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Neue jüdische Presse · 1906-11-16 · Heft 44 (16.11.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 44 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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i^ms mm Veite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblati. Den Konstitutionellen Demokraten steht die Parteider „FreiheitlichDenkenden" nahe. Auch sie erstrebt die Forderung einer konstituieren-' den Versammlung, ist aber sehr wählerisch in den Kampfmitteln und glaubt, eher mit geistigen Waffen den Sieg davontragcn zu können. An sie grenzen die „ChristlichenDemokraten" an, die aber eine religiöse Nuance haben. Den Uebergang zu den extremen Sozialisten bilden die radikal-demokratisch en Gruppen. Aus ihnen bildete sich in Petersburg eine „Radikale Partei" heraus, die in ihr Programm die Begründung einer föderativen Republik.nach dem Muster der Vereinigten Staaten als Kampfforderung ausgenommen hat. Sie verlangt außerdem, daß für jeden Grundbesitzer das Maximum an Privatgrundbesitz festgestellt werde. Das sind die charakteristischen Typen der konservativen und liberalen Parteien in Rußland. * » * Von den Konservativen sprachen wir in unserem Kapitel I. Was wir von den Liberalen zn erwarten haben, sagt uns die Geschichte der Juden in Westeuropa ganz deutlich. Der westeuropäische Liberalismus ist rasch zu einem Sport ausgeartet, an den man vielleicht nach einem süßen Nachmittagsschläfchen zurückdenkt. Man schämt sich auch nicht mehr, wenn ein freier Staat jahrzehntelang in einemsort grob lügt und betrügt: wenn er die von chm verbürgte Gleichberechtigung der Juden ununterbrochen verletzt... Man empfindet es auch nicht mehr als eine Beleidigung der Zivilisation, ein ganzes Volk tagtäglich öffentlich zu schändend. . Der sehnsüchtigste Wunsch des Liberalismus ist — Ruhe. Nur keine Aufregung. Alles still, sanft und lieb. Ein bischen kriechen muß man auch — mir leise. Heuchelei und Schmeichelei — das darf nicht sein. Aber man muß verstehen, sich anzupajsen; man muß schmiegsam sein und die einträgliche Gunst sich zu gewinnen suchen. Kurzum: man muß praktisch sein. Die Freiheitsidcc ist sehr gut und schön, wenn sie nur nicht Skandale macht: wenn sie nur nicht stört, aufregt. Judenexzesse — gut, man kann dagegen im Namen der Humanität protestieren; man muß ja anständig sein. . . Werden sie sich wiederholen, so wird man nochmals protestieren. Doch wegen Judenkrawallen auf Prozente zu verzichten — das ist zn viel verlangt. Geschäft bleibt Geschäft und Ideal — Ideal. So in Westeuropa. . Und in Rußland? In letzter Zeit hatten wir Gelegenheit, die Liberalen hier kennen zu lernen. Die Liberalen der Kiewer Duma drückten ihr Vertrauen und ihren Dank den Veranstaltern des dortigen Pogroms aus. Ebenso in Ekaterinoslaw und in noch mehreren Städten. Wie sie gegen die Pogroms protestieren, erwecken sie nur Mitleid in ihrer bittern Notlage: daß sie dazu durch das starre Prinzip gezwungen sind. Der westeuropäische wie der russische Liberalismus ist, insofern er die Juden als gleichberechtigt im Prinzip anerkennt, ein historischer Be-; trug. An eine Aktion gegen die Pogrome oder! eine Beteiligung an jüdischem Selbstschutz haben' die russischen Liberalen nie gedacht. Sie kümmern sich um die Juden blutwenig; höchstens nur insofern, als sie vor der eventl. Durchführung ihrer eigenen Forderung, der Gleichberechtigung der Juden — die sie im Namen des Prinzips' uolens volens aufstellen mußten — schon jetzt eine Angst verspüren. Wir sagten bereits in unserem ersten Kapitel:! der Reaktionär ist in bezug auf Juden viel ehrlicher und aufrichtiger, als der Liberale. Jener äußert offen seine' Ueberzeugung und Abneigung, handelt danach und läßt sich nicht von traditionellen Prinzipien undMo dcphrasen einschüchtern. Diese aber sind feig, haben keinen Mut, ihre Gefühle und Gedanken gegen die Inden offenherzig zu bekunden; sie heucheln und s ch m e i ch e l n der Zivilisation und müssen -sich ducke n.*) Die jüdische Kunstausstellung in London. Bon Dr. I. M. Salkind. Am 7. November wurde in London (Whitechapel Art Gallery) die jüdische Kunst- und Antiquitälcn-Ausstcllung in Gegenwart zahlreicher Vertreter der hiesigen jüdischen Geistesaristokratie und Honoratioren ihrer Bestimmung übergeben. Der Chief Rabbi Dr. Adler führte den Vorsitz, und der anglikanische Geistliche Canon Barnett erösfnete die Ausstellung. Es wurden Reden gehalten, von denen die des Chief Rabbi, des Chachams Dr. ,M. Gaster und Canon Barnett besondere Erwähnung verdienen. Dr. Adlers Rede llang apologetisch. Dr. Gaster sprach jüdisch-national und beleuchtete die Ausstellung von einem jüdisch-historischen Gesichtspunkte. Ebenso tief jüdisch-historisch gefühlt war die gelungene Rede Canon Barnetts, der sich für die Vergangenheit unseres Volkes und die Verbrüderung der verschiedenen Stände und Richtungen in unserer Mitte begeisterte und die jüdisch-menschlichen Ziele und Zwecke dieser Ausstellung in kürzester Form und erklärendster Weise auseinandersetztc. Die Ausstellung, die sechs Wochen dauern wird, ist jeden Tag bis 10 Uhr abends offen und eintrittsfrei. Ein ausführlicher Katalog, vom bekannten Kunstkritiker M. H. Spielmann verfaßt, wird, zum Preise von einem Penny verkauft. Zur weiteren Erläuterung der über 1700 Nummern, die die Ausstellung zählt, dienen Vorträge, die während der Ausstellungszeit jeden Sonntag Nachmittag abgehalten werden. Als Redner sind einstweilen der Chics Rabbi, sein Bruder E. N. Adler, der bekannte Kunstkritiker Sir Isidore Spielmann (ein Bruder M. H. Spielmanns), der englisch-jüdische Historiker H. S. G. Henriques und andere angemeldet. Die Kosten der Ausstellung sind auf 400 Pfund Sterling berechnet und sollen aus den Büchsensammlungen und größeren Spenden bestritten werden. Die Idee einer jüdischen Kunstausstellung ist hier nicht ganz neu. Bereits vor 19 Jahren fand hier eine derartige Ausstellung im Albert Hall statt. In ihrem Charakter unterscheiden sich jedoch die beiden Ausstellungen, und die Ausstellung von jetzt bildet daher gewissermaßen eine Novität. Denn während die Ausstellung von 1887 von der jüdisch-historischen Gesellschaft im Westen der Stadt veranstaltet wurde und aus) hließlich Antiquitäten enthielt, wie synagogale und gottesdienstliche Gegenstände, seltene Kupferstiche, Handschriften, Drucke und Urkunden, die auf die jüdischenglische Geschichte Bezug haben, ist die jetzige Ausstellung vorwiegend eine Kunstausstellung, bei der die Antiquitäten Nebensache sind und nur zur Vervollständigung des Gemäldes dienen. Die neue Ausstellung verdankt ihre Entstehung ganz und gar der unermüdlichen Tätigkeit eines anglikanischen Geistlichen, des Canon Barnett, der sich die jüdische Gemeinde nur zu Hilfe nahm, wo das Unternehmen es erforderte. Canon Barnett ist zugleich ein großer Menschen- und Kunstfreund, der stets bestrebt war, den Sinn der Massen für die Kunst zu entwickeln, um ihr freudenloses Dasein durch die Kunst zu erhellen und erheitern und dem dieses bereits durch mehrere erfolgreich unternommene populäre Kunstausstellungen gelungen ist. Als vernünftiger Seelsorger gehört bei ihm auch die Kunst,- die . veredelnd auf den Geist wirkt und die leider bis! jetzt nur ein Monopol der Reichen, und Glücklichen war, in das Programm der Religion. Canon Barnett, der. im Eastend. seit vielen Jahren wohnt und wirkt und. unsere dortigen Massen.gut kennen gelernt hat, gehört auch zu den besten Freunden unseres Volkes, der es mit *j In der vorigen Nummer sollte es (Ende der dritten Spalte) statt „kann nicht 'Fanatiker" heißen: „kann nicht Nichtfanattker sein". Nr. 44 den: Philosemitismus stets sehr ernst nahm und keine Gelegenheit vorübergehen ließ, ohne die Juden gegen Angriffe zu verteidigen und ihre religiösen und ökonomischen Interessen in einer Art und Weise zu. vertreten, wie wir es kaum von einem Rabbiner erlvartcn dürften. Canon Barnett verband jetzt seine Liebe zur Kunst mit seiner Liebe zu unseren armen Massen und, an ihr trübes Dasein denkend, bot er nun diesen Aermsten der Armen eine gesunde, erheiternde, belehrende und erhebende Erholung nach der schweren Mühe des Tages an, eine Wohltat, auf die unsere Wohltäter, welche an Größenwahn leiden und um jeden Preis für die ganze Menschheit sorgen und denekavtores generis humanisein möchten, niemals gekommen wären. Die Gegenstände, die in den drei Sälen der Whitechapel Art Gallery ansgestellt sind, zerfallen, wie bereits gesagt, in art und antignities. Die letzteren machen etwa ein Drittel der ausgestellten Gegenstände aus. Zu diesen gehören die verschiedensten synagogalen und sonstigen gottesdienstlichen Gegenstände aus allen Jahrhunderten des Mittelalters und der neuen Zeit und aus den verschiedensten Gegenden. Am interessantesten sind von diesen die zur Sassoon'schen Sanvnlung gehörenden Gegenstände, die von den großen Kaufherren dieser Familie in den entlegensten Gemeinden Indiens und Mittelasiens kollektjveniert wurden. Von großem Interesse ist die Sammlung von jüdischen Münzen, die die bekannte Antiquitätcnfirma Spinx and Sons der Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, und die Siegelringe, von denen' manche älter als die letzten Propheten sein dürften. Die Ausstellung enthält auch eine sehr reiche Sammlung von wertvollen Handschriften und Erstdrucken, von Schriften und Dokumenten, die von hohen: Werte für die jüdisch-englische Geschichte sind, von seltenen Kupferstichen berühmter jüdischer Größen und Karikaturen. Zu den letzteren gehören zuni Beispiel die höchst seltenen Zerrbilder von Lord George Gordon, der überall als altmodischer polnischer Jude geschildert wird. Lord Gordon, der 1751 geboren wurde, war der Sohn des dritten Herzogs von Gordon, und nachdem er ein wütender Antipapist gewesen war, trat er zum Judentum über und lebte als streng religiöser Jude. Diese Spottbilder sind sehr selten, weil sie die Familie Gordon aufkaufen und vernichten ließ. Interessant sind auch einige sehr alte Grabsteine mit arabischer Inschrift in jüdischen Lettern und die „Montefioriana"-Kollektion, eine Sammlung von Reisepässen, Dokunrenten und verschiedenen Gegenständen, die in beredten Worten die ganze Seelengröße des wirllichen Großjuden Sir Moses Montefiore s. A. darlegen. Die größte Aufmerksamkeit aber lenkt auf sich ein kleiner schwarzer Stein aus der Tempelwand, den Sir Moses Montefiore während eines Besuches in Jerusalem vom dortigen Gouverneur als Geschenk erhalten hatte. Die Gemälde gehören, mft wenigen Aus-, nahmen, lebenden jüdischen „Meistern". Sic behandeln zunl größten Teil jiidische Themata. Es war sehr vernünftig von den Unternehmern dieser Ausstellung, einige jüdische Künstler des Auslands um die Einschickung ihrer Meisterwerke zu ersuchen. Hätten sie sich mit der inländischen Produktion begnügt, so. hätte die Ausstellung nicht - nur. nichts gewonnen, sondern würde, auch geradezu ein testimonium. pa,upertatis für die jüdische Kunst gewesen sein. Es war sozusagen ein Kidusch Haschem, die. Werke Josef Israels, Liebermanns, Pilichowskys, Maimons und anderer herüber zu bringen, da unsere einheimischen Künstler, mit wenigen. Ausnahmen wie Solomon I. Soloinon, W. Rothenstein, Isaak Spowman und Wolmark, der Ausstellung . nur solche Gemälde anbieten könnten, die in. den meisten Fällen nicht einmal mittelmäßig genannt werden können. Die besten Bilder, die wir hier sehen können, sind diejenigen, welche die Tragik des „Judenschmerzes" ausdrücken. Von , dqn dein weiten jüdischen Publikum bekannten Meisterwerken besitzt die Ausstellung die -Bilder „Am

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