Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 43 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 Seite 2. Mit welchem Rechte fallen wir über die russischen Reaktionäre her, weil sie die Juden zu vernichten suchen? Es ist ein Kulturkampf, der in jenes Stadium eingetretcn ist, in welchem inan schwere Waffen zu gebrauchen gezwungen ist, was keineswegs aus Vergnügen geschieht. Auch die Reaktionäre gebrauchen die Pogrome nur als ein notwendiges Ucbel. Sie streiten um ihre Sclbstcrhaltung. (Schluß folgt.) Brief aus England. Die Fremden frage steht hier wieder aus der Tagesordnung. Rach monatelangem Stillschweigen. Dieses edle Roß angelsächsischer Wstammung und reaktionärer Zucht, ist ein gar bissiges Tie: und wäre recht gefährlich gewesen, hätte cs nicht die Schwäche, vor der Presse, die hierzulande besonders mächtig und daher gefürchtet ist, eine nicht zu überwältigende Angst zu haben. Schon in den ersten Wochen seiner Existenz bewies das Fremdengesetz, was es zu leisten imstande und daß es ein recht edles Werk humaner gesetzgeberischer Meister von der Sorte eines Arnold White und Sir Evans Eordon war. Im freien, konstitutionellen England wurde ein dem Ministerium des Innern untergeordnetes Institut nach russisch - kosakischer Weise geführt, Verhandlungen mit Ausschluß der Oeffentlichkcit und ohne daß die armen Opfer sich ordentlich verteidigen konnten; und im Lause von ein paar Wochen wurde beinahe 200 Immigranten der Eintritt ins gelobte Land verboten, obwohl cs bei vielen seststand, daß sic politische Flüchtlinge waren, oder daß ihre Zulassung sonst nicht beanstandet tverdcn konnte. Da erklärte dem Frcmdengesetze ein Teil der liberalen Presse den Kampf. Nach einem kurzen und erbitterten Ringen siegte die Presse. Mer wie alle körperlich Schwachen von der fürsorglichen Mutter Natur, der Erhaltung der Arten wegen mit einem Ubbermaß an Schlauheit und Schmiegsamkeit "versehen werde», verstand cs auch die Alienbill, geschickt den glänzenden Sieg ihrer Gegner zu vereiteln. Die erste Zeit verhielt sie sich auch ruhig und „besserte sich", sie handelte konstitutionell, ward „stiller als das Wasser und niedriger als das Gras", und niemand konnte ihr was anhabcn. Tadellose Haltung, Gentlemanlike! Die Presse fand bald andere Gegenstände, die ihre wohlwollende oder mißbilligende Aufmerksamkeit verdienten, und vergaß über diesen das Frenidengesetz. Da krochen die Natten wieder aus ihren Löchern hervor und begannen wiederum, ihre scharfen Zähnchen in Bewegung zu setzen. Die Alienbill war wiederum tätig. Zwar nicht mehr so „segensreich" wie in ihren Flitterwochen, aber noch immer recht gefährlich und gegen die vom Minister des Innern, Mr. Gladston, eiugeführten Reformen und Erleichterungen. Wiederum wurden Leute, die Rußland verlassen mußten, weil ihr Leben dort bedroht loar, ohne iveitcres zurückgeschickt, wiederum Leute, die bombenfest waren, als Kranke, die an einer ansteckenden Krankheit leiden, erklärt, wiederum Trausmigrantcn und Leuten, die im Besitze von 5 Pfund Sterling und mehr waren, der Eintritt aus purer Laune verboten, kurz, alle die Stückchen, die allwöchentlich ganze Spalten der hiesigen jüdischen Presse auszufüllen pflegten. Diese „Unregelmäßigkeiten" häuften sich aber dermaßen, daß sie wieder die zornige Aufmerksamkeit der Presse auf sich lenken mußten. Schon vernimmt man das dumpfe Donnerrollen des papicrncn Zeus. Alle Zeichen sprechen dafür, daß das Gewitter in der allernächsten Zeit Ivieder ausbrechen iverdc. Wenn wir überzeugt sind, Laß auch im neuen Kampfe das Licht, die gute Sache, siegen ivird, so Ivollcn wir auch hoffen, das; man auch die Mittel und Wege finden werde, um diesen Sieg dauernd und feststehend zu inachen. Ich habe schon in einem meiner Briefe zur Zeit der Aliendebatten im Parlament die Aufmerksamkeit der Leser dieses Blattes aus die miserable Haltung „unsrer" Parlamentsmitglieder geleitet, die im besten Falle die großen Schweiger spielten, als ob sie die Sache nicht im geringsten anginge. Bin ich auch nicht in der glücklichen Lage, berichten zu können, daß eine Aenderung zum besseren in der Haltung dieser Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Parlamentsjunker ihren verfolgten Brüdern gegenüber eingetretcn sei so kann ich doch nicht umhin, zu bemerken, das; die offiziellen leitenden Persönlichkeiten der hiesigen Judcuheit eine bessere Auffassung von Liberalismus und jüdischer Brüderlichkeit besitzen. Es Muß rühmend konstatiert werden, daß sie den Ernst der Situation richtig und voll begriffen haben und bei keiner wohl oder schlecht angebrachten Gelegenheit es unterlassen, eine laute Stimme des Protestes gegendie Mißbräuche der Jmmigrationsverwaltung zu erheben, wie überhaupt die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf die Inkonsequenz und die Verziveifelte Unbeholfenhcit dieser Institution zu lenken, die dem Staate so viele Sovereigns kostet. Ganz besonders hat sich um dieses edle Werk das Board of Deputies verdient gemacht. Der jüngste Schritt dieser Körperschaft, die die jüdischen Gemeinden Englands offiziell vertritt, ist ein abermaliges Schreiben an den Minister des Innern, in dein die Fehler und Unvollkommenheiten der Handhabung des Fremdengesetzes ausciuandergclcgt und gcivisse Forderungen — sagen wir lieber, Resormcn — vorgeschlagcu werden. Das Schreiben enthält 5 Punkte. Im ersten Punkt wird bewiesen, daß cs den Appcllationsbcschlüs. sen und dem Reglement der Funktionen der Immigration officers überhaupt an Einheitlichkeit und Stabilität gebricht. Was in einem Hafen genügt, um zugelassen zu werden, ist für einen anderen nicht maßgebend. Auch variieren nicht nur die Beschlüsse eines AppellationshofeS vom anderen, sondern sogar die einer Sitzung von der anderen im gleichen Orte. Zugleich wird geklagt, daß von beiden Instanzen der Immigration offnes die Reformen Mr. Gladstones durchaus tiidjt berücksichtigt werden. Die Schreiber des Briefes bitten, das; der Besitz von 5 Pfund Sterling ohne weiteres genügen solle, um zugelasscn zu werden, daß eine Einheitlichkeit in der Handhabung der Alienbill überall herrschen und man sich strikt an den Reformen Les Ministers halten solle und daß ein Stipendiary Magistrate jeder Sitzung beiwohne, damit er auspasse, damit keine Willkürlichkeiten mehr Vorkommen. Punkt 2 macht auf den traurigen Umstand aufmerksam, daß Immigranten, die auf eine Entscheidung des Appellationshoses warteten, ohne weiteres zurttckgeschickt wurden, weil die Sitzung aus irgend einem Grund vertagt werden und das Schiss, das sie hierher brachte und im Falle der Mweisung ihres Gesuches sie zurückführen sollte, vor der nächsten Sitzung abdampfen mußte. Das Board of Deputies verlangt daher, daß die Schiffahrtsgesellschaften gezwungen werden, ein Heim zu bauen, >vo diese Unglücklichen untergebracht iverdeu, bis ihr Urteil gefällt wird. In Punkt 3 wird über den Umstand geklagt, daß die Auskünfte über die Immigranten, deren Zulassung in Frage steht, durch den Ucbcrsetzer gesammelt werden, der, da er ein dem Immigration officer unterlvorfener Beamter ist, natürlich eher als Kläger denn als Verteidiger des Einwanderers auftritt. Ein anderes Uebel, ivelchcs die Sammlung von Auskünften erschwert, ist, daß das JNnnigrationsbureau hier keine telephonischen Verbindungen besitzt. Das Schreiben wünscht, daß dem Immigranten gestattet werde, eine geeignete Person zu Hilfe zu nehmen, die seine Sache Vorträge, ohne vom Uebersetzer abhängig zu sein, daß das Bureau in Blackwall sich einen Fernsprecher auschaffe und daß es die Dienste des hiesigen Jeivish Board of Guardians annehme, welches einen Beamtenstab besitzt, der das Eastcnd gut kennt, und das sich bereit erklärt hat, dem Jnnnigration osficc täglich, mit Ausnahme von Samstag, mit zuverlässiger Auskunft unentgeltlich zu dienen. Punkt 4 verlangt, daß das Immigration office tüchtigere und besser besoldete Uebersetzer anstelle, die die Aussagen der JNimigranten genau angäbcn, ohne sie aus Unkenntnis oder aus anderen Gründen zu entstellen, wie es bisher der Fall gewesen war. Jin letzten Punkt wird ersucht, daß das „benefit of the doubt" von nun an strikter befolgt werde, und in Fällen, wo cs nicht festgestellt werden kann, ob der betreffende Immigrant ein politischer Flüchtling sei, wie er behauptet, die Sache zu Gunsten des Immigranten, nach Mr. Gladstones Reform, entschieden werde, und nicht Mehr Leute zurnckgewiesen werden, die nach Rußland nicht mehr zurückkehren dürfen, wie cs der Fall war bei einigen Personen, deren Namen im Sendschreiben aufgezählt werden. Es ist zu hoffen, daß die Bemerkungen einer so angesehenen jüdischen Körperschaft, wie das Board of Deputies ist, in dem de facto liberalen und freien England nicht ohne Wirkung bleiben werden. Dr. I. M. Salkind. Pretzstimmen. lieber die p o l i t i s ch e S i t u a t i o n d e r r u f - s ischc u Jude n schreibt die „F r a n k f. Z t g.": „Während die russischen Offiziösen immer ivieder andeuten, daß die vor zwei Jahrzehnten in Rußland cingesührten harten Maßregeln gegen die Juden aufgehoben werden sollen, geht die russische Polizei in verschiedenen Städten mit gewohnter Schärfe gegen jüdische Einwohner vor. Es zeigt sich auch hierin die Zweideutigkeit, welche sich seit der Einberufung der Rcichsduma in der Politik der Negierung gegenüber der Judensrage bemerkbar gemacht hat. Wiederholt ist in dieser Beziehung von Reformen, über welche der Ministerrat beraten habe, die Rede geivcsen, allein geschehen ist nichts Und man hat sich immer ivieder hinter der Ausrede verschanzt, daß die Regelung der Verhältnisse der Juden in Rußland Sache der Reichsduma sei. In Wirklichkeit herrscht in russischen Negierungskreisen eine gegen die Gleichstellung der Juden mit den übrigen Staatsbürgern feindlich c Stimmung, die leicht zu neuen Gew altt ä t i g k e i t e n führen kann. Hat doch erst dieser Tage die häufig aus Regierungskreisen inspirierte „Noivoje Wrcmja" einen „Polen und Juden" überschriebcnen Artikel gebracht, in dem offen gegen die Juden gehetzt ivird." Mit dieser Auffassung steht ein Telegramm, das die „8i u s s. K o r r e s p o n d e n z" aus Petersburg erhalten hat, im Einklang. Das Telegramm lautet: „Von vertrauenswerter Seite verlautet, daß der Zar auf den Vortrag Kokowzew's betreffend die Judenfrage und die Vorlage des inzwischen bekannt geivordcneu Gesetzentwurfes über diese Materie die folgende Aeußernng tat: „D i e B e h a n d l u n g d e r Judensrage sei noch nicht zeitgemäß; m an müsse damit noch warten". Auf diese Aeußernng hin scheint jede Aktion in Bezug auf diese Frage ins Stocken geraten zu sein." * * * i Der Eintritt Oscar Strauß' in das Kabinett der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika ist von der jüdischen Presse mit Freude begrüßt worden, denn Oscar Strauß gilt als eine sehr sympathische Persönlichkeit und hat des östcru ein lebhaftes Interesse für die Angelegenheiten der jüdischen Gesamtheit betätigt. Nur „Die Welt" behandelt seine Bedeutung für uns Juden reserviert; sie schreibt: „Seien wir doch nicht wie die Kinder, die von Tag zu Tag, ohne Gedächtnis und Erfahrung leben. Die Juden, richtiger die Bekenner des jüdischen Glaubens — seien mir doch ehrlich und täuschen wir uns doch nicht über diesen Unterschied hinweg —, die hohe Stellungen einnehmen, machen uns viel Ehre. Es ist eine alte Erscheinung. Die Fonlds ünd Godfrohs, die Rayuals, die Luigi Luzattis und Oltolenghis und Wollembergs ivaren Minister. Adolf Cremieux war einer der Ersten in seinem Lande und nährte in seiner tiefen Seele eine glühende Liebe für das Judentum, in seiner damaligen verwegensten Organisation der Welt-Allianz, die er erschaffen hat. Wo sind sie und wo ist ihre Nachkommenschaft? Auch sie waren gut und sie würden mit verfolgten Glaubensbrüdern mitleidcn und Mitwirken. Und sic haben mitgelitten und mitgeivirkt mit. all den Hilfsmitteln. Im Shelter, in der Emigration, in den Pogroms kann man eben nicht mehr tun. Der nationale Gedanke ist nicht ein Zurückgehen zu den Goluth-Formen und nicht ein Hernmoperieren an den Erscheinungen, sondern eine grundlegende Anschauung. Juden als Staatsmänner gab es viele, aber cs gab nur einen Judenstaatsmann. Juden, die in schweren Zeiten ihren Glaubensbrüdern helfen möchten, gibt es viele, aber das jüdische Volk offen und unumwunden als eigenes Volk anerkennen und seine historische'Tradition zu betätigen, dazu genügt nicht, den Blick auf vorübergehende Zufälle zu rich-