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Neue jüdische Presse · 1906-11-09 · Heft 43 (9.11.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 43 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 Seite 3. ten. Dazu muß mau tiefe Augen haben, feine Nuancen der Dinge sehen und der Nation ins Herz sehen. Denn nicht derjenige geht den Weg einer geschichtlichen Entwickelung, der immer wieder an den Stacheln und Häkchen des Wegzaunes hängen bleibt, sondern der die Linie des Weges innehätt und mit freier Umschau dessen Ziel als Erkennender gewinnt. Daß die Inden, die hohe Stellungen erlangen. Erkennende werden, ist zu wünschen. Es handelt sich nicht um Persönlichkeiten, aber Erscheinungen soll man richtig werten." Im großen und ganzen treffen diese Aeußernngen zu, denn wirkliche Hilfe kann uns Inden nur von c i n e r r e i n j ü d i s ch e n P o l i t i k geboten werden. Doch zeitweiliger Nutzen kann uns auch von Männern wie Strauß, die Liebe für ihre Nation besitzen, kommen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Zwecks Stistung einer F e stgabezurinnerenAusstattnng dcr neuen S y n a g o ge hat sich aus den jungen Leuten der Israel, R e l i g i o n s g e s e l l s ch a f t ein Komitee gebildet. Das Komitee hat bereits einen Aufruf an die Jünglinge und Jnngfrancn der Gemeinde mit dem Ersuchen zur Beisteuer gerichtet.*) Frankfurt a. M. Die M. I Kirchh e i m ' s ch e Stistung hat an arme israelitische Mädchen Stiefel zu vergeben. Schriftliche Anmeldungen bei Frau Bella Goldschmidt, Lcerbachstraße 46. Frankfurt a. M. Die B. S. G o l d s ch in i d t 'schc S t i p e u d i e n st i f t u n g blickte diese Woche auf ein 50j ä h r i g e s B e st e h c n zurück. Sie hat in dieser Zeit nahezu 400 jüdische Studierende der verschiedensten wissenschaftlichen Berufe mit rund 300 000 Mark unterstützt. Berlin. Antisemitische Bußen für jüdische Zwecke. Wiederholt schon haben Antisemiten ihre Buße für Beleidigungen durch Geldznwendungen für jüdische Zwecke beweisen müssen. Dies wiederholte sich jüngst in drastischer Weise in dem Bureau des Rechtsanwalts Willy Proskaner. Hatte da ein Berliner Ansichtskartenhändler eine Forderung von 22 Jt. an einen Spandauer Kunden und wurde, als er um Zahlung bat, mit antisemitischen Liebenswürdigkeiten überhäuft. Schließlich warf ihm der biedere Spandaucr das Geld vor die Füße, was der Lieferant nicht annahm. Einer Anzeige wurde ohne weiteres Folge gegeben. Vor dem Termin erschien bei dem Kläger ein Abgesandter des Angeklagten, wurde aber an den Rcchtsbeistand gewiesen. Dieser stellte als Bedingung zur Rücknahme der Klage: „Erstattung sämtlicher Kosten und Zahlung von 400 JL an die jüdischen Ferienkolonien". Das schien dem Vermittler zu hart, und da mußte der Angeklagte selbst antrcten. Der machte nun den Vorschlag, er wolle dem Beleidigten ein großes Quantum Karten abkaufen, doch Herr Proskaner sprach seine Zweifel aus, ob sein Klient überhaupt noch mit derartigen Leuten Geschäfte machen wolle und bestand auf seiner Forderung, welcher prompt entsprochen wurde. Christentum und Judentum. Im Oktoverheft der „Deutschen S ch u l c", dem wissenschaftlichen Organ des deutschen Lehrcrvereins, bespricht Dr. Görland in Hamburg die Schrift des Privatdozenten Bruno Bauch über „L u t h c r n n d K a n t". Dr. G. stellt sich mit B. auf den Standpunkt, „daß in Kant Luthers sittlich-religiöses Fühlen auf den Standpunkt der Vernunft gelangt ist", fährt dann aber fort, die Grenzfrage zwischen Inden- und Christentum folgendermaßen zu kritisieren: „Wir dürfen das Bekenntnis, das an unserer Schätzung des Hanptteils der Schrift nichts ändert, nicht unterdrücken, daß uns die Bauchsche Darstellung des Verhältnisses des Judentums zum Christentum als höchst fatal anmutet. Wenn etwas es gewesen ist, das das Christentnnl resormationsfähig gehalten hat, wenn etwas die unkirchlichen Gottsucher reiner Sittlichkeit aus dem Christentum entstehen ließ, so war es das Judentum im Christcntnnr als dessen guter Geist, der gewaltige sittliche Rigorismus des Gesetzes (und der prophetische 'Idealismus), diese unverlierbaren Grundlagen der Autonomie hunianer Sittlichkeit. Das sollte vor allen ein Kantianer nicht vergessen." Berlin. Am 11. ds. Mts. findet eine Sitzung der Leitung des Verbandes der deutschen Juden statt, die sich mit den» R o s i n' s ch e n Gesetzentwurf beschäftigen wird. Berlin. Preisausschreiben. Aus Anlaß des 25 jährigen Bestehens des Akade misch e n V e r e i n s s ü r j ü d i s ch e G e s ch i ch t e u n d' Literatur an der Universität Berlin setzt der „Verband alter Herren" dieses Vereins (Vorsitzender: Zahnarzt Lipschitz, Berlin IV. 8) einen *) Auch die Geschäftsstelle des „Franks. Israel. Familienbl." ist bereit. Gaben anzunehmen. Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Preis von 600 J(. aus für die beste Bearbeitung des Themas: Die Ethik der Propheten. Das Preisrichteramt haben übernommen die Herren Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Cohen-Marbnrg, Geh. Regiernngsrat Prof. Dr. Frcudenthal-Breslau und Prof.' Dr. Eoldziher-Bndapest. Berlin. Die Repräsentawtenversamml n n g der jüdischen Gemeinde war gut besucht und die Tagesordnung sehr reichhaltig. An Stelle der durch den Tod au'sgeschicdeuen Mitglieder Joseph Fracnkel, Louis Sieskind und Adolf Mayer sind die Herren Jakob Weinberg, Benas Levy und- Emil P i n c u s eingetreten. Aus den Verhandlungen sei hervorgehoben: In der Angelegenheit der Errichtung einer Nordwest- Synagoge ist der Bescheid des Vorstandes ablehnend; der Ausschuß dagegen hat beschlossen, eine gemischte Kommission niederzusetzen. — Der Vorsitzende des Vorstandes, I u l in s IacobY, ersucht die Versa», mlnng, davon Abstand zu nehmen, gemischte Kommissionen für zwecklose Angelegenheiten einzusetzcn; die Repräsentanten sollten nicht die Sucht unterstützen, wenn irgendwo Leute gern ein Grundstück an die Gemeinde verkaufen wollen. Wenn immer je 950 Zensiten eine Synagoge für sich beanspruchen, so müßten 30 Synagogen errichtet werden. Der Mangel eines Gotteshauses sei in anderen Gegenden noch fühlbarer, als im Nordwcsten. — Herr Weinberg bedauert die Erklärung des Borsitzenden. Ans die Anzahl der Personen komme es garnicht an, cs sei nur die Frage, ob die Synagoge notwendig sei, und gerade das Bedürfnis für die Nordwest-Synagoge werde von nieniandem geleugnet. Könne eine Gemeindeverwaltung nicht ihre erste und vornehmste Pflicht, für Synagogen und Religionsunterricht zu sorgen, erfüllen, so erkläre sie damit ihren Bankerott, die Gemeinde Berlin sei jedoch so vermögend, um oieser Pflicht voll genügen zu können. — Die Herren Professor B l a s ch k e, Dr. Cohn und L o e w e n t h a l betonen 'das dringende Bedürfnis der Nordwestsynagogc. — Die Einsetzung einer Kommission wird einstimmig beschlossen. Eine sehr lebhafte Debatte brachte die Bewilligung eines Betrages zu den Kosten eines Festst o t t e s d i e n st e s nach se p h ardi schem Ritus. — Eine Anzahl Eemeindcmitglicd'cr, welche, wie es in der Vorstand'svorlage heißt, der „Sekte der Chassidim" augehören und das Jahr über ihren Gottesdienst in einer kleinen privaten Betstube abhalten, hat den Gemeindevorstand um einen Beitrag gebeten zur Veranstaltung eines Festgottesdienstes für etwa 30 Personen an den hohen Feiertagen. Die von: Vorstand zur gutachtlichen Aeußerung anfgeforderten Rabbiner Dr. Maybaum und Eschelbacher haben das Gesuch befürwortet. Insbesondere wurde vou ihnen darauf hingewiesen, daß bei der weitgehenden Mweichung des sephardischcn Ritus von dem nnserigen das Verlangen nach Einrichtung eines Sondergottesdienstes für die Anhänger jener Gebetweise als berechtigt anerkannt werden niüfse, ferner darauf, daß cs sich bei den Antragstellern zumeist um völlig unbemittelte Personen handle. Der Vorstand hat der Bitte entsprochen und 50 .K als Beihilfe gewährt, deren nachträgliche 6!eneh>nignng er nunmehr erbittet. — In einer langen Debatte können die Repräsentanten nicht zur Klärung kommen, ob die Chassidim eine Sekte im I u d e n t u ni bilden oder nicht. Die Herren Justizrat Simon. Professor Ka lisch er und Mannheimer halten sie für eine Sekte und lehnen deshalb auS prinzipiellen Gründen, um hierdurch das Scktenwesen nicht zu fördern, die Bewilligung ab. Die Herren Loewenthal, Dr. Cohn, Professor B l a sch k e und Geheimrat B l n m e n t h a l sprechen sich dagegen für die Bewilligung aus. Prof. Blaschke betont nachdrücklich) daß weder die Chassidim noch die Sephardim eine Sekte bilden: zum Sektcnwesen gehöre notwendig eine wesentliche Abweichung im Religionsgesctz. Anch Syndikus Jtistizrat L i l i e n t h a l weist darauf hin, daß es sich bei dieser Beihilfe gar nicht um Unter» stühuna einer Sekte handle, welcher der Vorstand seine Sympathie beweisen Wolke, sondern nur um einen Beitrag an bedürftige Leute, die nach sevhardischem Ritus zu beten gewöhnt seien. Große Heiterkeit erzielte er, als er darauf hinwies, daß in den Gutachten der Rabbiner unglücklicherweise das Wort Sekte vorkomme, das gar nicht darin zu stehen brauchte. — Auf Antrag Weinberg wirb die Vertagung beschkossen. Unmittelbar darauf erklärt Justizrat Lachm-ann zum allgemeinen Staunen der Versammlung. daß nunmehr der Kemeindevorstau d di e Vo rla a e zu rü ckz iehe, da er nicht den Wunsch habe, daß über diese Angelegenheit noch einmal eine lange Debatte entstehe. München. Nach den jetzt.vorlieaenden aennuen Kahlen der Volkszählung vom 1. Dezbr. 1905 zählte München an diesem Tage unter 827 740 Einwohnern 10056 Fub en — 1.94'n der Gesamt-Bevölkerung. Leipzia. Zu Gunsten der hier durchreisenden russischen Flüchtlinge fand vorige Woche im Festsaale des'zoologischen Gartens eilt gut besuchtes Wo hltätigkeitskouzert statt. <4. 8. Bretzlau, 3. Nov. Nreslau steht augenblicklich im Zeichen der Wäsferkalamität und der Wahlen zum Stadtbarlament. Wasserkalamität und Wahlen stehen im engen Zusammenhang, denn es ist nicht unwahrscheinlich, daß die klerikal-konservativ-antisemitischen Stadtväter, die sogenannte „Freie Vereinigung" (frei in keinem Sinne) die Wasserkalamität bei den Wahlen ausnützen werden. Jedenfalls haben sie es bis heute schon fertig gebracht, die künstliche Erregung der Breslauer Bürger über die schlechte Wasserversorgung von sich auf die linksstehenden Mehrheitsparteien des Stadtparlaments abzuwälzeu, obwohl kein Mensch und keine Partei beschuldigt werden kann. Und so ist es nicht ausgeschlossen, daß diesmal die linke schwache Mehrheitspartei unterliegt. Dies wäre in der Tat zu bedauern, obwohl wir den Freisinnigen nicht gar große Sympathien eutgcgenbringen. Sind es doch zum Teil dieselben liberalen Männer, die in der Repräsentanz d e r S y n a g o g e n -Gemeinde einen Antrag a n n a h in e n, wonach jeder Jude mit einem Einkommen von 900—1050 ..!(■. von jeder Steuer und damit auch von jedem Wahlrecht „befrei t" wurde, ein Mt, der von den Antragstellern als eine „soziale Tat" gepriesen wurde. Ach Gott! Welchen Verirrungen sind doch manche Leute ans dem Gebiete der sozialen Tätigkeit ansgesetzt! Und keine energische Stimme hat sich gegen diesen Antrag erhoben. Nicht einmal die „iiiodernen" Juden in unserer Residenzstadt haben sich der Mühe unterzogen, in dieser Angelegenheit etwas zu tun, z. B. alle die, denen jene „soziale Tat" gilt, über das Wesen des Beschlusses anfznklärcn, sic (die „modernen" Inden) haben es anderen überlassen. Und so schreitet man jetzt zur Ausführung des Beschlusses und versendet an alle Betroffenen einen gedruckten Brief, in dem sie von ihrer Steuer- und Wahlrechtsbefreiung in Kenntnis gesetzt werden mit dem Nachsatz, daß sie sich, falls sie auf ihrem Wahlrecht bestehen, nur zur Bezahlung der Steuer zu melden brauchen. Mer wer wird dies tun? Wer, wie Schreiber dieser Zeilen, häufig Gelegenheit hat, in den Kreisen der Handlungsgehilfen und der „kleineren Leute" (das sind die Betroffenen) heruiiizukvminen, der weiß, wie wenige der Nachschrift Folge leisten werden, der weiß aber auch, daß es gar nicht schwer fallen kann, diese Leute anderen Sinnes zu machen. — Doch keine Hand erhebt sich hier, kein Finger rührt sich, alles schläft den tiefsten Schlaf der Indifferenz. So wenig politisch geschult und so hinfällig sind die Breslauer Juden, moderne und orthodoxe, daß sie nach einem vergeblichen ganz kleinen Anlauf dem liberalen (?) Gegner das Feld zu weitere» „sozielcn Taten" überlassen. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, die Schlafenden aus ihrem Dusel aufzurüttelu: noch ist es Zeit, noch ist nicht alles verloren. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der Plenarversammlung der „O e st e r r. - I s r a c l i t. - U u i o n" wohnten u. a. Reichsratsabgcordncter Dr. Straucher, Wolf Stand- Lemberg und die Kultusräte kaiserl. Rat Leopold Sachs, kaiserl. Rat Wilhelm Pollak, Eltbogen und S. Landau bei. — Sekretär Fleischer erstattete Bericht über die„TätigkeitdesRechtsschuhb u r e a u s", und dann referierte Dr. Alexander Mintz über „Die gegenwärtige politische Lage d e s I u d e n t u m s". Redner ist dort, wo sie geboten ist, für eine nationaljüdische Politik und sieht die Lösung der Judenfrage im Osten in dem Zairgwill'schen Territorialismus, da er alle Schichten der Jndenheit zur praktischen Arbeit zu vereinigen vermöge und Aussicht auf Erfolg habe. — Jüdische Kinderhort e. Unter Patronanz des „Humanitätsvereincs Eintracht, D'nai B'rith" ist vergangenes Frühjahr ein „Verein zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder" begründet worden. Der Verein errichtet Horte, die jene Schulkinder anfnehmen, welche sonst, tagsüber auf die Straße, angewiesen, in der Erziehung vernachlässigt und herabgckommcn durch mangelhafte Nahrung, zu Schädlingen der Gesellschaft ansrcisen würden. In der schulfreien Zeit sollen nun diese Kinder in den Horten beaufsichtigt und zweckmäßig beschäftigt werden. — In den letzten Wochen sind die ersten drei Horte errichtet worden. Wien. Eine Interpellation über eine Rab 8 i n e r v r e d i g t. Im Einlauf zur gestrigen Sitzrmg des Abgeordnetenhauses befand sich auch eine Interpellation des Mg. B'r e i t e r und Ken. an den Minister für Kultus und Unterricht betreffend eine von dem Wiener Gemeinderabbiner Dr. David gegen die galizischeu Juden gehaltene Predigt. Der Rabbiner bat darin unter Hinweis auf den Prozeß Nnchem Schapira die Wiener jüdischen Kaufleute anfgefordcrt, alle Handelsbeziehungen zu den galizischen Juden abzubrechen. Die Interpellanten fragen, ob der Minister geneigt sei. die israelitische Knltnsgeineinde in Wien "auf das Ungehörige des geschilderten Vorganges aiifmerkstim zu machen und den Gemeinderabbiner zur Verantwortung zu ziehen. Budapest. Das Abgeordnetenhaus wird sich demnächst mit einer interessanten Frage zu beschäftigen haben. Es handelt sich um die Entsendung eines offiziellen Vertreters der israe-

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