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Neue jüdische Presse · 1906-11-16 · Heft 44 (16.11.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 44 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44.; Das Publikum, das den Verbrecher musterte, gewann aus seinen abscheuerregenden Gesichtszügen die lleberzeuguug, daß dieses Individuum von den tierischsten Leidenschaften durchsetzt sei. Er stand erst im 22. "Lebensjahr, schien aber viel älter. Seine grauen Augen glotzten immer nach oben. Bisweilen machte er den Eindrink, als ob er nach einem Schlupfwinkelchen ansspähte. Seine schmale Stirne war mit rot-gelben Haaren bewachsen, und ebenso war sein ungewöhnlich großer Kopf von hellroten, kurzgeschorencn Haaren überwuchert. Seine kurze, stark verrissene Nase und deren große Höhlen verliehen ihm das Aussehen eines WaldtiereS. „Ist 'es Ihre Hacke?" fragte ihn der Vorsitzende und hielt ihm eine ziemlich große Hacke vor, die bereits vom Roste vergilbt war. „Ich habe sie im Hofe gefunden," antwortete der Angeklagte und ließ seine Blicke über den Boden gleiten. Seine Stimme war roh und heiser. Beim Anblick dieser Hacke überlies die Richter und das Publiknnr ei» kalter Schauer. Unwillkürlich dachte nian daran, lvie dieses Individuum, wenn cs sich frei fühlte, nach der Hacke gegriffen und sich an all denjenigen gerächt hätte, die ihn jetzt aburteilen und von allen Seiten begaffen. „Weshalb haben Sie Weinstein ermordet?" fuhr der Vorsitzende in der Fragestellung fort. Todcsstille herrschte im Eerichtssaalc. Zwei kreideweiße Frauen schlossen vor Schreck die Angen. Selbst die Soldaten, die den Verbrecher mit gezogenen Schivertern als Wache uni standen, erzitterten und lvarsen ihm nnivillkürlich und angstvoll kurze Blicke zu. Er schwieg; drehte seine alte Mütze, die er in der Hand hielt. Der Vorsitzende wiederholte die Frage. „So wurde es befohlen!" antwortete der Verbrecher. Wie ein Windhauch durchflog das stille Flüstern des Publikums den Gerichtssaal. Der Vorsitzende griff zur Glocke, und wiederum kehrte Stille ein. „Wer hat befohlen?" Diese Frage wurde mit seltener Gemütsruhe ausgesprochen. „Ich entsinne mich nicht, wer!" antwortete der Verbrecher frech Und fügte nach kurzer Panse hinzu: „Alle haben so gehandelt." ... „Haben Sie vorher schon Weinstein gekannt?" „Nein! Ein Polizist übergab mir dessen Adresse, worauf ich in Begleitung dreier Genossen mich zu ihm hinbegab." . . . -„Ich frage ja nicht wer und ob man überhaupt eine Adresse Ihnen übergeben!" fuhr ihn der Vorsitzende schroff an. Zeugen und Richter wechselten Blicke. Bleich und aufgeregt erhob sich der Rcchtsainvalt, setzte sich aber bald wieder. „Begaben Sie sich vielleicht zu Weinstein in trunkenem Zustande?" — begann wieder der Vorsitzende. „Ich frage Sic doch, weshalb schweigen Sie!" schrie der Vorsitzende errötend. — „Ich trinke wohl, bin aber nie betrunken," gab der Verbrecher ebenso schreiend zurück und starrte unverwandt auf den Vorsitzenden. „Haben Sie selbst eigenhändig Weinstein ermordet?" fragte der Staatsanwalt dazwischen pind drehte gleichgiltig seinen Schnurrbart. „Wir waren unser 5. . . . Alle schlugen wir auf ihn ein. . . . An diesem Tage wurden viele Juden niedergehauen. . . . Man hat eben so befohlen," murrte griinmig der Verbrecher. „Wobei habt ihr Weinstein angetroffen, als ihr vor ihm erschienen wäret?" Diese Frage legte der die Klage vertretende Rechtsanwalt vor. Dieser war ein hochgewachsener, schöner Mann, von bleicher Gesichtsfarbe, aus dessen Augen jeder einen tiefen Schmerz herauslescn konnte. „Beim Einpacken seiner Hausgeräte," crividcrte der Verbrecher — und drehte wütend seine Mütze. „Flehte er euch an, ihn nicht zu ermorden?" „Diese Frage steht in keinem Znsannnenhang mit der Klage" — sprang plötzlich der Vorsitzende ein — „und ich möchte die Verteidiger bitten, Fragen dieser Art lieber zu unterlassen!" Frankfurter Israelitisches Faunlienblati. Wiederum wurde ein Flüstern unter dem Publrknin hörbar. . . Der Vorsitzende griff wieder zur Glocke. „Er flehte," begann der Angeklagte, „trug uns 3 Rubel an, wir aber verlangten 10. Darauf griff er nach einem Buche, murmelte für sich etwas hin . . klopfte sich auf's Herz. . . . Schließlich stand er vor uns und sprach: „'Ich bin fertig, ermordet mich!" Aus dem Publikum ertönte plötzlich ein tvildcs Geschrei. . . . Eine Frau fiel ohnmächtig zu Boden, andere zivei Frauen jammerten laut auf ... es entstand eine Verwirrung, bis schließlich alle 3 Frauen aus deni Saale geschafft waren ... Die Verhandlung dauerte fort. Es sprach der Staatsanwalt, kalt und mit leichter Seelenruhe; drehte seinen schönen, langen Schnurrbart und spielte mit seiner silbernen Uhrkettc. Der Verteidiger ergriff das Wort. Philosophisch und historisch begründete er die Ansicht, daß es sich hier um eine Volksbewegung handle, wofür nicht der einzelne verantioorilich zu machen sei. Der die Kläger vertretende Rechtsanwalt sprach wenig. Er sagte, daß dem Staatsanwalt bereits vom Verbrecher eine gebührende Antwort zu Teil wurde, indem .dieser angab, daß die wahren Verbrecher irgendwo und nicht im Gcrichtssaal anwesend sind. Die Richter begaben sich nach einem anderen Zimmer. Nach 'Ablauf einer viertel Stunde erschienen sie. Der Angeklagte erhielt ein Jahr Gefängnis zngenrteilt. . . . II. Er hatte sich vor dem Kriegsgericht zu verantivorten. Er war eines schrecklichen Verbrechens, überführt. Mit einem Revolver in der Hand hielt er an einem Tor Wache und drohte damit einem Jeden, der sich nach dein Hof drängte. Der Angeklagte hatte das 18. Lebensjahr erreicht und trug eine Stndentenuniform. Seine bleiche Gesichtsfarbe war in eine Todenblüsse übergegangen. Zorn und Schmerz entflaininte seinen großen schwarzen Augen. .Bisweilen zuckte seine Unterlippe znsaniinen. Oft bedeckte er mit der einen Hand seine Stirne, ivährend er die andere in der Tasche hielt. „Sie sind Hierselbst ivohnhast?" fragte der Vorsitzende. „Ja! In dieser Stadt, bin ich geboren, meine Kindheit hier Angebracht, hier habe ich die Schule besucht," erwiderte der junge Student mit sanfter aber energischer Stimme. „Sie sind Revolutionär, — nicht wahr?" „Nein! Ein Mensch bin ich, ein Mensch, der es nicht ruhig hinnehmen kann, daß unschuldiges Blut vergossen wird, das unschuldige Blut meiner unglücklichen Brüder." . . . „Antworten Sie gelassen und kürzer!" bemerkte streng der Vorsitzende. „Ich glaube mit meinen Worten Niemand nahe getreten zu sein," gab ruhig der Angeklagte zurück. „Schweigen Sie!" rief grimmig der Vorsitzende. Gäste waren nicht i:n Saale anwesend, da die Verhandlung hinter geschlossenen Türen.sich abspielte. „Haben Sie den Polizisten K. ermordet?" „Nein! — Ich stand mit Tor, als ein von dein Polizisten K. angeführter Menschenhaufe heranrückte. Einige vom Pöbel entwischten, als sie einen Revolver bei mir erblickten. Der Polizist rief sie laut zurück. Ich schoß in die Lust, ivoranf 5 weitere Mitglieder unseres „Selbstschutzes" mir zu Hilfe eilten. Der Polizist begann auf lins zu schieße» und erst dann erwiderten wir." „Sie wußten doch wohl, daß über die Stadt Kriegszustand verhängt ist?" „Ich wußte es. Nicht aber wußte ich, daß man während des Kriegszustandes unschuldige Menschen unter den schrecklichsten Qualen niedcrinctzeln darf. An diesem Tage wurde meine Miitter, mein zehnjähriges Brüderchen ermordet, weshalb, wofür, ist mir unbekannt. Man sagt als Strafe dafür, daß sie Juden sind. Nun wohl, wenn dies ein so großes Verbrechen ist — dann befehlen Sie auch, mich zu morden!" „Ich wiederhole, sprechen Sie gelassener, und fassen Sie sich kürzer." Seite 5 „Ach, meine Herren Richter, wenn Sie gleich mir einen so schrecklichen Tag überlebt hätten." „Schweigen Sie!" Todesstille herrschte im Saal, als ob der Tod selbst hier seine Schwingen ausgebreitct hätte. Der Angeklagte stützte mit beiden Händen seinen Kopf, aber noch immer waren seine energischen Blicke den Richtern zugewandt. „Haben Sie den hiesigen „Selbstschutz" begründet?" „Nicht nur ich. Einige Kollegen versammelten sich und berieten, wie den Grausamkeiten entgegenzuarbeiten ist, die an meinen armen Brüdern verübt werden." „Nennen Sie ihre Kollegen!" sprach kaltblütig der Vorsitzende. Schamröte überzog plötzlich das Antlitz des Angeklagten. „Noch nie war ich Denunziant," antwortete der Angeklagte mit vor Erregung zitternder Stimme. „Nennen Sie sie, so wird auch Ihre Strafe eine Milderung erfahren." Der junge 'Angeklagte lächelte bitter. „Genügend bin ich bereits bestraft. Erbarmungslos entriß man mir zivei teuere Seelen, die ich wie mein Leben liebte. In meinem Beisein wurde mit der größten Grausamkeit mein Bruder hingemordet, unser Besitz vernichtet. Welche Strafe könnt ihr mir noch anferlegen? Acht Monate lang war ich völlig abgesondert, in einer finstern, engen Zelle eingekerkert." „Genug! Wollen Sie diejenigen namhaft machen, die ihrer Gesellschaft angehörten?" „Nein!" „Sie haben gezielt gegen den Polizisten K.?" „Ja!" antwortete kurz und entschieden der Angeklagte. „Sie bekennen sich also als Revolutionär?" „Nein. Ich würde ebenso gegen einen Juden handeln, wenn er wie ein einfacher Straßenmörder mitten am hellen Tage unschuldiges Blut vergießen wollte." „Sie haben einen Verteidiger abgelehnt. Haben Sie noch welche Bemerkung? — Mer sprechen Sie bitte zur Sache." „Ich hätte noch, so manches zu sagen, aber, wie es scheint, haben es die Herren Richter eilig." „Wenn Sie in derartigen Redensarten fortfahren, bekommen Sie überhaupt nicht mehr das Wort!" „Gut. — Ich werde zur Sache sprechen. Ich werde schildern, wie ich noch jetzt verstümmelte Leichen sehe, demolierte Häuser, grausam dahingeschlachtete, schuldlose Kinder. Ich sehe, wie sie auf dem Boden im Krankenhause in Reihen geordnet liegen. Ich höre das wilde Gejohl der Mörder und das bittere Wehklagen ihrer Opfer. Ich sehe auch, wir sie schutzlos dastehen, Miene machen, sich zu retten, aber daran gehindert werden. Ich zähle bloß 18 Jahre, komme niir aber vor, als ob ich bereits zwei Welten durchlebt hätte. In der einen Welt sah ich ruhige, arme Geschöpfe, die, jeglichen Menschenrechts benommen, tag-täglich verfolgt, doch geduldig arbeiten, mit Geduld die schwersten Leiden ertragen, und Gott danken, daß sie eine ganze Nacht ohne Lebensgefahr znbringen durften. In der zweiten Welt sah ich Geschöpfe — Bestien, die sich ungestraft erlauben dürfen, die schrecklichsten Qualen heraufzubeschtvören. Zwischen diesen beiden Welten stand ich da, mein Herz blutete, mein Kopf dnrchschivirrten tausend düstere Gedanken, tausend schwer-schwüle Fragen. Weshalb — fragte ich mich — werden die Schwächeren so niedergedrückt, weshalb das teuflische Lachen der Stärkeren? Als auf alle meine Gedanken, meine Fragen bloß eine Antwort ertönte — neue bestialische Niedermetzelungen, als ich meine Mutter mit eingeschlageneni Schädel erblickte, mein zehnjähriges Brüderlein mit durchschnittenem Halse .... da reifte in mir blos eine einzige Lösung für alle Fragen und Gedanken, die sich niir anfdrängten . . Sie, meine Herren Richter, kennen ja meine Lösung. Wohl begreife ich, daß diese Lösung keine erschöpfende ist, aber jeder handelt eben nach seinem Verständnis und seinen Machtmitteln .... Und nun noch einige Worte. — Ich möchte, daß Sie, meine Herren Richter, für einen Augenblick sich in meine Zage versetzen, denken sie einen Moment, als ob sie Juden wären, als ob sie seit hunderten von Jahren gleich Kain,

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