Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1906-11-16 · Heft 44 (16.11.1906) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 44 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692460-2692504--02815-2697453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. Verhältnissen der Eltern in weitestem Matze Rechnung tragen. Berk«. Bezüglich der Terminderlegung wegen derjüdischen Feiertage teilt Rechtsanwalt Dr. Martin Jsaac in der „Allg. Ztg. b. Indent." folgenden Bescheid des Kammergerichtspräslbenten mit: t „Nach Prüfung der Sachlage habe ich dem Herrn Präsidenten des Landgerichts ll in Berlin mitgeteilt, daß nach meiner Auffassung dem von Ihnen, Herr Rechtsanwalt, bei dem Amtsgerichte Berlin-Schvneberg eingebrachten Anträge, den auf Den 20. September d. I. anberaumte» Hauptverhandlungstermin in der Privatklage T. c/a. W. 21 B. 23. 06 wegen des auf 'diesen Tag fallenden jüdischen Neujahrsfestes zu verlegen, stattzugeben gewesen wäre. Die Abteilung 21 des genannten Anitsgerichts wird in gleichem Sinne verständigt werden." Damit ist auch' den jüdischen Rechtsanwälten das Recht.auf Verlegung der auf die hohen jüdischen Feiertage fallenden Termine, das 'bereits jeder Privatperson gewährt war, zugestanden worden. München. Auf Grund einer testamentarischen Hinterlassenschaft der verstorbenen Eheleute Gabriel Ritter im Betrage von 200000 JL ist dieser Tage die „Rituelle Speise an st alt, Gabriel u. Rosa Ritter'sche Stistung", Büttermelcherstraße 12/0, eröffnet worden. Die Anstalt kann wegen der Stiftungsbestimmungen zunächst nur eine beschränkt öffentliche sein. Kranke und Rekonvaleszente, die schon seit Ws Fahren gegen ärztliche Verordnung aus Restaurationen umsonst Kost erhielten, werden nunmehr von da.aus verköstigt; außerdem werden auch gegen geringe Vergütung Speisen im Lokale selbst verabreicht und zwar gegen vorher zu lösende Karten, das Mittagsmahl für 40 Pfg. Abenbkost wird vorerst nur am Freitag und an jüdischen Feiertagen gegeben. Fremde oder Durchreisende dürfen aus Stiftungsmitteln nicht verköstigt werden; doch wird solche der Verein zur Unterstützung durchreisen-' der Israeliten oder die Chewra Mesonos auf ihre Kosten dort speisen. Karlsruhe. Die Verordnungsblätter bringen folgende Mitteilungen: Der Oberrat verfügt, daß das neue Gebetbuch weder in der Synagoge noch in der Schule ein geführt werden dürfe bis zur Beschlußfassung der Synode. — Die Michel Weil'schen Tugendpreise im Betrage von je 420 J6. wurden verliehen an Frau Sofie Bär Wwe. in Malsch b. E. und au Frau Samuel Heß Wwe. in Malsch b. M. — Das Urteil gegen den „Israelit" wird'im ferneren ausführlich mit der richterlichen Begründung veröffentlicht. — Als neuer Rabbiner in Bruchsal ist bestätigt Dr. Max Eschelbach er. — An Stelle des in den Ruhestand tretenden Känzleigehilsen Fr. Wilhelmsdörfer beim Oberrat wird Herr Lehrer Hirsch Strauß mit diesen Funktionen im Nebenamte beauftragt. Besetzt wurden folgende Religionslehrerstellen: Lahr durch Lehrer S. Berg Heimen von Diersburg, Leutershausen Lehrer I. Hobel von Tauberbischofsheim, Eubigheim Lehrer S. B r a v m a n n von Unteraltertheim, Hai nstadt Lehrer H. Translateur aus Rußland, Oestringen Lehrer A. Fasse in Auerbach. Die dritte Kantorstelle in Mannheim erhielt Lehrer S. Hosmann in Baden-Baden. In den Ruhestand wurden versetzt: Kantor E i ch e n b a u m in K i p p e n- Iseim wegen Krankheit und Lehrer Wolf 'aus Senn selb. Neu zu besetzen sind die Religions- und Käntorstellen in Semifeld, Baden und Kippenheim. — Der Platz für die Errichtung eines Hospizes für Kinder und unbemittelte Erwachsene im S o o l b a d D ü r r h e i m wird nächstens angekauft und mit dem Bau des Gebäudes baldigst begonnen werben. Bunzlau. Schäcktverbot Die hiesige Polizei- Verwaltung hat das Schlachten nach jüdischem Ritus im städtischen Schlachthause untersagt. Das Verbot ist sofort in Kraft getreten. ReMtvghaufe«, 10. November. Einbruch in die S y n a g o g e. In der vergangenen Nacht wurde in die Synagoge eingebrochen. Wertvolle Silbergeräte und der Inhalt der Zedokoh-Büchse wurden geraubt. Oesterreich-Ungaru. Wie«.. In aller Stille wurden die neuen Räume — 10 Zimmer — der Israel. Gemeinde« Bibliothek eröffnet. Der geräumige Lesesaal bietet Raum für 50 Personen. Ein eigenes Lesezimmer ist für Fachgelehrte reserviert. Die Bibliothek enthält 23000 Bände. Eine besondere Sehenswürdigkeit billien die Inkunabeln der von Herrn Vorsteher Salo Cohn gestifteten Halberstamm-Bibliothek. Wie«, 12. Nvv. M a r t i n i g ä n s e f ü r den Kaiser. Einer althergebrachten Sitte entsprechend, wurden auch Heuer von der Vertretung der israelii. Kultusgemeinde in Preßburg Martinigänse für den Hos in Wien abgeliefert. Gestern, am Martinstage, fuhr eine Deputation bei der Hofburg vor und begall sich unter Führung eines Hausoffiziers in die kaiserliche Kammer". Die 4 Gänse, welche die Deputation brachte, waren in feine weiße Linnen gehüllt und mit Bändern und Wappen in den österreichischen und ungarischen Farben geschmückt. Die Herren der Deputation wurden vom Kaiser in Aübienz empfangen. Frankfurter Israelitisches Fmnilienblatt. Wien, 11. Nov. Die gestrige Protestverammlnng der galizischen Juden gegen >ie Rede desRabbiner Dr. David war außerordentlich gut besucht. Es wurde eine Resolution engenonimen, in der die Versammlung den Vorstand der Wiener Knltusgemeinde auffordert, die geschehene Ungchörigkeit zu ahnden, und in der sie der Ueberzeugung Ausdruck gibt, daß „Aeußerungen wie die des Herrn Dr. David "nicht möglich wären, wenn nicht in Maßgebenden Kreisen die ilnkenntnis und Unterschätzung der kulturellen und moralischen Kräfte der galizischen Ivic überhaupt der östlichen Juden gang und gäbe wäre." Eine Deputation wird dem Vorstand der Wiener Knltusgemeinde die Resolution persönlich unterbreiten. Mähr.-Oftrau, 12. November. Bei der gestrigen Landtagswahl wurde der A n t i s e in i t Frcißler gewählt. Nur infolge der terroristischen Agitation des Witkowitzer jüdischen Eisenwerkes zugunsten des Antisemiten konnte dieser liegen. Meran. Das Asvl für jüdische Kranke hatte während des Berichtsjahres 1905/06 sämtliche Plätze besetzt. Eine große Zahl Gesuche mußte zurückgewiesen werden, weil die Räume uird Mittel eine Ausdehnung der Hilsstätigkeit nicht gestatten. Es wird deshalb ein Erweiterungsbau in Angriff genommen werden. Der Bauplatz ist bereits erworben und die Baupläne find bereits fertiggestellt. Das 'Vermögen der Stiftung, die auch arine israelit. Kurgäste mit Mittagskost und Geld unterstützt, beträgt 136 748 Kr., wovon ungefähr ein Drittel auf das Grundstück entällt. Jablonttz. Jüngst wurde der Kaulmann Jakob Fleischer mit Drillingen überrascht. Der glückliche 'Vater stellte an den Kaiser das Eruchen, bei „seinen zukünftigen drei Soldaten" als Gevatter zu fungieren. Er erhielt daraus aus der Kabinetts-Kanzlei Sr. Majestät ein Schreiben des Inhalts, daß Se. Majestät derartige Ehrungen nicht anzunehmen pflege, doch sende er ihm 50 Kronen als Pathengeschenk. Rußland. Petersburg. Eine Gruppe getaufter Juden, die den griechisch-katholischen Glauben angenommen hatte, wendete sich an deir MinisterbesFnneru mit der Bitte, zum Judentum zurückkehren zu dürfen. Es ist ihnen nun die Erlaubnis unter der Bedingung gegeben worden, daß sie dann nur im „Rayon" wohnen. Petersburg. „Ich bin überzeugt", schrieb dieser Tage der ehemalige llnterrichtsminister Graf F. Tolstoi in der „Strana", „daß die Entscheidung der Jude »frage als der Prüfstein für die Entschlossenheit Rußlands, aus einem asiatischen ein europäischer Staat zu werden, erscheinen muß; ich glaube nicht an die Möglichkeit der' Verwirklichung irgend welcher „Freiheiten", wenn nicht vorher die allgemeinen Menschenrechte Mer Untertanen unseres Vaterlandes, zu welchem Volksstamme sie auch 'gehören, welchen Glauben sic auch bekennen mögen, anerkannt sind." Reschiza (Gouv.Witebsk) Ein sehr charakteristisch er, höchst bedenklicher Vorfall hat sich, hier ereignet: Einige jüdische junge Leute zankten sich mit einigen altgläubigen Burschen, wobei einer der Altgläubige» eine geringfügige Verletzung am Kopse davontrug. Der ganze Vorfall war bedeutungslos. Zum Unglück gehörten aber die russischen Burschen zum „Verbände echt russischer Leute". Es entstand ein Briefwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Verbandsfiliale Herrn Rybakow und dem Vorsteher der lokalen „Strascxpedition" Oberst Werch o w s k y. Endlich am 20. Oktober lud Herr Werchowsky'den Rabbiner vor und hielt an ihn folgende Ansprache: „Die hiesige Polizei teilte mir mit, daß die Inden am 30. Oktober eine Demonstratio» mit roten Lappen zu veranstalten beabsichtigen, daher sage sich Ihnen im voraus, daß falls auch nur einzelne Juden mit einem roten Lappen hervortreten, so Würde ich sie mit meinen Dragonern Umzingeln und keinen einzigen am Leben lassen, i ch w n r d e i h u e u dieSjedlezerGeschichteinverzehnfach'- ter'Stärke wiederyoli;», so daß ihnen künftig zu demonstrieren die Lust vergeht. Mein Entschluß ist unwiderruflich, und ich besitze die weitgehendste Vollmacht. In 10—15 Minuten kann es. bis 300 Tote geben. Bringen Sie es, bitte zur Kenntnis per jüdischen Bevölkerung. Ich wiederhole — ich werbe nicht untersuchen, ob jemand schuldig ist oder nicht: ichschieß^ jeden einfach nieder — 'und damit Basta. — Weiter, haben Sie wohl gehört, daß vor 14 Tagen, in Reschiza die Juden drei Altgläubige mißhandelt haben. Die Schuldigen blieben unentdeckt; es können daher die Ladenbesitzer, bei denen sich der Vorfall abspielte, leiden. Sagen Sie es'Ihren Glaubensgenossen!" Am 27. Oktober kamen zum Rabbiner Dragoner und überreichten ihm folgendes Schreiben: „In einer Dienstangelegenheit haben Sie am 22. Oktober 9 Uhr morgens zu mir auf Gut Adamvwo zu kommen. Sollten Sie sich weigern, so würden nach .Ihnen Dragoner geschickt werden. Dragoner-Eskadroilches Danilow." Gleichlautende „Einladungen" bekamen noch drei Inden, und so gingen die vier Montags früh nach,Adamowo. Herr Danilow empfing die! Depu- Nr. 44. tation im Pferdestall und überhäufte sie mit gemeinen Schimpfereien und mit der Drohung, die ganze Stadt zu demolieren und sämtliche Juden hinzuschlachten, falls im Laufe der nächsten 10 Tage die Schuldigen, die den Burschen verletzten, nicht ausgeliefert seien. In ihrer Todesangst wandten sich die Juden? wiederuin an Danilow's Vorgesetzten — den erwähnten Oberst Werchowsky; dieser aber herrschte die Deputation folgendermaßen an: „Falls die Juden die Ruhestörer nicht ausliesern, so werden sich die Altgläubigen selbst rächen, und ich würbe die Juden weder verteidigen noch meine Soldaten von Ausschreitungen abhalten können. Also falls die Inden im Laufe der nächsten zwei Tage die Ruhestörer nicht ausliesern, würde ich Dragoner- Patrouillen in der Stadt aufstellen und diese verstehen es wohl, die Juden einzuschüchtern. Außerdem werden die Ladenbesitzer, bei denen die Schlägerei vorkam, mit Nagaiken durchgeprügelt werden. Die Nagaika wird schon die Wahrheit erfahren; u n l ä n g st st a r b unter der Nagaika e i n B a n e r, und meine Dragoner bekam endafüreinenDankderBehörd e." Nach dieser Rede entstand im Städtchen eine Panik, und viele Juden flüchteten. Glücklicherweise verlies der 30. Oktober ruhig; aber das ändert an der Sache nichts, denn die Juden müssen noch jemanden „ausliefern", und da die „Schuldigen" unerinittelt blieben, so können sie natürlich nicht ausgeliefert werden; daher fühlen sich die Juden in Reschiza wie zum Tode verurteilt. Radowisl. Man sollte es kaum für möglich halten, daß in Ländern, in denen die Juden zufolge ihrer großen Zahl doch leichter in der Lage wären, durch festes Zusammenhalten den Druck deS wirtschaftlichen Boykotts seitens der herrschenden nichtjüdischeii Kreise zu mildern, die jüdischen Arbeiter gerade von den jüdischen öffentlich cii A n - ft et f t e n übergangen werden. Solche Mlle kommen jedoch im Kiewcr Gouvernement gar häufig vor, und es sind nicht gerade die modernen, fortschrittlichen jüdischen Kreise allein, denen. dieser Vorwurf gemacht werden kann. Mit Recht fragen die übergangeiren jüdischen Handwerker, an wen sie sich eigentlich um Arbeit wenden sollen, wenn sie von ihren eigenen Stammesbrüdern boykottiert werden. Bekanntlich hat jede Stadt etwas Merkwürdiges air sich. Auch mein Wohnort Radomisl im Kiewer Gouvernement ist diesem Geschick nicht entgangen. Auch er hat etwas Merkwürdiges. Wer viele Narreteien liebt, der möge scincil Wohnsitz in Radomisl aufschlagc». Ein großes Anekdotcnbuch würde, er verfertigen können. Hier mögen einige Anekdoten der letzteren Zeit folgen. Vor kurzer 'Zeit hielt ein Sozialdemokrat, ein gewisser Herr Schnitzer, in einem Lokale einen Vortrag. In diesem Lokale befanden und befinden sich auch heute noch' zwei Bilder an den Wänden, welche Persönlichkeiten und berühmte Männer des jüdischen Volkes darstellen; wie Maiinonides und viele ehrwürdige Rabbis, Männer, die, da sie schon lange tot sind, wirklich nicht Sozialdemokraten sein können. Diese Bilder störten nun einen der Herren Sozialdemokraten, und dieser — ein Jude, ein Photograph, einer, der bei seinen Genossen die Rolle eines Gebildeten spielt — verlangte vom Wirte, daß er für die Dauer des Vortrages die beiden unschuldigen Bilder ans dem Zimmer entferne. — Ein zweiter Fall: Ein jüdischer Sozialdemokrat sagte, als man ihn fragte, warum er Sozialdeinokrat sei, er sei deswegen Sozialdemokrat, weil sein Vater auf den Radomisler Zioicistenverein böse ist. Er wurde nämlich ans gewissen Gründen in diesen Verein als Mitglied nicht ausgenommen, und deshalb ist er jetzt Sozialdeinokrat geworden und als solcher ein großer Gegiter des Zionismns. Recht schauerliche Zustände herrschen in der benachbarten Stadt S h i t o m i r. So geschah es vor einigen Tagen, an einem Markttag, daß rin Bauer aus einem benachbarten Dorfe spät abends init einem jüdischen Schuster Händel anfing, im Verlaufe welcher der Bauer dem Juden mit einem mitgebrachten Ziegelsteine den Kopf einschlng und ihm lebensgefährliche Verletzungen beibrachte. Herveigeeiltc Juden brachten den Juden zu einem Arzte. Der Arzt war aber eben im Begriff, in's Theater mit Frau Gemahlin zu gehen und lehnte die Behandlung des Juden — „zu so später Nachtstunde" rundweg ab. Vom Arzte wurde der Jude blutüberströmt zuin zweiten Arzte getragen, der ein Jude ist, der befand sich aber beim Kartenspiele und wollte ebenfalls sichnicht stören lassen. Zum Glücke fand sich ein dritter Arzt, der endlich dem Verletzten, der sich 'vor Schmerzen wand, Hülfe leistete. Lehrer I. I. B r a n n. 0 leuillefon. 0 Zwei Urteile. (Von M. Riesmann, übertragen ans dem Jüdischen von Bojak.) I. ' Er wurde verurteilt. Die Richter saßen^ er stand. >

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.