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Neue jüdische Presse · 1906-11-23 · Heft 45 (23.11.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 45 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nein, wir sparen und sparen bis zum jüngsten Tag, weil wir lein Verständnis für die sozialen Erfordernisse unserer Zeit haben, wobei leider unter „wir" ein jüdisches Kollegium zu verstehen ist. — Köln a. Rh. Die Repräsentantenwahlen hat der Vorstand der isracl. Gemeinde auf den 10. und 11. Dezember für die dritte -Wählerklasse, auf den 12. Dezember für die zweite Wählerklasse und auf den 13.' Dezember für die erste Wählcrklasse festgesetzt. Die Bedeutung der Wahl ist deshalb keine große, weil die Leitung der Gemeinde in den Händen des Vorstandes liegt und das Recht der Repräsentanten mit Geldbewilligungen und der Wahl der Vorstandsmitglieder bereits erschöpft ist. Stuttgart. Das Landesasyl in Sontheim bei Heilbronn, das dazu bestimmt ist, alten und erwerbsunfähigen Israeliten des Landes Aufnahme zu gewähren, ist so weit im Bau vorangeschritten, daß die Einweihung nächstes Frühjahr stattfinden dürfte. Das Gebäude ist von einem abgeschlossenen Garten umgeben und ist zweckentsprechend eingerichtet. In einem dem Vereinsvorstand zugegangenen Kabinettschreiben hat der König bestimmt, daß das Asyl den Namen „Wilhelmsruh" führen soll. Eine Reihe von Gönnern der Anstalt hat bereits die Mittel für die Einrichtung einzelner Zimmer zur Verfügung gestellt. Diersburg (Baden). Jüngst - fand hier eine Thoraeinweihung statt und verlief in glänzender Weise. Von Nah und Fern waren Gäste hcrbeigeströmt, um an dem seltenen Feste teilzunehmen. — Der Zug bewegte sich vom Hause des Stifters durch den Ort und von da aus in die festlich geschmückte Synagoge; es beteiligten sich an dem Festzug nicht nur Israeliten, sondern auch der Bürgermeister, sowie Gemeinderatsmitglieder und noch viele christliche Einwohner. Auch die Herrschaften Freiherr von Röder und Gemahlin, sowie Baron von Reischach, und Schwester beteiligten sich au dem Festzug und Gottesdienst. Herr Bezirksrabbiner Dr. Rawicz aus Ofsenburg hielt in der Synagoge eine wohl durchdachte Predigt. Herr Kantor Bruchsaler aus Bühl (ein gebürtiger Diersburger) leitete abwechselnd mit Herrn Lehrer Heller, hier, den Hauptgottesbienst und wurde dabei bon dem Synagogcnchor in vollendeter Weise unterstützt. — Das Bankett begann 1% 'Ulj'r in dem neu erbauten Saale zum badischen Hof 'mit abwechselnden Toasten. — Die ist. Gemeinde kann mit Stolz auf dieses schöne Fest zurückblicken. Küstrür. Seitens der Stadtverorbneten- De r sam m lu n g ist in ihrer Sitzung vom 14. d. M. nach warmer Befürwortung durch den Ersten Bürgermeister und andere Redner mit großer Stimmenmehrheit die Aufhebung des vor zivei Jahren erlassenen V erb o t s d e s S ch ä ch t c n s im hiesigen städtischen Schlachthose beschlossen worden. Peine (Hannover). Die Grundsteinlegung der neuenSynagoge wird in allernächster Zeit stattfinben. ' Posen. Stiftung. Die Söbne des ber- - storbenen Kommerzienrats Kantorowicz, Hans und Dr. Ludwig Kantorowicz, haben zum Gedächtnis an ihre Eltern dem Magistrat ein Kapital von 20 000 J& zur Errichtung einer „Ad o l f un d Cer l i n e K an - torowicz'sche Stiftung" überwiesen, deren Zinsen .am 7.. Oktober und 16. November jeden Jahres, den Geburtstagen der Eltern, an je zwei bedürftige Gewerbetreibende der Stadt Posen verteilt werden sollen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Daß Oberlandesgericht hot den Verteidiger in dem Banknotenfälschcr - Prozeß Nachum Schapira, Dr. Sigmund Hofmokl, auf zwei Monate von der Advokatur ausgeschlossen. Hofmokl hatte in der Verharrdlung solgcnve Aeußerungen getan: „Man hat mir hier, die Beweismittel zur Verteidigung unterschlagen." „Nun jä, der Jude wird allenfalls verbrannt", wegen welcher Aeußerungen er bereits während der Verhandlung zu 200 Kr. verurteilt worden war. Budapest. Der Vorstand der Israelitischen Kultus gemeinde hat am 12. b. M. beschlossen, ein jüdisches Gymnasium zu errichten. — Geschehen Zeichen und Wunder? Eine „neologe", magyarisch-nationale. Gemeinde ein jüdisches Gymnasium? Mir schwindelt's! Temesvar, 17. Nov. Der Archimandrit an der hiesigen serbischen Kathedrale, Japan Zvekic, einer der hervorragendsten theologischen Gelehrten der griechisch-orientalischen Kirche, hat aus alle seine geistlichen Würden resigniert und bei dem Stadtmagistrate seinen Austritt aus 'der griechisch-orientalischen Kirche angemcldet, indem er sich 'gleichzeitig als konfessionslos erklärte. Wie 'verlautet, hat der Ex - Archimandrit die Absicht, . sich'.mit einer jungen jüdischen Witwe zu verheiraten. — Die Affäre macht ungeheures Aufsehen. Rußland. kS Moskau. Auf der hiesigen Universität sind gegenwärtig mehr wie 700 jüdische Studenten, von denen zwei Drittel ohne Unterstützung von z. Hause und ohne jede Möglichkeit eines Verdienstes darben. Für Universitätsgebnhren einer großen Anzahl armer Studenten zahlte Herr Wichozki 2500 Frmckftucktt Israelitisches.Familienblatt. Rubel. Ein Konzert zugunsten der Studenten ergab '5000 Rubel Reingewinn. Es hat sich ein Verein zur Unterstützung jüdischer Studenten gebildet, verschiedene Mitglieder dieses neuen Vereins zeichneten 200 Rubel und mehr Monatsbeitrag. Warschau. Ein jüdisches Gymnasium. Anfang Januar eröffnet der Advokat Winogradow ein jüdisches Gymnasium mit Pensionat. Er hofft, daß die Negierung den Schülern des Gymnasiums dieselben Rechte gibt, wie den Schülern der Negierungsgymnasien. Das Schulgeld beträgt 60 Rubel für das Halbjahr. Wilna. Hier haben sich die Littauer mit den Inden bezüglich eines gemeinsamen Vorgehens bei den bevorstehenden Wahlen in die st ä d t i s ch e Duma geeinigt. Das polnische Wahlkomitce versuchte die Littauer durch ein Wahlkompromiß für sich zu gewinnen, doch haben diese die Vorschläge der Polen zurückgewiesen und den Pakt mit den Inden geschlossen. Minsk. Die Statuten der Gesellschaft zur Unterstützung der jüdischen Au s w a n d e - rer sind bestätigt worden. Die Gesellschaft gewährt keine Geldmittel, sie will die Auswanderung regulieren und den Auswanderern mit- Rat zur Seite stehen. Schweiz. Basel. Stiftung. Herr und Frau Drcyfus-Brodski haben zur Erinnerung an ihren allzu früh verstorbenen hoffnungsvollen Maden Joseph Serge dem hiesigen Kinderspital die Summe von F r. 2 5 000 überwiesen, wofür ein Freibett gestiftet wird, das den Rainen des Verstorbenen tragen und in erster Reihe jüdischen Kindern zur Benützung offen stehen wird. „Jsr. Wochcnbl. f. d. Schweiz". Persoualren. Frankfurt a. M. Anläßlich der 25 jährigen Wiederkehr des Tages der allerhöchsten Botschaft weiland Seiner Majestät des hochseligen. Kaisers und Königs Wilhelm des Großen betreffend die soziale Fürsorge, wurde der verwitweten Generalkonsul Freifrau Mathilde von Rothschild der Wilhelm s o r d c n verliehen. Frankfurt a. M. Der Chef der Firma Haas u. Strauß, Herr Isaak Haas, blickt in diesen Tagen aus eine 50 jährige Ä r b e i t t n seine nt Geschäfte zurück. Aus kleinen Aiifängen hat Herr Haas dnE unermüdliche Arbeit/und eisernen Fleiß sein Geschäft zu der heutigen Höhe erhoben. München. Die kgl. Akademie der Wiffenschaiten wählte als korrespondierendes Mitglied in der philosophisch-philologischen Klasse Professor A s k o l i - Mailand. Trier. Die Eheleute Daniel Lazar und Frau Babette, geb. Bernheim zu S a a r w e l l i n - gen, begehe» am l. Dezember in voller Rüstigkeit ihre goldene Hochzeit. Gleichzeitig feiert der Jubilar sein 50jähriges Jubilänin als Vorstand d er isracl. Gemeinde. Rheydt. Fabrikbesitzer Moses Stern wurde zum Stadtverordneten gewählt. Breslau. Ihren 90. Geburtstag feierte in Volker Rüstigkeit Fräulein Bertha Jorasch. Im 74. Lebensjahr verschied Dr. jur. M a x H e i m a u n, Rittergutsbesitzer auf Wicgschütz bei Koset und Ritter rnehrerer Orden. Der Verstorbene war ein Bruder des hier verstorbenen Geh. Kommerzienrats Heiur. Hcimann. Kattowitz. Im Alter von 79 Jahren verschied der Shuagogenvorstcher Moritz S i l b e r st e i n. Der Verstorbene gehörte 40 Jahre der Leitung der israelitischen Gemeinde an. Jugenheim «Pfalz). Der Shnagogerivorstand Julius Weil hat der katholischen Kirchenberwaltung testamentarisch 3000 JL mit der Bestimmung vermacht, daß aus den Zinsen Brot zur Verteilung an die Ortsarmcn angeschafft werde. Metz. In die Handelskammer wurde Herr Kaufmann Leiser gewählt. Güttingen. Dem ordentl Universitätsprofessor Geh. Medizinalrat D r. Ebstein lvurde der Rote Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife verliehen. > ' i/ ■: ,' . ~ Wien. Der vorige Woche verstorbene Chefredakteur des offiziösen Wiener Fremdenblattes, Hofrat Dr. M. Ritter v o n F r y d m a n n, wohl der beste Wiener Publizist der Jetztzeit, war 1847 in Jaszlo (Galizien) geboren und wände sich zuerst der Advokatenlaufbahn zu. Schon als,. Jurist hat er sich der journalistischen Tätigkeit mit" besonderer Vorliebe gewidmet und Artikel in verschiedenen Blättern geschrieben. Während des deutsch-französischen Krieges lebte er als Zeitnngsberichterstatter für Wiener Blätter in Paris. Seine Berichte fanden viel Beachtung. Im Januar 1878 trat er als politischer Leitartikler in das Bureau des „Fremdenblattes" ein. Seine Artikel über innerpolitische Angelegenheiten zeichnete» sich durch' vornehme Sachlichkeit und wissenschaftliche Gründlichkeit aus. Nach dem Tode des Begründers des „Frdbk." Freiherr» von Heine im Jahre 1886 'wurde Dr. Frydmann Chefredakteur. 1883'wurde er mit dem Titel eines Negierungsrates, 1894 mit dein' Hofratstitel ausgezeichnet. Fünf Jahre später wurde Nr. 45. ihm der Rittcrstand mit dem Prädikat „Travy" und erst vor wenigen Monaten das Kömtürkrenz des Franz Josef-Ordens verliehen. Seine Vaterstadt Jaszlo ehrte ihn durch Verleihung der Ehrerrbürgerschaft. Durch eine lange Reihe von Jahren gehörte er der Advokatcn- Prüfungskommission, sowie auch dem Kuratorium der Baron Hirsch'schen Schulstiftung in Galizien an. Er war mit Frau Berta geb. Wormser, der Tochter sehr angesehener Familie ans Mainz, vermählt und hinterläßt einen Sohn Dr. Richard Frydmann, Konzipist der niederöstcrrerchischen Landessrnanzdirektion, und eine Tochter im Alter von 16 Jahren. Der außerordentliche Universitätsproscssor der Chcinie Dr. Josef Herzig lvurde zum ordentlichen Professor ernannt. Am 16. d. M. begingen Herr Michael Neurat h und Frau Leontine geb. Reiß ihre goldene Hochzeit. Budapest. Unter außerordentlicher Teilnahme der Jnristenwelt fand die Beerdigung des ordentlichen Universitätsprofessors Dr. Ladislaus Fayer , statt. Lemberg. Durch den Tod des Reichsratsabgeordneten Dr. Emil Byl war die Knltusp r ä sj d e n t e n st c l l e von Leinberg erledig worden. Am 8. d. M. fand' nun die Neuwahl statt. -Sie siel aus ' den bisherigen Vizepräsidenten Dr. S i m o n Schaff. Zum Vizepräsidenten wurde Dr. Iosef Czeszor gewählt. Prag. In die Leitung der Jubil-iiumsansstellung der Prager Handels- und G e w e r b e k a m m e r 1908 wurden folgende Juden gewählt: Gottlieb Bondy als Ehrenpräsident, kaiserl. Rat Leon B v n d y als Mitglied' des Präsidiums und kaiserl. Rat F. Falkowicz als Rechnungsrevisor. Ischl, 17. Noveniver. Gestem st a r b hier im 73. Lebensjahre Herr Siegm und Spitzer, Generalkonsul der Republik Uruguay in Wien. Lodz (Rußland). Hier starb der Großindustrielle Eduard Birnbaum im 49. Lebensjahre. London. Oberstleutnant Frederic Nathan ist zum Ri t t e r erhoben worden. Philadelphia. Samuel W. Goodman, geb. 1837 zu Niederstetten (Württemberg) — verschied plötzlich letzten Donnerstag. Der Verstorbene spielte im jüdischen Geiiieiiidelebeii Philadalphias eine bedeutende Nolle. ©| lemffefon. |Q Der Asus-Ponim. Ans dcm Bachnrim-Leben. Von P. I. K. Ich will ihn gleich bei seinem Namen neimen; er hieß: Elimelcch Liebermann. Wir nannten ihn» der Kürze halber, Mclech. Mclech war ein großer Asus-PoninU) vor dein Herr», und seine Maxime loar jenes bekannte Jargonsprichwort, tvelches besagt: mit Chuzpoh kommt man durch die Welt. Wollte man Melech für das halten, was der Begriff Asns-Ponim in seiner wörtlichen Uebersetznug bedeutet, so würde man ihm Unrecht tun. So wenig wie in dem angeführten Sprüchwort das Wort Chrrzpoh mit seiner wörtlichen Uebersetznug: Frechheit, identisch ist, und nur etwa in der Bedeutung eines' freien, furchtlosen Auftretens aufgefaßt werden darf, ebeiisolvenig war Melech das, >vas man mit dem Ausdruck „frecher Mensch" bezeichnet.'Er war nicht' frech, sondern freimütig. Er ließ sich nicht Niederdrücke» und duckte sich nicht vor der Gewalt Die Autorität der Bale-bätim imponierte ihm nicht; er erkannte sie einfach nicht an. Niemals unterdrückte er seine Meinung, und mancher Balbos-) konnte Worte von ihm hören, die ihm nichts weniger als angenehm, waren. Unrecht nahm er nicht — wie andere Bachürim — schweigend hin, sondern protestierte heftig dagegen und suchte sich sein Recht zu verschaffen. Wo andern Bachürim der Mut entsank und ihr Herz ihnen in die Hosen fiel, da trat er dreist hervor, als der Verteidiger ihrer und seiner Interessen. - Seine Dreistigkeit stützte sich nicht etlva ans Unabhängigkeit. Er war so arm, Ivie irgend einer. Er war genau so von den Bale-Batim — bei denen er „Kosttage" (Freitische) genoß — abhängig, Ivie alle andern Bachürim. Mer ex ließ sich nicht klein kriegen. „Was. glarrbt denn so ein Balbos," Pflegte er zu sagen. „Wegen der paar Bissen, die er mir gibt, bin ich doch nicht sein Sklave, der alle seine Launen ertragen muß. ij Frechling. -) Balbos (Mehrzahl: Bale batim): Familienvater, Bürger. " . ,

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