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Neue jüdische Presse · 1906-11-23 · Heft 45 (23.11.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 45 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. anders ist es jedoch anzunehmen, daß England sich dazu, veranlassen ließe. Die oben aufgezählten Fälle waren keine Ausübungen eines Druckes, auch handelte es sich um Marokko oder Persien. England wird sich aber zweimal überlegen, bevor es einen Druck auf Rußland ausüben wollte, denn es könnte sich sehr leicht ereignen, daß Rußland sich nicht dreinreden ließe und England müßte dann wirllich seine Flotte nach Rußland .schicken, wodurch das bellum omnium entstehen würdet England braucht jetzt nicht die Emigration zu fürchten; es hat eine ÄlicnbUl. Es ist wahr, daß die Juden in keinem Lande so mächtig sind wie in England, aber Mr. Jessel überschätzt ihre-Macht, wenn er denkt, daß ihr Einfluß so weit reichen sollte, um England in einen eventuellen Krieg mit Rußland zu stürzen. Uebrigens, bereits vor 25 Jahren versuchte Baron de Worms einen Schritt, stieß aber auf den Widerspruch des ganzen Parlaments mit Gladstone an dessen Spitze. Gelingt ein derartiges Unternehmen nicht, was mit Bestimmtheit vorauszusagen ist, so ist es um den Einfluß der englischen Juden für alle Zeiten getan. Eine vierte Frage, die Mr. Jessel unberücksichtigt ließ, ist, ob eine Intervention überhaupt zweckmäßig sei. Was ist das Resultat der Intervention Englands bei Rumänien? Was war das Resultat Englands bei Maria Theresia zu Gunsten der böhmischen Juden? Wie, darf man besseres von Rußland erwarten? Ja, wenn wir unsere Heimat wieder hätten! Aber das hältMr. Jessel für eine Utopie. Der Fall David. Vor kurzem hat eine Predigt des Wiener Gemeinderabbiners Dr. David unliebsames Aussehen erregt; er soll darin in Anspielung auf Nuchem Schapira's und seiner Konsorten galizische - Abstammung vor den galizischen Juden, speziell vor jedem geschäftlichen Verkehr mit ihnen, gewarnt haben. Äbg. Breiter nahm diese Predigt zum Anlasse einer. Interpellation im österreichischen Parlamente und diese Interpellation zeitigte alsbald eine Berichtigung seitens des Herrn Dr. David, in der er ausführt, er habe blos crllärt, daß Nuchenr Schapira ein Kind der traurigen wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse der armen jüdischen Bevölkerung Galiziens sei, und daß uns gerade dieser Fall von neuem die Pflicht auferlege, alle Hebel in Bewegung zu setzen, diese traurigen Verhältnisse zu bessern. Der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat in der öffentlichen Plenarversammlung des Kultusvorstandcs als Ohrenzeuge der Predigt die Richtigkeit dieser Darstellung voll bestätigt, aber hinzugefügt, ihn habe die Predigt gleichfalls sehr peinlich berührt. Damit wäre die Sache erledigt, wenn sie kncht symptomatisch wäre für unsere unjüdischen Vorurteile, die der Judenheit in ihrer Gesamtheit schon unermeßlichen Schaden zugefügt haben.. Wir wollen absehen von der Selbstüberhebung vieler unserer westeuropäischen Juden, die sich berufen fühlen, als Träger höherer Kultur die Kulturverhältnisse chrer osteuropäischen Brüder zu bessern. Denn die Vertreter der besseren Kultur meinen natürlich mit ihren Besserungsversuchen nicht diejenigen, die ebenso gut wie sie Mittelschul- oder gar akademische Bildung besitzen, auch nicht die, die auch schon jenseits der Grenzen jüdischer Gesetzesbeobachtung sind, ihre mitleidigen Versuche erstrecken sich vor allem auf die „lange Schubez und Peies" tragenden Glaubensgenossen. Und gerade diese stehen — wenige Ausnahmen bestätigen nur die Regel — in der Regel viel höher als wir Westeuropäer, trotzdem sie vielleicht den Gebrauch von Messer und Gabel nicht so gut wie wir kennen, trotzdem sie vielleicht Seife und Kamm sparsamer als wir anwenden. Besteht aber echte Kultur wirllich nur in solchen Aeußerlichreiten? Steht nicht sogar ein ungewaschener und ungekämmter galizischer Jude, der tagtäglich bereit ist, für sein Ideal, für Frankfurter JsraMischeS Familrenblati. einen Glauben sein Leben zu lassen, der täglich von neuem die schwersten Opfer für eine religiöse Ueberzcugung bringt, nicht kulturell tausendmal - höher, als viele unserer ge-, schniegelten und gestriegelten westeuropäischen Glaubensgenossen, die für ihre kleinen Jn^ teresscn stets, für ihren angestammten. Glauben, nie zu Opfern bereit sind, denen die Religion nichts ist, darum nichts ist, weil sie ihnen unbequem ist? Gewiß, wenn man nicht äußere Politur als Kultur ausgibt, sondern echte jüdische Kultur verbreite!: will, braucht man nicht von Wien nach Galizien zu weisen, man hat dann in Wien einen bedeutend größeren Wirkungskreis als in Galizien. Doch davon Ivollten wir ja absehen. Der Fall David ist nicht gewesen, er hätte über — nach der Allgemeinheit, mit der die Predigt „mißverstanden" wurde — leicht sein können, er hätte uns nicht sonderlich überrascht. Wissen wir doch, daß es in unseren Reihen und in den vordersten unserer Reihen Männer genug gibt, die mit verbohrter Engherzigkeit im Juden erst dann den Bruder erkennen,!vcnn sie sich überzeugt haben, daß seine Wiege nicht zu nahe an der Grenze Ostpreußens gestanden. Ja, noch viel mehr. Der Russisch-Pole kann den Littauer, der Galizier den Russen, der Krakauer den Galizier, der Ungar den Krakauer, der westeuropäische Jude sic alle nicht leiden. In Frankfurt speziell .wird jeder/ dieser unliebsamen Fremdlinge, gewöhnlich auch der Westösterreicher, oft auch der Norddeutsche mit dem vermeintlich stärksten Schimpfworte, über das man verfügt, belegt, man nennt ihn „Pollak". Wir fühlen uns dem Ostjuden überlegen, und aus diesem Gesichtspunkte entsteht leicht ein Fall David. Die Phrase von unseren „armen unterdrückten osteuropäischen Brüdern" ist, so oft sie auch pathetisch von der Kanzel herab ertönte, in Versammlungen gebraucht wurde, leider bei vielen von uns eben Phrase geblieben. Wir wollen für unsere „Brüder" Opfer bringen, wir wollen ihnen Wohltaten erweisen, wir verweigern aber Anerkennung des elementarsten der Menschenrechte, der Gleichheit, dort, wo ivir Brüderlichkeit schulden. Der Fall David wäre nur insofern neu gewesen, als der Bruderhaß von der Kanzel herab gepredigt worden wäre, die Tatsache aber des Bruderhasses ist ebenso alt wie bedauerlich. Ein lleincs Beispiel für viele. Ich. fand kürzlich den Brief eines Rabbiners an einen Freund, worin er sich — er schreibt aus einem Kurorte, wo er zum Sommeraufenthalt weilt — folgendermaßen äußert: „Allerdings ist die Umgebung zum großen Teil aus denr östliche» Lande, wo man keine Taschentücher kennt und doch die Hand sogleich jedem Unbekannten entgegenstrcckt, aber bisher gelingt es mir ganz' gut, diese aufdringlichen Freunde von: Halse zu halten." Klingt das nicht „davidisch"? Und dabei gilt der Briefschreiber gerne als orthodoxer Rabbiner, läßt selten eine Predigt Vorbeigehen, ohne in sanft balsamisch träufelnden Worten das traurige Los „unserer unglücklichen Brüder im Osten" zu bedauern. Er hält sich den Juden aus jenem östlichen Lande vom Halse, stößt seine Hand zurück, uneingedenk dessen, daß dieser östliche Jude vom jüdischen Standpunkte aus mehr gilt als 99 Prozent seiner Gemeindcmitglieder znsammengcnomiuen. Daß dieser Bruderhaß auch von eminent praktischer Bedeutung ist, liegt auf der Hand. Wie viele der nach Westeuropa kommenden Galizier und Russen werden ihn wohl zu fühlen bekommen! — Wäre es nicht Zeit, diesem schändlichen Vorurteile, dieser schmachvollen Parteiung in Israel ein Ende zu machen? Wäre es nichtbesser, den Juden, auch den osteuropäischen, als Bruder zu behandeln, anstatt ihn geringschätzig über die Schulter anzusehen? Auf diese Frage, bitte, ein klein wenig verurteilsfrcies Nachdenken? x. Nr. 45. Die Woche. Die Judenheit Oesterreichs ist in große Aufregung versetzt, — es kocht, es brodelt'; Der Fall David (unsere Leser, kennen bereits diesen Fall) hält' die Gemüter in einer Aufregung, die sich bis zum Siedepunkt gesteigert, hat. Wir ivollen ^nochmals die Affaire kurz illustrieren; Ein Mann, beding Fälschungen, er fälschte Banknoten. Dieser Mann heißt Nüchem Schapira, er ist also Jude, darob rin großes Geschrei-im-Lager der Antisemitendarob ein großer Schrecken im Lager der -jüdischen Haute vokse Wiens — „es macht „Rischus". -— lind wie sollte man da als Golusjude nicht zittern! . . .. . i Herr Dr. David, ist ein treuer. Diener seiner i„Kehilo", er will seiner erschrockenen, bedrängten: Gc- ^meinde zur Hilfe eile»: Was tun? Ein: glücklicher Zufall wollte, daß Nüchem Schapira ein Galizianer und dabei ein frommer Jude ist, also ein osteuropäischer Kaftan jude, das. heißt, ein zurückgebliebenes, minderwertiges Geschöpf ... Und Herr Dr. David eilt zur Kanzel, er verkündet der Welt, baß Nüchem Schapira nichts mit dem eigentlichen jüdischen Volke,.das sich aus Deutschen mosaischer Konfession rekrutiert, zu tun hat, Nuchem ist ein schmutziger Käftanjude, ein Oe stier, ein „Pollak". Herr Dr. David ist ein erfahrner Manch er weiß, daß die Welt nicht, leichtgläubig ist, er sucht einen Beweis für seine Behauptung zu bringen. Er fordert deshalb seine Gemeinde aufdie galizische Judenheit. samt und sonders abzuschütteln und mit ihr sogar alle geschäftlichen Beziehungen abzubrechen . . . Die breiten Massen Oesterreichs, in denen noch Spuren des jüdischen Mutes, der jüdischen Solidarität vorhanden sind, sind darob entsetzt, sie protestieren, interpellieren! — Und doch ist vielleicht Herr Dr. David kein schlechter Mensch, er ist ein feiger Diener einer Golusgemeinde! . . . * * *' Die Tage der Wahlen 'zur zweiten Duma rücken heran. Das große Zuchthaus Rußland ist in Bewegung, dumpfe Töne, es klirren die Ketten . . . Es saust die Knute, die Zuchthaushenker mustern die Geknebelten, es hat Eile. Man schickt sich - an, die Ketten zu lösen und die Knute schwebt in Gefahr. Daher die Musterung. Werden die Henker Erfolg haben? Wer mag das 'mit Bestimmtheit Voraussagen! Um viele Tote ist Rußland dieses Jahr reicher geworden. Tausende von blühenden Leben sind dahin. Die Henker haben wütend gehaust, und die Erbitterung ist ungeheuer. Und doch ist das Land müde! Es ist verzweifelt und durstet nach Ruhe. Auch 'die Juden sind müde, doppelt müde und neigen zur Nachgiebigkeit. Mancher möchte seine Hand der Reaktion bieten — des lieben Friedens wegen. Und doch kann das Heil der Inden nur von seiten des Fortschritts kommen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Den Ausschußwahlen wird diesmal kein Wahlkampf vorangehen. Der Zentral-Verein und der Freisinnige Verein haben sich nämlich uns die folgende Liste geeinigt: Hugo Fränkel (trad.j, Josef Bottenwieser (trad.) und Isidor Dreyfuß (neolog.). Die - aus; dem Ausschuß ausscheidenden Mitglieder:. Raphael Ettlinger, Leopold Jgersheimer und Josef Wisloch sind nach dem Gemeinde-Statut für ein Jahr nicht wieder wählbar. Frankfurt a. M. Dom Hilfsverein der Deutschen Inden in Berlin wird uns geschrieben: Ein Vertreter der vereinigten jüdischen Organisationen hat jetzt an Ort und Stelle den.Gesamtschaden des letzten Pogroms in S i e d l e c definitiv sestgestellt. Die Zahl der Getöteten, deren Leichen aufgefunden worden sind», beläuft sich auf 32, von den sehr zahlreichen Verwundeten sind 20 dauernd erwerbsnnsähig, 21 Frauen sind Witwen geworden und 64 Kinder verwaist. Durch Plünderung oder gewaltsame Zerstörung wurden die Familien von 440 Handwerkern, . 416 Kleinhändlern, 330 Arbeitern, 130 freien Berufen Angehörigen, 186 Leuten ohne bestimmten Berns und 28 größeren Käufleuten, insgesamt' 1530- Familie» mit 7306 Köpfen betroffen.

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