Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 45 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Seite 5. Wenn ihm mein Verhalten nicht gefällt, soll er mir de» Tag kündigen.. Ich werde trotzdem nicht verhungern." Melech spielte eine gewisse Rolle in der Jeschiwah, nnd gehörte dem Stande der „großen Bachurim", der herrschenden Klasse, an. Diese Auszeichnnng hatte er nur seinem Auftreten zu "verdanken. Man brauchte einen Menschen wie Melech. Gab es bbim Rabbi oder sonst wo etwas diirchzusetzen, so wurde er geschickt. Hatte die Jeschiwah oder hatte ein Einzelner mit einem Balbos ein Hühnchen zn rupfen, so mußte Melech die Angelegenheit znm Austrag bringe». Immer wurde "er in die Feuerlinie gestellt nnd er ließ es gern geschehen. Er war förmlich froh, wenn sich eine Gelegenheit bot, wo er seine Chnzpoh zeigen konnte. Wie man sieht, war Melech gar nicht egoistisch. Er stellte seine Dreistigkeit in den Dienst seiner Kollegen — „in den Dienst der guten Sache", tute wir es nannten — und er hatte sich dadurch einen gewissen Grad von Achtung nnd Liebe bei uns erworben. Solche Melechs gibt es in jeder Jeschiwah. Ohne sie könnte die Jeschiwah, d. h. die Bachurim, überhaupt nicht auskomme». Sie sind gleichsam die Rechtsanwälte, die natürlichen Verteidiger der Bachurim gegen die Bale-Batim nnd ihre Chikanen. Den Kollegen gegenüber sind sie meistens das, was man in der Jeschiwah mit dem Ausdruck „guter Bruder" bezeichnet. Nur gegen die Tyrannei der Bale-Batim ist ihr Groll nnd ihre Chuzpoh gerichtet. Aber auch diesen gegenüber wissen sie sich in den gehörigen Grenzen zu halten. Wie arg immer sie einem Balbos auch mitspielen, selten wird ihr Vorgehen, objektiv und vom rechtlichen Standpunkt aus betrachtet, als ungerecht oder als wirkliche Chuzpoh bezeichnet werden können. Ich kannte-Melech von der Wiege ans. Wir waren aus einem -Orte, waren zusammen ausgewachsen, hatten die gleiche Schule nnd das gleiche Cheder besucht und waren beide, schon int Alter von elf Jahren, in die Fremde geschickt worden. Allerdings war diese Fremde nur ein' etwa vier Stnndeu von unserem Geburtsort entfernt liegendes Städtchen, wo es eine große Jeschiwah und ein bessere» Cheder gab, welch lehieres wir besuchen sollten. Für uns aber unterschied sich diese Fremde durch nichts von einer entfernteren. Wir wurden nicht besser behandelt als hie ändern „Bocherlech"3) und mußten Kosttage suchen, wie diese. Der einzige Vorteil, den wir vor den andern hatte», war, daß oft Leute aus unserem Orte in das Städtchen kamen, und daß wir statt einmal im Jahre zweimal heimkommen durften. „Was Essigs werden will, wird gleich sauer," sagt ei» Sprichwort. In' der Tat kamen bei Melech seine Anlagen zum Asus -Ponini schon in seiner Chederzeit zum Vorschein. Was keiner zn unternehmen wagte, das unternahm er, nach dem Grundsatz: Frisch gewagt,'ist halb gewonnen. Kam ein Rosch- Chodescht) 'oder 'ein anderer Jome-d'pagre3), nnd wir wollten vom Unterricht dispensiert sein, ging Melech znm Melamed3) und erwirkte uns einen freien . Tag. Gewöhnlich klopfte er schon einige Tage vorher auf den Busch. Er wollte sich nämlich Pon der Stimmung des Melameds überzeugen. Ging dieser auf seine Anspielungen ein und machte er eine ganze oder - halbe Zusage, dann nahm die Angelegenheit einen normalen Verlauf. Wir stellten uns dann vor dem Cheder aus und schickten Melech zum.Melamed, um sich von ihm das bereits vor Tagen gegebene Versprechen bestätigen zu lassen, worauf wir in alle vier Windrichtungen zerflatterten. War aber per Melamed -schlechter Laune und wollte er ans Melechs Anspielungen nicht Eingehen öder — was zu unserem Schrecken nicht selten geschah — machte er unseren Hoffnungen auf einen freien Tag 'ein jähes Ende, danm-gäb siMIWechLisoH-lanhe nicht geschlagen.. Er wartete dann den kritischen Jag ab und organisierte uns. An solchen Tagen dürften wir uns nicht — wie sonst vor dem Cheder aufstellen, sondern wir . -3; Die Zöglinge des Cheders werden — im Gegensatz zu den meist schon erwachsenen Bachurim der Jeschiwah — Bocherlech, d'. h. kleine Bachurim, genannt. - - #) Neumondstag. . Halbfeiertag:' -- °) Lehrer. Frankfurter Israelitisches FmnilienblaÜ. hatten an einem, von Melech vorher bestimmten Orte znsammenzutreffen. Wenn der größte Teil beisammen war — nie kamen alle, denn es gab einige Streber unter, uns, die nicht mittun wollten, — sprach uns Melech also am: „Wenn uns der Melamed nicht gutwillig freigeben will, machen.wir uns mit Gewalt frei. Ihr habt Iveiter nichts zu tun, als was ich Euch rate und vormache: Ich übernehnie die volle Verantwortung." Und wenn ein Zaghafter sich den Befehlen des Meiamed zu fügen riet, dann fuhr er fort: „Bevor wir aber Gewalt anwenden, will ich es noch einmal mit dex Güte versuchen. Ich werde also nochmals zum Melamed gehen und ihn bitten, uns für heute sreizngeben." Er ging dann ins Cheder und gab sich den Anschein, als wäre er zum Unterricht gekommen. „Rebbe," pflegte er dann znm Melamed zu sagen, „unten habe ich die Jungens getroffen, und sie lassen Euch durch mich bitten, uns.heute frei zu geben." Gab der Melamed, der in der Regel einsah, daß wir mit Gewalt durchsetzten, was uns freiwillig versagt wurde, seine Zustimmung, dann kam er freudig zurück und verkündete uns das Gelingen seiner Sendung. In solchen Fällen" durften wir ruhig in die Stadt zurückkehren nnd brauchten keine Angst zn haben, vom Melamed - oder den Vorstehern des Cheders gesehen zll werden. Schlinnner war's, wenn Melechs Bitten nichts nutzten und der Melamed bei seiner Weigerung blieb. Melech entfernte sich, dann, angeblich, um uns ins Cheder zu rufe», in Wirklichkeit aber, um seinen Plan durchzusetzen; der - das gerade Gegenteil war. „Der Melamed will nicht," sagte er kurz, wenn sein Versuch mißglückt war. Er führte uns dann aus der Stadt, und wir gingen in den Wald, aus dem wir erst abends heimkehrten. Um uns Akut zn machen, versprach er stets alle Schuld auf sich zu nehmen und uns beim Melamed rein zu waschen, was er auch stets tat. Am Tage nach einer solchen gewaltsamen Entfernung kam er stets als Erster ins Cheder, wo er den Melamed zu besänftigen suchte und sich zuweilen als Süudenbock hergab. Nur selten war der Melamed am andern. Tage noch so aufgeregt, daß er auch uns noch strafte, und wenn es vorkam, dann machten wir uns nicht viel daraus: ein ganzer freier Tag war schon einige Prügel wert. Noch einen Vorfall aus seiner Chederzeit will ich erzählen, weil er für Melechs Selbstbewußtsein bezeichnend ist. Wir hatten zusammen mit einem andern Cheder- Bocherl einen gemeinsamen Kosttag. Beim Morgenkaffee, zn dem wir uns um acht Uhr einfanden, ivaren wir allein, weil'der Hausherr nnd seine Frau um diese Zeit schon in ihrem Laden beschäftigt waren. Das Mittagessen nahmen wir in Gesellschaft der ganzen Familie. Wir fanden uns stets um zwölf Uhr ein, und wenige Minuten später erschien unser Balbos, der seine Hände wusch und die Tafel eröffnete. Er war ein jovialer Mensch, den unsere Jugend belustigte und der ein besonderes Vergnügen daran fand, uns recht oft lachen zu hören. Er erzählte allerlei Schnurren oder versuchte es auf andere Art, uns zum Lachen zu bringen, in das er dann ans voller Kehle mit einstim'mbe. Wir waren mit der Zeit so sehr aufs Lachen abgerichtet,, daß keine Mahlzeit verging, wo wir nicht recht herzlich lachten. Oft ohne irgend welche Veranlassung. Eines Tages — unser Hausherr war abwesend, was zuweilen vorkam — brachen wir wieder in ein Gelachter aus. Die Balboste, der unser- Lachen schon lange ein Dorn im Auge war, ivard ganz rot vor Aerger und sie schrie uns an: . . „Asus-pönemerZ, was ez3) seid! Seht," daß ez weiterküinmt!" ... Natürlich verging uns sofort die Lust, zu lachen. Wir waren sö eingeschüchtert,, daß wir uns kannc zn rühren wagten und den ausgesprochenen Befehl, sofort -d as. Haus zu verlassen, auszuführen vergaßen. Nur Melech hatte seine Geistesgegenwart bald wieder gewonnen. - Z Der im Jargon willkürlich gebildete Plural von Asus-Ponim. - , . ' ' «V Ihr. ' " '?) Bei manchen. Kosttagen ist es üblich, dem Bachur statt des Abendbrots Geld zu geben. „Sofort alles stehen lassen und Weggehen!" kommandierte tr, welchem Kommando wir unverzüglich gehorchten. - Auf der Straße angelangt, machten wir Halt, um über die Situation Rat zu pflegen. . „Am meisten vermisse ich die fünf . Kreuzer für'» Nachtessen,"3) begann unser dritter Kollege die Verhandlung. „Das ist doch Nebensache," erwiderte ich, dem eigentlich gar nicht wohl zu Mute war. „Die Hauptfrage ist: „Was machen wir nun? Sollen wir diesen Kosttag als verloren betrachten, oder gehen wir nächiten Dienstag, als wäre nichts vorgefallen, wieder hin?" „Nachdem man uns regelrecht hinausgewvrseu?" gegenfragte Melech. „Soweit erniedrigen wir uns nicht. Was meinst Du, Meschulem?" wandte er sich an den Dritten. „Hm," machte dieser. „Ich seh' schon, Ihr habt Angst, Ihr werdet verhungern," sagte Melech verdrießlich. „Das gerade nicht," belehrte ich ihn, „aber meine Eltern wäre» sehr ungehalten, wenn sie erführen, daß ich durch eigene Schuld einen Kosttag perloren habe. Und was sollten wir auch tun? Wir haben ja kein Geld und müßten in der Tat hungern." „Also?" fragte Melech. „Ich meine also, wir sollten nächste Woche wieder hingehen," sagte ich. „Ist das auch Deine Meinung?" wandte er sich wieder an Meschulem. „Ja." „Die Majorität ist eigentlich gegen mich und ich müßte mich ihr fügen," nahm Melech wieder das Wort. „Aber Ihr könnt sagen und machen, was Ihr wollt, ich bin nicht dabei." „Was willst Du denn tun?" fragte ich gespannt. „Ich werde unaufgefordert nicht mehr zum Kosttag gehen," sagte Melech bestimmt. „Ich kamt Euch nur raten, es mir gleich zu tun. Wißt Ihr denn überhaupt, ob man Euch wieder hineinläßt?" fragte er triumphierend. - Daran hatten wir gar nicht gedacht. Die Frage kam uns so überrascht, daß wir ganz verdutzt dastanden. „Ihr scheint mit der heutigen Demütigung noch nicht genug zu haben, und wollt Euch noch ein zweites Mal hinauswerfen lassen," sagte Melech, der unsere Verblüffung gemerkt, und uns seinem Plane geneigt machen wollte. „Heute hat man uns hinausgeworfen. Wenn Ihr nun nächsten Dienstag wieder hinkommt, wird.sich'die Balboste noch'mehr ausregen und wird schreien (hier ahmte er ihren Ton nach): „Hast e Chuzpoh, lvas de Bocherlech hab'n! Nit e mal. hinauswerfen kann man se." „lind wie denkst Du über die Sache?" fragte ich. „Ich lern' e mimah-nafschoch/"") sagte Melech, im Gemoroh-nigiunAZ „Entweder hat. die Balboste, was sie heute getan, nur in der Aufregung getan, dann wird sie Charotoh habend) und uns von selbst anfsordern, wiederzukommen, oder es war eine wohlbedachte Tat von ihr und sie ist froh> daß sie uns potur33) ist, dann, ist jede Erniedrigung von unsrer Seite vergebens und wir fliegen nächste Woche znm ztoeiten Mal hinaus." Melechs mimah-nafschoch hatte uns überzeugt Und wir beschlossen, nicht hinzugehen. Eine kleine Konzession mußte Melech uns aber machen. Damit w.'an uns, wenn etwa die Absicht bestehen sollte; uns wieder zum Kosttag zu rilfen, nicht lange suchen müsse, bestiinmten wir, uns am.nächsten Dienstag nicht zu trennen und um die Mttagszeit vor dem Hause unseres Balbos auf- und abzugehen. 10) Entweder — oder. n) Talmud-Melodie. Das Lesen des Talmuds erfolgt meistens laut und mit einer besonderen Melodie."' .: >3) Reue empfinden. 13) Los. (Fortsetzung folgt.)