem Geiste weiterzuwirken bemüht ist und daß auch von anderen Mitgliedern des A.--C. der politische Standpunkt mit alter Verve vertreten wird. Alles Wohl und Wehe der Bewegung, ihre ganze Existenz als politisch - nationale Weltorganisation der Juden heit muß auf dem 8. Kongresse zur Entscheidung kommen. Wird er die Bewegung in der verhängnisvollen Richtung, die der 7. Kongreß ihr gegeben, festhalten und weitertreiben, dann müssen die stolzen Hoffnungen, die idealen Ewigkeitswerte, die weite Kreise unseres Volkes mit dem Begriff „Zionismus" so gern verknüpften, endgültig schwinden. Ein großes, herrliches Kapital an ehrlichem Enthusiasmus wäre nutzlos vertan und Zurückbleiben von alledem würde nichts als eine Fülle bitterer Resignation und — ein Häufchen kleiner und kleinster Palästinaprojekte, die solchen Aufwandes an großen Worten und stolzen Prätcnsionen nie bedurft hätten! Dahin darf es nicht kommen. Alle guten Geister des Zionismus müssen aufgerüttelt, alle Kräfte müssen zusammengenommen werden, um diealte Größe der Idee, die jeden Anhänger mit so viel glückhafter Siegesgewißheiterfüllte,um den altenWegwiederzufinden, der zu so ungeahnten Erfolgen geführt hatte. Der 8. Kongreß muß dort anknüpfcn, wo der 6. Kongreß geendet hat: der Zug historischer Bedeutsamkeit, der dem letzte» Kongreß mit Herzl inncwohnte, muß auch den kommenden wirrer beherrschen. Wir müssen zurückkehren zu. einer großzügigen Gegenwarts- und Zukunftspolitik, die unser Volk erwecken, die verfolgten Rassen national konzentrieren und der Gesamtheit den Staat in der alten Heimat schaffen soll. Wir müssen dem Zionismus die Stellung inr Judentum und in der Welt zurückerobern, ohne die er nicht gedacht werden kann: jetzt und in aller Zukunft der Befreier des jüdischen Volkes zu sein! Das Schiff hat sich auf die Seite gelegt. Alle Mann an Bord, daß es wieder flott werde und seine Fahne wieder stolz und froh im Winde flattern lasse! Auf zur Wahlkampagne für den 8. Kongreß! Aus Ungar«. Ungarn ist ein herrliches Land, das in mancher Beziehung wohl einen Vergleich mit den Nheinlandcn anshalten dürfte, aber ich bin nicht Heinrich Heine. Ich bin daher überzeugt, daß cs mir nicht allzu schwer fallen wird, von Ihnen einen Verzicht auf die genaue Schilderung meiner Reise nach Budapest zur zionischen Landeskonferenz, die jetzt schon einige Zeit zurückliegt, zu erlangen. Also — c'cst faxt. Von einer Episode meiner Fahrt jedoch will ich Ihnen trotzdem Bericht erstatten. Dort, wo die blaue Donau — einen Eid darauf leisten, daß sie wirklich blau ist, möchte ich nicht — die bekannte große Wendung nach Süden macht, um in gerader Richtung zur Hauptstadt zu fluten, liegt die gute Stadt W a i tz e n. Diese aber ist dadurch bekannt, daß sie zwei ziemlich unduldsame geistliche Größen in ihren Mauern birgt. Erstens den Bischof von Maitzen, einen Grafen Csäky, der sich seinerzeit in einem berüchtigt gewordenen Interview dahin äußerte, daß wir in Ungarn ganz andere Sorgen hätten, als daß uns die Judenabschlachtungen in Rußland touchieren könnten; zweitens — „lehawdil" — den Rabbi Josua Silberstein, der wahrscheinlich fest davon überzeugt ist, daß das über die russischen Juden hereingebrochene Gottesgericht dem bösen Zionismus und Misrachismus auf das Schuldkonto zu schreiben ist. Sie werden es nun wohl begreiflich finden, daß »lan vor einem so interessante» Orte nicht vorüberfährt, ohne auszusteigen. Nun — ich fuhr auch nicht vorüber, sondern stieg aus. Außer der katholischen „Kehilla" des Grafen Csuky und der orthodox-jüdischen des Rabbi Josua Silberstein gibt es in Waitzen zum Ueberfluß auch noch eine sogenannte Status-quo-Genicinde. Herrgott, in Deinem Reich — welche unheilvolle Zersplitterung und Verschwendung jüdischen Geldes findet durch die Erhaltung solcher zweier Gemeinden statt, zwischen denen ein prinzipieller Gegensatz kaum fcstzustellen ist. Zwei Rabbinen mit dem dazu gehörigen Stab von Kultusbeamten, zwei Tempel, zwei Schulen, zwei rituelle Badehäuser! Die Gemeindemitglieder spürens auch, daß ihnen alle Nippen krachen! Es war ein Freitag und ich ging am Abend zum Gottesdienst in den Status-quo-Tempel. Es ging hier sehr nett zu. Nur verdroß mich ein gewisses Kokettieren mit den Auswüchsen moderner Reformers. Unter anderem: ich glaube nicht, baß der jüdische Tempel der richtige Ort zum Austausch jourmäßiger Höflichkeitssormen zwischen den Kultusbeamten und Somuitäten der Gemeinde ist. Man katzenbuckelt sich so angelegentlich über mehrere Bankreihen hinweg, vom Rabbiner angefangen bis zum Unterschäines hinab, daß man darüber über den eigentlichen Zweck des Tempelbesuches irre werden könnte. Abgesehen hiervon aber ging es, wie gesagt, gairz anständig zu. Kann es denn in einem Tempel auch anders als anständig zugehen, werden Sie fragen? Nur sachte, wir werden es gleich sehen. Am andern Tag zu „Mußaf" ging ich in den orthodoxen Tempel. Noch im Vorhof brandete an mein Ohr vielsagend das Geräusch eines wüsten Lärmens. Beim Eingänge mußte ich mir den Weg mitten durch eine Schär sich balgender halbwüchsiger Bengel erzwingen, die, unbekümmert um den Ort, wo sie sich befanden, sich die Gebetbücher an de» Kopf warfen, mit Püffen regalicrten und die Talesim von den Schultern rissen. Um von der respektablen Länge der „Peies" zu schließen, müssen das schon mindestens Frequentanten der Talmnd-Thora-Schule gewesen sein. Die gottesdienstliche Handlung war bereits im Zuge, ging aber vollständig unter im schallenden, jahrmarktähnlichen Lärm der allgemein und ganz ungezwungen von Bank zu Bank oft mit Ueberspringnng von einigen Bänken geführten Unterhaltung. Hier und da durchbrach die Stimme des „Koreh" für einen Augenblick den Trubel. Nie hatte ich noch etwas so Rüdes und Anwiderndes erlebt. Als ob diese Leute ausschließlich nur zu dem Zwecke in den Tempel gekommen wären, um sich von ihrem durch sechs Tage hindurch angesammelten Tratsche zu befreien. Keine Spur , von Andacht und Pietät. Das also war die Wirkungsstätte jenes Mannes, der den Zionismus als den bösesten Feind des Judentums ansieht! Wenn nur der Zionismus aus dem Felde geschlagen ist, dann ist in der frommen Herde auch Alles in Ordnung. Ich drückte mich zu allerunterst in einen Winkel und kam neben einen kernigen Alten zu stehen, der über seine Hornbrille hinweg lustig in den Gesprächsstrudcl mitschwamm. Endlich wandte er sich mir zn, und es entwickelte sich zwischen uns folgendes Zwiegespräch: „Von wo „sinten" Sie?" „Von Camtschatka." „Hm. Wo ist das?" „Gleich hinter Pest." „Mit was handeln Sie?" „Mit alte „Neweres". Daraufhin ein böser Blick und verächtlicher Abbruch der Beziehungen. Vor mir gings besonders heiß her. Das Geschnatter erstreckte sich über drei Bänke. Es wurde darüber debattiert, ob in Waitzen, wo es bereits zwei konservative Gemeinden gebe, die Möglichkeit einer dritten Gemeindebildung auf ebenderselben Grundlage vorhanden sei. (Schluß folgt.) Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Dem soeben erschienenen Bericht der Suppcnanstalt für israelit. Arme (Vorsitzender: Moritz N. Oppenheim) entnchincn wir über die Tätigkeit dieser Anstalt: „Wir verabreichten: an Kinder 24442 Portionen an hiesige Erwachsene 13211 „ an durchreisende Arme 7485 „ an zahlende Personen 6626 ., an Kranke und Wöchnerinnen 4766 „ während der Pesachtage 2720 „ und im Sommerhalbjahr_ 9530 „ insgesamt 68780 Portionen. Wenn auch unsere Anstalt im Sommer offiziell geschlossen ist, so öffnen wir dennoch ihre Pforten den sanken und den Durchreisenden und nehinen uns auch während dieser Zeit der Wöchnerinnen an. Auch eine größere Zahl von Lehrlingen und Handwerkexn, welche nur geringen Verdienst haben, erhielten in den Sommermonaten gegen die kleine Vergütung von 20 Pfg. per Portion einen kräftigen Mittagstisch. Speziell den durchreisenden russischen Juden bot Unsere Anstalt — den Rahmen ihres eigentlichen Wirkungskreises erweiternd — wiederholt gastliche Aufnahme." Eine Rechnungs-Aufstellung und Vermögensübersicht ist dem Bericht nicht beigegeben; da die meisten Mitglieder die Generalversammlung nicht besuchen, so wäre solches aber am Plätze. München. Der Verein jüdischer Studenten feierte am 10. November seine Semesterantrittskneipe. Der zahlreiche Besuch bewies wiederum, einen wie großen Anklang unsere Tendenzen soivohl bei der hiesigen jüdischen Studentenschaft als auch: bei der Bürgerschaft gefunden haben. Der B. I. St. versammelte "von jeher die bewußt-jüdischem Studenten