Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 45 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692505--02831-2697470- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■J , .; I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank« -furt a: M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert'im In« und Ausland Mk.1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband vezogmr Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4--—- HedaKti-« uud chsfchäfrsstellr: Sranksuri s. m„ Lleichstraße 2, Scke VUbelerstraße V-r-f-« ioso7. cherEgeV«: Kals ch-is. .... : JnsertionSPreise: Die viergespaltene Petitzeile. WPfg. Die Rcklamezeile. . . . . . . MO „ Platz- und Daten«Borschrift ohne Verbindlichkeit. -- Beilagen: Preis nach NeLereinkunst. 4. Jahrgang. Freitag, den 6. Lislev 5667 (23. November 1»06). Anhalt des Hauptblattes. ..Artikel: Die Intervention Englands als Lösung der Judenfrage, .von Dr. I. M. Salkind.— Der Fall David. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Asus Ponim, von P. I. K. — Wo chen-Kalender.— Familiennachrichten. Die Intervention Englands als Lösung der Jndenfrage? Bon Dr. I. M. Salkind. ' Die Wintersaison des Verbandes Indischer Litcratnrvcreinc - in England wurde , mit einer Rede eröffnet, deren Inhalt es verdient, auch dem jüdischen Publihim außerhalb Englands bekannt gegeben zu werden. Die Rede wurde von dem Präsidenten des Verbandes, kgl. Rat Albert H. Jessel, gehalten, der hier zu den angesehensten Inden zählt. Die Rede zeichnete sich durch keine Tiefe der Gelehrsamkeit aus, da sic aber streng fachlich gehalten wurde und der Redner sotoohl als. Jurist, als. auch, als bedeutende jüdische leading personality hier bekannt ist,. bildet, sie jetzt den Gegenstand ernster Erwägung in den maßgebenden Kreisen der hiesigen Judenheit. Als literarische Vereinigung befaßte sich der Verband niemals mit . Politik und gab nur solchen Vorträgen Raum, die einen streng akadcniischcn Charakter trugen. Der diesjährige Vorsitzende jedoch, der ganz der Gegenwart gehört und dem das Leben unserer Vergangenheit ganz fremd oder nur wenig bekannt ist, führte jetzt ein ganz neues Thema in die Verhandlungen dieser Körperschaft ein und zwar dasjenige Thema, das das Interesse eines Juden, dessen jüdisches Herz noch nicht ganz stehen geblieben ist, am lebhaftesten berührt — die Lage unserer 6 Millionen Stammesgenossen in Rußland, deren Leben sich in größter Gefahr befindet, und die Mittel und Wege, die ihrem traurigsten Dasein mit Erfolg ein baldiges Ende machen könnten. Und Mr. Jesscl plädierte für die Ausübung eines Druckes ans die englische Regierung, damit sie ihrerseits interveniere und Rußland auf diese oder jene Weise veranlasse, den Juden gleiche Rechte zu gewähren und in der Zukunft sie nicht mehr stiefmütterlich zu behandeln. Aber verfolgen >vir lieber den Jdeengang Mr. Jessels. In kurzen Worten schildert er am Eingänge seiner Rede all die Schrecken des Daseins unserer russischen Brüder, die uns. schon zur Genüge bekannt sind und für die, nach seiner Meinung, die russische Regierung allein verantwortlich gemacht werden kann. Er berührt auch in aller Kürze die von verschiedenen Seiten vorgeschlagenen Lösungen dÄ Problems, die alle ausnahmslos, .sowohl Zionismus. als Jtojsmus und sogar Philanthropie, ihm unpraktisch und fernentlegen scheinen und die nicht nur nicht imstande seien, die Verhältnisse in Rußland zu bessern, sondern nicht einmal dem durch die Verfolgungen ent-.! standcnen Strom der Emigration gewachsen seien. Ist die Massenemigration, wie es unumstößlich fcststeht, ein Produkt der Verfolgungen und Ausnahmegesetze, so sollen die Inden doch, anstatt die Alienbill zu bekriegen, uni der Emigration die Hindernisse ans dem Wege zu räumen, lieber dafür sorgen, die Ursache der Emigration überhaupt aus der Welt zu schaffen. Sind einmal die Ausnahmegesetze beseitigt und iverden den russischen Juden gleiche Rechte gewährt mit den Russen, so Horen wohl damit.die Leiden der russischen Brüder als auch ihre Wanderung auf, die ans die Nerven und den Beutel der westeuropäischen Glaubensgenossen so beängstigend wirkt; alles ist dann all right: Dieseswäre jedoch nur dann möglich, wenn die einflußreichen Juden Westeuropas und Amerikas die Großmächte beeinflussen wollten, einen Druck nach dieser Richtung aus Rußland - auszuüben. Bon den Großmächten kommen natürlich außer England nur Frankreich und -die Vereinigten Staateir Anrerikas in Betracht, da wohl von Deutschland und den anderen Mächten nichts zll erwarten wäre. Sollten diese jedoch aus irgend einem Grunde sich nicht bereit erklären wollen, mitzuwirken, so wäre ja England' allein für diese Aufgabe ausreichend. Natürlich müßte es auch bereit sein, „bei dem leisesten Zeichen vom Auftauchen frischer Pogroms seine mächtige Flotte nach Rußland zu schicken mit einenl ganz anderen Zwecke, als es dieselbe vorigen Sommer dorthin zu schicken, beabsichtigte." Für den Pogrom in Siedler die Beschießung von Kronstadt. v Hier tauchen aber drei Fragen auf. Wäre nicht eine derartige Handlung gegen das Völkerrecht? Wäre sie im Sinne der englischen. Tradition? Dürfen wir mit Bestimmtheit rechnen, daß es uns gelingen tvürde, England zu einem solchen Schritte zu veranlassen? Diese wichtigen Fragen werden vom Redner positiv beantwortet. Abgesehen von völkerrechtlichen Autoritäten, die er persönlich befragte, führt der Redner einige „Acharaunim" der „Poskim" des Internationalen Rechts an, darunter Oppen-, heimer und Hall, nach denen ein Staat sich in die internen Angelegenheiten eines.■ anderen Staates mischen darf, nicht nur, wenn die Interessen seiner Untertanen bedroht sind, sondern wenn dort überhaupt Grausamkeiten verübt werden — . sogar gegen die eigenen llntertaneu —, die die Menschheit empören. Völkerrechtlich steht demnach einem derartigen Schritte nichts im Wege. Daß er in Englands Politik neu wäre, darf ebenso tvenig . behauptet werden. . England intervenierte nicht nur. unzählige Male zu Gunsten verfolgter Christen,, sondern nahm - sich sogar mehrere Male der Juden an, so.1878 der rumänischen Juden, 1880, 1882 und 1885 derjenigen Marokkos, 18S3, 1889 und 1896 der persischen Juden, und 1888 dev Juden in. Palästina. Bei der dritten Frage angelangt, rügt Mr. Jessel die sorglose inaktive Haltung der jüdischen Parlamentsmitglieder und übt scharfe Kritik an der Golustaktik der englisch- I jüdischen führenden Persönlichkeiten, die eine Bor¬ Ro. 45. liebe für Politik „mit Ausschluß der Oeffentlichkeit" haben. Er weist hin auf die gewaltige Machte der sich die Juden in England erfreuen und fordert die gesamte englische Judenheit auf, sich zu dieser Aktion zu vereinigen, die ihr mit Hilfe der öffentlichen Meinung ohne Unterschied der Parteien unbedingt gelingen müßte. Soweit Mr. Jessel. Mr. Jessel,- der ein praktischer Mann ist, gehört wohl nicht zu denjenigen, die eine Idee Hinweisen, um sich an ihr blos zu - ergötzen. Er scheint auch fest entschlossen zu sein, wenigstens den Versuch zu machen, eine solche Aktion einznfädeln, was wohl der Grund dafür sein dürfte, warum diese Frage hier so eifrig diskutiert wird. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren haben die englischen. Juden aufgehört,. .die. leitende politische Rolle zu spielen, die sie so lange inne hatten. ' Sie. kommen, langsam..herunter,:, sie degenerieren. Wohl zeichnen sie sich, auf dem Turf aus und holen die ersten Preise auf den Biehzuchtausstellungcn, aber sie besitzen nicht mehr die Männer, deren ganzes Leben in jüdischen Interessen aufging und die. einen weiten Gesichtskreis besaßen, wie ein Sir Moses Montefiore . und andere. Auch halten sie den Beutel fest zugeschnürt. Während der Sammlungen zu Gunsten unserer leidenden Brüder in Rußland fungierten sie nur als Kassiere; das Geld jedoch kam ans Amerika und Deutschland. Der Mantel der jüdisch-politischen Hegemonie zog. über's Meer und fiel auf die amerikanischen Juden, die zwar mit Germans sind, dafür aber, sich durch ihre großzügige Philanthropie, ihre moderne politische Auffassung und ihre unermüdliche Tätigkeit auszeichnen. Wer .die Verhältnisse mrs der nächsten Nähe kennen gelernt hat, wird zugeben, daß. die englischen Juden wohl rioch fähig sind, eine Alienbill oder eine Sunday trading bill mit oder ohne Erfolg zu bekämpfen, aber durchaus nicht geeignet sind für eine Aktion von diesem Umfang. Und wenn sich russische Juden in ihrer Not an ihre englischen Brüder, wenden, so geschieht es nur noch aus Gewohnheit. Mr. Jessel's Vorschlag war ein Versuch, die Hegemonie den englischen Juden wiederzugeben. Zlbev hier fehlt das Verständnis dafür,' und diese Idee, die man in Amerika bereits versucht hatte, klingt in den' Ohren des kleinlichen Geschlechts als etwas Fremdartiges, als etwas — Neues. Mau wird sie noch eine Zeit behandeln aus Achtung vor Mr. Jessel, um sie nachher apathisch und indolent fallen zu lassen.: Anders dürfte sich die Sache gestalten, wenn Mr. Jessel wirklich versuchen sollte, seine große Idee zu verwirklichen. In England, wo die Firma die Hauptrolle spielt, wird der einflußreiche Jude Mr. Jessel K. C. eine genügende Zahl von Anhängern ffnden, die die Sache pekuniär und sonst soweit fördern, .bis sie — bankerott wird. Denn so begeisternd diese Idee auch sein mag, ist sie nichtsdestoweniger höchst unpraktisch und außerordentlich gefährlich. Man kann leicht beweisen, daß das Völkerrecht zu einer Intervention berechtige.