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Neue jüdische Presse · 1906-11-16 · Heft 44 (16.11.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 44 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44. Seite 3. Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Ghetto", „Müde", „Der Händler mit alten Kleidern" und andere von Josef Israels, „Unterwegs im Golus", „Sman Simchossenn" und das letzte Porträt des sel. Grand Rabbin Zadoc Kahn von L. Pilichowsky, „Im Golus" und das erschütternde Bild „Zurück vom Krieg" von M. Maimon, „Die Westwand in Jerusalem" von Snowmann und einige gute Bilder betender und studierender Juden Rothensteins. Tüchtig scheinen jedoch die englisch-jüdischen Maler als Porträtisten zu sein, und die Bilder englisch-jüdischer Berühmtheiten, die die Ausstellung zählt und von Solomon I. Solomon, B. S. Marks und anderen stammenverdienen wirtlich einen Ehrenplatz in jeder guten Kunstausstellung. Ein neuer Zug in der Ausstellung wird in wenigen Tagen eine Ausstellung von Palästina- Produkten und palästinensischen Kunstwerken sein, die die von dem hiesigen bekannten Zionisten Mr. Murray Rosenberg gegründete Palestinc and Orient Company der Jewish art exhibition zur Verfügung stellt. Die ansgestellten Gegenstände gehören meistens den vier ältesten Synagogen Londons, Bevis Marko, Great, New und Hambro', dem Chief Rabbi und seinem Bruder E. N. Adler, Dr. Gaster, den Familien Sassoon, Montefiore, dem South Kensington Museum und der Firma Spinx and Sons u. a. m. Die Geschichte hat auch ihren Humor. Unter den Raritäten finde ich ein hebräisches Werkchen „Massecheth Amerika", das imitativ nach dem Talmud das Leben in Amerika behandelt und das — vor 12 Jahren in Wilna gedruckt wurde und von jeder Buchhandlung für 20 oder. 30 Kopeken zu beziehen ist. Bon Rabbi Jonathan Eibenjchütz hat der allwissende Katalog nichts anderes mitzuteilen, als, daß der vor ein paar Monaten hier verstorbene Reverend S. Singer sein Nachkomme sei. Das ist Ivohl das einzige, was der englische Jude, der die Ausstellung mit einem Besuche beehrt, von Rabbi Jonathan Eibenschütz wissen wird. Der Person Rev. Singers >vird ihm bekannter sein — durch, seine englische Uebersetzung des Gebetbuches, durch seine unerschrockene Zionistenfresserei einerseits und das zu Kreuze kriechen andererseits, als ihn Sir Samuel Montague aufforderte, von der christelnden Jewish Religions Union, für die. er. sich sehr begeisterte, abzulassen, vor allem, aber durch sein Testament, in dem er neben der Mitteilung, daß er seinen Erben über 5000 Pfd.. Sterling hinterlasse, ganz Israel Ämdgibt, «daß. er mit dem Glauben an einen einzigen Gott sterbe... Die Fürsorge für jüdische Geisteskranke. Bereits wiederholt haben wir Gelegenheit genommen, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf ein Gebiet zu lenken, das, wie ivohl kein zweites, so ganz von der jüdischen Wohltätigkeit außer Acht gelassen wird, — und dabei gibt es kein zweites Gebiet, das mehr der Aufmerksamkeit der Wohltätigkeit bedürftig ist. Wir meinen die Fürsorge für jüd. Geisteskranke, die merkwürdigerweise unsere Spender und Testatoren nie in den Kreis ihrer Erwägungen gezogen haben. Dr. Lichtenstein-Neuwied, der die Zahl jüdischer Geisteskranker in Deutschland mit 3600 Personen — im Verhältnis zur christlichen' Bevölkerung sollten es, nebenbei bemerkt, nur 2200 sein — annimmt, schreibt bezüglich dieser Kranken in der letzten Nuinmer der „Allg. Ztg.. d. Judent.": . „Ueber die Geisteskranken hat inan noch vielfach, selbst in den Kreisen gebildeter Laien, unklare Vorstellungen. Man denkt sich, darunter zumeist Leute, denen Bewußtsein des eigenen Jch.s und der Außenwelt völlig abhanden gekommen ist. In Wirklichkeit tritt die tiefe Bewußtseinsstörung meistens nur in den Endstadicn der schwersten Erkrankungsformen auf. Bei einer großen Anzahl von Kranken handelt es sichnnr znn den Ausfall einzelner geistiger Funktionen, um sogenannte Defekte. : : Sowohl diese als ganz besonders das Gros der unter dein Bilde der Psycho-Nenrosen (Nervenschwäche, Verstimmungszustände, Hysterie, chronische Jntoxationen usw.j Erkrankten haben Einsicht genug von der ie umgebenden Welt, und namentlich das religiöse Gefühl vieler dieser Unglücklichen ist in keiner Weise getrübt. Der Aufenthalt in einer nichtjüd.ischen Anstalt ist für viele Kranke mit großen Nachteilen verknüpft. Sie fühlen sich in der ihrer ganzen Denk- und Empfindungsiveise abweichenden Umgebung recht unglücklich, in vielen Fällen machen sie sich die größten Gewissensbisse über den Genuß nicht rituell zübereiteter Speisen und verweigern hartnäckig die Nahrungsaufnahme. Oft sogar kommt es, wie wir aus zahlreichen Fällen wissen, zu konfessionellen Reibereien und Hänseleien seitens des Anstaltspersonals und der christlichen Patienten, so daß der Zweck des Aufenthalts in der Anstalt illusorisch, ja statt der erhofften Besserung geradezu eine Verschlechterung des Leidens herbeigeführt werden kann. N u r i n s p e z r f i s ch j ü d i sch e n A n st a l t e n kann der jüdische Geisteskranke vor allen derartigen, ihm besonders schädlichen seelischen E r r e gu n g e n b e w a h r t b l e i b e n und n u r i n s o l ch e n ist es ihm möglich, seine gewohnte Lebens-!v e i s e unverändert f o r t z u f ü h r e n; denn hier befindet er sich in einer ihm Wertrauten Umgebung, die allen seinen religiösen Bedürfnissen liebevolles Verständnis entgegenbringt." Man halte dieser Darstellung eines Fachmannes die Tatsache entgegen, daß die meisten jüdischen Geisteskranken in nichtjüdischen Anstalten untergevracht sind, iveil ihre Angehörigen sie. dort unterbriugen m ü s s e n, denn die deutsche Judenheit hat für diesen Zweig der Menschenliebe rein garnichts getan. Daß der im Jahre 1903. gegründete „Hilfsverein für unbemittelte, jüdische Nerven- und Geisteskranke zu Ems" bereits 14 Kranke in einer jüdischen Privatanstalt untergebracht hat, ist wohl ein Anfang aus der zu beschreitendcn Bahn, bleibt aber gegenüber einer Zahl von 3600 jüdischer Personen (uiieingercchnet die Zahl der jüdische» Nervenkranken, die bedeutend höher istj bedeutungslos. . Die Woche. Endlich! Die langen Wehen der schweren Geburt sind endlich Überstunden; die Einigung der drei liberalen Parteien, der dentschen Volkspartei, der freisinnigen Volkspartei und der freisinnigen Vereinigung, auf der Basis eines Mindestprogramms ist Tatsache geworden, in unserem demokratischen Frankfurt ist in den letzten Tagen dieses Ereignis geschehen. Lange hat dieser eben vollzogene' Mt auf sich warten lassen, engherzige Prinzipien- und Programmreiterei standen ihm im Wege. Mein die Gefahren, die dem Lande in sozialer, kultureller und politischer Beziehung seitens einer immer mächtiger werdenden Reaktion drohen, öffneten die Augen der Kurzsichtigen und ließen sie die Differenzierungen ihrer Programme für eine Weile vergessen um des gemeinsamen Zieles willen, das sie sich gesteckt haben. Frankreich war eine gute Lehrmeisterin, auch dort wußten früher die linken Parteien nichts .besseres zu tun, als sich gegensiitig zu bekämpfen, und indem sie sich mit ihrenr beständigen Kämpfe zur Ohnmacht verurteilten, verhalsen sie den Reaktionären zur Macht. Da kam der republikanische' Mock zustande, brach die Macht der privilegierten Reaktionäre und gab sie den Linken. Seitdem regiert die Demokratie und überall in Frankreich blüht wer Fortschritt. — Und bei uns? Noch bleibt die größte Partei der Linken, die Sozialdemokratie, draußen. Auch die nationalliberale Partei hat sich einstweilen diesein Block nicht angeschlossen. Doch die Not, die Umstände sind stärker als der Wille einzelner starrsinniger Führer. Um dem Fortschritt zum Siege zu verhelfen, bedarf das Proletariat der Unterstützung der fortschrittlichen Bourgeoisie; Frankreich, Oesterreich und Rußland beweisen das zur Evidenz. Zu dieser Einsicht wird auch unsere Sozialdemokratie — und zuguterletzt auch die Nakionalliberalen gelangen müssen. , Und wir Juden? — Braucht es noch gesagt zu. werden, daß ein entrechtetes Volk 'für Recht und Gerechtigkeit eintreten muß. Gerechtigkeit gebietet unser Gott, Gerechtigkeit gebietet uns unser ganzes Wesen. * * * „Hier bildete sich ein a m e r i k a n l s ch - j ü - disches Komitee, das es sich zur Ausgabe setzt, die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden zu erhalten und auszudehnen. Dem Komitee gehören angesehene Männer ans dem ganzen Lande an, so in Newyork Oskar L. Strauß, der designierte Chef des Departements für Handel und Arbeiten, und Bankier Schiff." Soweit -»Reuters Telegr.-Burean". Was ist besonderes an diesem Ereignis? Die Bildung eines jüdischen Komitees zu Nutz und Frommen der Judenheit ist etwas alltägliches, ein von seinem väterlichen Boden gerissenes, in aller Welt zerstreutes Volk bedarf der Hilfe bietenden Komitees gar viele. Und doch ist an der Bildung dieses Komitees etwas Besonderes: Das Komitee will für die Erhaltung und Ausdehnung der Rechte der Inden sorge,!. Also nicht etwa für die Erlangung der Rechte dort, wo sie keine besitzen, sondern für deren Erhaltung und Ausdehnung dort, wo sie Rechte besitzen. Dieses trifft für alle Länder der jüdischen Diaspora, auch die der Freiheit und Demokratie zu. Allein, welche Riesenaufgabe! Eins von den Beiden müßte eintreten:. entweder die Völker legen ihre Schlechtigkeiten und Barbareien für immer ab, oder die Juden müßten Barbaren werden. — Wäre es nicht viel einfacher, den Zerstreuten, Schutzbedürftige» und Schutzlosen ein Heim zu geben? . . . . Aus aSCev Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraölite Universelle erhalten wir folgende Mitteilung: Im Laufe des letzten Jahres, vom Oktober 1905 bis Oktober 1906, hat die Alliance Jsraelite Universelle in die gemeinsame Käste der jüdischen Hilfsorganisationen in London zur Unterstützung der verfolgten russischen Juden 803 525 Fr. eingezahlt, außerdem nach Petersburg 100 000, nach Odessa 310 000, für Bialhstok 25 000 Fr. überwiesen. Ferner sind von der Miance Jsraelite Universelle in demselben Zeitraum 240000 Fr. an unmittelbaren Zuwendungen an russische Juden außerhalb Rußlands gemacht worden. . Ein sehr erheblicher Teil des letztgenannten Betrages kam in Berlin und in anderen deutschen Städten zur Verteilung. Die Beiträge, die aus den Mitteln und durch die Vermittlung der Alliance Jsraelite Universelle fiir das russische Hilfswerk zur Verwendung kamen, habe» sich demnach in dem Jahr Oktober 1905/06 auf '1478 000 Fr. belaufen. Frankfurt a. M. Einen hundertjährigen Gedenktag hätte in diesem Monat das Baron von Rothschild'sche Hans feiern können. Anfang November 1806 vertraute nämlich der vor Napoleon flüchtende Wilhelm IX., Landgraf von Hessen- Cassel, sein großes Vermögen dem Frankfurter Bankier-Mayer Amschel Rothschild an, und damit nahm die rapide Entwickelung des Hauses Rothschild zu seiner Weltgröße ihre» Anfang. Frankfurt a. St-, 14. November. Den bevorsteh en den Aus schu ß w ahle n galt die geschlossene Mitglieder-Versammlung des Zentralvereins isr. Gemcindemitglieder, die gestern unter dem Vorsitze des Herrn Dr. I. Heinemann tagte. In der mehrstündigen Diskussion sprachen die Herren. Dr. I. H e k n e m a n n, Raphael E t t - linger, Emanuel Lehmann, Dr. W. H'anauer, Martin Levigard, Martin Meyer, Salo Stern, H e y m ä n n , Max Baue r, Lehrer Schwab nsw. Die Versammlung erklärte ihr Einverständnis init der Tatsache der Verhandlungen des Vorstandes des Zentralvereins mit dem Vorstande des Freisinnigen Vereins wegen eines Kompromisses and setzte die Grundlagen für diesen Kompromiß fest. Berlin. Hiifsvereinder deutschen Juden. Das Schul- und Kindergarten-Komitee des Hilfsvereins in Jaffa teilt mit, daß alle nötigen. Vorrichtungen zur Errichtung des 2. Kindergartens bereits getroffen sind. Ein Lokal ist in der jüdischen Vorstadt Newe-Zedek gemietet, das nötige Mobiliar angeschafft und eine Lehrerin engagiert worden. Die Eröffnung erfolgt jetzt. Me Aufnahme der bedürftigen russischen Kinder — die meist armen Familien angehören — erfolgt unentgeltlich. Der Zudrang russischer Kinder zu der Kn a b e n - schule in Jaffa, die der Hilssverein im Mai dieses Jahres begründet hat, ist gleichfalls außerordentlich stark. Zwei Drittel der 50 Schüler, dir die Anstalt besuchen, sind russische Emigrantenkinder. Auch die Aufnahme dieser Kinder erfolgt teils unentgeltlich, teils unter Bedingungen, die den pekuniären

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