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Neue jüdische Presse · 1906-11-16 · Heft 44 (16.11.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 44 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die konservativen und liberalen Parteien in Rußland. Von I. b. E. II. Seinem Charakter nach konservativ ist anch der „Verband d c s 3 0. Oktobe r". Er steht/ wie sein Name besagt, auf dem Boden des Zarenmanifcstes vom 30. Oktober und war daher eine Stütze des Grafen Witte, der ebenfalls diesen Standpunkt zu vertreten angibt. Auch diese Organisation ist nicht einheitlich aufgebaut. Sie schließt in sich — wie sie in einer Publikation proklamiert — 18 Parteien ein, die verschiedene Richtungen einschlagen. Kein Wunder, wenn ein politischer Wirrwarr in dieser Organisation herrscht, der/ sie außer Aktion setzt. Sie betätigt sich, viel mehr in negativer, als in positiver Arbeit. Sie bekämpft die Juden, weniger über He Regierung. Sie verlangt freilich Reformen, fordert Gleichberechtigung aller' Nationen vor dem Gesetze, — doch geschieht es nur leise und sanft. Im großen und ganzen ist diese Organisation keineswegs standhaft. Sie ’ wechselt oft ihr Losungswort und springt auf Prinzipien herum, wie ein Vogel auf Aesten. Als etwa das Zentrum bezeichnet inan die „Partei der R e ch t s o r d n u n g" und „Partei des 17. Oktober": Zentrum wohl im Sinne einer Regierungspartei. Sie waren ebenfalls die politischen Stutzen des Kabinetts Witte. Die „Partei des 17. Oktober" grenzt eng an die ,)Partei des 30. Oktober" an. Doch ist die des 17. Oktober mehr slavisch-national gesinnt als die des 30. Oktober, widersetzt sich schärfer der Selbständigmachung Finlands und betont entschiedener die Priorität der echt russischen Leute. * Den Reigen der Linken eröffnet die große Partei der Konstitutionellen Demokraten, die. nach ihren Initialen kurzweg Kadety (K.-D. mit der russischen Sprachbildungsform-ty) genannt. Sie konstituierte sich Mitte Oktober vorigen Jahres in Moskau. Die Grundforderung dieser Partei ist eine konstituierende Versammlung auf Grundlage des allgemeinen gleichen, direkten, geheimen Wahlrechts. Zwei weitere Forderungen bildeten stets; den Gegenstand heftiger Polemik innerhalb der Partei; nämlich : das. politische Wahlrecht der Frau und die Frage, ob neben der Reichsduma eine zweite Kammer an Stelle des Reichsrates zu treten hat oder ob ein Einzelkammersystem vorzuziehen wäre. ■ Diese konstitutionellen Demokraten bilden eigentlich nicht eine Partei, sondern vielmehr einen Block, linksstehender Parteien. Wir können unter ihnen eine Einteilung in Rechte, Zentrum und Linke vornehmen, die Linken wiederum in gemäßigte und radikale. So. finden wir in diesem Block die mannigfaltigsten Schattierungen der liberalen bürgerlichen Elemente, wie auch die verschiedensten Richtungen der sozialistischen Parteien. Und es ist hervorzuheben, daß trotz dieser vielfachen. Differenzierungen die Organisation der K.-D. eine einheitliche Tätigkeit entfaltete. Umsomehr ist es zu bewundern, als sie doch die besten Kräfte der russischen Intelligenz in sich aufnahm — Kräfte also, die schon an sich fein differenziert sind. Die Sozialdemokraten, besonders die sogen. „Strengen" oder „Majoritätler" („Bolschewsky"), bemühten sich eifrig, die K.-D. beim Volke in Mißkredit zu bringen. Sie fürchteten diese große Partei als Konkurrenz, da sie ihre Existenzberechtigung und mithin ihre Machtstellung wohl einsahen. Und wahrlich! Sie könnte der Freiheitsbewegung viel Schaden zufügen, wenn sie sich hinter liberale Reformen verschanzt hätte. Sie war aber ehrlicher und daher radikaler. Wir müssen über auch jetzt noch sagen: die Sozialdemokraten hatten Recht, wenn sie anfangs den K.-D. kein Vertrauen entgegenbrachten. In politischen Lebensfragen vorsichtig zu sein, . ist ein Gebot jeder aufrichtigen Ueberzeugung. Man muß anch bedenken, daß das Betragen der K.-D. bei der Duma-Wahlkampagne nicht tadellos war; sie gingen auf Kompromisse ein; je nachdem milderten und verhärteten sie ihre Prinzipien, um nur ihre Wahllisten durchzusetzen. Sie vereinigten sich dann bekanntlich auch mit ganz Rechten.. Jedenfalls gaben sie Veranlassung genug, um die Befürchtung zu hegen: sie würden mit der Regierung paktieren. Und das wäre ein gefährlicher Schlag für die Revolution. Denn nur große liberale Reformen können sie für eine Zeitlang hinausschieben; die Reaktion hingegen beschleunigt ihren Gang. Witte war daher eine viel stärkere Säule der. Reaktion als ein Trepow. Ich sage: der Reaktion — denn auch die größten liberalen Reformen sind im Grunde genommen nur eine vernünftige Reaktions- Politik; sie machen nur Konzessionen aus Angst vor einer Revolution; es fehlt ihnen meistens die' Grundlage fester Ueberzeugung. Nur eine radikale Revolution kann ehrlich sein. Daher konnten hie K.-D. eine Gefahr für die . echte Befreiung Rußlands werden: da sie in Reserve liberale Reformen mit sich trugen — damit für jeden Fall der liebe Friede im Lande hergestellt werde. Doch in der Duma bewährten sich die K.-D. als tapfere Revolutionäre. Und seitdem bedauert die Sozialdemokratie,- sie von sich abgestoßen zu haben. Die L-D. gaben in den Hauptprinzipien nicht nach, schonten keineswegs die - heuchlerische Regierung, jagte die Minister aus dem Saal heraus — bis sie selbst endlich die Türe hinausgesetzt wurden. Die K.-D. finden lebhafte Unterstützung in Westeuropa, besonders aber in' Amerika. Sie stehen in Verbindung mit den einflußreichsten Persönlichkeiten des Auslandes, das stets einen mächtigen Einfluß auf Rußland ausübt. Und die K.--D. sind ihrer politischen Stellung nach am geeignetsten, Vertrauen bei der liberalen Bourgeosie des Auslandes zu finden. Es ist aber selbstverständlich, daß es weder den K.-D. noch den anderen revolutionären Organisationen Rußlands bisher gelungen ist, die ausländischen Finanziers und die Presse für die Freiheitsbewegung tatsächlich zu gewinnen. Es ist auch keine Aussicht dafür vorhanden: die Finanziers unserer lieben Kulturwelt werden immer mit ruhigerem Gewissen ganze Völker gemartert sehen können, als wenn chnen auch nur einige ihrer Prozente verloren gehen; und die liberale Presse läßt sich durch Wahrheit nicht bestechen: sie ist nicht mehr so naiv wie in den alten Zeiten. In Deutschland brachte man wohl wohlwollendes Interesse den K.-D. entgegen. Es macht sich aber immer mehr in diesen liberalen Kreisen eine Enttäuschung über die K.-D. fühlbar. Es heißt: die K.-D. scheinen gar — horribile dictu—Revolutionäre zu sein! Und vor einem Revolutionär erbebt bekanntlich auch der tapferste „Freiheitskämpfer" in Deutschland. In diesem Block der konstitutionellen-demokratijchen Organisation konzentriert sich auch die politische Vertretung der Juden. Wir finden da die jüdische Intelligenz Rußlands, insofern sie nicht von sozialistischen Parteien aufgesaugt wurde; genauer gesagt: die ältere jüdische Intelligenz, die nicht mehr als Jugend bezeichnet werden kann. Die Juden waren die Hauptstütze der K.-Dbei den Dumawahlen. Auch viel jüdisches Geld steckt in dieser Organisation. Konstitutionelle Demokratie ist die ,/Organisation zur Erlangung der Gleichberechtigung für die Juden in Rußland", an deren Spitze der bekannte jüdische Historiker Sch. Dubnow wie auch der bekannte Rechtsgelehrte und Führer der K.-D., W in aw e r, stehen. Die Zionisten, Territorialisten und überhaupt die Nationaljuden stehens meistens auf der polftischen Basis der K.-D.-, mit Ausnahme der zionistischen und territorialistischen „Poalei-Zion", der territvrialistischen Z.-S. (Zionisten-Sozialen) und derlleineu kulturell-nationalen Gruppe „Wosrozdenje" (Rsnsisssuos). Die Frage, welche politische Stellung im Freiheitskampf die Juden in Rußland einzunehmen hätten, gedenken wir in einem besonderen Artikel zu behandeln; hier müssen wir uns auf eine Berichterstattung über die politischen Parteien in /Rußland beschränken. * '

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